„Nichts ist mehr so, wie es einmal war“

Immer mehr Namen von kritischen Journalisten geraten nun an die Öffentlichkeit, die vom Verfassungsschutz in Niedersachsen beobachtet werden. Auch der Fachjournalist André Aden gehört dazu. „Man ist verunsichert und weiß nicht, wer in das Leben eingegriffen hat. Man weiß nicht, wer, was, wann beobachtet“, sagt der Journalist nachdem er über seine Beobachtung informiert wurde.

von Stefan Schölermann, mit freundlicher Genehmigung von NDR Info

André Aden, Journalist aus Niedersachsen, berichtet seit Jahren über das Thema Rechtsextremismus. © NDR Info Fotograf: Stefan Schölermann
André Aden, Journalist aus Niedersachsen, berichtet seit Jahren über das Thema Rechtsextremismus. © NDR Info Fotograf: Stefan Schölermann

„Du fühlst Dich, als ob in deine Wohnung eingebrochen wurde!“ André Aden ist der Schreck immer noch anzumerken. Wenige Tage zuvor hat er erfahren, dass er offenkundig seit Jahren im Visier von Niedersachsens Verfassungsschutz steht. Seitdem ist nichts mehr so, wie es einmal war: „Man ist verunsichert und weiß nicht, wer in das Leben eingegriffen hat. Man weiß nicht, wer, was, wann beobachtet“, sagt der 33-Jährige aus dem Heidekreis. „Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Und das heißt nicht, dass es besser ist.“

Also er von der Nachricht erfuhr, habe er zunächst einmal sein Haus abgesucht. Seine bange Frage: „Gibt es Wanzen, sind das Telefon, der Computer manipuliert?“

Berichte über rechtsextreme Strukturen

Das Interesse des niedersächsischen Nachrichtendienstes an Aden mag nicht von ungefähr kommen: Der gelernte Steinsetzer hat umgesattelt. Seit Jahren gilt er bundesweit als einer der führenden Experten, wenn es um rechtsextreme Strukturen geht. Er hat eng mit der renommierten Neonazi-Expertin Andrea Röpke zusammengearbeitet, die ebenfalls im Visier des niedersächsischen Verfassungsschutzes stand. Er hat ein Netzwerk von Kollegen aufgebaut, die systematisch die Aktivitäten von Rechtsextremisten dokumentieren. Das Archiv von „Recherche Nord“ – so heißt das Netzwerk – umfasst rund eine Million Fotos von Neonazis: „Wir waren die Fotografen, die sich eingegraben haben, als es darum ging, Fotos von der  Hitler-Jugend-Nachfolgeorganisation HDJ zu schießen,“ sagt er. Die Organisation wurde 2009 verboten.

„Ich kann niemandem mehr vertrauen“

Die Nachricht, dass er vom  Verfassungsschutz beobachtet wird, habe ihn in schwere Konflikte gestürzt, sagt Aden: „Ich bin erschreckt, dass ich angefangen habe, Freunde und Bekannte latent zu verdächtigen. Das ist eigentlich das  Schlimmste, dass ich niemandem mehr vertrauen kann.“

Bis heute weiß Aden nicht, was der Nachrichtendienst konkret über ihn zusammengetragen hat, wie weit die Beobachtung gegangen ist. Und das verunsichert ihn um so mehr. „Dieser Verlust an Sicherheit ist das Allerschlimmste. Dass ich in mein Haus gehe und denke: Verdammt, irgendjemand hört mir jetzt zu, wie ich mit meiner Freundin, meiner Mutter spreche. Und das wird aufgezeichnet. Und ich ertappe mich dabei, dass ich Gespräche abbreche, weil ich denke, das keiner wissen soll, dass ich vielleicht diese oder jene Emotion habe.“

Gefragter Interviewpartner

André Aden hat ein Netzwerk aufgebaut, das systematisch rechtsextreme Aktivitäten dokumentiert. © Recherche Nord Fotograf: Recherche Nord
André Aden hat ein Netzwerk aufgebaut, das systematisch rechtsextreme Aktivitäten dokumentiert. © Recherche Nord Fotograf: Recherche Nord

Adens Informationen sind gefragt über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus. Er lieferte belastbare Dossiers an deutsche Wochenmagazine, Tageszeitungen und elektronische Medien, war an Buchveröffentlichungen beteiligt, ist gefragter Interviewpartner in internationalen Blättern wie der renommierten spanischen Tageszeitung „El Pais“. Seine Detailkenntnis ist auch bei offiziellen Stellen bekannt. Aus einer Verfassungsschutzbehörde in Norddeutschland bekam er den Satz zu hören. „Herr Aden, wenn Sie es nicht wissen, dann wissen wir es auch nicht.“

Jahrelang hat Aden sich auf Furcht vor Attacken der Neonazis versteckt, hat nach eigenen Angaben alle drei bis vier Jahre den Wohnsitz gewechselt, um den Radarschirm der Rechten zu unterlaufen, wie er es nennt. Nun fühlt er sich an den Pranger gestellt. „Die erste Reaktion meiner Freundin war: Wir verlassen dieses Haus. Unser Leben ist ins Trudeln geraten.“

„Ich berichte über kritische Themen, mehr nicht“

Warum er ins Visier des niedersächsischen Nachrichtendienstes geraten ist, ist ihm unerklärlich. Vor mehr als zehn Jahren habe er sich bei der Antifa gegen Rechtsextremisten engagiert, aber das sei sehr lange her, sagt er. Es sei für ihn nicht der richtige Weg gewesen. „Ich arbeite heute als Journalist präventiv gegen die Strukturen, die unsere Grundordnung, die wir gemeinsam haben, abschaffen wollen.“ Mehr Bekenntnis zum Grundgesetz geht kaum. Umso unverständlicher ist es ihm, dass der Nachrichtendienst Dateien über ihn angelegt hat: „Ich trete nicht in der Öffentlichkeit auf und rufe zur Abschaffung der freiheitlich demokratischen Grundordnung auf. Ich berichte als Journalist über kritische Themen, aber das war es auch schon.“

Beruf des Journalisten schützt offenbar nicht vor Beobachtung

Niedersachsens Verfassungsschutz hat mehrfach betont, dass der Beruf des Journalisten generell nicht davor schütze, in die Dateien des Nachrichtendienstes zu geraten, wenn es entsprechende Hinweise auf eine extremistische Betätigung gebe. Zu konkreten Einzelfällen könne sich die Behörde aber nicht äußern. Der NDR hat deshalb im „Fall André Aden“ auf eine konkrete Nachfrage verzichtet.

Möglicherweise ist das „Beobachtungsproblem“ zukünftig für Aden erledigt: Im Verfassungsschutzausschuss in Hannover wurden hinter verschlossenen Türen nach Informationen von NDR Info am vergangenen Freitag nur solche Fälle erörtert, die aus Sicht der neuen Behördenleitung als rechtlich zumindest zweifelhaft gelten. Dazu gehört offenkundig auch der „Fall André Aden“.

Siehe auch:Verfassungsschutz bespitzelt Göttinger Anwalt, Verfassungsschutz in Niedersachen spionierte Journalisten aus, Journalist wegen Ausübung seines Berufs im Visier des Verfassungsschutz

10 thoughts on “„Nichts ist mehr so, wie es einmal war“

  1. Der Herr Aden schreibt gegen ,,rechts“, also ist er selbst Teil der sog. ,,Antifa“ und damit legitimes Beobachtungsobjekt. Als ob man sich das nicht denken könnte. Dieses gespielte Rumheulen ,,Oh Gott der Verfschutz interessiert sich für mein Wissen“ ist so peinlich und durchsichtig. Natürlich interessiert es den Verfschutz was Antifa-Leute an Informationen rausfinden, ihr nehmt denen doch oft die Arbeit ab!

    Und mal weiterdenken in die nächste Empörung: Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Berufszweig der für die Geheimdienste als Quellbrunnen so wichtig ist wie die ,,Journalisten“, weil eben genau die oft an Informationen rankommen die die Dienste auf anderem Wege nur sehr schwer beschaffen können.

    Mind. 30% aller deutschen Journalisten liefern regelmäßig an die Geheimdienste oder stehn gleich komplett auf deren Gehaltsliste. Auch die bekannten Namen.

  2. …der Gensing kann schon mal gedanklich den Heulartikel über sich selbst abfassen, der wird nämlich auch bespitzelt.

  3. Ich sehe es ähnlich wie Mahler.

    Zum Einen haben Journalisten oft gute Kontakte direkt an der Quelle, die nie mit Polizei oder Staatsschutz zusammenarbeiten würden.

    Da will der Staatsschutz auch gerne ran. Man hoppt so durch Wanzen und Beschattung immer mehr an die Quelle heran.

    Andererseits wurde hier an gleicher Stelle der NSA Skandal verhamlost.

    Das ist jetzt witzig, wenn es einen selbst oder einen Sympathisanten trifft dann ist es auf einmal doch schlimm…lol

    Und der deutsche Geheimdienst ist immer noch harmlos im Gegensatz zu anderen Diensten.

    Reine Informationsbeschaffung.

  4. @ Mahler:

    Du glaubst wirklich, staatliche Repressionen würden sich auf nationalistische BEstrebungen konzentrieren? Die Extremismusdoktrin erzählt da aber etwas ganz anderes. Dabei geht es ja sschließlich nicht darum, Rechten die Verfehlungen von Linken anzulasten, auch wenn man sich an eure hirnverbrannten Verweise hin zu imaginierter Gewalt von links bei jeder sich bietenden Gelegenheit ja mittlerweile gewöhnt hat, während rassistische Volldeppen überall im Lande amok laufen dürfen, ohne das dies auch so benannt wird. Umgekehrt wird da schon eher ein Schuh draus.
    Auch wenn du das sicherlich anders siehst: Rechte sind nicht deswegen eine Gefahr für die Demokratie, weil ihre Argumentation unschlagbar ist. Sie sind deswegen eine tatsächliche Gefahr, weil es immer noch zuviele Idioten ohne politische Bildung gibt. Und die wiederum wurden und werden in der politisch ökonomischen Hegemonie immer schon benötigt, um die Ökonomie am Laufen zu halten. Ihr Rechten seid die Speichellecker und Scheißefresser des Kapitals, das war immer so und wird sich niemals ändern. All Eure Argumentation beruht nur darauf, den Buhmann jenseits des eigentlichen Problems zu suchen. Ihr brabbelt von Antikapitalismus, argumentiert aber grundkapitalistisch zu jedem Streitpunkt bei jeder sich bietenden GElegenheit. Der Ausländer hat sich so zu verhalten, der Ausländer hat seine Arbeitskraft nicht unter Wert zu verscherbeln etc. bummbumm. Und was macht ihr denn schon groß anderes? Nicht mal von der Wand bis zur Tapete denkt ihr, und vereinzelte Spinner geben sich dann auch noch Pseudonyme, die sich anlehnen an einen völlig armseligen und geistig vertrottelten Idioten, der zum rechten Lager gewchselt ist, weil er mal irgendwann von irgendwelchen Idioten verarscht wurde, die sich selbst als „links“ gesehen haben und die er jetzt nicht mehr mag. Alter…
    Aber mach du mal ruhig weiter. Denk dran: das Kapital braucht Sklaven im Geiste. Dem Echsengehirn ganz hinten, da wo die Wirbelsäule anfängt, kann man alles erzählen, oder?

  5. Was soll die verschleiernde Bezeichnung „kritische Journalisten“? Soll das eine Abgrenzung zu den restlichen Journalisten sein, die dieser Logik nach „unkritisch“ sein müssten? Wohl eher nicht. Es handelt sich doch um eine Chiffre für „linke Journalisten“. Warum bezeichnet ihr sie nicht als solche? Liegt wohl daran, dass unter dieser Voraussetzung der Sachverhalt viel weniger empörend klingt und der Beitrag dann seine Wirkung nicht entfaltet. Schließlich müsste dann jeder davon ausgehen, dass sich die betroffenen Journalisten als „schreibender Arm“ einer politischen Strömung begreifen, aus deren Reihen regelmäßig unter anderem Sachbeschädigungen, Körperverletzungen, Angriffe auf Polizeibeamte und Einschüchterungsversuche hervorgehen – und die sich von diesen Straftätern nicht mal in Ansätzen distanziert.

  6. jeder kann und muß inzwischen leider davon ausgehen, daß Bespitzelung, Hackerei, Unterwanderung seitens/gegen staatliche/r und ander/r Organisationen, Bündnissen längst an der Tagesordnung sind und daß im Zweifelsfall der Machtinteressen Menschenrechte, Menschenwürde, grundgesetzlich verbrieftes Privates und garantierter Persönlichkeitsschutz wenig bis garnichts zählen – ja, Würde ist zum Konjunktiv degeneriert – aber dennoch und achtsam und wach : Meinung durchhalten, Gesicht zeigen und Würde wahren, das machen uns die Menschenrechtsengagierten in vielen Diktaturen vor in viel schlimmeren Verhältnissen und wenn sich hier mahl wieder m. hervortut, darf das nicht bange machen, sonst erreicht der terror billig seine Effekte

  7. @Bürgerlich: Zum Nachdenken: als “linksorientierte Presse” werden von der Berliner Polizei zuweil auch Medien wie RBB, ARD und RTL bezeichnet.

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