NSU: Zeugin erkannte Rechtsterroristen wieder

Die bayerischen Ermittler haben einen möglicherweise entscheidenden Hinweis einer Zeugin nicht ausreichend verfolgt. Das wurde im NSU-Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags deutlich. Eine Frau hatte in Nürnberg kurz vor einem der Morde zwei Männer beobachtet – und diese später auf einem Video vom Anschlag in Köln wieder erkannt.

Von Johannes Hartl, Endstation Rechts Bayern

Wenig neues erfuhr der Untersuchungsausschuss in Bayern von Gerhard Forster. (Foto: Johannes Hartl)
Untersuchungsausschuss in Bayern (Foto: Johannes Hartl)

Genau erinnert sich Maria Wagner (Name geändert) noch heute an den 9. Juni 2005. Bereits nachdem sie morgens gegen 08.45 Uhr das Haus verlassen hat, sind ihr in einer Nebenstraße zwei Männer mit Fahrrädern aufgefallen, die ihren Beobachtungen nach einen Stadtplan studiert haben. Wenig später, als Wagner etwa um 09.10 Uhr wieder auf dem Rückweg war und an dem Döner-Imbiss von Ismail Yasar vorbeigefahren ist, habe sie die beiden Personen erneut gesehen. Diesmal beobachtet die Frau, wie einer der beiden dem Anderen einen Gegenstand in den Rucksack gesteckt hat, der mit einer Plastiktüte umhüllt gewesen sein soll.

Als sie im Laufe des Mittags von ihrem Sohn von der Ermordung von Ismail Yasar erfahren hat, wandte sich Maria Wagner sofort an die noch vor Ort ermittelnde Polizei und schilderte einem Streifenbeamten ihre Beobachtungen. Direkt am selben Tag erhielt sie deshalb einen Anruf von der Polizei und wurde für den 10. Juni zu einer Zeugenvernehmung bestellt. Dort schilderte sie den Beamten ihre Beobachtungen und gab eine sehr detaillierte Beschreibung der beiden Fahrradfahrer ab. Mitte des selben Monats wurde ein Phantombild angefertigt.

Fast ein ganzes Jahr später, am 23. Mai 2006, wurden Maria Wagner dann Videoaufnahmen aus der Kölner Keupstraße vorgeführt, in der die beiden Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kurz vor der Detonation der Nagelbombe ebenfalls mit Fahrrädern aufgenommen wurden. „Ich habe sofort gesagt: Das ist einer der Männer, die ich in Nürnberg gesehen habe“, erinnert sich Wagner heute vor dem Untersuchungsausschuss. Die Polizei hingegen schreibt in ihrem Protokoll, Frau Wagner sei sich „ziemlich sicher“ gewesen und habe von „identisch“ gesprochen. An dieser Version hielt der Kriminalhauptkommissar Hans-Karl Ruppe, der die Vernehmung damals durchgeführt hat, zunächst auch vor dem Ausschuss fest.

Geradezu dreist beharrte er auf seiner „Erinnerung“ und behauptete, das angefertigte Protokoll würde exakt die Aussagen Wagners gegenüber der Polizei wiedergeben. Erst auf mehrmaliges Nachfragen des Ausschussvorsitzenden Franz Schindler (SPD) hin räumte der Kriminalhauptkommissar ein, dass die heute 46-jährige Zeugin die beiden Neonazis in dem Video nicht nur „ziemlich sicher“, sondern mit hoher Sicherheit erkannt habe. Warum die Version im Protokoll der Polizei abgeschwächt wurde, könne er sich nicht mehr erklären.

„Freundlicher Mann“

Deutlich weniger Bedenken hatte die Polizei allerdings bei Nachfragen bezüglich möglicher Verbindungen in Richtung der Organisierten Kriminalität. Frau Wagner konnte sich jedoch unmöglich vorstellen, dass der Ermordete etwas mit Geldwäschern, Waffenschiebern oder gar der Mafia zu tun gehabt hat. Yasar sei ihr vielmehr als „freundlicher Mann“ in Erinnerung geblieben, der stets „nett“ zu ihren Kindern gewesen ist. Die Beamten begnügten sich damit aber nicht. Drei- bis vierfach hackten sie bei der Zeugin nach, erzählte diese am Mittwoch. So wollten die Polizisten von ihr immer wieder wissen, ob sie sich diesbezüglich auch sicher sei.

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Die tatsächlich relevante Information der Zeugin, nämlich die Beschreibung der beiden Täter und die hergestellte Verbindung zum Nagelbombenanschlag in Köln, wurde hingegen von den Ermittlern kaum beachtet. Ruppe habe das Protokoll der Vernehmung an den Ermittlungsführer weitergegeben, der daraufhin eine Bewertung vorgenommen hat und es ebenfalls weiterleitete. Im genauen Verlauf muss diese Spur aber untergegangen sein, explizit weiterverfolgt wurde sie jedenfalls nicht. Aus heutiger Sicht wäre dies aber vermutlich „interessant“ gewesen, führte Karl-Heinz Ruppe vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag aus. Er selbst hielt die Spur damals für einen „Treffer“.

Unerklärliche Diskrepanzen

Ähnliche „Diskrepanzen“ zwischen dem Protokoll der Polizei und der Aussage von Maria Wagner gab es auch bei einer Vorlage der aus den Kölner Videos herausgearbeiteten Bildern. Während Wagner auch hier die Täter wieder erkannt haben will, steht in der Niederschrift der Polizei, dass sie „nicht sicher sagen“ könne, ob es sich denn um die gleichen Personen handelt. Der verantwortliche Beamte, Peter Merkel vom Polizeipräsidium Mittelfranken, sagte vor dem Untersuchungsausschuss: „Wenn ich es so aufgeschrieben habe, hat sie es so gesagt!“ Wieso er die Differenzen zu den früheren Aussagen, in denen Frau Wagner die Täter sofort identifizieren konnte, nicht thematisiert hat, „weiß ich heute nicht mehr“, so Merkel. Normalerweise sei es allerdings üblich, auf Widersprüche aufmerksam zu machen.

Anders als sein Kollege Ruppe bezeichnete er die Spur nicht als „Treffer“. Wie alle Spuren sei sie mit in den „Topf“ eingeflossen, sagte er und revidierte die Aussage wenig später doch: „Ich möchte nicht sagen, dass es eine Spur wie jede andere war. Der Hinweis war da und ist schön höher bewertet worden, denke ich!“ Wer bei der BAO die Spur dann in ihrer Priorität herabgestuft habe, könne er den Parlamentariern nicht schildern: „Ich weiß es nicht mehr!“

Siehe auch:Terror als reines Sicherheitsproblem  , Mundlos: Ein “Macher” im Neonazi-Netzwerk

7 thoughts on “NSU: Zeugin erkannte Rechtsterroristen wieder

  1. In diesen „Topf“ hat man nichts reinfliessen lassen,
    schön den Deckel drauf, und wenn trotzdem etwas reinsickert
    dann wird es ausgeschüttet.
    Damit das was man selbst hineingab nichts nass wird.
    In Köln kamen keine Zeugenaussagen rein, oder erst wesentlich später,
    die hat man gegen diese Hellseherin aus München getauscht.
    Die meldet sich am nächsten Tag gleich zwei mal,
    ihre erste Version war noch eine terroristische,
    bei der zweiten war sie dann kriminell auf Linie.
    Dafür muss man eigentlich nicht hellsehen können,
    das LKA hatte ja schon tags zuvor die Weisung
    der unbekannten Person aus dem Innenministerium umgesetzt.
    Wer das war liegt weiterhin im Dunklen.
    Und auch heute ist es noch so : NSU-Sichtungen,
    ob in Heilbronn, in Regensburg oder in Dortmund,
    sie gelten als unwahrscheinlich.

    Wer ist das Phantom aus dem Inneministerium ?
    Wurde die Hellseherin überprüft,
    oder macht man sowas nur bei Türken ?
    Was war Inhalt der Telefonate, die der Verfassungsschützer Andreas T.
    mit seinem V-Mann Benjamin G. an den 3 Tagen,
    an denen Morde verübt wurden, führte ?
    Die Telefonate fallen mit dem 6ten, dem 7ten und dem 9ten Mord zusammen.
    Vor dem 8ten hingegen liess sich der ehemalige V-Mann Toni S. blicken.
    Gibt es eine Verbindung zwischen G. und S. ?
    Oder G. und „Heidi“, der S. gesehen haben will ?

    Es fällt schwer da keine Visionen zu kriegen.

  2. es war wohl auch hier, wie es immer war. die polizei hatte, in köln, münchen, nürnberg ihr urteil längst gefällt: die opfer waren „ausländer“, also war auch die tat eine tat „unter ausländern“, „im drogenmillieu“ oder „im geldwäschemillieu“. klare indizien, ja sogar zeugenaussagen, die in eine klar andere richtung weisen, werden unterschlagen, in ihrer brisanz durch die eine oder andere formulierung „entschärft“ oder gehen „verloren“. und natürlich können die beamten sich nach so vielen jahren mit der behauptung rausreden, sich nicht mehr so genau erinnern zu können. wer von uns weiß denn schon, was ihn vor zwei, drei, fünf oder in diesem fall fast zehn jahren umgetrieben, womit er sich beschäftigt hat.

    „die botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der glaube“ lässt goethe seinen faust sagen, zwar in anderem zusammenhang, aber dennoch passt das zitat auch hier. ich kann es einfach nicht glauben, dass in einem staat wie deutschland, der international dafür bekannt und auch geschätzt ist, dass hier besonders gründlich, besonders ordentlich, ja pedantisch und pingelig gearbeitet und vor allem bürokratisiert wird, dass ausgerechnet hier so „schlampig“ gearbeitet wird.

    sebastian edathy bringt es auf den punkt, wenn er die arbeit des nsu-untersuchungsausschusses im bundestag auf den punkt bringt: eine serie von unerträglichen schlampereien, bei der BISHER keine erkenntnis darüber vorliegt, ob hier aus vorsatz oder doch „nur“ unglaublich dilettantisch gearbeitet wurde. „bisher“ heißt ja nichts anderes als „wir sind noch nicht so weit, dies abschließend beurteilen zu können“. hoffen wir, dass auch in der nächsten legislaturperiode ein untersuchungsausschuss zusammenkommen wird und hoffen wir, dass dann die wahrheit ans licht kommt und nicht nur eine unerträgliche serie von schlechten gefühlen, die alle letztlich in eine richtung weisen, aber nicht konkret genug sind, sie in worte fassen zu können.

  3. Polizei wie Verfassungsschutz sind entstehungsgeschichtlich rechts weitgehend blind. Auf einer Neonazi-Demo wird gegen linke Kritiker der Neonazis immer mehr vorgegangen, als gegen die Neonazis selbst. In Zeiten des NSU führt unser Innenminister ein Zentralregister zur Bekämpfung des „Linksextremismus“ ein und vergleicht die Partei DieLinke, deren Abgeordnete vom Verfassungsschutz beobachtet werden, mit der NPD. Statt gründlicher auszuwerten, sollen mehr Daten erhoben und mehr Kamera-überwacht werden u.s.w. Ich hoffe, dass alles „irgendwie-Linke“ zur nächsten Wahl geht!

    lg LL

  4. Und hätte man so gewissenhaft gegen die NSU ermittelt wie man kleine Junkies schikaniert, würde auch die junge Kollegin noch leben. Und ihr Kollege wäre gesund.

  5. Einfach nur noch lächerlich, diese Bande aus Verfassungsschutz, Polizeibehörden und BRD Journalisten …..

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.verfassungsschutz-im-suedwesten-gefahr-durch-radikalisierte-kleingruppen.f0dc94a0-5e20-416c-a099-08c836c99028.html

    Hinweise, laut denen nach dem Anschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn im Jahr 2007 aus der rechten Szene nach dem Zustand des schwerverletzten Beamten geforscht worden war, bezeichnete die Verfassungsschutzpräsidentin als „frei erfunden“

    Wirklich beeindruckend!!!
    Krokus und die inzwischen verifizierte Tatsache, dass rechtsextreme Täter, welche in den Mord an Michele Kiesewetter verstrickt sind, war laut LFV Cheffin Bube „Frei erfunden“ ???

    Es existieren zu diesem Punkt zwei weitere Zeugen !!!

    Wenn es frei erfunden ist (na ja, 9 Aktenordner über Krokus und Co. vielleicht hat sie wie diese Expertin Neumann auch falsche Unterlagen eingesehen und verwechselt, meint nunmehr – dass die Aktenordner mit freien Erfindungen des LFV geschmückt sind ….. )

    Dann kann diese LFV Präsidentin sicherlich den Namen der in Ludwigsburg zum damaligen Zeitpunkt (April 2007 bis Juli 2007) tätigen Krankenschwester vorlegen sowie eine Vernehmung dieser Krankenschwester? Wie sonst kommt Bube auf die Lüge, es wäre frei erfunden?

    Sie dementierte auch, dass ein angeblicher Ku-Klux-Klan-Ableger in Schwäbisch Hall von V-Leuten des Verfassungsschutzes gegründet worden sei. „Das kann ich definitiv ausschließen.

    Es wird Zeit, dass diese Dame ihre Papiere bekommt und in keiner BRD Behörde auch nur noch einen Aushilfsjob bekommt. Ferner sollte man sich überlegen, ob man ein Strafverfahren gegen diese ********** einleitet!

    http://www.stimme.de/suedwesten/nachrichten/pl/Innere-Sicherheit-Verfassungsschutz-Verfassungsschutz-nbsp-NSU-Bezuege-in-den-Suedwesten-sind-noch-nebuloes;art19070,2802670

    Die Verbindungen der NSU-Terroristen um Beate Zschäpe nach Baden-Württemberg sind nach wie vor nebulös. Es erschließe sich bislang nicht, warum die Rechtsterroristen gerade zu bestimmten Personen im Südwesten Kontakte gepflegt hätten, sagte die Präsidentin

    Das ist nur noch dreist, wie hier Journalisten vorgeführt werden. (Und diesen Mist auch noch verbreiten ….)

    Wenn bestehende und ermittelte Tatsachen also weiterhin nebulös sind, für was brauchen wir dann diese ***** und ***** des LFV Baden Württemberg ???

    Bube soll sich beim Heron Verlag bewerben, dort kann sie für Roewer und Konsorten auf Tisch tanzen …..

    Anmerkung Red.: Bei aller Wut usw. Bitte keine Beleidigungen, sonst können wir ihre Kommentare nicht veröffentlichen. Danke.

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