10 Jahre Audiolith: Gegen Nazis und Rockstarscheiße

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Mit der überzeugenden Verbindung von Partykrachern und politischem Engagement besitzt  das Hamburger Label Audiolith Records ein Alleinstellungsmerkmal. Was vor zehn Jahren in einer Wohngemeinschaft begann, ist heute ein weit verzweigtes Netzwerk, dessen Akteure musikalische Perlen produzieren, viel vom Feiern verstehen und sich auch immer wieder in gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen einmischen. Höchste Zeit für eine Würdigung.

Von Sven Sakowitz

Warum eigentlich Audiolith?

– „Für mich ist Audiolith das linke Label überhaupt“, sagt der HipHop-Fan mit dem Audiolith-Shirt beim „Beats auf der Bahn“-Festival. „Ich kann da immer sicher sein, dass die Leute korrekt sind – und die Musik ist es meistens auch.“

– „Die haben Elektro aus den dunklen Kellern geholt“, sagt die Frau mit dem Audiolith-Button auf der Balduintreppe. „Ich fand es in den Kellern zwar auch ganz gut, aber das geht schon in Ordnung.“

– „Ich mag deren antifaschistische Grundeinstellung“, sagt der Audiolith-Beutel-Träger beim St. Pauli-Heimspiel. „Ich habe den Eindruck, dass die Leute von dem Schuppen mit sehr viel Herzblut bei der Sache sind und das nicht wegen der Kohle machen.“

Drei Statements von Fans eines Musik-Labels, das in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert. Drei Statements aus eher zufällig entstandenen Gesprächen. Drei Statements, die bereits zeigen, dass es sich bei Audiolith Records wohl um weit mehr als einen Produzenten und Verkäufer von Musik handeln muss.

Vom Oi! zum Techno

Die Geschichte beginnt im Jahr 2003 in einer Wohngemeinschaft an der Holstenstraße in Hamburg. Der 26-jährige Lars Lewerenz – Punk-, Oi!- und Hardcore-sozialisiert, mit reichlich Band-Erfahrung ausgestattet und mittlerweile auf elektronische Musik umgeschwenkt – lebt dort mit seinem Kumpel Jan Elbeshausen zusammen. Der hat mit seiner Band The Dance Inc. ein paar Songs aufgenommen, die es bekannt zu machen gilt: „Both Sides Of The Ocean“ heißt die Single, die Lewerenz als erste Veröffentlichung von Audiolith Records auf den Markt bringt.


Der Markt, das sind Partys, Independent-Mailorder und einige kleine Plattenläden, die das Erstlingswerk in die Regale stellen. Eine Goldene Schallplatte gibt es nicht, aber Lewerenz hat Feuer gefangen. Hauptberuflich betreut er 30 Stunden in der Woche einen Rollstuhlfahrer, die restliche Zeit investiert er in den Aufbau von Audiolith. Zu den ersten Künstlern auf dem Mini-Label gehören ClickClickDecker, Plemo, Juri Gagarin und Egotronic. Elektronische Klänge überwiegen.

Ein Masterplan existiert damals nicht, das Label wächst eher anarchisch vor sich hin. Es ist ein Netzwerk aus Freunden, Freundesfreunden und Leuten, die irgendwie dazustoßen. Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Das zeigt zum Beispiel die Anekdote über die Zusammenarbeit von Audiolith und Feine Sahne Fischfilet, der ersten Punk-Band auf dem Label. „Das sind halt so Freunde von uns geworden“, erzählt Lars Lewerenz beim Gespräch in Hamburg – und seine Stimme klingt dabei ein bisschen so, als würde er jeden Morgen mit rostigen Nägeln gurgeln. Vermutlich die Folge zahlreicher durchfeierter Nächte.

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Feist, feister, feine Sahne: Die neuen Rockstars bei ihrer PR-Abteilung vom VS in Schwerin.

„Feine-Sahne-Sänger Monchi habe ich das erste Mal bei einer Party von uns auf der Stubnitz in Rostock gesehen, völlig besoffen war er da bei Egotronic auf der Bühne. Der hat drei Mal das Laptop runtergerissen und mir die Mütze geklaut. Ich dachte nur: Alter, was ist das denn für ein Typ? Danach standen wir aus verschiedenen Gründen im ständigen Austausch mit Feine Sahne Fischfilet, und dann waren die auch auf unserer Weihnachtsfeier in Hamburg. Der Abend ist völlig aus dem Ruder gelaufen, am nächsten Tag haben wir eine Abmahnung vom Vermieter bekommen, weil das da alles so schlimm aussah. Da war natürlich auch wieder Monchi dabei. Irgendwann haben wir uns im Laufe der Feier auf dem Klo eingeschlossen und über ihn, sein Leben, seine Einstellung und seine Band gesprochen. Wir beschlossen, dass wir menschlich gut zueinander passen – und dann haben wir angefangen, mit ihnen zu arbeiten und ihr Album rauszubringen.“

Aber zurück zu den Anfängen von Audiolith: 2007 reicht es Lewerenz mit der Lohnarbeit, und die Sache mit dem Label wird auf das nächste Level gehoben. Er schreibt einen Business-Plan, bekommt von der Agentur für Arbeit einen Gründungszuschuss bewilligt und bezieht als Neu-Selbstständiger ein kleines Büro in einem Gründerzentrum in St. Pauli. Zusätzlich zum Label gehören auch Merchandising, Booking und ein Verlag zu den Geschäftsbereichen der  Firma.

Und es funktioniert. Egotronics zweites Album „Lustprinzip“ erreicht 2007 eine gewisse Popularität und bringt Elektropunk sowie Audiolith endgültig auf die Agenda, der Smasher „Raven gegen Deutschland“ läuft auf jeder guten Party. Zahlreiche spannende Acts wie Frittenbude, Bratze, Ira Atari, Saalschutz und Captain Capa kommen im Laufe der Jahre dazu. Heute gehören zu Audiolith mehr als 40 Bands und Solo-Musiker – das Spektrum reicht von House über HipHop bis Punk. Einen typischen Audiolith-Sound, von dem manchmal gesprochen wird, gab es vielleicht zwischendurch mal, mittlerweile regiert die Vielfalt.

Lars Lewerenz und Artur Schock (Foto: Audiolith)
Südholsteiner Trüffelschweinchen Lars Lewerenz und Szene-Tausendsassa Artur Schock (Foto: Audiolith)

Audiolith steht aber für weit mehr als nur Musik: „Es gibt ganz einfach Themen, bei denen man den Mund aufmachen muss“, sagt Lewerenz. „Unser Label ist antifaschistisch, antirassistisch, gegen Homophobie und Antisemitismus. Es geht aber nicht darum, dass alle unsere Künstler eine komplett einheitliche politische Ausrichtung haben. Wir stehen im engen Austausch miteinander und besprechen, wer sich für welche Inhalte und Aktionen engagieren möchte. Ein paar Leute preschen immer mal wieder vor, andere sind sich unschlüssig. Da lernen wir alle voneinander.“

So spielen Audiolith-Künstler beispielsweise auf antifaschistischen Demonstrationen und in Jugendzentren von Kuhdörfern, in denen sonst Nazis den Ton angeben. Manche Aktionen sind dabei besonders öffentlichkeitswirksam – etwa 2012 der Auftritt von Egotronic, Supershirt und Feine Sahne Fischfilet im als Nazinest bekannt gewordenen Limbach-Oberfrohna – aber über solche medial stark begleiteten Aktivitäten möchte man bei Audiolith gar nicht so viel sprechen, betont lieber die Kontinuität des Engagements. „Das Hervorheben von einzelnen Aktionen hat oft einen Alibi-Charakter“, sagt Artur Schock, der seit 2010 Booker bei Audiolith ist. „Das läuft dann so im Sinne von: ,Guckt mal, wir machen ein Mal im Jahr was gegen Nazis und sind so geil.’ Wir versuchen lieber, dauerhaft mit Personen, Initiativen und Gruppen zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen, wenn wir die Kapazitäten dafür haben. Wir ermuntern alle unsere Künstler, Solikonzerte zu spielen und helfen bei der Organisation.“

Und dazu gehört nicht nur das Mieten einer guten Anlage und der Anruf beim Catering-Service, wie Lewerenz zu berichten weiß: „Das kann extrem anstrengend sein. Wenn es gefährlich werden kann, müssen wir dafür sorgen, dass vor Ort die richtigen Leute am Start sind – damit wir uns wehren können, wenn ein Übergriff stattfindet. Das ist alles sehr komplex, und die ganze Hintergrundarbeit, die da von vielen Leuten geleistet wird, bekommt der Betrachter von außen meist gar nicht mit.“

Weitere Prinzipien von Audiolith sind: größtmögliche Transparenz sowie Nähe zu den Fans. „Wir haben keinen Bock auf Rockstarscheiße“, sagt Lewerenz. „Wir sind auf den Konzerten immer ansprechbar, die Besucher sind genauso wichtig wie die Musiker. Ich finde es erhellend, mit den Leuten zu reden und mir ihre Alltagsprobleme anzuhören. Manchmal bekommen wir in unserem Büro sogar Besuch von ganzen Schulklassen, die das hier einfach nur mal sehen und ein bisschen quatschen wollen – das finde ich großartig!“

Zeichen der Solidarität

Für das, was Lewerenz und seine Mitstreiter so alles machen, gibt es gar keinen richtig treffenden Begriff. Klar, ihr Kerngeschäft ist das Entdecken, Entwickeln und Vertreiben von Musik. Darüber hinaus ist Audiolith ein gar nicht mal so unbedeutender Akteur in gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, vor allem im Bereich Antifaschismus.

Die Teilnahme von Audiolith-Bands an Demonstrationen trägt zur Mobilisierung bei und ist ein wichtiges Zeichen von Solidarität. Die Konzerte in der braun dominierten oder ganz einfach stinklangweiligen Provinz schaffen Freiräume, in denen junge Menschen ohne Anwesenheit von Nazis und anderen Idioten feiern und sich austauschen können.

Diese Gigs motivieren die korrekten Menschen, die es zum Glück überall gibt, nicht aufzugeben. Und was man nicht vergessen sollte: All dies geschieht nicht schulmeisterlich-bieder und mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf einer höchst unterhaltsamen, teilweise exzessiven Partyebene. Audiolith-Konzerte sind oft wilde Feste, auf denen die Besucher völlig durchdrehen und eben auch mal für eine Nacht die Schlechtigkeit der Welt vergessen können. Das alles zusammengenommen ist eine höchst bemerkenswerte Leistung, die größten Respekt verdient.

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Dass Audiolith so eine komplexe Rolle spielt, ist nicht das Ergebnis einer ausgeklügelten Strategie. Lewerenz und seine Mitstreiter haben einfach immer das gemacht, was sie für richtig halten und sind eher zufällig in ein gesellschaftliches Vakuum gestoßen. Es gibt offensichtlich viele Menschen, die ähnlich ticken und sich mit der Haltung von Audiolith identifizieren können. „Ganz ungewollt sind wir eine Projektionsfläche geworden“, sagt Lewerenz. „Erst im Laufe der Zeit haben wir so richtig verstanden, dass wir für eine sehr junge Generation eine Vorbildfunktion haben – und die nehmen wir gern an.“

Es gibt sicher schlechtere Vorbilder, und man darf gespannt sein, wie die Audiolith-Geschichte in der nächsten Dekade fortgeschrieben wird. Jetzt aber erst mal auf die ersten zehn Jahre: Hut ab! Rave on! Alles Gute, Audiolith!

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Zum Jubiläum erscheint am 27. September die Doppel-CD / Doppel-LP „Audiolith – Ten Years From Now“ mit 18 neuen Songs, u. a. von Frittenbude, Egotronic, Captain Capa, Neonschwarz  und Ira Atari

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