Boxen: Die Propaganda-Show des russischen Ritters


Der „Machtkampf in Moskau“ ist entschieden: Wladimir Klitschko erteilte Alexander Povetkin eine Lehrstunde. Das macht Klitschko noch sympathischer, denn er besiegte einen Boxer, der eine nationalistische Show abzog – unter dem Jubel des Publikums.

Von  Johann Wilsche

Der Kampf am Samstag ist wie erwartet verlaufen: Alexander Povetkin hatte keine Chance gegen seinen Gegner Wladimir Klitschko. Dieser dominierte ihn in allen zwölf Runden; zwang seinem Gegenüber wie gewohnt seine Art zu kämpfen aus. Man hätte Povetkins Ecke gerne geraten, die Vaseline auch auf dem Hinterkopf aufzutragen, um das Herunterdrücken des Kopfes im Infight durch Wladimir zu erschweren.

So weit war es nichts Neues, nichts Unerwartetes. Es dauerte nur länger. Alexander Povetkin bewies immerhin Standvermögen, selbst nach drei Niederschlägen in einer Runde, schaffte er es über die volle Zeit zu gehen.

Alexander Poventkin
Alexander Poventkin

Wladimir war mir aber sympathischer denn je. Ich bin kein Fan seines Stils. Kein Fan des Erfolges. Boxen war und ist immer ein Sport der Außenseiter – was Wladimir und sein Bruder Vitali definitiv nicht sind.

Die Klitschkos sind Millionenschwer, engagieren sich für sozial benachteiligte Kinder auf mehreren Kontinenten und wurden deswegen von der Unesco ausgezeichnet, als „Heroes for Kids“. Politisch ist Wladimir nicht so engagiert wie sein Bruder, der als Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Kiew antrat. Er ist jedoch wie sein Bruder aktiv gewesen in der als Demokratiebewegung bezeichneten „Orangenen Revolution“.

Während er zu dem Song „Can`t stop it“ der Red Hot Chilli Peppers in den Ring stieg, stand in der gegenüberliegenden Ecke Alexander Povetkin. Ein Mann, der sich als Nationalist und russischen Ritter (Russkij Vitjaz’) bezeichnet. Das Kvadrat Svaroga prangt auf der Innenseite seines linken Oberarmes. Povetkin marschierte zu den Klängen einer in Ritterrüstungen verkleideten Band ein. Er präsentierte mit zur Siegerpose erhobenen Armen ein Symbol, welches der nationalsozialistische Slawische Bund bis zu seinem Verbot 2011 ebenfalls nutzte.

Der Kommentator bei RTL wurde unterstützt von Lennox Lewis und George Foreman. Sie ahnten wohl beide nicht, dass sie Zeugen wurden einer nationalistischen Inszenierung. Zu ihren aktiven Zeit war das Schwergewicht noch durch Antirassisten wie Ali dominiert. Doch niemand reagierte ablehnend auf singende Schwertträger beim „Machtkampf in Moskau“.

Povetkins Show - weltweit übertragen (Screenshot RTL)
Povetkins Show – weltweit übertragen (Screenshot RTL)

Der nationalistische und paganistische Neofolk Barde Nikolaj Ermilin sang unter dem Jubel vieler ZuschauerInnen in der Moskauer Olympiahalle vom tausendjährigen Reich. Nicht vom Deutschen, sondern vom Russischen. Dazu betrat Alexander Povetkin den Ring, gekleidet in einem T-Shirt mit weiteren Kvadrat Svaroga Mustern und einem Helm, welcher dem Logo der Neonazi Marke „White Rex“ ähnelt.

Die Nazi-Marke White Rex
Die Nazi-Marke White Rex

„White Rex“ ist eine der neuen Marken im Kampfsport. Sie wurde in Moskau gegründet und wirbt um KäuferInnen in der Neonaziszene. Mit dem Slogan „Violent Athletics“ oder ihrer MMA Turnierserie, die sie „Geburt einer Nation“ nennen, sorgten sie bei Rechtsrockkonzerten für Aufmerksamkeit. Deutsche Nazibands wie „Moshpit“ traten auf ihren Veranstaltungen auf. Auch deutsche Neonazis nahmen an ihren Turnieren teil. Eines davon fand in der von italienischen Faschisten besetzten U-Bahn Station Area 19 statt. Die Besetzer gehören zur neofaschistischen Casa Pound Bewegung in Rom.

Dass Neonazis die Nähe zum Kampfsport suchen, ist nicht neu. Wer das Leben als Kampf definiert und die Vernichtung Schwächerer nicht als Unrecht, sondern als natürlich betrachtet, sieht auch in einem Athleten einen Krieger. So finden sich bei den Motiven von „White Rex“ neben Anspielungen auf die White Power Bewegung und Verherrlichung von Gewalt, auch viele Ritter mit Schwertern und Äxten – Doppeläxte, wie sie auch Alexander Povetkin als Kette um seinen Hals trägt.

Neu in der Nachkriegsgeschichte wäre somit, dass erstmals ein Weltmeisterkampf nicht von Zuschauern genutzt wird, um den Kampfsport als Bühne zur Werbung für eine rassistische und nationalsozialistische Bekleidungsmarke und die damit verbundene Ideologie zu nutzen, sondern durch einen Athleten solche Symbole in den Ring getragen werden.

Nach den Debatten um Homophobie im Sport, homophober Gesetze und Gewalt in Russland, scheint dies ein weiteres schlechtes Vorzeichen für die olympischen Spiele zu sein.

15 thoughts on “Boxen: Die Propaganda-Show des russischen Ritters

  1. Man darf aber nicht ignorieren, dass Nation eine Tatsache ist, die natürlich auch Marx bestätigt. Menschen identifizieren sich über Kultur, insbesondere ihre Muttersprache, zu einer Nation. Nur weil einige Leute Nation als etwas schlechtes ansehen, kann man nicht so tun, als ob es Nationen nicht gibt. Hier liegt ja auch das Problem der EU. Die meisten Menschen der EU bekennen sich zu ihrer Nation. Mein bessere Hälfte stammt aus einem Land der EU und ist natürlich erst Bürger seines Landes und dann erst Europäer. Entweder man schafft eine Europa der Vaterländer (Nationen) oder eine europäische Nation (wie USA). Man muss die Realität akzeptieren – Nationen existieren und man kann sie nicht abschaffen.

    Entscheidend ist, dass jede Nation gleichberechtigt (Neutralität) neben einer anderen lebt und keine sich über die andere stellt. Das beste Beispiel ist die Schweiz, in der mehrere Nationen seit 800 friedlich zusammenleben und seit Jahrhunderten keinen Krieg kennen.

  2. Ich finde Wladimir Klitschko überhaupt nicht sympathisch.
    Warum ?
    Weil er im Gegensatz zur Mehrheit der Urkrainer unbedingt will, dass die Ukraine NATO-Mitglied wird.
    Alles im Einklangmit erzkonservativen Politikern in der USA.
    Wer wollte das damals noch unbedingt durchboxen ?
    G.W.Bush und Abgelika Merkel !

    Stimmt, Alexander Povetkin schwimmt mit auf einer nationalistischen Welle in Russland. Eine Welle, die wir mit erschaffen haben.
    Alle Staaten Osteuropas – entgegen allen vorherigen Zusagen – in die NATO, Stützpunkte in den ehemaligen Unionsrepubliken der Sowjetunion
    usw.

    Welche Reaktion wird da erwartet ?
    “ Lieb von euch dass ihr uns ausschließt “ ??

    Das System-Putin und dieser Nationalismus gehen also auch auf unser
    und auch auf Klitschkos Konto !

  3. Alexander Povetkin hat auch vor dem kampf gesagt: ich finde es wichtig nicht nur seine familie beschützen zu können sondern vor allem auch sein vaterland…

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