NSU und Verfassungsschutz: Verwirrung um „Krokus“

Seit Wochen füttert ein Informant deutsche Medien mit vermeintlichen Fakten zum NSU-Komplex. Neonazis sollen den schwer verletzten Kollegen von Michelle Kiesewetter im Krankenhaus beobachtet haben, angeblich habe die V-Frau Krokus bereits im Jahr 2006 Beate Zschäpe in Baden-Württemberg gesehen – und ein bekannter Neonazi aus dem Bundesland soll den Mord an der Polizistin begangen haben.

Von Patrick Gensing

Leben im "Untergrund": Urlaubsfotos von Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Jahr 2004
Krokus will Beate Zschäpe in Baden-Württemberg gesehen haben.

Bereits vor mehreren Monaten führte Publikative.org ein langes Gespräch mit dem Informanten Alex G. Dieser hält sich in Irland auf – gemeinsam mit Petra S., die für den Verfassungsschutz in Baden-Württemberg unter dem Decknamen Krokus tätig war. Krokus sollte unter anderem die Neonazi-Szene ausspionieren. Petra S. soll seit  2006 für den Geheimdienst im Einsatz gewesen sein, bis wann genau, ist bislang nicht abschließend geklärt. Diese Angaben lassen sich größtenteils nachvollziehen und scheinen zutreffend zu sein, wie Recherchen ergaben.

Doch Petra S. und ihr Lebensgefährte Alex G. verbreiten zahlreiche weitere Details, die sich bislang nicht verifizieren lasen. So behauptet G., seine Lebensgefährtin alias Krokus habe im Jahr 2006 Beate Zschäpe bei einer Rechtsextremistin in Baden-Württemberg beobachtet. An dem Treffen, das Krokus ihrem Quellenführer beim Verfassungsschutz gemeldet habe, sollen weitere weibliche Personen teilgenommen haben – doch auch auf mehrfache Nachfrage nannten G. und Krokus keine Namen der angeblichen Zeugen. Auch die Frage, woher Krokus eigentlich Zschäpe gekannt haben will, blieb unbeantwortet.

„Netzwerk geknackt“

Dafür gab es weitere Behauptungen: Neonazis sollen den schwer verletzten Polizisten Martin Arnold, der gemeinsam mit Michelle Kiesewetter im Einsatz war, im Krankenhaus ausspioniert haben. Den Anschlag soll ein bekannter Neonazi aus Baden-Württemberg verübt haben, behaupteten die Informanten. Alex G. habe diesen Neonazi mit den Anschuldigungen konfrontiert, dieser habe die Tat eingestanden.  Im Mai behauptete Alex G. gegenüber dem Autor, er habe „zwei Kommunikationssysteme“ eines NSU-VS-Netzwerkes enttarnt, er habe Codes in gehackten Thor-Steinar-Kundenlisten gefunden.

nsu-screenshot_11
Der Mordanschlag auf Kiesewetter und Arnold unterscheidet sich deutlich von den anderen Taten.

G. und Krokus haben noch zahlreiche weitere Behauptungen zum NSU-Komplex verbreitet, auch die Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags erhielten zahlreiche Emails. Tatsächlich ließ sich das Gremium die Akten zu Krokus aus Stuttgart kommen und befragt am 24. Juni den Krokus-Quellenführer „Rainer Öttinger“, um auch wirklich jede Spur untersucht zu haben. Die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Quelle sind allerdings erheblich, wie aus Kreisen des Untersuchungsausschusses zu vernehmen ist.

Spezialkräfte für Ghana

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Alex G. kein Unbekannter ist: In einem Netzforum suchte er Spezialkräfte für einen Einsatz in Ghana, Zudem wollte er 110.000 Langzeitarbeitslose in die USA vermitteln. Auch bei einigen Medien ist G. als Selbstanbieter von Informationen bekannt, wie Kollegen bestätigten. Außerdem behauptete er, bei der Entführung von zwei im Iran entführten BILD-Reportern vermitteln zu können.

Der Grünen-Politiker Rezzo Schlauch hatte bei einem dieser angeblichen Projekte mit Alex G. zu tun. Sein Fazit: Alex G. hatte offenbar tatsächlich gewisse Kontakte, bauschte seine Geschichten aber so auf, dass nicht mehr zu erkennen gewesen sei, was Wahrheit und Fiktion sei. Ähnlich verhält es sich offenkundig im NSU-Komplex: Alex G. und Petra S. alias Krokus verfügen über Detailwissen zur Neonazi-Szene in Baden-Württemberg. Doch lassen sich diese Fakten kaum aus dem Wust der Behauptungen herausfiltern.

Verfassungsschutz hat Angst vor Alex G.

Die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet indes, Alex G. trachte dem Verfassungsschutzmitarbeiter „Öttinger“ nach dem Leben. Dies ist erstaunlich, da sich G. und Krokus offenkundig weiter in Irland aufhalten. Will der Verfassungsschutz erreichen, dass die Befragung des Zeugen „Öttinger“ in nicht-öffentlicher Sitzung erfolgt?

Spannend dürfte der Termin am 24. Juni in Berlin also auf jeden Fall werden. Vielleicht gibt es dann belastbare Erkenntnisse über Krokus und die angeblichen Meldungen an Quellenführer „Öttinger“.

Weitere Quelle im NSU-Umfeld

Derweil wurde bekannt, dass ein Geheimdienst eine weitere Quelle im NSU-Umfeld hatte. Der NSU-Untersuchungsausschuss in Sachsen vernahm heute den Zielfahnder des Thüringer Landeskriminalamts, Sven W.. W. war in den Jahren 1998 bis 2001 mit der Suche nach Böhnardt, Mundlos und Zschäpe befasst. Dazu erklärt Johannes Lichdi, stellvertretender Obmann der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im NSU-Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtags:

„Durch die Befragung des Thüringer Kriminalbeamten gibt es weitere Anhaltspunkte auf Quellen eines Geheimdienstes im Umfeld des NSU. Der Zeuge hat auf meine Fragen mehrfach betont, dass es nach seiner Wahrnehmung  ‚viele kleine Anhaltspunkte‘ während der drei Jahren seiner Bemühungen zur Auffindung des Trios zur Stützung seiner Hypothese gegeben habe, dass ein Nachrichtendienst eine Quelle nahe an dem Trio gehabt habe. Er habe den Eindruck gehabt, Nachrichtendienste hätten fast alle Personen angesprochen, die zu dem Umfeld des Trio gerechnet wurden. So sei er selbst Zeuge eines Kontakts eines Mitarbeiters des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz gewesen, in dem dieser der damaligen Lebensgefährtin von Ralf Wohlleben, Juliane W., 200 DM überreicht habe.“

Den Boden für mögliche Verschwörungstheorien bereitet der Verfassungsschutz auf jeden Fall selbst.

Siehe auch: NSU: Keine Macht den Verschwörungstheorien!

6 thoughts on “NSU und Verfassungsschutz: Verwirrung um „Krokus“

  1. Pingback: Anonymous
  2. Einerseits muss man vorsichtig sein, bei der Bewertung von „whistleblower“, andererseits laufen auch Kampagnen, um sie gezielt unglaubwürdig zu machen. Ich habe da bereits eine ganze Liste von Beispielen:

    Mutige NSU-Informanten werden aus dem Apparat entfernt!
    http://friedensblick.de/2119/nsu-informanten-werden-aus-apparat-entfernt/

    Beim Fall „Krokus“ finde ich seltsam, dass der U-Ausschuss nur den Verfassungs“schützer“ eingeladen hat, aber nicht seinen (angeblich unglaubwürdigen) Informanten „Krokus“.

    Gerade beim Fall Kiesewetter ist es doch offensichtlich, dass etwas vertuscht wird. Siehe:
    „An was erinnert sich der Kiesewetter-Kollege?“
    http://friedensblick.de/6552/an-was-erinnert-sich-der-kiesewetter-kollege-warum-wird-vertuscht/

  3. „Alex G. gegenüber dem Autor, er habe “zwei Kommunikationssysteme” eines NSU-VS-Netzwerkes enttarnt, er habe Codes
    in gehackten Thor-Steinar-Kundenlisten gefunden.“

    Hört sich etwas nach dieser Quersummengeschichte an,
    die sich auch auf Bibel und Telefonbuch anwenden lässt.

    Laut der „schwaebischen“ vom 28.05 soll auch schon
    Innenminister Gall mit dem Tode bedroht worden sein.
    Ab wann schreibt Krokus solche Sachen ?
    Oder kommen die von A.G. ?
    Im „schwarzwaelder-bote“ ist heute zu erfahren das
    sie wahrscheinlich seit 2010 liiert sind.
    Vielleicht war das alles mal übersichtlicher.
    Jedenfalls soll laut „spiegel“ vom 13.06 das LKA
    bestätigen das die Friseurin, die Krokus als Quelle angibt,
    tatsächlich über den Gesundheitszustand von Martin A. informiert war,
    dem angeschossenen Kollegen von M. Kiesewetters.
    Und das ist ja der eigentlich relevante Teil.

    Aus verschwörungstheoretischen Kreisen ist man das
    obligatorische „Gladio“ schon gewohnt,
    fehlt nur noch „MK-Ultra“.

  4. Krokus (Petra S.) Kommentar:

    „Im PUA Berlin kommt neuer Ärger auf. Es wurden nur “Zwei Akten” zu Krokus angeliefert, die nach erster Durchsicht eindeutig gesäubert wurden. Scheinbar fehlen 7 Monate des Jahres 2006. Zwei PUA Ausschussmitglieder stellen sich inzwischen auch die Frage, wie Innenminister Gall in seiner Presseerklärung vorgibt, dass Krokus hauptsächlich gegen den KKK in Schwäbisch Hall zwischen 2006 und 2009 eingesetzt werden konnte. Behauptete Innenminister Gall nicht seit 2012 unisono, dass der KKK schon im Jahr 2003 aufgelöst wurde? Man munkelt im PUA, dass der Meldung von Krokus, eine Krankenschwester habe im Krankenhaus Ludwigsburg den schwerverletzten Polizeibeamten Martin Arnold ausgespäht, nie nachgegangen wurde? Wie kann Innenminister Gall behaupten, dieser Hinweis sei nicht verifiziert worden, wenn es keinerlei Ermittlungen der Behörden in Baden Württemberg gab? Es ist weder ein Name ermittelt worden, geschweige wurde eine Vernehmung geführt? Oder hat sich Innenminister Gall diesem persischen Hellseher bedient, welcher schon bei SOKO Bosporus für die Ermittler Kontakt zu einem Mordopfer aufnahm? Innenminister Gall, sie sind ein Lügner, sie sind ein Betrüger und sie sind ein Fälscher, welcher Mörder einer jungen Polizistin deckt und auf mich losgeht. Ich habe als Krokus mein Leben für diesen Rechtsstaat riskiert, Sie haben mir am 3 Mai 2012 zwei ihrer LKA Beamten gesendet, die mich erpresst haben, wenn ich die Wahrheit sagen würde, würde ich für 5 Jahre wegen Geheimnisverrates in Haft kommen? Haben sie diese Aussage auch an den PUA mitgesendet? Wo der eine Staatsschutzbeamte ankreuzte, dass ich nie für das LFV gearbeitet habe? Sie haben mir vier Neonazis auf den Schießstand in meinem Heimatdorf gesendet, am 6 Mai, dies waren Matthias Brodbeck, Patrick Wieschke, Sven Niebler und eine Janna Walther. Als ihre Nazis Bilder mit dem Handy von mir machten und mit Waffen herumfuchtelten, floh ich und habe im LKA angerufen. Die Antwort, jeder Deutsche dürfe sich auf einem Schießstand aufhalten, ich wäre doch nur übersensibilisiert!“

    http://machtelite.wordpress.com/2013/06/16/informantin-krokuswann-platzt-die-bombe/

Comments are closed.