Steinbrücks „Heuschrecke“

„Vor allem in Ballungszentren steigen die Mieten, bezahlbare Wohnungen werden knapp. Familien, Alleinerziehende und ältere Menschen finden in den Innenstädten keine Wohnungen mehr, die sie sich leisten können.“ So beschreibt Peer Steinbrück auf seiner Homepage die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Angeblich will er sich für bezahlbares Wohnen einsetzen – und verpflichtete dafür ausgerechnet einen Mitarbeiter, der direkt von einer berüchtigten Immobiliengesellschaft kommt.

Von Patrick Gensing

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Steinbrück lässt keinen Fettnapf aus.

„Als Bundeskanzler werde ich ein Aktionsprogramm für eine solidarische Stadt und bezahlbares Wohnen in Gang bringen und neuen Wohnraum schaffen.“ Das verspricht der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück in seinem Programm für die Bundestagswahl im Herbst. In die Verlegenheit, diese Zusagen Realität werden lassen zu müssen, dürfte Steinbrück angesichts der Umfragewerte ohnehin nicht kommen. Dies gilt umso mehr, da er nun ausgerechnet einen Sprecher für seinen Wahlkampf verpflichtete, der zuletzt für die Immobilienfirma Deutsche Annington tätig war: Rolf Kleine.

Kleine wechselte am 1. Feb­ru­ar 2012 als Head of Public Affairs zu dem Immobilienun­ter­neh­men Deutsche Annington (Diag). Zuvor Leiter des „Bild“-Hauptstadtbüros sollte Kleine künftig die „politische In­te­res­senvertretung der Diag gegenüber politischen und gesell­schaftlichen Akteuren“ übernehmen. Mit anderen Worten: Lobbyarbeit machen.

In der Öffentlichkeit hatte Annington in den vergangenen Jahren auf jeden Fall für einige Negativschlagzeilen gesorgt: Der Mieterbund Wiesbaden beklagte sich öffentlich über Ungereimtheiten bei den Nebenkostenabrechnungen. Erst vor wenigen Monaten geriet ein von Annington in Dortmund neu eingesetztes Inkassounternehmen in die Kritik.

Der Mieterbund Cottbus schrieb über den Ex-Arbeitgeber von Steinbrücks neuen Sprecher:

Die Kommunen bleiben am Ende auf den Ruinen sitzen und können nichts tun, weil sie schlicht pleite sind. Auf die bisher hier und da lokal laut gewordene Kritik reagierten die Immobilienriesen mit kosmetischen Reparaturen, Hinhaltetaktik und letztlich leeren Versprechen. So berichten es jedenfalls einhellig die Zeitungen im Ruhrgebiet, in Ostdeutschland, im Rheinland, im Frankfurter Raum, in Berlin, Hamburg, Bremen, Lübeck, Stuttgart, München usw.

Auch NDR und HR berichteten bereits über Vorwürfe gegen die Immobiliengesellschaft. Beim Mieterverein Witten gilt Annington ebenfalls als Problemfall. Im März wurde in Düsseldorf die NRW-weite Initiative „Stop Deutsche Annington – Aktionsbündnis von Mietern und Nachbarn der Deutschen Annington“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Dazu schrieb der Mieterverein:

Schon vor diesem Verkauf gab es in den Wohnsiedlungen jede Menge Ärger. Nach der Übernahme durch die Annington hat sich daran nichts geändert. Schimmel, verspätete Betriebskostenabrechnungen, unzureichende Gartenpflege, überzogene Mieterhöhungen und vor allem eine schlechte Erreichbarkeit des Vermieters gehören zum Alltag vieler MieterInnen der Deutschen Annington auch in Witten.

Nach Ansicht von Lukas Siebenkotten, Bundesdirektor des Deutschen Mieterbundes wird der für dieses Jahr angekündigte Börsengag der Annington den Situation für Mieter und Nachbarn „eher verschärfen als verbessern“.

Und im Oktober 2012 berichtete die Frankfurter Rundschau über ein Treffen zwischen wütenden Mietern und Kleine:

Der Sprecher des mit 217 000 Wohnungen größten Vermieters Deutschlands mühte sich, die Annington bei aller Kritik in ein positives Licht zu rücken. So würden nach den negativen Erfahrungen mit externen Dienstleistern ab Januar auch in Darmstadt wieder eigene Hausmeister als Ansprechpartner eingesetzt. Und die Callcenter, wo mittlerweile 80 Prozent der Anrufe bearbeitet würden, seien auch besser geworden. Da mussten alle mal kräftig lachen. „Man hängt nach wie vor in der Warteschleife“, klagte ein Herr. Und selbst wenn man durchdringe zu einem Mitarbeiter, tue sich außer Zusicherungen nichts. „Das ist die Strategie der Annington“, fasste ein Mann ernüchtert zusammen: „Nie auf Reklamationen reagieren.“

Kleine warb um Verständnis: „Können Sie sich vorstellen, wie viele Anrufe wir am Tag bekommen?“ Doch dieses Argument überzeugte nicht. „Wenn sich ein Unternehmen so groß aufstellt, bedarf es bestimmter Randbedingungen“, konterte eine Frau. „Und dazu gehört genügend Personal.“

Zwar ruht die Tätigkeit von Rolf Kleine während des Einsatzes für Steinbrücks Wahlkampf, doch in Sachen Glaubwürdigkeit dürfte der höchst unglücklich agierende Kanzlerkandidat den nächsten Griff ins Klo vollbracht haben. Denn dass ausgerechnet ein Lobbyist eines Immobilienkonzerns, der gemeinhin als „Heuschrecke“ gilt, ein soziales Wahlprogramm glaubwürdiger macht, glaubt wahrscheinlich wirklich nur Steinbrück selbst.

Aber immerhin muss man Steinbrück zu Gute halten, dass er sicherlich nicht wie einst Franz Müntefering in bester völkischer Manier gegen „Heuschrecken“ wettern wird… Die Hunderttausenden Mieter der Annington Immobilienfirma dürfte die SPD dennoch spätestens seit heute verloren haben.

Die Jungen Liberalen forderten indes bereits den Rücktritt des neuen Sprechers von Steinbrück. Sie werfen Kleine wegen eines Facebook-Eintrags „Alltagsrassismus“ vor“, berichtet Die Welt. Herzlichen Glückwunsch, SPD.

Siehe auch: Hetzen mit Tieren

6 thoughts on “Steinbrücks „Heuschrecke“

  1. Wäre nicht der erste SPD KAnzler, der einen Experten aus dem gegnerischen Lager rekrutiert, um soziale Fragen zu behandeln. Mal schauen, vielleicht wirds ja wie bei Schröder und Hartz: wenn man sich nichtmindestens alle 14 Tage beim Hausmeister meldet, wird einem zuerst der Strom abgedreht, dann das Wasser und zum Schluss wird einem der Schlüssel zur Etagentoilette entzogen.

  2. ZITAT: “Vor allem in Ballungszentren steigen die Mieten, bezahlbare Wohnungen werden knapp. Familien, Alleinerziehende und ältere Menschen finden in den Innenstädten keine Wohnungen mehr, die sie sich leisten können.” So beschreibt Peer Steinbrück auf seiner Homepage die Lage auf dem Wohnungsmarkt. ZITAT ENDE

    Typisch Steinbrück! War noch nie in Magdeburg, Hall (Saale), in Frankfurt (Oder!), noch nie in Cottbus, Zittau, Demmin etc., etc. Dieser Dummschwafler redet West, meint West, denkt West und handelt West.
    Außerdem ist es mehr als peinlich, als rechter SPDler allzu offensichtlich taktisch auf den „sozialen Zug nach links“ aufzuspringen. Zur Dummheit kommt also auch noch Frechheit – Steinbrück? No thx!!!!!

  3. Man kann ja der Annington und anderen Großinvestoren nach der Wahl eine „Soforthilfe“ in Milliardenhöhe zur Verfügung stellen. Selbstverständlich ohne es zurück zahlen zu müssen. Schließlich muss sich deren Arbeit ja auch lohnen.

    Um die Schuldenbremse nicht nicht durch zu viel Bewegung notwendig machen zu müssen, wäre doch eine Streichung der Eigenheimzulage sinnvoll. Bausparen und günstige Kredite braucht auch niemand, der sich auf die zukünftige soziale Ader von Annington und Co. verlassen kann.

    Ich bin sicher, Kleine fällt in dieser Richtung sehr viel ein und Steinbrück politische Expertise besteht ja vollständig aus dem Vertrauen in wirtschaftliche Expertise. Politisch alternativlos und wirtschaftlich standort_bevorteilt, oder so…

  4. Da hat Steinbrück sich ja ein gutes Thema ausgesucht. Der Kampf gegen die hohen Mieten, sollte doch eigentlich wirklich immer funktionieren und bei den Leuten auf offene Ohren stoßen. Doch wenn man wirklich davon betroffen ist, stoßen einem solche Spielchen eher sauer auf. Mir ist davon wenigstens nicht geholfen.

  5. Zur Vermeidung eines West-Ost-Konfikts: Herr Steinbrück war auch offensichtlich noch nciht in Westberlin, also dort, wo Annington Wohnungen besitzt. Hir werden denkmalgeschützte Häuser dem Verfall preisgegeben. Auf Mitteilungen, dass Löcher in der Außenwand dazu führen, dass bei jedem mittelstarken Regen die Keller geflutet werden, wird über ein Jahr lang nicht reagiert.
    Und überhaupt die Callcenter …. nun wüßte ich gerne, was sich da verbessert haben soll.

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