Blockupy: Forscher kritisieren Polizeigewalt

Zahlreiche Wissenschaftler und Experten haben sich in einem offenen Brief an die Landesregierung in Hessen besorgt über die polizeiliche Gewalt gegen Demonstranten in Frankfurt gezeigt. Sie kritisierten das harte Vorgehen mit vielen Verletzten und warnten davor, das Demonstrationsrecht auszuhebeln. Publikative.org dokumentiert das Schreiben.

Protest- und Polizeiforscher*innen besorgt über Polizeigewalt gegen Blockupy-Proteste

Wir sind äußerst beunruhigt über das Vorgehen der Polizei gegen die Blockupy-Demonstration am 1. Juni 2013 in Frankfurt am Main. Als Protest- und/oder Polizeiforscher*innen haben wir die Entstehung der aktuellen Krisenproteste intensiv verfolgt und sind vertraut mit Erscheinungsformen und Dynamiken sozialer Proteste. Derzeit erleben wir große gesellschaftliche Umbrüche, die als Währungs-, Wirtschafts- oder Finanzkrise beschrieben werden. Gerade in solchen zentralen Fragen, wie der Sozial-, Geld- und Wirtschaftspolitik bedarf es eines breiten gesellschaftlichen Diskurses – und zu diesem gehören auch Meinungsäußerungen durch Demonstrationen und Proteste. Immer häufiger ist aber zu beobachten, dass von Seiten der Staatsmacht solche demokratischen Prozesse unterbunden oder stark behindert werden.
Polizisten schlagen während der Anti-Nazi-Proteste in Dresden 2013 auf einen Gegendemonstranten ohne Gegenwehr ein, Foto: Publikative.org
Polizisten schlagen während der Anti-Nazi-Proteste in Dresden 2013 auf einen Gegendemonstranten ohne Gegenwehr ein, Foto: Publikative.org

Bereits im Jahr 2012 wurden die Blockupy-Proteste vor allem juristisch behindert, wenngleich kaum eine der Maßnahmen nachträglich vor Gericht Bestand hatte. In diesem Jahr hat die Polizei die genehmigte Demonstration durch die Einkesselung von über 900 Menschen, die bis zu neun Stunden ohne jede Versorgung festgehalten wurden, willkürlich unterbunden. Während dieser Zeit verletzten Einsatzkräfte die bereits eingekesselten Demonstrant*innen, wissenschaftliche Beobachter*innen und Journalist*innen u.a. durch Pfefferspray, Schläge und Tritte. In einer ersten Zwischenbilanz berichten Sanitäter*innen von bis zu 300 Verletzten.

Der polizeiliche Umgang mit Protest ist – so zeigen Studien wie auch Demonstrationsbeobachtungen von Bürger*innenrechtsgruppen – oftmals und auch im konkreten Fall in Frankfurt von umfangreichen Auflagen gekennzeichnet, die auf vagen, aber kriminalisierenden Gefahrenprognosen beruhen. Daraus folgen massive Vorkontrollen, teils mit Festsetzung von anfahrenden Bussen, zunehmende Videoüberwachung, einschüchterndes Material- und Waffenaufgebot sowie enge, einschließende Begleitung von Aufzügen. Solche und andere polizeiliche Maßnahmen wirken abschreckend und schränken so die Demonstrationsfreiheit ein.
Die teilweise dramatischen Szenen aus Frankfurt zeigen eine nicht hinnehmbare Eskalation. Aufgabe der Polizei in der BRD sollte es eigentlich sein, Versammlungen zu schützen und nicht, diese zu behindern oder gar zu bekämpfen. Wir sehen die aktuellen Entwicklungen eines zunehmend repressiven und gewalttätigen Umgangs mit legitimen Protesten mit großer Sorge und schließen uns den Forderungen einer umfänglichen Untersuchung und Aufarbeitung der polizeilichen Übergriffe auf Demonstrant*innen in Frankfurt an.
Jenseits des konkreten Falles in Frankfurt fordern wir:
  • die individuelle Kennzeichnung von Polizeibeamt*innen, um Gesetzesübertretungen verfolgen zu können,
  • die Schaffung (polizei-)unabhängiger Kontroll- und Beschwerdeinstanzen zur Untersuchung solcher Vorfälle,
  • eine unabhängige Forschung zu sozialen Bewegungen, Protest und staatlichem Umgang mit diesen Phänomenen.
Es gilt, das Grundrecht der Versammlungsfreiheit gegen Entwicklungen wie in Frankfurt zu schützen! Gesellschaftliche Debatten dürfen nicht durch polizeiliche Maßnahmen behindert werden!
Erstunterzeichnende (alphabetisch):
Stephan Adolphs, Dipl.-Pol., Institut für Soziologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Dr. Knut Andresen, Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg
Dr. Dario Azzellini, JKU Linz, Austria
Jana Ballenthien, M.A., Soziologin, Justus-Liebig-Universität Gießen
Dr. Britta Baumgarten, CIES Lissabon
David Bebnowski, Dipl.-Sozw., Politikwissenschaftler, Institut für Demokratieforschung Göttingen
Prof. Dr. Bernd Belina, Institut für Humangeographie, Goethe-Universität Frankfurt
Prof. Robert Benford, Chair Department of Sociology, University of South Florida
Dr. Torsten Bewernitz, Politikwissenschaftler, Mannheim
Susanne Boehm, Historikerin, Hannover
Jan Bönkost, Medienkulturwissenschaftler und Mitarbeiter des Archivs für soziale Bewegungen, Bremen
Michael Briguglio, Asst Lecturer, Sociology Department, University of Malta
Dr. Mario Candeias, Co-Direktor, Institut für Gesellschaftsanalyse, Rosa Luxemburg-Stiftung
Dr. Carl Cassegard, Associate Professor, Dept. of Sociology, University of Gothenburg
Robin Celikates, Associate Professor, Department of Philosophy Vice-Director, Amsterdam, School for Cultural Analysis, University of Amsterdam

Dr. Chris Cocking, University of Brighton

Dr. Laurence Cox, National University of Ireland Maynooth
Prof. Dr. Helga Cremer-Schäfer, Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung,
Goethe-Universität Frankfurt
Dr. Laurence Davis, College Lecturer, Department of Government, University College Cork, Ireland
Dr. Gunther Dietz, Professor für Interkulturelle Studien, Universidad Veracruzana, Mexiko
Prof. Nicole Doerr, Assistant Professor of International Relations, Mount Holyoke College, USA
Prof. Ricardo Dominguez, Associate Professor and Principal Investigator, University of California, San Diego
Dr. David Featherstone, Senior Lecturer in Human Geography, University of Glasgow
Dr. Luis A. Fernandez, Associate Professor, Criminology and Criminal Justice, Northern Arizona University
Michael Fiedlschuster, Universität Leipzig
Prof. Helena Flam, Ph.D., Soziologie, Universität Leipzig
Dr.  Cristina Flesher Fominaya, Department of Sociology, Ethics Officer,  School of Social Sciences, University of Aberdeen, United Kingdom
Dr. Annette  Freyberg-Inan, Associate Professor of Political Science, Amsterdam  Institute for Social Science Research, University of Amsterdam
Barbara Fried, Leitende Redakteurin der Zeitschrift LuXemburg, Rosa Luxemburg Stiftung, Berlin
Dr. Fabian Frenzel, Politikwissenschaftler, Universität Potsdam
Catherine Friedrich, PhD student, NUI Maynooth, Ireland
Peter Nikolaus Funke, Ph.D., Assistant Professor,  Department of Government & International Affairs, University of  South Florida
Dr. Mischa Gabowitsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Einstein Forum, Potsdam
Dr. Tatiana Golova, Soziologin, Otto-von-Guericke Universtität Magdeburg
Prof. Marlies Glasius, Chair in International Relations,  University of Amsterdam, Special Peace Chair, Citizen Involvement in  Conflict and Post-Conflict Situations, Free University of Amsterdam
Alexander Großmann, Politikwissenschaftler, Berlin
Sarah Graber Majchrzak (Berlin), Historikerin, Europa-Universität-Viadrina, Frankfurt/ Oder
PD Dr. Rüdiger Haude, Historiker, RWTH Aachen
Dr. Christoph Haug, Soziologe, Universität Göteborg
PD Dr. Sebastian Haunss, Universität Bremen, SFB 597 – Staatlichkeit im Wandel
Dr. Richard Heigl, Historiker, Regensburg
Bernd Hüttner, Politikwissenschaftler, Referent für Zeitgeschichte der
Rosa Luxemburg Stiftung und Gründer des Archiv der sozialen Bewegungen, Bremen
Daniel Häfner, M.A., Kulturwissenschaftler, BTU Cottbus
Ingmar Hagemann, Politikwissenschaftlicher, Universität Duisburg-Essen
Dr. Eva Maria Hinterhuber, Politikwissenschaftlerin, Berlin
Anke Hoffstadt, Historikerin, Düsseldorf
Prof.  Dr. John Holloway, Instituto de Ciencias Sociales y Humanidades  “Alfonso Vélez Pliego”, Benemérita Universidad Autónoma de Puebla  Puebla, Mexico
Dr. Christoph Jünke, Historiker, Fern-Universität Hagen
Dr. Jochen Kleres, Soziologe, Humboldt Universität zu Berlin/European University Institute, Florenz
Andrea Kretschmann, Universität Bielefeld/Institut für Höhere Studien, Wien
Dr. Gregor Kritidis, Historiker, Hannover
Dr. phil. Leo Kühberger, Historiker, Graz
Nils Kumkar, Soziologe, Universität Leipzig
Dr. Conrad Kunze, Soziologe, Berlin
Prof. Dr. Christian Lahusen, Universität Siegen
Dietmar Lange, Historiker (Doktorand), Freie Universität Berlin
Dr. Darcy K. Leach, Assistant Professor, Department of Sociology and Social Work, Bradley University
Ben Leeman, Former PhD student at Victoria University, Melbourne Australia, Current student at OASES
Dr. Christiane Leidinger, freischaffende Politikwissenschaftlerin, Berlin
Alexander Leistner, Soziologe, Universität Leipzig
Prof. Dr. Tilman Lutz, Evangelische Hochschule Hamburg
Dr. Jörg Nowak, Political Scientist, Visiting Professor at Kassel University, Germany
Dr. Oliver Leistert, Universität Paderborn
Miguel Ángel Martínez López, Dept. Of sociology 2, University complutense of Madrid
Christiane Mende, Berlin
Prof. Dr. Ingrid Miethe, Justus-Liebig-Univesität Gießen
Daniel Mikecz, Politikwissenschaftler, Eötvös Loránd Universität, Budapest
Matthias Möller, Kulturwissenschaftler (Postdoc), Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Dr. Gisela Notz, Historikerin und Sozialwissenschaftlerin, Berlin
Dr. Andrew Oppenheimer, Maastricht University
Lars Ostermeier, Dipl. Krim., Zentrum Technik und Gesellschaft, TU Berlin
Dr. Gottfried Oy, Sozialwissenschaftler, Frankfurt am Main
Andrea Pabst, M.A., Doktorandin an der Universität Trier
Professor Dr. Helge Peters, Universität Oldenburg
Dr. Andreas Pettenkofer, Max-Weber-Kolleg, Erfurt
Dr. Lika Rodin, University of Skövde, Sweden
Prof. Dr. Roland Roth, Institut für Protest- und Bewegungsforschung
Julia Roßhart, M.A., Doktorandin in den Gender Studies an der HU Berlin
Dr. Stefan Rüb, Hochschule Fulda
Prof. Dr. Dieter Rucht, Institut für Protest- und Bewegungsforschung (i.G.)
Prof. Dr. Dr.h.c. Fritz Sack, Berlin
Prof. Dr. jur. Stephan Quensel, Grönwohld
Prof. Dr. Klaus Schönberger, Zürich
Sebastian Scheele, Soziologe, Institut für Protest- und Bewegungsforschung, TU Berlin
David Scheller, Ph.D Fellow, Justus-Liebig-Universität Gießen
Dr. Regina Schleicher, Romanistin, Frankfurt am Main
Dr. Alexandra Schwell, Universität Wien
Dr. Katharina Stengel, Historikerin, Frankfurt am Main
Dr. Christian Scholl (University of Louvain)
Uwe Sonnenberg, Historiker, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Wolfgang Stuppert, Doktorand, Berlin Graduate School of Social Sciences
Amber O ‘Sullivan, MA, Community Education, Equality and Social Activism, Maynooth, Ireland
Prof. Dr. H. Sünker, Bergische Universität Wuppertal
Dr. des. Simon Teune. Institut für Protest- und Bewegungsforschung i.G.,
TU Berlin
Dr. Anne Tittor, Center for Interamerican Studies, Universität Bielefeld
Dr. Dr. Peter Ullrich, Zentrum für Antisemitismusforschung/Institut für Protest- und Bewegungsforschung, TU Berlin
Alex S. Vitale, Associate Professor, Department of Sociology, Brooklyn College
Dip. – Pol. Viviana Uriona, Politikwissenschaftlerin (Doktorantin Universität Potsdam)
Dipl.-Soz. Judith Vey, Institut für Protest- und Bewegunsforschung, TU Berlin
Martin Wagener, PRFB Forscher  und Promotionsstudent in Soziologie, Centre for interdisciplinary  research – Democracy, Institutions and subjectivity
Dr. Karen Wagels, Kulturwissenschaftlerin, Kassel
PD Dr. Heike Walk, Institut für Protest- und Bewegungsforschung (i.G.), Technische Universität Berlin
Dr. Peter Waterman, Institute of Social Studies (retired), The Hague Netherlands
Sabrina Zajak, Humboldt-Universität Berlin
Jens Zimmermann, Politikwissenschaftler, Duisburg
Dr. habil. Nils Zurawski, Institut für kriminologische Sozialforschung, Uni Hamburg
Kontakt/Presseanfragen:
Dr. phil. Dr. rer. med. Peter Ullrich, Institut für Protest- und Bewegungsforschung & Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin, ullrich@ztg.tu-berlin.de

ENGLISH VERSION

Researchers on protest and policing on police violence against Blockupy in FrankfurtWith this letter we wish to express our deep concern about police conduct towards the Blockupy demonstration of June 1st, 2013 in Frankfurt. On this day about 20,000 peaceful participants in a legal demonstration moved along the designated route towards the financial district and the European Central Bank. Of these about 900 were kettled for 9 hours with no water, food or facilities. Preliminary reports from street medics suggest 300 protestors suffering injuries from police-administered batons, kicks and pepper sprays. At present, profound transformations which are widely understood as representing a monetary, economic or financial crisis are taking place. For such key questions as how to solve this crisis and shape the future, broad public debate is necessary. Demonstrations and protests are a legitimate part of this debate. Increasingly, however, state authorities are intervening to prevent or severely curtail these democratic processes.In 2012, the Blockupy protests were also restricted, this time by the judicial apparatus. However, none of the measures taken held up in court subsequently.This year, by kettling 900 people for up to nine hours without any food, water or facilities, the police arbitrarily inhibited a legal demonstration – and denied participants their constitutional rights. During this time, police officers injured the kettled protesters, academic observers and journalists among others with pepper spray, batons, and kicks. In a first estimate, street medics reported 300 persons injured by the police.As scholars of protest and policing we are familiar with the general forms and dynamics of social protest and have intensively followed the emergence of the current anti-austerity protests. As many studies and the systematic observations of civil rights groups have documented, the police control of protest in Frankfurt, but also more generally, is characterized by many restrictions based on vague but criminalizing risk analyses. The results are massive preventative controls, preventing the arrival of buses, increasing video surveillance, putting on displays of equipment and weaponry, as well as the kettling of demonstrations. Such displays of the capacity to employ violence are intimidating and restrict the freedom to protest.The dramatic scenes in Frankfurt testify to an unacceptable escalation in such displays and the willingness to attack peaceful and legal demonstrations. The task of the police in Germany should be to protect the right of public assembly and not to prevent or even attack such assemblies. We view the current developments of the increasingly repressive and violent policing of legitimate protest with great concern and support the demand for a full investigation of the police attacks on demonstrators in Frankfurt.Beyond the specific case of Frankfurt we demand:

– the visible identification of individual police officers (including undercover officers), in order to facilitate the identification of police officers breaking the law and / or acting beyond the call of duty;

– the creation of an independent monitoring, control and complaint institution for the investigation of such incidents

– independent scholarship on social movements, protest and state responses to these phenomena

 

The constitutional right of assembly needs to be protected against developments such as in Frankfurt. Political debates should not be inhibited by police measures.

Contact:

Dr. Dr. Peter Ullrich, Institute for Protest and Social Movement Studies, Technische Universität Berlin, ullrich@ztg.tu-berlin.de

Siehe auch: Großzügiger Einsatz von Pfefferspray