Die Schrecken der Terrorherrschaft

Die Französische Revolution (1789-1799) ist ein Schlüsselereignis der Geschichte der Neuzeit. Insbesondere markiert diese Revolution den Ausgangspunkt einer bis heute vorwärtsschreitenden Demokratiebewegung. Doch die Revolution steht auch exemplarisch für den Wahn des Nationalismus und die Schrecken der modernen Diktatur. Der Film “Danton“ thematisiert die Phase des diktatorischen Terrors der Revolution auf politisch-philosophisch anspruchsvolle Weise.

Von Stefan Kubon

Der Film behandelt eine relativ kurze Zeitspanne im Frühjahr 1794. Einiges von großer Bedeutung hatte sich in den vorangegangenen Revolutionsjahren ereignet: Am 26. August 1789 wurden die Menschen- und Bürgerrechte proklamiert. Am 3. September 1791 verabschiedete die Nationalversammlung eine Verfassung, die für Frankreich die Staatsform einer

Bild: Screenshot.
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konstitutionellen Monarchie festlegte, in der die Gewaltenteilung und das Zensuswahlrecht gelten sollten. Auch weil die Kräfte der Reaktion versuchten, die Errungenschaften der Revolution zu beseitigen, radikalisierte sich diese in den Jahren 1792 bis 1794: Am 22. September 1792 wurde Frankreich zur Republik. Die Hinrichtung des Königs, Ludwig XVI., erfolgte am 21. Januar 1793. Eine republikanische Verfassung wurde am 24. Juni 1793 beschlossen. Im Sommer 1793 begann die diktatorische Terrorherrschaft der Jakobiner, die am 27. Juli 1794 endete.

Im Film, dessen Handlung weitgehend den tatsächlichen historischen Begebenheiten entspricht, kehrt Georges Danton (1759-1794) im Frühjahr 1794 nach Paris zurück, um den Terror der herrschenden Jakobiner zu beenden. Danton ist ein bekannter Revolutionär, der sich auf dem Land eine Pause von der Politik gegönnt hat. Bei der Ausübung des Terrors spielt Maximilien Robespierre (1758-1794) eine führende Rolle. Obgleich beide Männer Jakobiner sind, scheint sie wenig zu verbinden: Danton ist ein lebenslustiger Volksheld, hingegen wirkt Robespierre wie ein abgehobener Technokrat.

Jeder kann Opfer des Terrors werden

Das Trennende zwischen den beiden Männern spiegelt die prekäre Lage der Jakobinerpartei im Ganzen wider, denn diese ist ein zerstrittener Haufen. Misstrauen und Intrigen bestimmen das Geschehen. Man beschuldigt sich gegenseitig, die Revolution zu verraten bzw. die Kräfte der Reaktion zu stärken. Jede Gruppe befürchtet, womöglich sehr bald von der Gegenseite eliminiert zu werden. Niemand scheint davor sicher zu sein, demnächst verhaftet, verurteilt und durch die Guillotine getötet zu werden.

Danton und Robespierre gelten als die zwei mächtigsten Männer der Partei. Zudem repräsentieren sie die beiden wichtigsten Konfliktgruppen. Durch Vertreter beider Gruppen wird ein vertrauliches Gespräch zwischen Danton und Robespierre arrangiert. Dabei ist es die Absicht beider Parteiflügel, durch dieses Gespräch die eigene Machtstellung zu stärken. Während des Gesprächs versucht Robespierre Danton davon zu überzeugen, dass es für das Gelingen der Revolution weiterhin unabdingbar ist, auch mit den Mitteln des Terrors gegen tatsächliche oder vermeintliche Anhänger der Konterrevolution vorzugehen.

Die Lage spitzt sich weiter zu

Bild: Screenshot.
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Außerdem fordert Robespierre Danton dazu auf, sich ihm und seinen Anhängern anzuschließen – und Robespierre droht: Falls Danton dieser Forderung nicht entspricht, könne er sehr bald selbst ein Opfer des Terrors werden. Doch Danton lehnt es ab, die Seiten zu wechseln. Auch deshalb endet das Gespräch im Streit. Die Lage für Danton und seine Anhänger, denen die regierenden Jakobiner nicht ganz zu Unrecht auch Putschabsichten unterstellen, wird immer gefährlicher. Schließlich kommt es zur Verhaftung von Danton und seinen Gefolgsleuten.

Das Gericht vor dem sich Danton und seine Anhänger verantworten müssen, ist das sogenannte Revolutionstribunal. Es handelt sich hierbei um ein Gericht, das speziell dafür geschaffen wurde, um die Revolution zu schützen bzw. ihre Gegner zu richten. Der Treppenwitz dabei: Dieses Tribunal war ursprünglich auf Anregung Dantons gegründet worden.

Von der Demokratie zur Diktatur  

Im Verlauf der Gerichtsverhandlung wird deutlich, dass es die Regierung, also der sogenannte Wohlfahrtsausschuss unter der Führung Robespierres, bereits weitgehend geschafft hat, Frankreich in eine Diktatur zu verwandeln. Insbesondere scheint die Trennung von Exekutive und Judikative, die in einer Demokratie üblich ist, aufgehoben zu sein. Denn tatsächlich nimmt der Wohlfahrtsausschuss und der diesem beigeordnete Sicherheitsausschuss (eine Art Geheimpolizei) massiv Einfluss auf den Verlauf des Verfahrens: Robespierre und seine Anhänger drängen den Richter des Tribunals dazu, die zum Teil noch vorhandenen rechtsstaatlichen Prinzipien auszuhebeln, um sicherzustellen, dass Danton und seine Männer zum Tode verurteilt werden.

Die Regierung manipuliert Beweise bzw. zwingt Zeugen dazu, Falschaussagen zu machen. Außerdem sorgt sie dafür, dass die Anzahl der gesetzlich vorgeschriebenen Geschworenen reduziert wird. Im Verlauf des Prozesses werden die Rechte der Angeklagten immer mehr eingeschränkt. Die Verurteilung der Angeklagten scheint von Anfang an festzustehen. Eine Unschuldsvermutung, wie sie in jedem demokratischen Rechtsstaat Usus ist, existiert nicht.

Schließlich werden Danton und seine Anhänger von der Verhandlung ausgeschlossen. Der Richter möchte damit unter anderem erreichen, dass Dantons Redetalent keine Wirkung mehr entfalten kann. Denn tatsächlich war es Danton bereits mehrfach gelungen, das anwesende Publikum durch seine überzeugende Verteidigungsrede auf seine Seite zu ziehen.

Ende der Pressefreiheit

Bereits im Vorfeld der Gerichtsverhandlung hatte die Regierung die Pressefreiheit eingeschränkt – und während des Prozesses versucht sie, diese noch weiter zu beschneiden. Denn Robespierre und seine Anhänger wissen: Danton ist im Volk beliebt, würde das Volk erfahren, was das Tribunal mit ihm und seinen Anhängern wirklich treibt, könnte es zu einem Aufstand gegen die herrschenden Jakobiner kommen. Eine Presse, die für eine kritische Öffentlichkeit sorgt, ist bekanntlich der Albtraum jeder diktatorischen Regierung.

Danton Screenshot 2
Bild: Screenshot.

Angesichts der massiven Einflussnahme der Regierung überrascht es nicht, dass Danton und seine Männer vom Tribunal schuldig gesprochen werden. Als Verschwörer bzw. Konterrevolutionäre werden sie durch die Guillotine hingerichtet. Auch im Film wird dieser Vorgang mit der bekannten Formel “Die Revolution frisst ihre Kinder“ beschrieben. Festzuhalten bleibt vor allem Folgendes: Die Verhandlung war kein rechtsstaatliches Verfahren, sondern ein politischer Prozess im Sinne der diktatorischen Regierung.

Der Film stellt äußerst wichtige Fragen

Mit der Hinrichtungsszene ist der Film fast an seinem Ende angelangt, doch ganz zum Schluss bekommt der Zuschauer noch einen seelisch stark zerrütteten Robespierre zu sehen. Der Grund seiner Seelenpein: Er glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass es richtig war, Danton und seine Anhänger hinzurichten und mit den Mitteln des Terrors zu regieren. Seines Erachtens hat die Revolution die falsche Richtung eingeschlagen.

Doch damit nicht genug: Robespierre zweifelt auch an der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit der Revolution bzw. an ihrer wesentlichen Idee: der Demokratie. So ist er nicht mehr davon überzeugt, dass sich die Idee der Vernunft und der Gedanke der Volksherrschaft gemeinsam verwirklichen lassen. Denn er traut es dem Volk nicht mehr zu, vernünftig zu regieren. Vielmehr scheint es ihm, dass das Volk durch eine Erziehungsdiktatur zu einer tugendhaften Lebensführung gezwungen werden muss. Dann ist aber die Demokratie, an die er doch selbst geglaubt hat, eine Lüge. Obgleich am Ende noch einmal Robespierre in den Fokus gerückt wird, spielt seine Hinrichtung, die am 28. Juli 1794 erfolgte, im Film keine Rolle mehr.

Nicht nur am Ende, sondern während des gesamten Films wird der Zuschauer mit sehr wichtigen politisch-philosophischen Fragestellungen konfrontiert. So wirft der Film unter anderem folgende Fragen auf: Heiligt der Zweck die Mittel? Wird derjenige, der mit Drachen kämpft, früher oder später selbst zum Drachen? Gibt es einen historischen Fortschritt? Ist der Mensch frei in seinen Entscheidungen? Wird alles, was geschieht von einer übermenschlichen Schicksalsmacht bestimmt? Was ist Demokratie? Welche Freiheiten dürfen die Feinde der Demokratie in einer Demokratie genießen? Darf eine Minderheit geopfert werden, damit eine Mehrheit überleben kann? Wo sind die Grenzen der Freiheit des Einzelnen? Was ist Gerechtigkeit? Ist der Mensch gut oder böse? Gibt es eine objektive (politische) Wahrheit?

Einer der sehenswertesten politischen Filme, die es gibt

Der Film, der immerhin über zwei Stunden dauert, ist durchweg sehr spannend gestaltet. Erfreulicherweise gibt es kaum Gewaltszenen. Nur am Ende, bei der Enthauptung von Danton und seinen Gefolgsleuten, wird es blutig. Danton wird von Gérard Depardieu überaus packend dargestellt. Und auch die anderen Schauspieler überzeugen vollends in ihren Rollen. Die musikalische Untermalung des Films kann als eher zurückhaltend bezeichnet werden. Trotzdem ist sie sehr gelungen bzw. wirkungsvoll. Passenderweise kommen zumeist bedrohlich anmutende Klänge zum Einsatz.

Der Film lebt vor allem von den oben skizzierten Fragestellungen, die dem Zuschauer durch sehr bewegende Dialoge nahegebracht werden. Selbstverständlich spielen bei den meisten Dialogen die Ideen der Aufklärung eine zentrale Rolle. Denn schließlich gilt die Französische Revolution als ein Ereignis, bei dem vor allem um die Verwirklichung dieser Ideen gerungen wurde. Insbesondere wird deutlich, dass sich Robespierre sehr stark mit den Vorstellungen des Aufklärers Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) auseinandergesetzt hat.

“Danton“ ist zweifellos einer der wichtigsten politischen Filme, die es gibt. Nun ist er endlich als deutschsprachige DVD erhältlich. Gedreht wurde der Streifen 1982 unter der Regie von Andrzej Wajda. Die Veröffentlichung erfolgte ein Jahr später. Wajda ist einer der bedeutendsten Regisseure Polens. “Danton“ ist auch als Anspielung auf die schwierige politische Lage Polens während der kommunistischen Herrschaftsphase zu verstehen. Der Film basiert auf dem Theaterstück “Die Sache Danton“ von Stanislawa Przybyszewska (1901-1935).

“Danton“. Regie: Andrzej Wajda. Mit Gérard Depardieu, Wojciech Pszoniak, Patrice Chéreau u. a. Frankreich/Polen/Deutschland 1982, 130 Minuten.

10 thoughts on “Die Schrecken der Terrorherrschaft

  1. Es kotzt mich ehrlich gesagt an, einen tendenziösen, sachlich oberflächlichen und in seiner Handhabe der historischen Tatsachen willentlich ignoranten Film so gelobt zu sehen!

    Dieser Film ist eine skrupellose Glorifizierung des korrupten, geilen und tyrannischen Danton! Man lese sich doch mal einschlägige wissenschaftliche (=nicht polemische) Erörterungen der Frage durch, inwiefern Danton für die soge. Septembermorde verantwortlich war.
    Analog zur Glorifizierung von Danton (und Demoulins gleich mit; siehe: Tod des Danton von Büchner) geht die Verteuflung von Robespieere, Saint-Just, Couthon etc. einher. Ganz aus dem Glick gerät dabei, dass der terreur eine Folge der innen- und außenpolitischen Entwickungen gewesen ist! (konterrevolutionärer Vendee-Aufstand; konterrevolutionäre preuß.-österr. Koalitonsstruppen; Blockade vieler, einahe aller Häfen durch die engländer, permanente Subversrion und antirevolutionäre Hetze durch eidverweigernde Priester etc.)

    Wer sich eingehender und sachlicher mit diesem wichtigen Thema beschäftigen möchte, dem seien die großen französischen Histroiker Michelet, Soboul, Barthiez empfohlen; zum Thema terreur 93-94, R.R. Palmer „Twelve who ruled“.

    Sape audere!

  2. Ich kann mich HenningM nur anschliessen. Der Mythos vom „terreur“ dient seit kurz nach der Frz. Revolution dazu, diese und die meisten nachfolgenden Revolutionen zu delegitimieren. Die Entwicklung der Russischen Revolution hin zu Stalins Grossem Terror, so heisst das dann, ist nur die Spiegelung der Entwicklung von 1792, und im Mikrokosmos der frz. Rev. zeigt sich das grundsätzliche Modell – und damit das Scheitern im Terror – jedes Revolutionsversuchs. Das ist eine Delegitimierungsstrategie, keine historische Kritik, die durchaus (in beiden Fällen) notwendig wäre (und auch schon von unzähligen Autoren vorgenommen wurde).

    Wajda ist ein nationalistischer Regisseur, dessen Filme den polnischen Nationalmythos von der Zeit zwischen 1939 und 1989 als ununterschiedene „Fremdherrschaft“, unter der die Polen nur Opfer (oder Märtyrer für die Nation, vgl. „Kanal“) waren, fortschreiben. Insofern kann sein Danton-Film als allegorische (und, angesichts vieler Vorbilder, nicht besonders originelle) Anklage der Oktoberrevolution verstanden werden, nicht jedoch als akkurate Darstellung historischer Ereignisse. Büchner ist wesentlich differenzierter und stellt Danton keineswegs als den demokratischen Helden seines Stücks dar.

  3. Bernardo: Haben sie der Kanal gesehen? Der Film wurde 1956 in Polen veröffentlicht. Ich denke das sagt schon einige und auch Donton wurde 1982 was ebenso berücksichtigt werden kann.
    Was Wajda und die Unterstellung des Nationalismus und Antikommunismus anbelangt liegen sie richtig was seine aktuelle Entwicklung und Aussagen anbelangt.
    Aber aufgrund dessen auf seine Werke von 1956 und 1982 zurückzuschließen und Ding zu interpretieren finde ich falsch.
    Wajdas Filme bis 1989 waren eine sinnvolle Beitrag zur Hinterfragung zu den Fehlentwicklung des Sozialismus unter Stalin. Sie stellten die Frage der Möglichkeit und Notwendigkeit der Opposition. Auch so würde ich Danton interpretieren und nicht mehr. Er war ein Ausgangspunkt zu Belebung der polnischen Kultur. Was nun daraus geworden ist das ist daher um so bedauerlicher, auch wenn Wajda sich dagegen wehrt.
    Natürlich ist die Frage berechtigt ob die jetzige Entwicklung auch eine Indiz ist für sein wahres Gesicht der Filme bis 1989. Ich persönlich will Andrej Wajda da nichts unerstellen. Ich sehe auch keine Anhaltspunkte dafür lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

    Wenn sie einen Film von Wajda für Nationalismus kritisieren wollen, dann fände ich Katyn viel passender. Aber wie sie das angesichts von 20.000 Toten, darunter auch die Elite der polnischen KP und viele fortschrittliche denkende Menschen tun wollen, darauf bin ich gespannt … und dazu den Bogen spannen wollen zu einer Kritik des AKTUELLEN Antikommunismus und Nationalismus von Wajda das ist nicht einfach. Für den polnische Mainstream, nicht nur Konservative und Rechte (!), ist dies völlig mißverständlich und letztendlich werden sie wahrscheinlich, wie ich, einfach vor folgendem Totschlagargument sich nicht verschließen können: Der nicht vorhanden Lebenserfahrung im real existierenden Sozialismus in Polen.

  4. @gallendieter: Kanal als einer seiner frühen Filme zeigt gerade, wie stark Wajdas Werk vom polnischen Nationalismus beeinflusst ist. Kanal ist eine Hymne auf die heldenhaften polnischen Märtyrer, die kämpfen, obwohl sie genau wissen, dass der Kampf verloren ist (obwohl zwei aus der Gruppe aus dem Kanal herausfinden, gehen sie wieder zurück, um nach den anderen zu suchen, wohl wissend, dass das ein praktisch unmögliches Unterfangen ist). Das ist sozusagen die Norman Davies-Version des Warschauer Aufstandes, nicht die historisch wesentlich differenzierter argumentierende von Wlodzimierz Borodziej.

    Als zeitgenössisches Gegenbeispiel zu Wajda, schauen Sie sich mal die Filme von Andrzej Munk an, der den Heldenmythos auf geniale und teilweise humorvolle Weise dekonstruiert (Pasazerka oder Eroica) und dennoch die sozialistische Herrschaft satirisch aufs Korn nimmt (Zezowate Szczescie).

    Wajda ist dort stark, wo er sich am sozialistischen Heldenmythos abarbeitet (Mann aus Marmor). Aber der Nationalismus ist bereits im Frühwerk, und gerade in Kanal, offensichtlich. Katyn ist natürlich die Übersteigerung dessen. Und Danton gegen den bösen Robespierre als Revolutionsallegorie war schon damals ein alter Hut.

    Weder bei Kanal noch bei Katyn will ich irgendwas gegen die Tragik, das tatsächlich vorhandene Heldentum im Widerstand oder die Brutalität der deutschen wie sowjetischen Besatzungsmacht sagen. Dennoch zeigt Wajda in Schlüsselszenen (Polen auf der Brücke, Deutsche zur einen, Sowjets zu anderen Seite), wie sehr er das zum nationalistischen Mythos der Fremdherrschaft überhöht. Meine polnischen Freunde und Bekannten, davon auch solche mit viel Lebens- und Widerstandserfahrung im Sozialismus, mögen Wajda alle nicht. Wie gesagt: Munk anschauen, oder Piwowksis grossartige Komödie „Rejs“ (gibts inzwischen alle mit Untertiteln). Macht mehr Spass und ist ätzend kritisch gegenüber den sozialistischen Lebensrealitäten in Polen.

  5. Ich mag ihn auch nicht. Bzgl der Einordnung finde ich es schon einen interessanten Punkt ob er damals schon diesen nationalistischen Mythos betrieben hat und welche Rolle er dabei spielt, dass sich dieser Mythos im Mainstream so etabliert hat. Was meinen denn Ihre polnischen Freunde dazu?
    Vielen Dank auch für die Filmtips.

  6. Also, wie gesagt, ich finde Kanal zeigt das sehr gut; meiner Meinung nach ist Wajda der wichtigste Regisseur für diesen nationalistischen Zug in Polen. Wie weit er eine Rolle dabei gespielt hat, dass dieser Mythos sich im Mainstream etabliert hat, kann ich nicht sagen. Das kommt aus vielen Quellen: Kirche, AK, Vorkriegspolitik, Teile von Solidarnosc, Schule. Nachdem die Sozialisten diesen Mythos zuerst unterdrücken wollten, haben sie irgendwann wohl erkannt, dass sie den inkorporieren müssen. Ist ihnen aber nicht so ganz gelungen (Es gibt eine schräge alte Fernsehserie, Kommissar Kloss, die sich um einen polnischen Widerstandskämpfer dreht, der für die Sowjets bei der SS spioniert. Er hat gute Kontakte zum polnischen Widerstand, wobei die AK nie genau benannt wird. Da versuchten sie wohl den nationalistischen antifaschistischen Widerstand zu vereinnahmen, nachdem sie vorher die Erinnerung an die AK massiv unterdrückt hatten). Meine polnischen Freunde, eher linksliberale, finden den Nationalismus ziemlich widerlich, und sehen Wajda als einen Regisseur, der Hollywoodschinken für Polen macht, mit ganz männlichen mackerigen Helden und so. Und Katyn fanden wir alle grauenhaft. Vor allem natürlich, da das ein Nationalismus ist, wie er zur Zeit von den rechten Parteien vertreten wird.

  7. Was ist denn der Unterschied zwischen dem der rechten Parteien und dem im Mainstream etablierten Nationalismus aus Ihrer Sicht und der ihrer polnischen Freunde? Also ich sehe da keinen großen Unterschied.
    Wenn ich bedenke dass Komorowski am 11.11.12 beim Dmowski-Denkmal einen Kranz abgelegt hat und ein paar Stunden später dann tausende Anhänger aus dem rechten Lager auch bei Dmowski vorbeilaufen sehe ich da in dem Beispiel nur einen räumlichen und zeitlichen Unterschied.
    Ich persönlich betrachte diese Art von Nationalismus als einen Bestandteil des in Polen weit akzeptierten Ethnopluralismus. In Ungarn ist das noch viel weiter vorangeschritten. (Steht ja sogar in der Verfasssung) Doch die polnischen Politiker haben durch die Festlegung , des 23. März als Tag der polnisch ungarischen Freundschaft (Polak, Węgier — dwa bratanki) die Richtung vorgegeben.
    Ich glaube das ist auch der Punkt weshalb wir wegen Wajda da eine unterschiedliche Interpretation haben. Dieser Ethnopluralismus hat sich erst nach 1989 ausgebreitet und spielte in den Filmen Wajdas davor auch keine Rolle.

  8. Ich schliesse mich HenningM ebenfalls an, was die Einschätzung des Films betrifft. Die populäre Geschichtsschreibung neigt leider immernoch dazu, komplexe historische Begebenheiten auf angebliche Zweikämpfe zwischen „Titanen“ herunterzubrechen. In diesem Fall waren sowohl Danton als auch Robespierre keinesfalls die grossen Antipoden, als die sie gerne dargestellt werden, sondern zwei Personen unter vielen (zugegebenermassen zwei prominente Personen), die in einer Situation der Intrige, des krieges, der staatlichen Unsicherheit versucht haben, irgendwie etwas von den Idealen der Revolution zu retten, und tatsächlich war wohl Robespierre derjenige, der von beiden eher derjenige war, dem es um die Demokratie ging.
    Ausgewogener ist da die TV-Sendung „La camera explore le temps: La terreur et la vertu“ aus den 1960er Jahren.

    Büchner ist m.E. übrigens auch alles andere als ein Dantonist, leider auch dies falsch rezipiert.

    Wajda selbst ist bekanntlich nicht der Einzige, der eine solche geschichtsschreibung betreibt, aber es bleibt mir persönlich doch ein schaler Nachgeschmack, wenn am Schluss eines solch tendenzösen Films der „Böse“, Robespierre, seine dubiose befriedigung darau^s zieht, dass der Sohn Duplay ausgerechnet die Menschenrechte (in der Fassung von 1793) zitiert: das wirft dann doch ein bestimmtes Licht auf Wajda…

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