Berlin-Hellersdorf: Skaten gegen den Alltagsrassismus

„Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland“ lautete eine viel zitierte Parole in den Neunzigern, die auch der Titel eines gerne gehörten Songs der Band Terrorgruppe war. Getreu diesem Motto hatten Philipp Reiman und die Crew des Pinkhausberlin Skateshops die Idee, der rassistischen Stimmung gegen Flüchtlinge in Berlin-Hellersdorf auf ihre Art zu begegnen: Mit einem Skate-Inn direkt beim Flüchtlingsheim, zusammen mit den Bewohner_Innen und vor allem auch deren Kindern, die sonst aus Angst offenbar nicht aus dem Haus gehen können.

Von Andrej Reisin

Praktische Hilfe kann so einfach sein (Foto: Fabienne Karmann, Pinkhaus Skateshop, https://www.facebook.com/pinkhaus.skateshop)
Praktische Hilfe kann so einfach sein (Foto: Fabienne Karmann, Pinkhaus Skateshop, https://www.facebook.com/pinkhaus.skateshop)

Die Situation in Hellersdorf sei nach wie vor bedrückend, erzählt Philipp Reiman im Gespräch mit Publikative.org: Die Bewohner_Innen trauten sich praktisch nicht aus dem Haus, auch mindestens 30 Kinder hätten somit kaum eine Möglichkeit, draußen zu spielen. Mit ihrer Idee hätten die Skater_Innen vor allem etwas machen wollen, das nicht nur einfach Aufmerksamkeit bringt, sondern „den Bewohner_Innen auch konkret hilft“. Die zahlreichen Proteste gegen die Nazis und Rassist_Innen vor Ort seien natürlich genauso ehrenwert, aber für viele Bewohner_Innen seien „Freund und Feind teilweise nur schwer unterscheidbar. Da werden Parolen gerufen, es ist laut, die Polizei ist vor Ort. Bei vielen löst das einfach nur noch mehr Ängste aus“, erzählt Reiman.

Die Skater_Innen gingen daher behutsamer vor, suchten direkten Kontakt auch zur Leiterin des Heims und durften schließlich als erste Unterstützer_Innen-Gruppe überhaupt direkt auf das Gelände. Zuvor riefen sie via Facebook zu Spenden auf, die dann auch zahlreich im Skateshop abgegeben wurden. Am Tag selbst fuhr man schließlich gemeinsam nach Hellersdorf, um die Spenden zu übergeben und natürlich zu skaten: „Erst kamen nur ein paar Kids“, erzählt Reiman, aber nach und nach seien schließlich fast alle im Haus lebenden Familien nach unten gekommen. Anschließend verbrachte man einen entspannten Tag im Freien, mit viel Musik und guter Laune, wie folgendem Video zu entnehmen ist:

Man habe den Flüchtlingen zeigen wollen, dass es in Berlin durchaus sehr viele Menschen gäbe, die Flüchtlinge Willkommen hießen, schrieben die Initiator_Innen der Aktion unter ihr YouTube-Video. Allerdings kamen nach Angaben von Reiman selbst am Tag des Skatens einige „muskelbepackte Gestalten“ zum Zaun des Geländes und begannen, Bewohner_Innen und Skater_Innen unter bedrohlichen Gesten abzufotografieren und zu filmen. Nach Angaben der Flüchtlinge geschieht dies regelmäßig, zum Beispiel auch dann, wenn Anwohner_Innen Spenden abgeben oder sich zustimmend zum Heim äußern.

Die Zustände in Hellersdorf insgesamt müssen daher wohl immer noch mit Fug und Recht als Schande für Berlin und dieses Land bezeichnet werden: Wenn Kinder, die aus Bürgerkriegsgebieten geflüchtet sind, in Berlin tagsüber nicht auf Spielplätzen spielen, damit sie nicht von deutschen Rassist_innen angegriffen werden, braucht es noch viel mehr Zivilcourage und praktische Hilfe. Die Pinkhausberlin Crew hat gezeigt, wie einfach es geht. Jetzt sind wir alle dran!


Siehe auch: Protest gegen eine geplante Asylunterkunft, NPD in Hellersdorf auf verlorenem Posten, Neonazis und Polizei gegen Journalisten, Berlin-Hellersdorf – Zwischen Bürgermob und Neonazis, Neulich in Kreuzberg, Flüchtlings-TV im ZDF: Verlogener Zynismus, Deutsche Asylpolitik: Flüchtlinge sollen zurück nach Italien

8 thoughts on “Berlin-Hellersdorf: Skaten gegen den Alltagsrassismus

  1. „Die Zustände in Hellersdorf insgesamt müssen daher wohl immer noch mit Fug und Recht als Schande für Berlin und dieses Land bezeichnet werden.“
    Schade, dass auch hier der Gedanke des Innenministers Friedrich aufgegriffen wird.
    Die Zustände sind keine Schande für Deutschland, sondern durch den Rassismus und Nationalismus (manche nennen es auch „Nationalstolz“) der politischen „Mitte“ einfach systembedingt gegeben.

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