Hassmusik vor Kinderohren

Das bislang erfolgreichste Rechtsrock-Konzert „In.Bewegung“ unter der Regie  Thüringer Neonazis fand in diesem Jahr in Sachsen-Anhalt statt. Das Event in Berga bot eine Erlebniswelt für die ganze Familie, zahlreiche Kinder waren gefährlicher Neonazi-Propaganda ausgesetzt.

Von Kai Budler und Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht bei blick nach rechts

Ursprünglich hatten die Sotterhausener Neonazis Judith Rothe und Enrico Marx regelmäßig Feste im Mansfelder Land ausgerichtet. Nun trat der Sondershausener Patrick Weber, Kreisvorsitzender der NPD im thüringischen Kyffhäuserkreis, mit seinem Team und dem Germania-Versand als Veranstalter in Erscheinung. Weber war kürzlich erst gemeinsam mit dem ehemaligen Anführer der „Kameradschaft Ostara“, Marx, als Zuschauer im NSU-Terrorprozess im Oberlandesgericht in München aufgefallen.

Diejenigen, die in Berga 18 Euro Eintritt gezahlt hatten, durften den Einlass passieren und wurden mit der aktuellen Ausgabe des „Nordthüringen Boten“ empfangen. Chefredakteur der gratis verteilten NPD-Regionalzeitung ist Multifunktionär Weber, der um 13.30 Uhr am Samstag das Open Air dann offiziell eröffnete. Auf der mit Fahnen und gleich zwei Werbebannern seines Germania Versandes geschmückten Bühne las er die polizeilichen Auflagen vor. Der vermeintliche Wunsch, „keine Teilnehmer zu sehen, die Aufdrucke auf ihrer Bekleidung überkleben müssen“, ging an diesem Tag nicht in Erfüllung. Der Ordnerdienst um Maik Scheffler, NPD-Mann aus Nordsachsen, musste immer wieder inkriminierte Symbole mit Klebeband verdecken.

„Juppeidie Juppeida, Hausdurchsuchung, Razzia“

Der Thüringer Neonazi Tommy Frenck war für das „Bündnis Zukunft Hildburghausen“ mit einem Stand vertreten. Daneben verkaufte der bayerische Internet-Moderator Patrick Schröder einschlägige Kleidung von „Ansgar Aryan“, die NPD warb für die Bundestagswahl. Einige Frauen saßen für den „Ring Nationaler Frauen Thüringen“ (RNF) unter einem Schirm

Schon bei der Anreise gab es eine Schlange wegen der zahlreichen Teilnehmer, Foto: Kai Budler.
Schon bei der Anreise gab es eine Schlange wegen der zahlreichen Teilnehmer, Foto: Kai Budler.

und freuten sich über jede neue Interessierte, unter ihnen die Thüringerinnen Gaby Zellmann, sechsfache Mutter und Diplom-Mediatorin, und Monique Möller, Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Unstrut-Hainich. Auch die RNF-Frauen Anne Adler und Marita Schäfer waren vor Ort. Wütend über die Anwesenheit der Presse zeigte sich RNF-Mitbegründerin Judith Rothe, drängte die Kinder zur Seite und versuchte erfolglos, gemeinsam mit den anderen Frauen die schwere Hüpfburg aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu ziehen.

Die „Europäische Aktion“, initiiert aus dem Umfeld bekannter Holocaust-Leugner, gab sich völkisch und veräußerte Fan-Artikel des Neonazi-Barden Frank Rennicke. Auch T-Shirts mit dem Konterfei des verurteilten NS-Verbrechers Erich Priebke fanden Absatz. Mit knallroten, wenig originellen „wie geil“-Hemden warben die Organisatoren um Dieter Riefling und Maik Müller für den 2014 in Dresden geplanten „Tag der deutschen Zukunft“.
An einem Malstand saßen Kinder, teils von ihren Eltern in Szene-Kleidung gesteckt. Nebenan auf der Hüpfburg sprangen vereinzelt kleine Mädchen mit Zöpfen. Jungen wurden von ihren Vätern auf der Schulter getragen. Die Kleinen hörten viel vom beschworenen Kampf der Großen, sahen unzählige Maschinenpistolen auf deren Shirts, bekamen mit, wie Journalisten beleidigt wurden oder wippten im Takt mit den Eltern zu gesungenen Refrains wie „Juppeidie Juppeida, Hausdurchsuchung, Razzia“.

„Blood Brothers“ mit zwei gekreuzten Maschinengewehren

Seit mehr als zehn Jahren eröffnen Rechtsrock-Open Airs mit Rednern aus der Szene in Thüringen mehreren hundert Neonazis regelmäßig Möglichkeiten, ungestört ihre Erlebniswelt zu feiern. Die Veranstaltungen unter freiem Himmel sind ein Alleinstellungsmerkmal der personell gewachsenen extremen Rechten im Freistaat: sie werden von der NPD angemeldet, im

Klare Botschaft..., Foto: Kai Budler.
Klare Botschaft…, Foto: Kai Budler.

Schulterschluss mit den „Freien Kräften“ aus der militanten Szene durchgeführt und dienen sowohl als Finanzierungsquelle wie auch als Rekrutierungsversuch im vorpolitischen Raum. Ihre Event-Saison ging bislang mit dem „Rock für Deutschland“ in Gera zu Ende, doch in diesem Jahr sorgte ein Export aus dem Freistaat für eine Verlängerung der Spielzeit für die Begleitmusik zu Mord und Totschlag.  Eigentlich war Webers „In.Bewegung“-Festival im wenig Kilometer entfernten Sangerhausen geplant, musste jedoch nach Sachsen-Anhalt ins Gewerbegebiet des 1800 Einwohner zählenden Berga umziehen.

Bereits vor dem eigentlichen Beginn der Veranstaltung säumten geparkte Autos mit einschlägig bekannten Aufklebern und Schriftzügen aus dem gesamten Bundesgebiet die Zufahrtsstraße zum Gelände am Rand von Berga, manche Teilnehmer waren aus Österreich und den Niederlanden in den Südharz gereist. Die Aufschriften auf den T-Shirts der Gäste machten klar, worum es an diesem Tag ging:  Politischer Kampf gepaart mit Musik. „100% Rechtsrock“, „Hass auf Deutschland ist unser Ansporn“ oder „Blood Brothers“ mit zwei gekreuzten Maschinengewehren unterstrichen die gewalttätige Grundhaltung. Der Schriftzug „Freiheit für Wolle“ zeigte ihre Verbundenheit mit dem Jenaer Ralf Wohlleben, der sich momentan wegen Unterstützung des Terrornetzwerks NSU vor Gericht verantworten muss.

Pastörs langatmige Rede stößt auf mäßige Resonanz

Auch die Bands werden dem äußerst radikalen Milieu zugeordnet: „Oidoxie“ aus Dortmund um Sänger Marco Gottschalk verehrte immer wieder auch mit Songs das internationale Terrornetzwerk „Combat 18“. Mit „Kraftschlag“ trat eine der ältesten Rechtsrock-Bands auf, die in der Vergangenheit dem äußerst rassistischen Ku Klux-Klan gehuldigt hatte und dem „Blood&Honour-Netzwerk“ zugeordnet wurde.

Die aktuelle rassistische Wahlpropaganda der NPD durfte nicht fehlen, Foto: Kai Budler.
Die aktuelle rassistische Wahlpropaganda der NPD durfte nicht fehlen, Foto: Kai Budler.

Bereits beim als „ersten Höhepunkt des Tages“ angekündigten Redner  Andreas Storr aus dem NPD-Bundesvorstand hatten die Ordner alle Hände voll zu tun, denn ein Regenguss mit Hagelkörnern sorgte für Chaos auf dem Gelände, die Sturmböen ließen die riesige Hüpfburg umkippen. Beim NPD-Fraktionsvorsitzenden im Schweriner Landtag, Udo Pastörs, füllten sich die Reihen zwar wieder, doch die langatmige Rede des NPD-Bundesvize über ein angebliches „Euthanasieprogramm gegen das deutsche Volk“ stieß auf nur mäßige Resonanz und wurde auch später im Internet mokiert. „Die Reden waren zu lang“, hieß es dort.

Selbst wohlgesinnte Zuhörer zeigten sich gelangweilt, auch wohl wegen der holprigen, schwer verständlichen Schachtelsätze des ehemaligen Schmuckhändlers aus Mecklenburg. Dabei hatte der schon Härteres im Repertoire, spielte sogar vorsichtig auf einen möglichen gewaltsamen Kampf an, als er erbost über ein Vorgehen des Staates „gegen das Lebensrecht der Deutschen“ erwiderte: „…dann ist irgendwann die Frage zu klären, in wie weit es legitim ist, dieses Töten der deutschen Nation auch mit Handanlegen vielleicht zu korrigieren…“ Diese Pointe registrierten allerdings nur wenige Zuhörer. Junge Frauen mit Sonnenbrillen kauten Kaugummi und schauten sich um, junge Männer spielten auf ihren Handys herum. Andere unterhielten sich angeregt beim alkoholfreien Bier. Härtere Getränke mussten bis zum Abend heimlich von den anliegenden Tankstellen organisiert werden. Die langen Reden nahm so mancher dafür in Kauf.

Kampfansage an die Demokratie

Dass der NPD-Wahlkampf im Vorfeld der Bundestagswahl nicht im Hauptinteresse der angereisten Neonazis war, zeigte der anschließende Auftritt des braunen Liedermachers Frank Rennicke. Der in Franken lebende mehrfache Vater war mit einer jungen Frau und Kinderwagen angereist. Die Auftritte des theatralischen 49-Jährigen gelten als Familienprogramm zum Mitgrölen. Wie die folgenden Rechtsrock-Formationen steht er für die Verbindung von rechtsextremer Politik und Subkultur, die Veranstaltungen wie das Open Air in Berga erst attraktiv machen. Voll gefährlichem Pathos krakeelte er in seinem Lied vom bewaffneten Mädchen mit der Fahne vom „Deutschen Reich“, welches ein britischer Soldat zu Kriegsende lachend erschossen habe. Der Sänger forderte „und kämpfet wie sie, dass auch irgendwann, die Zeichen des Reiches man frei zeigen kann“.

Die Bühne mit Werbung für den Versand des Veranstalters Patrick Weber, Foto: Kai Budler.
Die Bühne mit Werbung für den Versand des Veranstalters Patrick Weber, Foto: Kai Budler.

Obwohl die Einsatzleitung der Polizei einräumte, dass alle Rede- und Liedbeiträge der Veranstaltung vorher eingereicht worden waren, blieb dies nicht  die einzige mutmaßliche Huldigung des Dritten Reiches oder Kampfansage an die Demokratie. So wollte der  Dresdener Maik Müller die Demokraten „und ihr menschenverachtendes System im Lokus der Geschichte herunterspülen“. Ganz in der Manier seines politischen Ziehvaters Dieter Riefling brüllte der kleine Mann mit dem Kinnbärtchen: „das Ziel unseres politischen Kampfes kann einzig und allein die Abschaffung der BRD sein, liebe Volksgenossen!“

„Rot ist das Blut auf dem Asphalt“

"Arisches Kind" - rassistische Botschaften schon für die Kleinsten, Foto: Kai Budler.
„Arisches Kind“ – rassistische Botschaften schon für die Kleinsten, Foto: Kai Budler.

Mit einem Song von „Frontalkraft“ begangen dann die „Kinderzimmer-Terroristen“ (KZT) zu spielen. „Schwarz ist die Nacht, in der wir euch kriegen“, grölten die teilweise bis unter den Scheitel tätowierten Musiker der „Kinderzimmer-Terroristen“ von der Bühne. Auch hier lauschten Kinder der zweifelhaften Nachmittagsvorstellung, hörten wie gesungen wurde: „Weiß sind die Männer, die für Deutschland siegen. Rot ist das Blut auf dem Asphalt.“  Einer der beiden Sänger der relativ neuen Band „Kinderzimmer-Terroristen“ ist Kfz-Mechaniker und Schatzmeister der NPD im Kyffhäuserkreis.

Aus Brandenburg war die Partei-Kameradin Manuela Kokott angereist. Mit einem Güstrower Fahrzeug erschienen die Bandmitglieder von „Painful Awakening“. Ihre Kollegen aus Bremen von „Strafmass“ fuhren mit einem Leihwagen vor. Ehemalige hochrangige NPD-Politiker wie Udo Voigt, Wolfram Nahrath und Uwe Meenen standen beieinander. Ordnerchef Scheffler, der vom  „Freien Netz“ zur Spitze der neuen NPD-Führung gewechselt war und als Intimus von Holger Apfel gilt, gesellte sich zum früheren Parteichef.

Heiratsantrag vor 900 (teils besoffenen) Neonazis

Die ausgegebene Verhaltensregel „Presse – und Medienvertreter (…) sind als nichtexistent zu betrachten. Auch sinnlose Provokationen gegenüber der Presse sind zu unterlassen“, stieß von Anfang an auf wenig Beachtung. Immer wieder versuchten Neonazis am Rand, Journalisten an ihrer Arbeit zu hindern, Scheffler sprach gegenüber der Polizei von sich anstauenden Aggressionen bei den Kameraden und drohte mit Blick auf die anwesenden Fotografen unverhohlen damit, „ansonsten werde ich Männer zusammen ziehen und das Gelände abschirmen“. Mit einer Ordnerbinde am Arm schoss Roy Elbert von der NPD Nordhausen Photos von Pressevertretern, ebenso wie Michael Grunzel, wenig erfolgreicher Wahlkampforganisator aus Sachsen-Anhalt. Die teils gewalttätige Nordthüringer Neonazi-Szene war fest in die Organisation eingebunden und übernahm unter anderem auch Ordnerdienste.

Geschichtsrevisionismus und Polen zurück...?, Foto: Kai Budler.
Geschichtsrevisionismus und Polen zurück…?, Foto: Kai Budler.

Am Abend dann spielten die beiden Kultbands der Szene „Oidoxie“ und „Kraftschlag“ auf. Einen noch unverblümteren Einblick in die Radikalität dieser selbst ernannten „Bewegung“ gewährte allerdings ein kleiner privater Zwischenfall. Vor dem Auftritt der Dortmunder von „Oidoxie“ wurde ein Kamerad aus dem Publikum ausgerufen und auf die Bühne bestellt. Dort wartete auf den Nichts-Ahnenden dessen Freundin, die ihm – ganz romantisch vor 900 (teils besoffenen) Neonazis – einen Heiratsantrag machte. Dieser, sichtlich überrascht, wohl auch etwas gerührt, konnte anscheinend öffentlich nicht richtig Gefühle zeigen und sagte, nach dem er seine Freundin geküsst hatte, zum Publikum: „Ja, ich will diese bekloppte Olle heiraten!“ Und in ihre Richtung schob er wenig romantisch nach: „Noch son Ding – Augenring!“

5 thoughts on “Hassmusik vor Kinderohren

  1. Das mit den anwesenden Kindern würde ich nicht überbewerten. Die leben in rechtsradikalen Familien, da macht so ein Festival den Kohl nicht mehr fett. Das Kind liegt da schon lang im Brunnen, sozusagen.

    Zu dem Polenüberfall-T-Shirt: Hat dieser brilliante Herrenmenschenersatz keine deutsch beschriftete Karte für eine so nationale Botschaft finden können? „Germany“, „Poland“, das ist doch alles ausgesprochen undeutsch. Und Fraktur können sie auch nicht, vom Rund-s haben die offenbar noch nichts gehört…

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