Russland: Neonazi-Opfer an Misshandlungen gestorben?

Ein Opfer der der schwulenfeindlichen Neonazi-Organisation „Occupy Pädophilie“ ist angeblich an den Folgen der Misshandlungen gestorben. Das berichtet ein russischer Menschenrechtsaktivist. Derweil wird in Deutschland darüber debattiert, ob die Olympischen Spiele in Sotschi boykottiert werden sollten.

Von Patrick Gensing

Am Dienstag habe ich auf tagesschau.de über die unfassbaren Demütigungen und Gewaltorgien gegen LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual and Trans) in Russland berichtet. Unter anderem hatten die Neonazis des schwulenfeindlichen Netzwerks „Occupy Pädophilie“ einen jungen Mann aus Usbekistan in einen Hinterhalt gelockt, ihn gedemütigt, geschlagen und misshandelt. Sie filmten ihre Taten und stellten das Video ins Netz.

Dieser Mann soll nach den Misshandlungen gestorben sein, berichtet ein russischer Menschenrechtsaktivist.
Dieser Mann soll nach den Misshandlungen gestorben sein, berichtet ein russischer Menschenrechtsaktivist.

Nach Angaben des Menschenrechtsaktivisten Dr. Valentin Degtyarev ist das Opfer an den Folgen der Gewaltorgie gestorben. Verifizieren lässt sich diese Angabe bislang nicht. Er berichtete zudem, die Polizei habe die Täter, deren Profile in dem sozialen Netzwerk VK.com frei zugänglich sind, bislang unbehelligt gelassen. Degtyarev dokumentiert auf seinem Blog Drohungen und Gewalt von Neonazis in Russland, speziell des Netzwerks „Occupy Pädophilie“.

Russische Aktivisten gegen Boykott

Während in den USA und Kanada bereits seit Monaten intensiv über die Olympischen Spiele in Sotschi diskutiert wird und auch schon Boykottaktionen laufen (gegen russischen Wodka), hat die Debatte in Deutschland angesichts der massiven Gewalt und Diskriminierung in Russland gerade an Fahrt gewonnen. Jörg Lau schrieb auf Zeit-Online, er habe sich mit Renate Rampf vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland darüber unterhalten:

Sie sagte mir, die deutschen LGBT-Aktivisten seien in Absprache mit den russischen Freunden gegen einen Boykott. Es sei wichtig, die Debatte zu führen, aber ein Boykott könnte der bedrängten russischen Lebens-und Schwulenbewegung schaden. Es gelte Homophobie zu boykottieren, nicht die Olympischen Spiele und die betroffenen Sportler. Auch ein Wodka- oder gar Gasboykott sei nicht das Mittel der Wahl. Die russischen Freunde fänden das kontraproduktiv. Viel besser wäre es, während der Spiele für die Sichtbarkeit homosexueller Sportler und ihrer Unterstützer zu sorgen. Symbolische Aktionen könnten klar machen, dass das Gesetz nicht nur gegen europäische und olympische Werte, sondern auch gegen Werte geht, zu denen Russland selbst sich als Mitglied des Europarats bekannt hat, als es die Europäische Menschenrechtskonvention unterschrieben habe. Noch nie sei in Russland so viel über das Thema gesprochen worden wie jetzt, darin liege auch eine Chance.

Der Kampf für die Rechte der Schwulen und Lesben in Russland müsse als Teil des allgemeinen Kampfes der Zivilgesellschaft gegen den Rückfall in den Autoritarismus gesehen werden. Putin habe sich die besonders verwundbare Minderheit der Homosexuellen ausgesucht, um seine Einschüchterungspolitik gegen alle abweichenden Meinungen und Lebensweisen an ihnen durch zu exerzieren.

Silke Burmester kommentierte auf Spiegel Online:

Ein Boykott wäre eine feine Sache. Klarmachen, dass diese Gesellschaftsordnung von der Weltgemeinschaft nicht mitgetragen wird. Dass man Repressionen nicht unterstützt. Auf der anderen Seite: Ein Boykott ist so anstrengend! Nicht nur der ganze Ärger, den die Merkel dann hat und der zukünftige Außenminister… Auch die vielen Flüge nach Sotschi, die abgesagt werden müssten. Und so ein Boykott bedeutet ja auch Konsequenzen für die Athleten. Und weil Engagement heutzutage da endet, wo es Einschränkungen für das eigene Wohl mit sich bringt, ist ein Verzicht auf die Teilnahme wirklich etwas viel verlangt.

Also, bei aller Liebe zu den Schwulen und Lesben – es gibt Grenzen. Jahrelang hat so ein Sportler auf den Wettkampf hin gearbeitet, und nun soll er oder sie nicht mitmachen, nur weil das Land, in das er fährt, einfach keine Demokratie sein und Homos diskriminieren will? Och, nö. Ja, wenn es um was Richtiges ginge. Tierbabys zum Beispiel. Oder Regenwälder. Aber Homosexuelle? […]

Also, liebe Leute, die ihr nach Sotschi fahren wollt, denkt euch was aus! Es ist ja nicht so, dass die Olympiade immer schon so körperfeindlich war wie heute, wo es Überlegungen gibt, das schöne, alte Ringen abzuschaffen. Zu Beginn der Spiele traten die Kämpfer nackt gegeneinander an, später wurde die Vorgabe der Entkleidung auf die Trainer erweitert. Logisch, bei den Winterspielen ist eine solche Idee etwas absurd, aber wenn es darum geht, den Russen zu zeigen, wo der internationale Hammer des Widerstands hängt, dann reicht es nicht aus, ein Jackie-Collins-Fotoalbum im Gepäck zu haben.

Die taz meint:

Wer angesichts dieser schwersten Menschenrechtsverletzungen einen Boykott der Spiele fordert, ist allerdings auf dem Holzweg. Präsident Wladimir Putin interessiert sich schon längst nicht mehr dafür, dass das Ausland seinen autoritären Regierungsstil kritisiert.

Auch die Annahme, die russische Führung könne Sotschi für sich instrumentalisieren, ist falsch. Oder hat sich vielleicht das Image der Ukraine nach der Ausrichtung der Fußballeuropameisterschaft 2012 nachhaltig verbessert?

Deshalb muss es jetzt darum gehen, Sotschi als Bühne zu nutzen. Gefragt wären nicht nur Sporttouristen, sondern vor allem AthletInnen, ihre Funktionäre, die Offiziellen, die Vertreter, die SportjournalistInnen. Sie genießen besonderen Schutz während der Wettkämpfe. Sie sollten ihn nutzen.

Proteste gegen Putin helfen

Eine LGBT-Aktivistin aus St. Petersburg berichtete mir, wie wichtig die Solidarität aus dem Ausland sei. Auch Proteste bei Besuchen von Putin seien sehr hilfreich. Putin müsse sich bei diesen Gelegenheiten zu dem Thema Homosexualität äußern – und meist wiegelt er wegen der Diplomatie ab. Genau solche Äußerungen könnten die Aktivisten dann innenpolitisch benutzen.

Zudem sei das Instrument des ökonomischen Drucks längst noch nicht ausgeschöpft, sagte sie mir. Möglicherweise fänden sich Verbündete in der Wirtschaft, die aus Angst um das Image des Standorts Russland mehr gesellschaftliche Freiheit forderten.

Mehrere Großveranstaltungen

Einen Vorgeschmack auf Olympia könnte indes die Leichtathletik-WM in Russland bringen, die am Sonnabend beginnt. Bis 2018 folgen unter anderem noch die erwähnten Olympischen Winterspiele, eine Eishockey-WM sowie die Fußball-Weltmeisterschaften. Sportler, Funktionäre, Politiker, Journalisten und Verbände haben also noch genügend Möglichkeiten zu zeigen, wie ernst sie es mit der Einhaltung der Menschenrechte meinen.

Vielleicht erleben wir in Sotschi dann Athleten oder Athletinnen, die sich beim Jubel nicht mit einer National- sondern einer Regenbogenflagge schmücken. Und der DOSB könnte sich klar gegen Menschenfeindlichkeit positionieren; das wäre nach dem Fall Drygalla eine erfreuliche Abwechslung.

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