Mitten in der AfD

Die junge Partei „Alternative für Deutschland“ verspricht ein „blaues Wunder“ zur Bundestagswahl. Wer sich auf deren Veranstaltungen als Gegner zu erkennen gibt, erlebt dieses blaue Wunder sofort. Ein Bericht aus München.

Von Michael Renner und S. Adlhoch

AfD-Wahlplakat in Berlin (Foto: Patrick Gensing)
AfD-Wahlplakat in Berlin (Foto: Patrick Gensing)

Am 30. August sprach Bernd Lucke an Münchens Marienplatz. Wir wollten vor Ort Eindrücke vom Parteigründer und seinen Anhängern sammeln. Um leichter ins Gespräch zu kommen, hatten wir Schilder gemalt, die keinen Zweifel daran ließen, dass wir die AfD kritisch sehen und für eine Gefahr von rechts halten. Anzug, Hemd und Krawatte hatten die Aufgabe trotz der handgemalten Schilder eine gewisse Seriosität auszustrahlen.

Die Wahlkampftour der AfD ist gut organisiert: Um den Marienplatz herum standen hunderte Werbeplakate, die Sound-Analage lieferte einen perfekten Ton der den Sprecher gut verständlich bis zur letzten Ecke des Marienplatzes hörbar machte. Das alles wird viel Geld gekostet haben. Mit Spenden aus dem Mittelstand und den Beiträgen von 15.000 Mitgliedern lässt sich solch ein Wahlkampf kaum führen. Erst Anfang 2015 wird sich anhand des vorgeschriebenen Rechenschaftsberichts klären lassen, wie eine junge Partei wie die AfD einen Wahlkampf mit derart viel Material und Personal finanzieren konnte.

Vor der Bühne auf dem Marienplatz warteten viele Menschen. Die Pressemitteilung der AfD sprach später von 1300 Anhängern, diese Zahl scheint allerdings schamlos übertrieben. Geschätzte 70 Personen gehörten zum Organisationsteam, das an den blauen Shirts sowie strahlender Schönheit und Jugend, die man sie sonst nur an Messeständen antrifft, erkennbar waren. Es gab rund 30 Personen die Plakate hoch hielten und tatsächlich zwei mit einem „Bernd Lucke, unser Kanzler 2017“-Tranzparent.

Wir sahen einzelne Anhänger der „Freiheit“, einer muslimfeindlichen Partei, die vom bayrischen Verfassungsschutz beobachtet wird, und Burschenschafter der schlagenden Verbindung „Danubia“ – auch sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Wir erkannten einen Neonazi aus dem Umfeld „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ und „Freies Netz Süd“. Ein Zuhörer trug eine Gürtelschnalle mit dem Wehrmachts-Slogan „Gott mit uns“.

Wir stellten uns in die Mitte der Menschenmenge und hielten unsere selbstgemalten Schilder hoch. Da wir auf Diskussionen hofften, hatten wir uns die Argumente der AfD angesehen um sie selbst anbringen zu können. Vorlagen gibt es aus offiziellen Kanälen viele. Von „man muss unbequeme Wahrheiten aussprechen“ über das „von oben verordnete Stillschweigen“ bis zur Warnung vor dem „irreparablen Schaden“ war alles dabei. Auch das beliebte „das wird man ja nochmal sagen dürfen“ hatten wir uns zurecht gelegt.

Allerdings kam alles anders. Denn es gab kaum Gespräche, sondern fast nur verbale Angriffe. Fragen wie „Aus welcher Anstalt seid ihr?“ und „Bekommt ihr Harz IV?“ waren noch die freundlichsten. Eine Frau erkundigte sich, von welcher Partei wir geschickt worden seien. Bei der AfD scheinen die Vorgaben von der Parteispitze zu kommen. Diese Strategie ließ sich bereits bei der Parteigründung beobachten. Die anwesenden Mitglieder verzichteten per Abstimmung auf ihr Mitwirkrecht am Programm. In diese Denkweise passt die Vermutung, wir seien „geschickt“ worden.

Bei den Beschimpfungen kamen uns AfD-Anhänger oder Ordner oft so nah, dass sich unsere Nasen fast berührten. Anzug und Krawatte vermittelten uns in solchen Augenblicken ein relatives Gefühl der Sicherheit. Dazu redeten wir uns ein, dass in unserer Nähe mehrere Polizisten in Zivil sein müssten. Denn auch wenn unsere Schildchen gegen die vielen gedrucken Plakate winzig wirkten, waren wir bestimmt nicht nur den AfD-Anhängern aufgefallen. Wir hörten gezischte Aufforderungen wie „Haut ab!“ oder Beleidigungen wie „Ihr seid Faschisten!“. Trotzdem erfreuten wir uns einer gewissen Beliebtheit, denn wir wurden von mehreren Ordnern mit Profikamaras von allen Seiten fotografiert.

Vielleicht spielte uns die Erwartungshaltung einen Streich, aber wir kamen unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass immer die selben Personen in Luckes Sprechpausen lautstark in Jubel ausbrauchen – woraufhin auch andere anfingen zu klatschen. Die größte Gruppe der Zuhörerschaft stellten aber tatsächlich die vielen an der neuen Partei Interessierten.

Lucke spielte geschickt mit Zukunftsängsten, er verglich die „Schuldenländer“ mit einem Fieberkranken, für den es keine Hoffnung mehr gibt. Dazu wurde immer der Eindruck erweckt, dass die Aufgabe des Euros auch zum Vorteil der „Schuldenländer“ sei, eine Win-Win-Situation sozusagen. Dies hatte eine Frau verinnerlicht, die atemlos auf uns einschimpfte. Sie gab sich verzweifelt wegen unserer vermeindlichen Dummheit, die aus ihrer Sicht verhindert, dass wir erkennen, dass nur die AfD Deutschland retten kann. Allerdings kam auch mit ihr keine Diskussion zustande, weil sie immer nur kurz zum Schimpfen zu uns kam, dann sofort wieder zu ihrem bisherigen Standort zurück ging – um uns kurz darauf erneut auf unsere vermeintliche Dummheit aufmerksam zu machen.

Wir gingen kurz vor 17 Uhr weil wir annahmen, dass Lucke nur bis zum Glockenspiel, ein fester Bestandteil des Touristenprogramms in den Sommermonaten, sprechen wird. Wir wollten auf keinen Fall in der Menge stehen wenn sie sich auflöst. Die Stimmung gegen uns war latent aggressiv, wir rechneten mit Rempeleien . Was das Ende der Veranstaltung betrifft irrten wir uns: Lucke sprach doch noch 20 Minuten länger. Vom Glockenspiel um 17 Uhr wurde er selbst und auch sein Orga-Team überrascht. Münchner waren an der Vorbereitung offensichtlich nicht beteiligt – die hätten vom Glockenspiel am Rathaus gewusst. Den letzten Teil der Rede verfolgten wir von draußen. Wir hatten, das sei noch erwähnt, einige Mühe aus der Menschenmenge heraus zu kommen, denn eine Reihe kräftiger Männer, die schon die ganze Zeit hinter uns stand, versperrte uns den Weg.

In der Minute, in der wir uns mit einem kleinen Umweg nach draußen kämpften, twitterte Julia Probst ein besonderes Erlebnis mit der AfD.

Screenshot Julia Probst (Gehörlose Lippenleserin)
Screenshot Julia Probst (Gehörlose Lippenleserin)

Siehe auch: Professor Lucke, die AfD und die Zuwanderung

36 thoughts on “Mitten in der AfD

  1. @ Harald

    Sie halten sich Ihrer eigenen Aussage gemäß an Sachargumente und Parteiprogramm.
    Ist die von Julia Probst dokumentierte Äußerung „Sowas hätten wir früher vergast“ auch eines der „Sachargumente“ der AfD – oder sind solche Äußerungen okay oder entschuldbar, solange in anderen Bereichen die „Sachargumente“ stimmen?

    Ich bitte um Antwort.

  2. Sarah:
    Ich kenne weder Julia Probst noch diese Äußerung und bin auch nicht für sie verantwortlich.
    Über das AfD-Programm bin ich gern bereit zu diskutieren, auch polemisch.

    Ich will noch etwas zur Formulierung „entartete Demokratie“ sagen:
    In den meisten Wissenschaften gibt es Standardbegriffe, die besagen, dass etwas entartet, etwa die Lösung einer Gleichung, ein Gleichgewicht, ein Versuch etc. In diesem Sinne hat ihn Prof. Lucke benutzt und da passt er auch. Dieser Begriff wird in wissenschaftlichen Diskussionen ständig benutzt. Man muss wirklich schon eine Naziphobie haben, um dabei an den Gebrauch dieses Wortes durch die Nazis zu denken. Nächstens darf das Wort „Heilkräuter“ nicht benutzt werden, weil es an Nazis erinnert.

  3. Lieber Harald,

    diese Argumentation des angeblich inflationären NS-Bezugs und einer vermeintlichen Nazi-Phobie ist wirklich so abgegessen, dass sie eigentlich sogar AfD-Anhängern langsam wieder hochkommen müsste. Vor allem ist es ein typischer Textbaustein von Rechtsaußen, zu behaupten, alle anderen würden hysterisch Bezüge herstellen, die es gar nicht gebe. Sie können gerne ein Blog eröffnen, in dem sie ausschließlich über Heilkräuter oder Autobahnen schreiben, ich garantiere Ihnen, niemand wird Sie einen Nazi nennen.

    Aber zurück zum Fall der „Entartungen des Parlamentarismus“. In einem Artikel über die AfD habe ich dazu geschrieben:

    „In einer ersten Rede auf der Wahlparty benutzte Parteichef Bernd Lucke dann ein bemerkenswertes Vokabular. “Meine Damen und Herren, wir haben so viel an Entartungen von Demokratie und Parlamentarismus in den letzten vier Jahren erlebt”, beklagte er. “Entartete” Demokratie und “entarteter” Parlamentarismus – der Begriff Entartung ist zwar auch aus der Physik, Mathematik oder Medizin bekannt, Lucke benutzt ihn aber unzweideutig im politischen Kontext. Und in diesem Zusammenhang ist der Begriff vor allem aus der NS-Zeit bekannt.“

    Quelle: http://www.publikative.org/2013/09/23/afd-betrugsvorwuerfe-und-entartete-demokratie/

    Herr Lucke ist ein hochgebildeter Mann, der benutzt nicht einfach so irgendwelche Ausdrücke, die ihm gerade so in den Sinn kommen. Ich weiß nicht, warum er solche – im politischen Kontext – historisch klar besetzten Begriffe benutzt. Das sollte er vielleicht einfach mal selbst erklären. Mal sehen ob mehr kommt als „PC-Polizei“ und „Gesinnungsprüfungen“… 😉

    Entweder, es ist beabsichtigt, sozusagen gezielte Provokation, oder tatsächlich politische Naivität. Beides schmückt die AfD nicht.

    Gruß,
    Patrick Gensing

  4. @ Patrick Gensing es für Naivität zu halten finde ich naiv :-)

    @ Harald
    Außerdem möchte ich in diesem Zusammanhang an meine prophetische Frage erinnern. Am 20 September 2013 at 16:56 habe ich hier geschrieben:
    „Ich meine sie glauben doch so an die Demokratie. Aber Wahlforschung ist manipuliert? Alles klar … Die Demokratie ist schließlich auch nur das feststehende amtliche Endergebnis einer Wahl. Wenn dass dann nicht so ausfällt wie gewünscht. Was passiert dann?“

    Was dann passiert sehen wir aktuell. Die AfD inszeniert einen weiteren Mythos, diesmal den der betrogenen Partei.

    Harald ich bleibe dabei die AfD ist eine bonapartistische Partei und wenn Sie Freiheit und demokratische Mitbestimmung wollen, dann sind sie bei der AfD völlig falsch aufgehoben.
    Hier nur ein weiteres Zitat um das zu belegen:
    Charles Blankart, der sich neuerdings für die AfD engagiert hat auf Wahlkampfveranstaltungen folgendes gesagt:
    „Weimar ist nicht an der direkten Demokratie gescheitert, sondern an der parlamentarischen Demokratie, als die Reichstagsmehrheit am 23. März 1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz billigte“.
    Auch wieder so eine zufällige Naivität? Was soll dann als Ersatz für den Parlamentarismus kommen?

    Die AFD Berlin hat folgende Vorstellung zur direkten Demokratie in einem Papier festgehalten:
    “Jede Demokratie ist so zu organisieren, dass die Nutznießerkreise mit den Entscheidungsträgerkreisen und den Steuerzahlerkreisen übereinstimmen”.

  5. @ Harald

    Zitat:

    „Sarah:
    Ich kenne weder Julia Probst noch diese Äußerung und bin auch nicht für sie verantwortlich.“

    Verstehe ich das richtig, Sie möchten den Bock zum Gärtner machen? Oder haben Sie möglicherweise „nur“ etwas übersehen?

    Ich schlage vor, daß Sie sich den Screenshot am Ende des obigen Artikels doch einmal etwas näher anschauen.

    Vielleicht fällt Ihnen dann eine etwas adäquatere Antwort ein?

  6. @sarah:

    ich verstehe harald so, dass er den artikel gelesen habe und seine äußerungen ernst zu nehmen seien.

    ich hatte das so verstanden, als wolle harald sagen, dass ihm unbekannten opfern in einer bringschuld der beweislast stehen.

    oben genannte partei ist da als opfer ganz anders legitimiert und leidet qua definition an zensur, diskussionsverhinderung und hetze ohne argument.

    ganze sägewerke rumpeln in den augen.

    .~.

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