„Kehrt erst einmal vor Eurer eigenen Tür!“

„Wie halten Sie es nur aus,“ wurde der jüdische Psychoanalytiker Sammy Speier einmal von einer zartfühlenden deutschen Seele gefragt, „wie halten Sie es nur aus, in Deutschland zu leben?“ Sammy Speier gab die Frage prompt zurück: „Und Sie? Wie halten Sie es aus?“ 10 Jahre nach Speiers viel zu frühem Tod erinnern wir an das Leben des Psychoanalytikers zwischen Deutschland und Israel.

Von Roland Kaufhold

„Die Erinnerung an das Weggehen von Israel ist mit ungeheuren Schamgefühlen verbunden; es war eine Nacht- und Nebelaktion meiner Eltern – selbst mein damals bester Freund durfte nicht wissen, dass meine Eltern auswandern.“ Sammy Speier ist 14 Jahre alt, als seine Eltern Israel verlassen – und ausgerechnet nach Deutschland gehen, 1958. Für ihn blieb dies ein lebenslang wirkendes Trauma. All seine Produktivität, sein Engagement vermochte dieses Trauma nicht abzumildern. Selbst sein tragischer, früher Tod, vor zehn Jahren in Frankfurt, blieb mit diesem Trauma verknüpft.

Israel hat der 1944 in Tel Aviv Geborene als Paradies in Erinnerung. Bei seiner Geburt brennen die Verbrennungsöfen von Auschwitz und Treblinka, auch ein Teil seiner Verwandten gehört zu den Opfern der Shoah. Seine Mutter, eine Pianistin, stammt aus Riga, zu Hause wurde deutsch gesprochen. Sein Vater flieht 1936 von Frankfurt am Main nach Palästina, lebt dort „das erste Jahr in Tel Aviv unter Pappkartons, ein Obdachloser“, so Sammys Erinnerungen. Seine Eltern lernen sich in Tel Aviv kennen, heiraten.  1944 kommt er als zweiter von drei Jungen zur Welt. Die in Israel geborenen Kinder sollten es besser haben. Sie leben arm, aber glücklich und frei: „Wir Kinder hatten die Straße und gutes Wetter.“

Übersiedlung nach Deutschland

Sammy Speier
Sammy Speier, Foto: © M. Speier.

Irgendwann wurde es beruflich für seine Eltern schwer, sein Vater verfügt nicht über das notwendige Durchsetzungsvermögen. Die Übersiedlung nach Deutschland wird erwogen, dann wieder verschoben. 1958 gehen sie mit tiefen Schuldgefühlen nach Deutschland, niemand durfte etwas davon wissen. Sammy fühlt sich verloren, einsam, verspürt einen Groll auf seine Eltern: „In Tel Aviv durfte ich alles, in Deutschland war Schluss damit. In Tel Aviv konnte ich Rollschuh fahren, Fahrrad fahren, Blumen austragen, um Geld zu verdienen. Ich war auf der Straße, bis es dunkel wurde – und freie Auswahl von Freundschaft. Hier in Frankfurt waren es dann die Kinder der Nazis. Hier war Angst.“ Die Sehnsucht nach Israel, nach dem Meer, dem Sand, der Luft blieb. Monatelang muss der 14jährige Sammy weinen, erlebt seine Eltern als schwach.

In der Schule in Frankfurt fühlt er sich fremd, er erlebt Beziehungsabbrüche zu Klassenkameraden, weil er Jude ist. Nachts klingelt regelmäßig das Telefon, antisemitische Beschimpfungen, sie sollten endlich von hier verschwinden.  Er geht ans Telefon, seine Eltern haben resigniert. „Es war ein Fehler aus Israel wegzugehen“, dies formulierte er auch Jahrzehnte später immer wieder.

Engagement in der linken Protestbewegung

Sammy sucht Zufluchtsorte, wie später immer wieder. Er engagiert sich mehrere Jahre lang im Jugendzentrum seiner Frankfurter jüdischen Gemeinde, wird Madrich (Gruppenleiter) des drei Jahre jüngeren Micha Brumlik. „Ich habe wenige deutsche Freunde, verbringe meine Nachmittage fast immer im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde, jahrelang gehe ich dahin, suche etwas, finde Israelis, Sprache, Vertrautheit, aber auch Unvertrautes, Fremdes.“ In der Phase der Loslösung nimmt er vorsichtig Kontakte zu deutschen Jugendlichen auf, sucht neue Zugehörigkeiten.

Er beginnt ein Studium der Psychologie an der Frankfurter Universität, nimmt Kontakte zu linken Studenten auf. 1965 stirbt sein Vater, er unterstützt seine Mutter in deren beliebten Schnellimbiss, muss das Studium für ein Jahr unterbrechen. „Ich war damals in der linken Szene. Morgens besetzte ich die Uni, abends ab sieben Uhr stand ich hinter der Theke. Der Imbiß war Tag und Nacht geöffnet.“

Dann ein Versuch einer Rückkehr nach Israel. Er geht zur israelischen Armee, soll zur kämpfenden Truppe. Hierzu ist er seelisch nicht fähig, er hält es nicht aus: „Ich will nicht töten müssen, selbst wenn es der Selbstverteidigung dient.“

Dann eine erneute Suche nach Selbstverständnis, nach emotionaler und sozialer Zugehörigkeit: Er schließt sein Studium ab und beginnt am renommierten Frankfurter Sigmund Freud Institut eine Ausbildung zum Psychoanalytiker. Politisch orientiert er sich kurzzeitig an der linksradikalen israelischen Gruppe, der Matzpen, einer winzigen Gruppierung, die den „nationalen Konsens“ ablehnt, Kontakte zu Palästinensern sucht. Im Frankfurter Bahnhofsviertel werden er und einige seiner aufbegehrenden linken israelischen Freunde von jüdischen Überlebenden verprügelt; diese fühlen sich in ihrer Existenz bedroht.

Bald jedoch folgen politische Enttäuschungen: Sammy erlebt die Verlogenheit vieler linker Gruppierungen, gerade wenn es um den jungen jüdischen Staat geht. Ende der 60er Jahre kippt der aufgesetzte Philosemitismus in primitivsten Antisemitismus und Antizionismus um. Sie, die Kinder der Mörder, wählen die gleichen „Erklärungsversuche“, die gleichen Feindbilder, die gleichen wahnhaften, mörderischen Projektionen wie ihre eigenen Väter. Eine Ausflucht aus der Geschichte, der historisch gewachsenen Verantwortung.

Das Schweigen der Deutschen

Er erlebt die Instrumentalisierung seiner Person als linker Israeli, als linker Jude. Immer wieder beschreibt er deshalb deren eigenes Schweigen angesichts der Mordtaten von deren Elterngeneration: „Was ich nicht aushalte, ist das Schweigen auf deutscher Seite. Ich muss einfach in meiner nächsten Umgebung wissen, wer die Eltern meiner Freunde sind.“ Und: „Ich kenne Kinder von SS-Männern, die aus der linken Bewegung heraus, aus dem SDS heraus, sich im Libanon von der Al Fatah ausbilden ließen – ohne Bewusstsein dafür, ohne es überhaupt zu bemerken – hochintelligente Leute, die sich wieder auf die Seite des Feindes der Juden, auf der Seite dessen, der die Juden zu vernichten trachtet, befanden. Ich frage mich oft, was wohl dahintersteckt?“ „Kehrt erst einmal vor eurer eigenen Tür. Haltet erst einmal aus, Kinder von Tätern, von Zuschauern zu sein“ hält er seinen ehemaligen politischen Freunden immer wieder entgegen.

Sammy Speier wendet sich von der 68er Bewegung weitgehend ab, vertieft seine Publikationen über kulturkritische und psychoanalytische Fragestellungen. Und er engagiert sich intensiv in der psychotherapeutischen Hilfsorganisation AMCHA für Opfer der Shoah und deren Kinder.

Er baut seine psychotherapeutische Privatpraxis auf, hat fünf Kinder, um deren Zukunft er sich große Sorgen macht. Und der frühere Matzpen-Sympathisant nähert sich seelisch wieder seiner Heimat Israel an:

„Ich bin emotional mit Israel stark verbunden, verbringe mit meiner Familie jährlich mindestens einmal dort unseren Urlaub. Ich vermittle auch auf diese Weise meinen Kindern einen Teil meiner Identität, ohne wie früher dadurch bedroht zu sein, innerlich auseinandergerissen zu werden. Ich erlaube mir weiterhin, Israel zu kritisieren, aber zugleich kann ich dieses Land, wie es ist, sehr lieben.“

Seine seelische und familiäre Wiederannäherung an Israel bedeutet ihm viel: „Ich glaube, dass ich in dieser Phase, zum ersten Mal nach meiner Ankunft in der BRD, wieder begonnen habe, Liebe zu Israel in mir zu entdecken. Erst jetzt die psychische Kraft besaß, mir diese Sehnsucht und Liebe einzugestehen, es wieder genoss Iwrith zu sprechen. Meine überbetonte Kritik an Israel in der Phase davor, sollte mir helfen, dieser drohenden innerlichen Zerreißprobe auszuweichen.“

Ein früher Tod

Sein plötzlicher Tod, im Juni 2003, er wird nur 59 Jahre alt, war von einer erschütternden Dramatik. Auch von vielen seiner psychoanalytischen Kollegen hatte er sich enttäuscht abgewendet. Auch bei ihnen vermag er keine wirkliche „Aufarbeitung“ der Geschichte wahrzunehmen.

An einem heißen Sommerabend in Frankfurt betritt Sammy Speier noch einmal die Stufen hoch zu seinem Frankfurter Sigmund Freud Institut. Lange hatten ihn seine Kollegen nicht mehr dort getroffen. Es war Schabbat, und doch hatte er seine Familie verlassen, um den Vortrag eines Kollegen zu erleben. Sammy mochte diese sommerliche Hitze, sie verband ihn mit seiner Kindheit in Israel. Oben angekommen bricht er zusammen, Herzstillstand, Bewusstlosigkeit. Nach 45 Minuten wird er in ein Krankenhaus gebracht, der Vortrag findet dennoch statt, während er mit dem Tod ringt.

Sechs Tage nach seinem Zusammenbruch stirbt Sammy Speier.

Sein jäher Tod hat viele berührt. Er, der sehr häufig Kontroversen entfacht, das Schweigen durchbrochen hat, findet am Ende besonders viele Freunde. Von ihm wollte man sich verabschieden, auf dem jüdischen Friedhof Frankfurts. An einem sehr heißen Tag versammelten sich hunderte Trauergäste – „so viele, dass sie nicht alle Platz finden in der Trauerhalle“, erinnerten sich Friedrich Markert und Esther Schapira in ihrer bewegenden Trauerrede.

Heute scheint Sammy Speier unter seinen Kollegen und in der Öffentlichkeit weitgehend vergessen.

Vielleicht ist die Erinnerung an ihn aber auch einfach verdrängt. Vermutlich hat er bei den Menschen, die ihn kannten, sehr viel an Eindrücken hinterlassen, und viele erkennen erst im Laufe der Jahre nach seinem Tod, welchen Wahrheitsgehalt seine Theorien und Visionen hatten – und haben.

Roland Kaufhold (2012): Der Psychoanalytiker Sammy Speier (2.5.1944 – 19.6.2003): ein Leben mit dem Verlust oder: „Kehrt erst einmal vor der eigenen Tür!“. In: Roland Kaufhold & Bernd Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten nach dem Holocaust in Deutschland. Schwerpunktband der Zeitschrift Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung Heft 1/2012, S. 96-112.

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