Tödliche Konsequenzen einkalkuliert

Seit Beginn der Kampagne gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare befindet sich in Frankreich die rechtsradikale Szene im Aufwind. Nach mehreren Angriffen mit rechtsradikalem und homophobem Hintergrund in verschiedenen Städten des Landes war der Anfang Juni in Paris getötete Clément Méric das erste Todesopfer.

Von Georg Felix Harsch

Vor drei Wochen, am 5. Juni, besuchte der 18-jährige Politikstudent und Antifa-Aktivist Clément Méric mit Freunden einen Fred-Perry-Lagerverkauf im 9. Arrondissement von Paris. Dort traf er auf eine Gruppe Skinheads aus dem Umfeld der „Jeunesses nationalistes révolutionaires“ (JNR, Nationalrevolutionäre Jugend). Es kam zum Streit, die Neonazis verließen die Wohnung, in der der Verkauf stattfand, und riefen Verstärkung. Auf der Straße griffen sie Méric an und fügten ihm nach Zeugenaussagen entweder mit einem Schlagring oder einer anderen Faustwaffe schwere Kopfverletzungen zu, denen er kurze Zeit später im Krankenhaus erlag. Méric war erst im Jahr zuvor aus Brest nach Paris gezogen, um an der Elitehochschule Sciences Po Politikwissenschaften zu studieren. Er war Mitglied der linken Studentengewerkschaft sowie der Antifa Paris-Banlieu.

Foto: strassenstriche.net (flickr), Solidaritätsdemo am 7. Juni 2013 in Köln
Foto: strassenstriche.net (flickr), Solidaritätsdemo am 7. Juni 2013 in Köln

Rechte Serientaten
Seine Angreifer konnten schnell identifiziert und festgenommen werden. Laut einer Polizeiquelle, die in der Wochenzeitschrift Le Point zitiert wird, stammen sie „aus dem Umfeld des harten Kerns der JNR“. Bei der JNR handelt es sich um den schlagenden Arm der rechtsextremen Minipartei Mouvement troisième voie (Bewegung Dritter Weg). Beide Organisationen werden von Serge Ayoub angeführt, einem Veteranen der Pariser Naziskin- und Bikergang-Szene der 80er-Jahre, und haben sich inhaltlich auf eine aggressive Antiglobalisierungs- und Querfrontrhetorik mit Schwerpunkt auf Antiamerikanismus und „Antizionismus“ kapriziert.

Clément Méric ist das erste Todesopfer in einer Serie von gewalttätigen Übergriffen, die in den letzten drei Monaten von Rechtsradikalen in Frankreich begangen wurden: In der Nacht zum ersten April wurde der chilenische Student Manuel Andres Pardo von einer Schlägertruppe aus dem Umfeld des Bloc Identitaire mit Baseballschlägern angegriffen und schwer verletzt. Pardo fiel ins Koma und überlebte nur knapp. Am 7. April wurden Wilfred de Brujn und sein Freund nachts auf der Straße angegriffen, de Brujn dabei brutal zusammengeschlagen. Sowohl das Opfer als auch sein Umfeld sind sich sicher, dass Homophobie das Motiv ist, und gehen von rechtsradikalen Tätern aus, bisher konnte jedoch kein Täter ermittelt werden. De Brujn veröffentlichte ein Bild seines verletzten Gesichts auf seiner Facebook-Seite  und löst damit eine Welle von Solidaritätsbekundungen aus. Am 17. April griffen Skinheads in Lille die schwul-lesbische Bar Vice-Versa an, beschimpften und verletzten den Wirt und zerschlugen Fensterscheiben und Mobiliar. Die Liste ließe sich um weitere Vorfälle erweitern.

„Homophobie tötet“
Offensichtlich fühlt sich der rechtsradikale Straßenmob in Frankreich seit Beginn der Kampagne gegen das Ende Mai in Kraft getretene Gesetz zur vollen rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare bei Ehe und Adoption im Aufwind. Ein breites rechtes Bündnis organisiert die regelmäßigen „Manifs pour tous“, die „Demos für alle“ (in Anspielung auf die Idee der „Ehe für alle“), und bringt rechtskonservative bürgerliche Kräfte, das Umfeld des Front National, ultrakatholische und muslimische TraditionalistInnen, sogenannte Identitäre und Neonazis zusammen. Dieser Aktionismus sorgt für eine deutliche Bewegungsstimmung im ultrarechten Lager. Bei mehreren dieser Demos, die in Paris teilweise bis zu 400.000 Teilnehmer verzeichnen konnten, war es im Frühjahr zu massiven Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Die Sprecherin der „Manif pour tous“, die ehemalige Europopsängerin und „Komikerin“ Frigide Barjot („frigide abgedreht“), hatte nach der Verabschiedung des Gesetzes durch den Senat Anfang April verkündet: „Wenn Hollande Blutvergießen will, kann er das haben.“

Seit der Verabschiedung des Gesetzes hat diese Bewegung zwar deutlich an Schwung verloren, gleichzeitig kam es aber zur Abspaltung eines noch radikaleren Flügels, der sich „Printemps français“, also „französischer Frühling“, nennt. Diese Gruppe setzt auf eine „gewaltfreie Guerillataktik“ und „spontane Aktionen“, um weiter gegen das Gesetz vorzugehen und die Bewegung nicht abebben zu lassen. So ist anscheinend ein Klima im Land entstanden, in dem rechtsradikale Gruppen die Chance sehen, sich die Straße anzueignen und über direkte Aktionen politische Fakten zu schaffen.

In diesem Kontext steht auch der Mord an dem jungen Antifa-Aktivisten Méric, auch wenn die OrganisatorInnen der „Manif pour tous“ sich beeilen, jede Verbindung von sich zu weisen. Der Nachrichtenagentur AFP sagte die Sprecherin Frigide Barjot kurz nach dem Verbrechen, die Täter seien sicher nicht bei den „Demos für alle“ gewesen, da es sich bei den DemonstrantInnen dort ja vor allem um „Familien mit Kinderwägen“ gehandelt habe. Gleichzeitig wollte sie aber nicht auf weitere Drohungen verzichten: Die Gleichstellungspolitik der Regierung habe eine „ideologische Schlacht herbeigeführt. Man darf sich nicht wundern, wenn das tödliche Konsequenzen hat.“ Am 17. April, nur sechs Woche vor seinem gewaltsamen Tod, war Clément Méric noch auf einer Demonstration gegen die Gleichstellungsgegner fotografiert worden. Auf dem Transparent, das er trug, stand: „Homophobie tötet“.

Siehe auch: Made in Papa & MamanDer Konvent der identitären Bewegung„Wir geben die Farben zusammen“Pinkwashing – Israels “schwuler Propagandakrieg”Schwulenfeindliche Ärzte auf KatholikentagWie schwul ist Tofu, bitte?

4 thoughts on “Tödliche Konsequenzen einkalkuliert

  1. Herr Harsch ist nicht auf dem letzten Stand. Französische Medien berichten aktuell, dass Méric der tatsächliche Angreifer war und unglücklich stürzte, als sich sein Opfer wehrte:
    http://www.lefigaro.fr/actualite-france/2013/06/25/01016-20130625ARTFIG00301-clement-meric-une-video-accredite-la-these-de-la-mort-accidentelle.php#xtor=AL-155

    Anm.d.Red.:
    Gewagte Interpretation Ihrerseits. Ein RTL-Reporter hat angeblich ein Überwachungsvideo zu sehen bekommen, in dem laut Polizei allerdings nur die Unterkörper der Beteiligten zu sehen sind. Méric stürzt nach einem Schlag sofort zu Boden. Ob er durch den Schlag oder den Sturz tödlich getroffen wurde, ist auf so einem Video natürlich ohnehin nicht zu sehen. Die Polizei teilt diese RTl-Version übrigens ausdrücklich nicht:
    http://www.liberation.fr/societe/2013/06/25/mort-de-clement-meric-ce-que-dit-vraiment-la-video_913580

  2. Clément Méric war nicht nur Antifa-Aktivist sondern vorallem auch Queer-Aktivist!
    Schade das er auch hier nur auf das „Antifa“ reduziert wurde…

    Ansonsten guter Artikel!

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