Hossa statt Helau!

In Hamburg ist mittlerweile selbst die alltägliche Fahrt mit der U-Bahn zum „Event“ geworden, da Udo Lindenberg und andere Promis mit Bezug zur Hansestadt die Stationen ansagen – allerdings zum Event ohne Bier, denn das darf man im öffentlichen Nahverkehr nicht mehr trinken. Öffentlicher Raum wird zunehmend reglementiert, außer, es steht ein Event auf dem Programm, das von lokalen Medien und Kommunalpolitikern in den Kanon der genehmen Veranstaltungen aufgenommen wurde.

Von Patrick Gensing

„Chaostage in Hamburg – Zehntausende feierwütige Chaoten ziehen durch St. Pauli und terrorisieren einen ganzen Stadtteil: Der Verkehr ist bereits seit Stunden zusammengebrochen, pausenlos sind Krankenwagen im Einsatz, über dem Viertel kreisen Hubschrauber. Hunderte Menschen müssen vollgekotzt in Krankenhäuser geschafft werden. Musik dröhnt aus riesigen Boxen durch die engen Gassen, Frauen werden belästigt, Tonnenweise Müll verunreinigen die schönste Stadt der Welt! Die Gewerkschaft der Polizei fordert strengere Gesetz: „Wir kommen gegen diese Exzesse nicht mehr an.“ SPD, CDU und Grüne denken über ein generelles Alkoholverbot nach, die Polizei will im kommenden Jahr den ganzen Stadtteil zum Gefahrengebiet erklären.“

So oder ähnlich würde wohl die Titelgeschichte von Hamburger Zeitungen klingen – ginge es um Fußballfans oder um eine Facebook-Party, und nicht um eins der vielen Massenevents, die das Image des Elbdisneys Hamburg mittlerweile prägen. Die Rede ist vom alljährlichen Schagermove, für den sich die seit 2001 eingetragene „Hossa-Hossa Veranstaltungsgesellschaft mbH“ verantwortlich zeichnet – und der mittlerweile in mehreren deutschen Großstädten auch als Party stattfindet.

Auf den Seiten von Hamburg.de heißt es zu der Sause:

„Eine knallbunte Umzugskarawane, Partystimmung, Kulthits und Schlagerstars – das ist der Schlagermove. Die Karawane der bunt verzierten Trucks zieht auch dieses Jahr wieder vom Heiligengeistfeld über die Landungsbrücken und den Millerntorplatz zurück zum Heiligengeistfeld. Die rund 45 Trucks formieren sich ab 13 Uhr. Um 15 Uhr startet dann die Karawane fröhlich singend ihren Umzug durch St. Pauli, während Kultschlager von „Griechischer Wein“ bis „Fiesta Mexicana“ aus den Boxen dröhnen.“

Wenn man keinen Karneval zum kontrollierten Ausflippen hat, schafft man sich eben einen. Überraschungen sind keine zu befürchten: Die Musik ist immer dieselbe, der Dresscode eindeutig: Ohne bunte Sonnenbrille, Perücke oder „kultige“ Schlaghose braucht man beim Schlagermove gar nicht aufzukreuzen.

Trinkt doch, soviel ihr wollt!

Nein, ich halte Leute, die zum Schlagermove gehen, nicht per se für Idioten, und es ist auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden, dass sich Menschen besaufen und Spaß haben. Meinetwegen sollen sie jeden Tag feiern, weder stört mich das, noch geht mich das überhaupt etwas an. Das Ärgerliche am Schlagermove und ähnlichen Veranstaltungen ist vielmehr der aufdringliche Charakter der Massenevents: Wer nicht mitmacht, ist schlecht drauf. So läuft es bei Deutschland-Spielen bei großen Turnieren – und so verhält es sich auch hier.

Hossa statt Helau: der Schlagermove in Hamburg (Foto: TH. Korr)
Hossa statt Helau: der Schlagermove in Hamburg (Foto: TH. Korr)

Und während es in Hamburg nicht einmal mehr erlaubt ist, in der Bahn ein Bier zu trinken, da dies den anderen Fahrgästen angeblich – und vor allem plötzlich – nicht mehr zuzumuten sei, während ganze Stadtteile zu Gefahrengebieten erklärt werden und Freiräume verschwinden, werden solche von der Stadt wohlwollend unterstützen Spektakel offenkundig zahlreicher und wichtiger, um den Schein der angeblich so weltoffenen und quietschfidelen Metropole aufrecht zu erhalten. Doch nicht nur das: Der öffentliche Raum wird reglementiert und privatisiert – und die Massenvents dienen als Ventil.

Der Karneval wurde übrigens etabliert, um die Tage vor der folgenden Fastenzeit zu feiern. Der Schlagermove sei „noch besser als Karneval“, vermeldet das Zentralorgan der Verrücktheit, das Hamburger Abendblatt, stilsicher.

Die Lust am Verzicht

Es geht vor allem um Verzicht, um kontrolliertes Ausflippen, um das Gefühl, am Wochenende echt wild gewesen zu sein, um dann den Rest der Woche gut liefern zu können. Der Schlagermove ist die Antwort der Möchtegern-Weltstadt auf das Schützenfest: ein fein säuberlich geplantes Ritual, nach dessen Vollzug sich alle auf die Schultern klopfen und sich gegenseitig vergewissern können, wie fett es war – mal wieder. „Wir sehen uns dann nächstes Jahr!“

Aber zeichnet eine Metropole nicht eigentlich das Unvorhersehbare, das Spontane aus? Wenn man das dringende Bedürfnis verspürt, abzuschalten und blind zu feiern, warum nicht einfach mal am Montagabend pikfein angezogen und mit Ghettoblaster bewaffnet an der Tanke „saufen gehen“? Ach nee, das ist natürlich voll Assi – ganz im Gegensatz zum offiziellen „Tag der kotzenden Sonnenblume“ versteht sich.

Patrick Gensing hat gemeinsam mit Andrej Reisin das Buch „Der Präventivstaat: Warum Gesundheits- , Kontroll- und Verbotswahn Freiheit und Demokratie gefährden“ veröffentlicht.

Siehe auch: Alles Chaoten!Publikative-Spezial: Wie sicher sind unsere Festzelte?Flaschen weg – oder es knallt (trotzdem)!Die Erziehungsdiktatur

11 thoughts on “Hossa statt Helau!

  1. Noch eine Anmerkung. Dass Städte und öffentlicher Raum besonders im Sommer zum Entertainement-Area verkommmt, ist nicht zu ändern. Bei HH kommt hinzu, dass die Stadt nur „Mega-Events“ zulässt. Die Straßen werden nur für Veranstaltungen mit einer Mindestteilnehmer/-besucherzahl und mit überregionaler Bedeutung freigegeben. Wenn Initiativen/Events, die sich an die Bewohner wenden und von ihnen organisiert werden, abgeblockt werden, dann bekommt der Einwohner wirklich das Gefühl nur Staffage für die Großsponsoren zu sein.

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