Wimbledon: Volkssport Sexismus

Die Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli – eine erfolgreiche Frau auf dem bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere, ein durchtrainierter Körper, ein strahlendes Lächeln? Fehlanzeige. Ein englischer Reporter und viele Twitter-User wollen sich ihren Sexismus nicht kaputtmachen lassen. 

Von Nicole Selmer 

Marion Bartoli ist professionelle Tennisspielerin. Sie hat am vergangenen Samstag das Finale von Wimbledon gewonnen – so ziemlich das Größte, was sich in diesem Sport erreichen lässt. Der BBC-Radioreporter John Inverdale nahm das zum Anlass, laut über ihr Äußeres nachzudenken – möglicherweise habe ihr Vater sie in ihrer Kindheit schon darauf hingewiesen, dass sie ohnehin nie gut aussehen werde („never going to be a looker“) und sich deswegen besser aufs Kämpfen konzentrieren solle. Die Worte von Inverdale sind  nur Teil einer größeren vor allem bei Twitter präsenten Reihe von Beschimpfungen von Bartoli und Kommentaren zur unterlegenen Spielerin Sabine Lisicki.

Marion Bartoli, 2011, Foto: Scott Kilbourne (flickr.com)
Marion Bartoli, 2011, Foto: Scott Kilbourne (flickr.com)

Selbstgewisser Sexismus
Die Bemerkungen des BBC-Reporters verlassen sich ebenso wie zahlreiche der Twitter-Posts darauf, selbstgewiss über körperliche Attraktivität von Frauen und deren sexuelle Verfügbarkeit zu entscheiden. Das gilt für die negativen Kommentare zu Bartoli ebenso wie für die – vermeintlich positiven – über Lisicki und ihr attraktives Äußeres. Bartoli für „fat“ und „ugly“ zu erklären und ihr deswegen das Recht auf den Sieg abzusprechen, ist leicht als sexistische Beleidigung zu erkennen, die Klassifikation von Lisicki als „fuckable“ ist allerdings nicht weniger sexistisch. In beiden Fällen steht hinter den Kommentaren das Bemühen, zwei Menschen, die in den vergangenen Tagen gerade die größten Triumphe ihrer bisherigen Karriere erreicht haben, nicht als professionelle Sportlerinnen wahrzunehmen, sondern als Frauen, über deren Aussehen frei und willkürlich geurteilt werden darf. Letzten Endes sagen die Kommentare damit weniger über Bartoli und Lisicki selbst, sondern sie befestigen – angesichts von zwei erfolgreichen Frauen – die Überlegenheit der (in aller Regel) männlichen Kommentatoren. Die Spielerinnen mögen das Finale von Wimbledon erreicht haben, aber was ist diese Leistung schon wert verglichen mit einem schnellen Spruch oder dem Tippen von 140 Zeichen über ihre Körper? Die BBC und Inverdale entschuldigten sich für die Worte. Nicht genug, wie Tanya Gold im Guardian schreibt: Inverdale hätte entlassen gehört, stattdessen durfte er auch das Finale der Herren kommentieren, selbstverständlich ohne sich über das Äußere des Siegers Andy Murray zu mokieren.

Perfide Abwertung
Auf den ersten Blick scheint es falsch, sich überhaupt auf die vermeintlichen Argumente von Attraktivität und Unattraktivität einzulassen. Eine einfache  Bildersuche zum Stichwort „Marion Bartoli“ allerdings zeigt eine weitere perfide Facette der Angriffe gegen sie: Bartoli mag nicht blond und langbeinig sein, aber nach gängigen westlichen Schönheitskriterien ist sie eine attraktive Frau. Der von Inverdale und den Twitter-Kommentaren vorgeführte Sexismus – die Klassifizierung in hässlich und schön, sexuell attraktiv oder unattraktiv, „echte“ und „falsche“ Frauen – folgt keiner Logik, die sich verstehen ließe und der Frauen, so sie es denn wollten, gehorchen könnten. Er ist eben deswegen so perfide, weil er unberechenbar ist und selbst den trainierten gesunden Frauenkörper, lange Haare und ein strahlendes Lächeln von einer Sekunde auf die andere als „ugly“ brandmarken kann. Es geht nicht um die Bewertung von Attraktivität, es geht um die Abwertung von Frauen.

Marion Bartoli selbst hat darauf bereits eine Antwort gegeben, indem sie sich den Anforderungen von Radioreporter und Twitter-Schreibern verweigerte: „Ich bin nicht blond, ja. Das ist eine Tatsache. Habe ich je von einem Modelvertrag geträumt? Nein, sorry. Aber habe ich davon geträumt, Wimbledon zu gewinnen? Absolut, ja.“

Anbei ein Interview mit Marion Bartoli, das sich um die sportlichen Aspekte des Finales dreht:

Siehe auch: Sexismus: Fernsehkritik mit BauchwehDie FDP und der Sexismus gegen MännerBrüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!In einem fernen Land …,

5 thoughts on “Wimbledon: Volkssport Sexismus

  1. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was in sozialen Netzwerken los wahr. Ich hab Facebook nicht mehr ertragen an dem Tag, Heulsuse war da noch das höflichste Wort…

  2. Wieso werden hier nur genehme Kommentare zugelassen?

    Ist das euer Verständnis von Fairness und Offenheit?

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