Schalke: Polizei setzt auf Gewalt gegen Fans

Das Qualifikationsspiel gegen PAOK Saloniki aus Griechenland wurde durch einen überzogenen Einsatz der Polizei für viele Fans zu einer sehr persönlichen Katastrophe. In der Nordkurve entdeckten die Ordnungshüter eine Fahne der Ultras von „Vardar Skopje“, mit denen einige Schalker Fans befreundet sind.

Von Michael Voregger, zuerst erschienen bei den Ruhrbaronen.

GE-Fahne in der Schalker Nordkurve (Foto: m0ttek.de/flickr.com/CC BY-NC-SA 2.0)
GE-Fahne in der Schalker Nordkurve (Foto: m0ttek.de/flickr.com/CC BY-NC-SA 2.0)

Nach Angaben der Schalker Vereinsführung interpretierte die Polizei das Zeigen der Fahne als Volksverhetzung und sah darin eine Provokation der griechischen Gäste. Daraufhin schickte die Einsatzleitung während des Spiels eine Hundertschaft in Kampfmontur in die vollbesetzte Nordkurve. Dabei kam es zum Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray.

„Ich kann noch immer nicht glauben, was da heute passiert ist. Wegen einer Fahne stürmen ca. 40 Polizisten in die Nordkurve und fangen ohne langes Zögern an mit Schlagstöcken zu schlagen und mit Tränengas zu sprühen”, schreibt marcx 04 im Forum von Westline. „Und das Ende vom Lied sind wieder Stadionverbote und unschuldige Polizisten. Zum Kotzen. Positiv nur, dass die gesamte Nordkurve und der Oberrang mit “Bullenschweine” Sprechchören auf die Situation geantwortet haben“. Paul aus Gelsenkirchen berichtet auf facebook ebenfalls von den unschönen Szenen in der Arena: „Ein paar wenige halten auf Schalke eine mazedonische Flagge hoch und die Polizei sieht das als Provokation geht in die Kurve und knüppelt und sprayt alles in Grund und Boden. Unbeteiligte teils junge Mädchen liegen mit Platzwunden vor den Blöcken.”

Schalke verurteilt das Vorgehen der Polizei

Schalke 04 reagiert schon kurz nach dem Abpfiff und verurteilte das Vorgehen der Ordnungshüter. „Der Einsatz der Polizei war weder mit den Verantwortlichen des Clubs abgestimmt, noch wäre er von diesen auch nur ansatzweise gefordert oder gutgeheißen worden“, heißt es in einer ersten Erklärung des Vereins zu den Ereignissen. „Dieser Einsatz war völlig unverhältnismäßig. Wir können dies absolut nicht gutheißen und bringen dafür nicht das geringste Verständnis auf.“ In den Foren kursiert das Gerücht, dass die UEFA den Einsatz der Polizei gefordert hat – eine Stellungnahme des Verbandes liegt derzeit noch nicht vor. Es gibt bisher auch keine Angaben über die Zahl der Verletzten.

Im Gegensatz zu den Verantwortlichen des Vereins hatten die Vertreter der Medien ein weniger klares Bild von den Ereignissen. „Nach diesem Tor drehten die Schalker Fans in der Nordkurve durch“, berichtet die WAZ im Internet. „Die Polizei musste aufmarschieren – es kam zu unschönen Szenen, die mit Sicherheit ein Nachspiel haben werden.” Auch die Kollegen Marco Hagemann von Sky und Thomas Wark vom ZDF waren mit der Bewertung der Situation überfordert. Beide sprachen von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Fangruppen von Schalke 04. Wenn in der Hektik eines Fußballspiels nicht die richtigen Fragen gestellt werden können, dann gibt es immer die Möglichkeit nach dem Abpfiff die Situation zu erklären. Die Ereignisse an diesem unschönen Fußballabend werden auf jeden Fall ein Nachspiel haben.

Nachtrag:

Ein sehr interessantes Interview mit Stefanie Dahremöllerder, Sprecherin der Polizei Gelsenkirchen, gibt es hier zu hören: Nicht nur, dass die PAOK-Fans ihrer Auffassung nach kurz davor waren, von der gegenüberliegenden Seite des Stadions die Nordkurve zu stürmen, was – natürlich – „Leib und Leben unzähliger Zuschauer gefährdet hätte“ – nein, warum das vermeintliche Banner „volksverhetzend“ gewesen sein soll, kann die Sprecherin auf Nachfrage ebenso wenig beantworten. Kein Wunder: Das konnte sie auch schon in ihrer Presseerklärung nicht.

Nachtrag 2: Individuelle Kennzeichnung von Polizeibeamten gefordert

Die AG Fananwälte hat die Ereignisse in der Schalker Arena am Mittwochabend zum Anlass genommen, noch einmal die Einführung einer individuellen Kennzeichnung von Polizisten, insbesondere in den sogenannten geschlossenen Einheiten, die mit Helm und Kampfmontur agieren, zu fordern. Eine solche Regelung sei bisher nur in Berlin umgesetzt und habe sich dort bewährt. Die Anonymisierung von Einsatzpolizisten in Deutschland habe bereits mehrfach internationale Kritik auf sich gezogen, u.a. durch den Menschenrechtskommissar des Europarats. „Es ist rechtsstaatlich nicht hinnehmbar und verstößt gegen völkerrechtliche Verträge, dass es in Deutschland immer noch Polizeibeamte gibt, deren Verhalten anonym bleibt und nicht individuell zuordenbar ist“, wie die AG Fananwälte in ihrer Pressemitteilung schreibt.

Siehe auch: Daten-Sammelwut: Polizei forscht Fußball-Fans ausRandale beim Schweinske-Cup: Einig uneinigSächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans anAussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegsWenn Fußball zur Nebensache wird: 1860-Fans demonstrieren gegen PolizeigewaltGroßzügiger Einsatz von Pfefferspray,

14 thoughts on “Schalke: Polizei setzt auf Gewalt gegen Fans

  1. Aufschlussreicher Kommentar unter dem 11FREUNDE-Artikel zum Polizeieinsatz:

    „War gestern auf Einladung eines griechischen Kollegen mit im PAOK-Block. Block W um genau zu sein, mittendrin.
    Es wurden die üblichen Schlachtenlieder gesungen, und die Stimmung war top. Von Aggressionen der PAOK- Fans wegen einer Fahne hab ich dann heute aus der Zeitung erfahren. Die makedonische Fahne war, um es nochmal deutlich zu sagen, nie ein Thema unter den Fans. Es wurde diesbezügliches kein einziges Lied angestimmt. Es war weder in der Halbzeitpause am Bier-/ Bratwurst-/ Chipsstand ein Thema, noch sonstwo.Thema hier war eher die Knappenkarte und der schleppend verlaufende Servive dieser Kioskstände.
    Das die Polizei nun den Einsatz damit rechtfertigt, daß PAOK-Fans den Platz stürmen wollen und es hätte Tote geben können, scheint mir eine arg konstruierte Rechtfertigung zu sein. Das ist schon bitter, wenn man seitens der Polizei diesen Einsatz auch noch mit „Sicherheit“ rechtfertigt. Man hat sich von einer persönlichen Einschätzung eines einzigen griechischen Polizisten zu diesem Einsatz verleiten lassen. Dass sich deutsche Sicherheitskräfte zuerst rechtlich falsch beraten lassen, dass es sich bei der Präsentation der makedonischen Fahne um „volksverhetzende Tatbestände“ handeln würde, ist die eine Sache. Auf eine schwammige Einschätzung eines griechischen Polizisten einen derartig grob verlaufenden Polizeieinsatz aufzubauen, ist die andere. Und diese Gewalteskalation der Exekutiven mit weiteren Lügen zu rechtfertigen noch eine andere. Das ist in seiner Gesamtheit schon ein ziemliches Ding, was sich da geleistet wurde.“

    Offensichtlich lag also gar keine Volkssturmstimmung im griechischen Fanblock vor…

  2. Ich stimme meinem Basler Vorredner zu. Schalke Fans sind (wohl Weltweit) die Einzigen, die sich mit den Schmiermicheln verbünden, wenns gegen den gegnerischen Anhang geht. Daher: Bei jedem Club der Welt fänd ichs skandalös, bei Schlacke 06 amüsierts mich königlich.

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