Erneuter politischer Prozess gegen den Schriftsteller Dogan Akhanli

Teile der türkischen Justiz scheinen sehr darum bemüht, ihren schlechten Ruf zu bestätigen. Gestern, am 31.7., sollte eine Neuauflage des Prozesses gegen den international renommierten Schriftsteller und Menschenrechtler Dogan Akhanli stattfinden. Die Prozesseröffnung – die Dogan Akhanli gemeinsam mit Freunden von seiner Kölner Wohnung aus verfolgte – wurde von einer internationalen, 20-köpfigen Delegation unter Federführung des in der Türkei sehr bekannten Schriftstellers Günter Wallraff sowie mehrerer Politiker und Juristen beobachtet. Auch das deutsche Konsulat, das Akhanli bereits vor drei Jahren unterstützt hatte, war bei der Prozesseröffnung anwesend.

von Uri Degania

Einen Tag zuvor hatte die Delegation in einer sehr gut besuchten Pressekonferenz in Istanbul scharfe Kritik an diesem offenkundig politischen Prozess geübt. Ihr Ziel, Dogan Akhanli einen erneuten Besuch in der Türkei zu verunmöglichen und seinen Ruf als Schriftsteller und Menschenrechtler zu beschädigen, wurde nur zum Teil erreicht: Der Prozess wurde nach nur einer Stunde angesichts des beachtlichen medialen Interesses auf den 4. Oktober vertagt. Zugleich wurde ein internationaler Haftbefehl gegen Dogan Akhanli verhängt. Deutsche Behörden erklärten umgehend, dass sie diesen Haftbefehl gegen den deutschen Staatsbürger Akhanli auf keinen Fall anerkennen werden. Ein erneuter Besuch Dogan Akhanlis in der Türkei wird hierdurch jedoch vorerst unmöglich.

Seit 1989 wird Dogan Akhanli durch eine offenkundig politisch motivierte türkische Justiz verfolgt. Ihr Interesse gilt vor allem seinem Bemühen, den Völkermord an den Armeniern im Jahr 1917 sowohl literarisch als auch als Menschenrechtler in Erinnerung zu rufen. Dies verzieh ihm die türkische Justiz nie.

Dogan Akhanli auf den Internationalen Armin T. Wegner Tagen in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. Foto: Ulrich Klan.
Dogan Akhanli auf den Internationalen Armin T. Wegner Tagen in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. Foto: Ulrich Klan.

Selbst in Köln kam es gelegentlich zu Störaktionen von türkischen Fundamentalisten bei seinen gemeinsam mit armenischen, deutschen, türkischen, kurdischen und griechischen Freunden organisierten Gedenkaktionen. So wurde eine große Gedenkaktion anlässlich des 6. Jahrestages der Ermordung des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dinks am 21.1.2013 in der Kölner Universität gestört.

Der nun wieder neu aufgelegte Prozess gegen Akhanli – vor drei Jahren war er von der gleichen Justiz bereits freigesprochen worden und durfte sein Heimatland seitdem mehrfach besuchen – steht in einer Reihe mehr als fragwürdiger, politisch motivierter Verfahren gegen Journalisten, Anwälte, Rechtsanwälte und politischen Aktivisten.

Besondere Empörung lösten die politischen Gerichtsprozesse gegen die türkische Wissenschaftlerin und Feministin Pinar Selek aus: Ihr wurde in Folge ihrer wissenschaftlichen Forschungen über Minderheiten ein mehr als 20 Jahre zurückliegender Bombenanschlag vorgeworfen. Sie wurde viermal von türkischen Gerichten frei gesprochen und zum Schluss in Abwesenheit zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Das Europäische Parlament protestierte gegen dieses Unrechtsurteil. Nach einem Aufenthalt als PEN-Stipendiatin in Berlin lebt sie heute in Strasbourg.

Der erkennbare Versuch jedoch, Dogan Akhanli zum Verstummen zu bringen, die Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern weiterhin auszulöschen, ist gescheitert: Auch zahlreiche türkische Medien berichteten ausführlich über den erneuten Prozessauftakt. Alle großen deutschen Tageszeitungen waren anwesend.

Juristisch ist dieser Prozess verbunden mit einer nicht enden wollenden Kette von Peinlichkeiten: Das Revisionsgericht – das Akhanli bereits vor knapp drei Jahren in allen Punkten freigesprochen hatte – lehnte es ab, alle Akhanli entlastenden Zeugenaussagen aus den Jahren 2010 und 2011 auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Selbst die Eltern des vor knapp 25 Jahren Ermordeten hatten eindeutig erklärt, dass Akhanli auf keinen Fall der Mörder sein könne. Andere Zeugen hatten vor drei Jahren ihre früheren Aussagen widerrufen und mitgeteilt, dass sie von der türkischen Polizei zu diesen Falschaussagen genötigt worden seien. Dennoch: Der Staatsanwalt fordert eine lebenslängliche Haftstrafe für Akhanli.

Zur Erinnerung: Im August 2010 hatte Dogan Akhanli seinen todkranken Vater ein letztes Mal besuchen wollen. Bereits am Flughafen wurde er festgenommen und vier Monate lang inhaftiert. Ihm drohte eine 20-jährige Haftstrafe.

Heimat in Köln

Im Januar 2013 wurde Akhanlis Theaterstück Annes Schweigen zusammen mit dem in Berlin lebenden schweizerisch-jüdischen Regisseur Ron Rosenberg und der deutsch-armenischen Schauspielerin Bea Ehlers-Kerbekian im Bauturm Theater aufgeführt; das Stück lief auch in Berlin und in mehreren weiteren Städten, weitere Aufführungen sind geplant.

Trotz der erneuten politischen Verfolgungsmaßnahmen der türkischen Justiz: Dogan Akhanli, ein zerbrechlich wirkender, häufig lächelnder Mann, fühlt sich heute in Köln zuhause. Erstmals fühlt er sich sicher – nach 22 Jahren. 1991 war er nach Deutschland geflohen, 2001 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Seine literarischen Texte – 1995 beschloss er in einem Akt der Heimatsuche, Schriftsteller zu werden – handeln von der Heimatsuche, von Verbrechen gegen die Menschenwürde. Ein Roman thematisiert das Schicksal des jüdischen Flüchtlingsschiffes Struma, das 1942 mit 700 Flüchtlingen im Schwarzen Meer versenkt wurde. Und immer wieder thematisiert Akhanli den deutschen Völkermord sowie den türkischen Völkermord an den Armeniern. Die Deutschen hätten ihren Völkermord aufgearbeitet; dies sei in der Türkei leider bis heute in keinster Weise geschehen.

Von seinen türkischsprachigen Romanen ist einzig einer unter dem Titel Die Richter des Jüngsten Gerichts in einem kleinen österreichischen Verlag erschienen. Es bleibt zu hoffen, dass sich endlich ein größerer Verlag für eine Veröffentlichung seiner Werke entscheidet. Auch die von ihm aufgebaute Raphael Lemkin Bibliothek wartet weiterhin auf eine angemessene institutionelle Unterbringung in Köln. Die Kölner Stadtbibliothek oder aber das NS-Dokumentationszentrum wären der ideale Ort für diese Bibliothek.

Dogan Akhanlis Reaktion auf den Prozess

Auf die Wiedereröffnung eines Verfahrens und den Strafbefehl reagierte Dogan Akhanli in Köln mit Empörung und Ironie.“Ich habe gehofft, dass sie endlich mit diesem Quatsch aufhören“, bemerkt er. Er fühle sich absolut ohnmächtig, wie ein Fußball, den man in jede Richtung treten kann. „Die Verantwortlichen in der Türkei glauben, dass das in Ordnung ist, weil ich ja nur ein Ball bin. Es ist ihnen egal, wie sie mich behandeln.“ Noch Ende Januar 2013 hatte ihn die türkische Botschaft zu einem Gespräch in die bei Köln befindliche Botschaft eingeladen. Es war ein offenherziges Gespräch im Botschaftsgebäude; der Botschafter interessierte sich sehr für Akhanlis Erfahrungen in Köln und für sein literarisches Werk. Welche konkreten Interessen innerhalb der türkischen Justiz hinter dieser erneuten Machtspielen stehen vermag er nicht zu beurteilen. „Das überfordert mich, das zu verstehen.“ Immer wieder fühlt er sich an Kafka erinnert, wenn er an die Irrwege und Unwägbarkeiten, die absolute Willkür dieses Prozesses denkt. Große Dankbarkeit empfindet er für die beeindruckende Solidaritätsbewegung für sich, die er in Köln immer wieder erlebt – bis hin zum Oberbürgermeister. „Deutschland hat mich gerettet, gleich zwei Mal“, bemerkt er mit nachdenklicher Stimme.

Dogan Akhanli lässt sich durch die erneute türkische Repressionswelle nicht einschüchtern. Seinen Kontakt zu seiner ehemaligen Heimat vermag auch dieser neue Strafbefehl nicht abzutrennen. Am Tag der Prozesseröffnung beschloss er, mit dem Schreiben von neuen literarischen Stücken zu beginnen. Auf türkisch – und auf deutsch. Und ein weiteres Kölner Theater hat eine konkrete Zusammenarbeit mit ihm vereinbart.

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