„Wake up Gera“ – 1.000 gegen 700 beim Rock für Deutschland

Rund 1.000 Personen haben am Samstag, d. 6.07.2013, in Gera gegen das RechtsRock-Open-Air „Rock für Deutschland“ (RfD) protestiert. Mit 700 Neonazis blieb die Besucherzahl des extrem rechten Events im Vorjahresvergleich konstant – damit ist das mittlerweile zum 11. Mal stattgefundene „RfD“ das einzige Open Air Event in Thüringen, das nicht unter einem Publikumsrückgang leidet.

Von Kai Budler

Bereits am Donnerstagnachmittag hatten Nazigegner mit einem spontanen Protestcamp die Wiese am Hauptbahnhof von Gera besetzt, auf der das extrem Gera Besetzungrechte Open Air stattfinden sollte, waren aber am Freitagmorgen von der Polizei geräumt worden. Doch auch während des Bühnenaufbaus hatten die Neonazis in Gera keine Ruhe: Mit gleich fünf Kundgebungen rund um das Gelände machte das „Aktionsbündnis Gera“ seinem Unmut Luft. Am Samstag selbst zogen knapp 700 Personen in einer Protestdemonstration vor den Bahnhof, bei der anschließenden Kundgebung wuchs ihre Zahl auf knapp 1.000 Personen an. Von dort wehte laute Musik über den Veranstaltungsort der Neonazis, immer wieder waren schon zur Eröffnung Sprechchöre und Rufe gegen Nazis zu hören. Die anfangs etwa 300 Besucher des Open Airs mussten ohne den amtierenden Landesvorsitzenden der NPD in Thüringen, Patrick Wieschke, auskommen, wie dessen Vorgänger Frank Schwerdt auf der Bühne erklärte. Der 1944 geborene stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD und Mitglied im Erfurter Stadtrat nutzte die Chance, um die Neonazis vor der Bundestagswahl auf die NPD einzuschwören. Um die Frauen im Publikum einzubinden, griff die Berlinerin Maria Fank vom „Ring nationaler Frauen“ (RNF) zum Mikrofon. Die Rede des RNF-Bundesvorstandsmitglieds dürfte auch dem männlichen Teil der Besucher gefallen haben, mit ihrer polemischen Hetze gegen „Negerstämme“ und Homosexuelle erntete sie bei den Neonazis mehr Applaus als ihr Vorgänger. Für Irritationen sorgte eine etwa 30-köpfige Gruppe von Nazigegnern, die vor der Bühne mit bedruckten T-Shirts posierte. Aneinander gereiht wurde das Motto der Proteste „Feste feiern ohne Nazis“ sichtbar. Eine ähnliche Aktion der Neonazis ging im Gegenprotest unter. War es den Organisatoren schon schwer genug gefallen, 30 nicht vorbestrafte Teilnehmer zu finden, konnten die extrem rechte Gruppe nur unter massivem Polizeischutz vor dem Bahnhof posieren. Hunderte von Gegendemonstranten, ihre Sprechchöre und Sambarythmen sorgten dafür, dass die Neonazis schnell wieder auf das umzäunte Gelände verschwanden. Neben Rednern warteten dort unter anderem die Rectsrockbands „Exzess“, „Stimme der Vergeltung“ und die „Lunikoff-Verschwörung“ auf sie.

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Gewalt als zentraler Teil der Ideologie

Anders als im vergangenen Jahr zierte die Bühne dieses Mal nicht das Transparent des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS), aus dessen Reihen das

"Rock für Deutschland 2012": Bühnen-Deko mit klarer Botschaft (Foto: M.S.)
„Rock für Deutschland 2012“: Bühnen-Deko mit klarer Botschaft (Foto: M.S.)

rechtsterroristische Netzwerk „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) hervor gegangen war. Doch auch wenn das offene Bekenntnis fehlte, zeigten Spendendosen „für die inhaftierten Kameraden“ und T-Shirts mit dem Aufdruck „Freiheit für Wolle“ die Sympathien mit dem mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben und anderen militanten Neonazis, die sich wegen Gewalttaten vor Gericht verantworten müssen oder eine Haftstrafe absitzen. Denn nach wie vor ist Gewalt ein zentraler Teil der extrem rechten Ideologie, das zeigten in Gera nicht nur T-Shirts mit Aufdrucken wie „Jesus konnte angeblich übers Wasser gehen, ich geh über Leichen“. Auch die Reaktionen der Neonazis auf ein Cover des Liedes „Schwarz ist die Nacht“ der Rechtsrock-Band „Frontalkraft“ sprach Bände. Während der Sänger auf der Bühne brüllt „Schwarz ist die Nacht, in der wir euch kriegen, weiß sind die Männer, die für Deutschland siegen, Rot ist das Blut auf dem Asphalt“, singen die Neonazis textsicher mit und recken die Fäuste. Noch immer ist Rechtsrock die Begleitmusik zu Mord und Totschlag, Veranstaltungen wie das „Rock für Deutschland“ bieten ihr dafür eine legale Bühne. Für die Mobile Beratung in Thüringen (MOBIT) resümierte Mikis Rieb auf dem Open Air, vollzögen „NPD und gewaltbereite ‚Freie Kräfte‘ den Schulterschluss“. Er kritisierte, „dass Neonazis erneut offen ihre menschenverachtende Ideologie mitten in der Innenstadt von Gera zur Schau stellen und diese bei RechtsRock geradezu zelebrieren“.

7 thoughts on “„Wake up Gera“ – 1.000 gegen 700 beim Rock für Deutschland

  1. Zum Glück haben die Gegendemonstranten „GERA WAKE UP“ wenigstens auf Englisch geschrieben. „Gera erwache!“ wäre irgendwie doch peinlich gewesen.

  2. „Mit 700 Neonazis blieb die Besucherzahl des extrem rechten Events im Vorjahresvergleich konstant“

    2009 spielte Lunikoff Verschwörung noch beim „Rock für Deutschland“ in Gera vor 4,000 Nazis. Also schon eine starke Abnahme an Interesse.
    Im Übrigen:
    2010 waren es noch 1,200.
    2011 waren es 550.
    2012 waren es nochmal 700.
    2013 nochmal 700. Verglichen mit den 4,000 von vor 4 Jahren ein ordentlich deutlicher Rückgang trotz identischem Hauptact.

  3. „damit ist das mittlerweile zum 11. Mal stattgefundene „RfD“ das einzige Open Air Event in Thüringen, das nicht unter einem Publikumsrückgang leidet.“

    Das Folk-, Roots- und Weltmusikfestival in Rudolstadt (Thüringen) war erstmals ausverkauft.

    Anm. d. Red.:

    Es geht natürlich im Text um Neonazi-Festivals!

  4. Es scheint, daß der Veranstalter mit der Verpflichtung von Lunikoff Verschwörung darauf gehofft hatte, an Zuschauer-Zahlen von 2009 anknüpfen zu können und wieder in den vierstelligen Bereich aufrücken zu können. Ein nicht zu verachtender finanzieller Erfolg. Alles, wo Landser-Regener noch vor paar Jahren aufgetreten ist, hat ja die Kassen gut klingeln lassen. Allerdings muß 700 eine herbe Enttäuschung gewesen sein.

  5. Wie es heist war die angebliche „Erstürmung“ des Nazigeländes ein PR-Gag der mit Polizei und Neonazis abgesprochen worden sein soll, man wollte lediglich ein solches Foto produzieren und ist dann in Geleitschutz der Polizei kurz drauf gegangen und wieder runter. Als Gegenleistung hätten die Nazis auf die Gegenkundgebung gedurft – in Abstimmung mit den Shirt-Trägern, aber unabgesprochen mit den anderen Demonstranten und Veranstaltern. Die Nazis hatten die sich gebotene Gelegenheit genutzt und massiv die protestierenden Menschen abgefilmt. Eine Ungeheuerlichkeit was da in Gera abgelaufen ist. Damit meine ich nicht die Polizei, sondern dass, was da einige angebliche Nazigegner abgezogen haben. Viele progressiv-denkende Menschen in Thüringen sind jetzt zurecht ziemlich sauer!

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