„Jude, Jude!“: Mach dir nichts d’raus?

Als Rabbiner muss man in Deutschland offenbar mit antisemitischen Beleidigungen im Alltag rechnen. „Mach dir nichts d’raus?“, hat  sich Menachem Mendel Gurewitz in solchen Situationen bislang gesagt. Bislang. Seit seinem letzten Besuch eines Einkaufszentrums in Offenbach  stellt er die „Mach-dir-nichts-d`raus“-Einstellung ernsthaft in Frage.

Von Rabbiner Menachem Mendel Gurewitz, zuerst erschienen bei hagalil

"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer
Deutsche Juden werden gerne und oft mit „Israel-Kritik“ konfrontiert.

Es vergeht keine Woche, in der meine Söhne oder ich nicht belästigt und beleidigt werden, nur wegen unserer jüdischen Erscheinung. Normalerweise ruft man uns nach “Jude ..”, “sche… Jude”, “viva Palestina”. Das gestrige Ereignis hat mich allerdings aufgerüttelt!

Als ich ein paar Erledigungen im hiesigen KOMM Einkaufszentrum nachging, hörte ich die nicht ungewöhnlichen Rufe “Jude, Jude”. Wie ich mich nach den Stimmen umdrehe, sehe ich eine Gruppe “Jugendlicher” in einem Schnellimbiss. Ich beschloss zu handeln und die Gang mit meinem Handy zu fotografieren, um damit später zur Polizei zu gehen. Danach ging ich weiter, um bei Tegut einzukaufen. Als ich durch die Gänge lief, sah ich zwei Sicherheitsleute in Begleitung von ca. 10 “Jugendlichen”.

Sie umzingelten mich und der Sicherheitsmann begann: “Haben Sie Bilder von diesen Jungs gemacht?” Als ich erklärte, weshalb ich das getan habe, wandte einer der Jungen ein: “Wir haben gar nicht Sie gemeint mit “Jude”, wir haben unseren Freund gemeint. Der war geizig und wollte sein Essen nicht mit uns teilen.”

Der Sicherheitsmann ignorierte die Bemerkungen und rief: “Ich habe gesagt, Sie sollen diese Bilder löschen, JETZT”. Ich sagte, ich würde sie löschen, wenn wir die Polizei kontaktieren. Während der Sicherheitsmann die Polizei anrief, umzingelten mich die Jugendlichen weiter und schreien, ich soll die Bilder löschen.

Der Sicherheitsmann gab mir sein Telefon mit der “Polizei” in der Leitung. Nachdem ich mich vorgestellt und vom Vorfall berichtet habe, antwortete die “Polizei”, was geschehen sei ginge sie nichts an und ich müsse die Bilder auf der Stelle löschen.

Kein einziger Passant greift ein

Danach wurde ich von den Sicherheitsleuten und den Jugendlichen nach draußen verfolgt. Sie schrien auf mich ein, ich solle beweisen, dass ich die Bilder gelöscht habe – gleichzeitig fotografierten sie mich und drohten ihrerseits, sie würden die Sache öffentlich machen. Sie schrien und brüllten und niemand, nicht einer der vielen Passanten, reagierte. Manche kicherten sogar bei dem Anblick.

Die Lage wurde brenzlig, als einer der Jugendlichen mir den Weg versperrte und mich nicht weitergehen ließ. Er begann, mich zu schubsten und schrie auf mich ein. Ich versuchte zu flüchten, aber ich war umzingelt und in Gefahr. Plötzlich kam ein Freund zufällig (!) vorbei und sah mich. Ich sprang in sein Auto und konnte wundersamer weise entkommen.

“Mach dir nichts d’raus” lautet das Mantra, das ich die letzten 15 Jahre wiederholt habe. Ich habe mir selbst beigebracht, das alles zu ignorieren und weiterzumachen. Ich redete mir ein, das wären nur junge Leute, unwissend und ohne Erziehung. Es ist nicht so ernst, es wird schon alles wieder gut.
“Mach dir nichts d’raus”, so brachten meine Frau und ich unseren Kinder bei, mit der Lage umzugehen. “Trag doch eine Kappe über deiner Kippa” ..”versteck deine Tzitzit” … “vergiss nicht, immer ein Handy dabei zu haben” ….”mach es nicht zu offensichtlich!”

Vor Kurzem besuchte ich ein Rabbiner-Seminar in Halle. Wir hörten einen Vortrag über die Reaktion der Juden auf ihre Lage Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre unter dem Nazi Regime. Damals wurden Juden in der Öffentlichkeit angegriffen, geschubst, geschlagen, beleidigt. Niemand protestierte, es war OK, weil es um Juden ging.

Antisemitische Schmiererei an einer Litfaßsäule direkt am Boxhagener Platz (Foto: René Andreas Erler)
Antisemitische Schmiererei an einer Litfaßsäule direkt am
Boxhagener Platz (Foto: René Andreas Erler)

Und so wurde ein jüdisches Kind, das gestern noch ganz “normal” war und mit seinem besten Freund spielte über Nacht verraten und von genau diesem besten Freund beschimpft. So wandten sich frühere Nachbarn, Freunde, Kollegen und Schulkameraden gegen ihren “Juden”.  Es handelte sich nicht mehr um einen Menschen, sondern um einen “Juden”. Ich frage mich, was dem Kind durch den Kopf ging? Was haben seine Eltern ihm erzählt? Möglicherweise “Mach dir nichts d’raus”?
Darauf hoffen, dass das alles vorbeigeht und man weiterleben kann.

Nach den gestrigen Ereignissen stelle ich diese gesamte Einstellung, die “Mach dir nichts d’raus” sagt, ernsthaft in Frage. Wären die 30er Jahre anders verlaufen, wenn wir nicht einfach gesagt hätten “Mach dir nichts d’raus”?
Es sind andere Requisiten, aber das Drehbuch bleibt in beunruhigender Weise gleich.

Heute, 2013 in Deutschland – oder anderswo – , sollten wir da sagen “Mach dir nichts d’raus”?

PS: Die Polizei fand das Verhalten der “Sicherheitsleute”  sehr seltsam.
Sie untersuchen den Vorfall und den problematischen Anruf bei derPolizei“.
Ich will mich bei den Offenbacher Polizisten bedanken, die sich wirklich aufopfern, um unsere Stadt sicherer zu machen.

Siehe auch: Zerstörter Glaube

37 thoughts on “„Jude, Jude!“: Mach dir nichts d’raus?

  1. @Ralf Görlitz: Ach gottchen, da hat sich wohl ihre Profilneurose getroffen gefuehlt, dass sie gleich so einen ellenlangen Kommentar loslassen muessen.
    -„Migranten“ sind in der Regel Menschen, die in diesem Land leben aber keinen dt. Pass besitzen.
    -„Menschen mit Migrationshintergrund“, sind Menschen mit dt. Pass, aber nicht unbedingt mit dt. Wurzeln.
    Vielleicht gehoeren sie ja auch zu den Deutschen, die die 3 Generation der so genannten „Gastarbeiter“, mit besten Deutschkentnissen, deutscher Sozialisation u. dt. Pass, immer noch als den „Tuerken“ sehen?
    (Ich schreibe das nur, weil sie ja hier den Linguisten rauslassen u. nicht weil ich ihnen etwas „vorschreiben“ will.)
    -In diesem Artikel kam eben NICHT der Begriff „Migrant“ vor. Das wurde von ihnen u. anderen unterstellt.
    -Bei der Gleichung beziehe ich mich u.a. auch auf den von Patrick Gensing verlinkten Publikative Artikel.
    -Zu ihrer „Parallele“ Islam u. Faschismus nur soviel; der Staat (welcher im Faschismus eine grosse Rolle inne hat) hat im Islam keinerlei Bedeutung. Ja er wird im Koran noch nicht einmal erwaehnt.
    Die Umma, hat im Gegensatz zu Exklusivitaet des Faschismus, einen universalistischen Anspruch. Denn merke: Auch ein Ralf Görlitz kann Moslem ohne weiteres werden, nur fuer Araber, Indonesier ist es schon wesentlich schwieriger „reinbluetiger“ Nazi zu werden.
    PS: Vielen Dank, dass sie mir goennerhaft meine Rechtschreibfehler erlassen.

  2. »Sollen die Juden im Stat geduldet sein? – Blicher und Le Berthélaine«

    Ein, zwei, drei … Kommando!

    (1) Über das Artikelfoto: Wenn solche Antisemitische Schmiererei an einer Litfaßsäule direkt am Boxhagener Platz steht zu lesen – sei nicht gelassen! Sage ich, weil das ist Weh und Ach.

    (2) „Kein einziger Passant greift ein … “ berichten der Artikelschreiber, so soll es nichts sein.

    (3) Nach Angaben von Spiegel.de gibt’s jährlich mehr als 100.000 „Hate Crimes“ in Deutschland*.

    Deshalb tut deine Tat – Check Youtube:

    »Sollen die Juden im Stat geduldet sein? – Blicher und Le Berthélaine«

    http://youtu.be/7SSoAvLaZ28

    Re-artikulation der Dänischer Poet St. St. Blicher … in Perspektive der heutigen »Hate Crime«.

    Le Berthélaine – Dänischer Künstler, Dichter und Kritiker

    *(spiegel.de + 662836)

  3. http://www.swr.de/nachrichten/rp/islamisten-greifen-fersehteam-an/-/id=1682/vv=teaser-12/rid=11557280/nid=1682/did=11556106/xcq8kz/index.html

    10.06.2013 | Drei Personen verletzt Radikale Islamisten greifen ARD-Fernsehteam an

    Offenbar radikale Islamisten haben am vergangenen Freitag im hessischen Offenbach ARD-Reporter und deren Kamerateam bei Dreh- und Recherchearbeiten angegriffen. Ein Reporter, ein Kameramann und ein Kameraassistent, die für REPORT MAINZ im Einsatz waren, wurden dabei verletzt.

    Angriff auf ein Kamerateam des SWR

    Die Angriffe erfolgten vor der Tauheed-Moschee in der Innenstadt. Die Journalisten waren dort mit ihrem Fernsehteam zu einem Recherchegespräch mit dem Imam unmittelbar nach dem Freitagsgebet verabredet. Anlass waren Hinweise, dass sich aus dem Umfeld der Moschee eine Gruppe junger Muslime gebildet haben soll, die plant, in Syrien gegen das Assad-Regime zu kämpfen.

    Die Journalisten wollten diesen Hinweisen nachgehen und die Hintergründe recherchieren. Vor Ort vereinbarten sie über ein Vorstandsmitglied der Moscheegemeinde ein Gespräch mit dem zuständigen Imam.
    SWR-Reporter Fritz Schmaldienst war beim Überfall auf das Fernsehteam dabei

    Als die Journalisten mit ihrem Kamerateam zu dem vereinbarten Zeitpunkt vor der Moschee warteten, griffen plötzlich junge Männer gezielt zuerst einen der Reporter, dann den Kameramann und schließlich den Kameraassistenten an.

    Der Reporter wurde mit der Faust im Gesicht getroffen. Er erlitt eine Prellung an der Schläfe. Der Kameraassistent berichtet, er habe von mehreren jungen Männern Faustschläge und Fußtritte abbekommen. Erst danach habe er sich von den Angreifern befreien können. Er erlitt eine Schädelprellung und wurde vor Ort notärztlich behandelt. Bei dem Angriff wurden Teile der Kameraausrüstung zerstört. Die Polizei in Offenbach hat Ermittlungen wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung aufgenommen.

  4. lieber Ralf Görlitz,

    radikale Islamisten greifen ein Fernsehteam an, schön ist das bestimmt nicht. Aber: Wo ist der Bezug zum Artikel oder zum Diskussionsstrang?

    Wir reden über Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund und Sie zaubern den radikalen Islamisten aus dem Hut? Was wollen Sie uns damit sagen?

  5. Anne Goldenbogen, Politologin und Projektleiterin der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, bemerkt zu den antisemitischen Übergriffen: „Hass, nicht Herkunft ist das Problem. (…)In Offenbach wurde ein Rabbiner attackiert, wenige Monate zuvor geschah in Berlin Ähnliches, und in beiden Fällen haben die jugendlichen Täter einen, wie es heißt, arabischen Migrationshintergrund. Die Versuchung ist groß, diese Migrantengruppe als größte Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland anzusehen, das, wenn es die nicht gäbe, normal wäre.

    Doch das ist falsch: Jüdisches Leben hierzulande, so sehr das Aussprechen dieses Befundes schmerzt, ist nicht normal. Wer erkennbar als Jude durch die Städte geht, läuft Gefahr, attackiert zu werden, physisch oder verbal. Das Problem heißt Antisemitismus, nicht Migrationshintergrund oder muslimisches Bekenntnis.“
    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/16201

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