„Wo ist Euro? Wo ist Euro?“

In der Welt sind vier südeuropäische Politiker aufs Korn genommen worden: Die Zeitung bezeichnete die Herren Berlusconi, Samaras, Erdogan und Ponta als Hütchenspieler und rührt nationalistische und rassistische Klischees an, die dazu dienen, Deutschland als Zahlmeister und Opfer der zahlreichen Krisenerscheinungen zu inszenieren.

Von Andreas Strippel

Die Überschrift warnt vor der „Invasion der südeuropäischen Hütchenspieler“ und zeigt dazu Portraits der amtierenden Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan (Türkei), Victor Ponta (Rumänien), Antonis Samaras (Griechenland) sowie des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. In der Bildunterschrift werden sie als „gewaltbereit, korrupt, verschlagen, schamlos – vier Sargnägel Europas“ bezeichnet.

Die Zusammenstellung ist erratisch, obwohl es gute Gründe gibt, jeden dieser Herren zu kritisieren. Doch darum geht es nicht. Es geht um mehr. Es geht mal wieder um Deutschland, das von bösen Ländern ausgebeutet werde. Und dafür unterbietet der Autor Ulrich Clauß bereitwillig jedes Niveau.

„Wo ist Euro? Wo ist Euro?“

Clauß ist der Meinung, dass alle vier Betrüger sind, Betrüger an Deutschland und Europa. Und um das darzulegen, reicht ihm ein Griff in die Klischeekiste nationalistischer und rassistischer Ressentiments.

„Man kennt und fürchtet sie, und sie kommen in vielen Verkleidungen – als Ku’damm-Touristen, Einkaufszonen-Animateure, ein andermal als Regierungsvertreter südeuropäischer Kleptokratien: die Hütchenspieler. Das Spiel ist immer das gleiche: Wo ist Euro? Wo ist Euro? Zack – und dann ist er meistens weg, und keiner hat ihn gesehen und sieht ihn auch nie wieder“

Screenshot Welt-Online
Screenshot Welt-Online

So sieht der Herr Südeuropa. Alles Verbrecher, die den redlichen Deutschen das Geld aus Tasche ziehen. Und wer Deutschland schädigt, schadet in der Logik von Clauß auch Europa. Statt Politik oder tatsächliches kriminelles Handeln zu kritisieren, beschränkt sich Clauß darauf, gebrochenes Deutsch in seinem Artikel zu imitieren, um so die Assoziationskette von Südländer – Ausländer – Krimineller stumpf zu wiederholen.

Aber das reicht ihm noch nicht. Um die Korruption in Rumänien zu charakterisieren, bedient er sich einer Portion Kolonial-Rassismus: „Sein Land ist auf der Korruptionsskala im Sektor afrikanischer Stammesregime verortet.“ Afrika als vermeintlich vorzivilisatorischer Raum, dient als Bedrohungsszenario. Es gibt selbst in den dunklen Kommentarbezirken des Internets nicht sehr viele Äußerungen, die weniger Qualität haben als dieser Meinungsartikel eines „Qualitätsjournalisten“. Soweit so schlecht.

Vier Länder, vier Politiker, deren Politik aus sehr unterschiedlichen und sehr guten Gründen als falsch, desaströs oder gar korrupt bezeichnet werden kann, dienen einzig als Projektionsfläche für alles, was derzeit falsch ist oder zu sein scheint in Europa. Deutschland ist im Subtext das unschuldige Opfer. Demokratiedefizite, Polizeigewalt, wirtschaftliche Problem und Korruption sind grundsätzlich nur die Probleme der Anderen, und nur durch die Anderen eine Bedrohung der hiesigen Gesellschaft. Dass es diese Probleme, wenn auch in anderer Form und Qualität, auch hier gibt, wird auf diesen Weg einfach geleugnet. Es handelt sich um die extreme Form eines Phänomens, das immer häufiger anzutreffen ist, beispielsweis in der Berichterstattung über Drohnen.

Artikel entschärft

Der „Welt“ war der Artikel in seiner ursprünglichen Fassung offensichtlich auch zu peinlich. Nachdem das Machwerk am Samstag auf der Homepage von Welt-Online erschien, ist er seit  Montag dort in einer entschärften Fassung – das Bedrohungsszenario der Invasion wurde zu einer Benotung der vier Herren heruntergestuft – unter dem Titel „Wo is‘ Kugel …?“ zu finden.

Dass solche Artikel aber überhaupt Online gehen können, zeigt jedoch wie sehr die Ideologie vom guten Deutschland, das von böswilligen und schlechten Freunden umgeben ist, im Mainstream angekommen ist. Diese provinzielle Stilisierung Deutschlands als Opfer der Krise und Hort des Guten, ist die aktuelle Form eines deutschen Streber- und Besserwissernationalismus, der den Anderen gern zeigen möchte, wo es lang geht.

Siehe auch: Drohnen und Überwachung – deutsches Neuland?

, Deutsche Asylpolitik: Flüchtlinge sollen zurück nach Italien, Von “Armutsflüchtlingen” und klugen Köpfen, FAZ: “Integrationsunwillige” mitschuldig am NSU-TerrorNeukölln ist überall: “Liebe Anka!”Proteste, Abschiebungen und ein Todesfall

6 thoughts on “„Wo ist Euro? Wo ist Euro?“

  1. Ein Artikel, der mit seinen nationalistischen und rassistischen Implikationen auch von der JF hätte stammen können.

  2. Krasser Artikel! Sehe das auch alles kritisch, aber ob Ihre Ansichten wirklich so interpretiert werden müssen, bezweifle ich!

  3. Toll von dir Lisa, dass du das bezweifelst. Bitte gönn dir kein Argument, bevor noch eine Diskussion daraus wird.

  4. Problematisch ist es immer, wenn aufgrund eines Fehlverhaltens einer Person gleich verallgemeinert werden. Bei so etwas werde ich immer ganz hellhörig. Natürlich besteht die Gefahr, dass aufgrund politischer Mehrheiten und Verhaltensweisen die Tendenz zur Verallgemeinerung besteht. Ich könnte jetzt x-Artikel nennen auch von linken Medien bei denen so etwas passiert. Es braucht keine nationalistischen oder rassistischen Ressentiments um in diese Falle zu tappen.
    Beispiel gefällig?
    http://www.ballesterer.at/aktuell/ein-land-erwacht.html

    Das Magazin Ballerster ist ein eher linksliberales Fußballmagazin, auch eine Authorin dieses Blogs schreibt dafür. In diesem Magazin erscheint ein kurze Analyse zu der Situation in Brasilien
    Unter der Überschrift „Menschenrecht und Schwulenhass“ tauscht plötzlich dieser Satz auf:

    „Es ist auch zweifelsfrei ein Kampf der Jugend gegen die alte, oft noch im feudalistischen Umfeld aufgewachsene und von der Denkschule des Militärregimes geprägte Politelite, der Korruption und Vetternwirtschaft in die DNA eingraviert wurde.“

    Ähäm Negative Eigenschaften in DNA eingraviert war da nicht mal was? Bei aller berechtigten Kritik an die Politelite aber wenn ich sowas lese da stehen mir die Haare zu Berge.

  5. Deutscher Streber- und Besserwissernationalismus?

    Das sind wirklich rassistische Äußerungen über 4 bedeutende nationale
    Staatenlenker.

    Deutschland sollte sich wirklich in Demut zurückziehen und hat so in
    einer europäischen Union wirklich nichts verloren.

    Austritt!

  6. Was fuer ein Dilemma! Die Kritik an Die Welt und Ihre widerlichen
    Beweggruende teile ich absolut. Aber die genannten Politiker sind
    keiner Verteidigung wuerdig und ein Land das diese Typen waehlt sollte
    zumindest kritisiert werden.

    Aber Ihr habt schon recht! Was ich mir als Deutscher anhoeren muss weil eine gewisse Frau Merkel das sagen hat laesst mich Eure Gegenstimme zum
    Stereotypisieren leichter verstehen.

Comments are closed.