Rückwärtsgewandter „Tag der deutschen Zukunft“

Beim extrem rechten Aufmarsch zum „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ) haben etwa 570 Neonazis in einem Wolfsburger Gewerbegebiet demonstriert, mehrere Tausend Personen nahmen an Gegenprotesten teil. Damit ist die Teilnehmerzahl beim einstigen Zugpferd der Neonazi-Bewegung in Norddeutschland erneut zurückgegangen.

Von Kai Budler

Wenn Reisende am Bahnhof Wolfsburg ankommen, fällt ihr Blick auf das VW-Werk auf der anderen Seite des Mittellandkanals. Dass aber nicht alle in der niedersächsischen Autostadt willkommen sind, bewies am Samstag, den 1. Juni, ein für alle sichtbares riesengroßes Transparent am Werk mit der Aufschrift „Respekt! Kein Platz für Rassismus!“ Mit der gleichen Aufschrift machte die IG Metall am Rand des Sammelpunktes der Neonazis ihre Position deutlich, in den Straßen rund um den Auftaktkundgebungsort des TddZ ertönte schon ab 10.00 Uhr lautstarker Protest.

Fichte und Brecht als Beiwerk für dumpfen Rassismus

Doch die Gegendemonstranten mussten noch länger durchhalten, denn die für 12.00 Uhr angekündigte Veranstaltung der extrem rechten Szene konnte erst mit zwei Stunden Verspätung beginnen. Während der mehrfach vorbestrafte Neonazi Dieter Riefling aus der Nähe von Hildesheim die Auflagen verlas, machte sich bereits Thomas Wulff aus Hamburg bereit, um an das Mikrofon zu treten. Nach seinen rassistischen Tiraden knüpfte er an Bundesfamilienministerin Kristina Schröder an und wetterte gegen einen „Rassismus gegen Deutsche“. Ebenso wie Wulff war auch der Berliner NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke nicht zum ersten Mal als Redner auf dem TddZ vertreten. Er lobte die Ausrichtung der Veranstaltung, während es sich bei den verbliebenen Großaufmärschen der Szene fast nur noch um Gedenkmärsche mit einem Blick zurück handele. Während Schmidtke mit einem Zitat des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte schloss, setze Christian Worch als nächster Redner noch einen drauf und führte ausgerechnet Berthold Brecht mit der von ihm verfassten „Resolution der Kommunarden“ an.

Menschenfeindliche Parole in leeren Straßen

Dass die „Deutsche Zukunft“ für Neonazis ein rückwärtsgewandtes Gesicht besitzt, bewiesen sie bei ihrem anschließenden knapp 90-minütigen Aufmarsch durch das Gewerbegebiet neben dem Wolfsburger Bahnhof. Der geplante Aufmarsch durch die Innenstadt war vor Gericht ebenso gescheitert wie die Anmeldung einer Alternativveranstaltung im nahe gelegenen Fallersleben. Und so führte der Weg der Neonazis über eine menschenleere Route vorbei an Autohäusern und Outlet-Shops, Zuhörer und Schaulustige waren dort nicht anzutreffen. Stattdessen hallten Parolen wie „Alles für Volk, Rasse und Nation“ und „Ruhm und Ehre der deutschen Nation“ durch die Straßen, das antisemitische „Nie wieder Israel“ war genauso nicht zu überhören wie die Eigeneinschätzung „Autonom, militant, nationaler Widerstand“. Die Neonazis stammten nicht nur aus Norddeutschland, sie kamen unter anderem aus Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und  Thüringen. Bereits gegen 16.15 Uhr traf der Zug wieder am Bahnhof ein, wo der ehemalige Vorsitzende der verbotenen Wiking-Jugend, Wolfram Nahrath, die Abschlussrede hielt. Mittlerweile ist der studierte Rechtsanwalt Mitglied der NPD. Doch auch seine Ansprache geht zum Großteil im Lärm der benachbarten Gegenkundgebung unter.

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Der Schulterschluss der extremen Rechten

Der einst so florierende „Tag der deutschen Zukunft“ befindet sich offenbar auf dem absteigenden Ast. Vor drei Jahren hatte der altgediente Neonazi-Kader Dieter Riefling noch 750 Teilnehmer nach Hildesheim mobilisiert, schon ein Jahr später nahm die Zahl der Neonazis in Braunschweig ab, auch in Hamburg im vergangenen Jahr sank die Zahl erneut. Auch in Wolfsburg kann von einem Erfolg nicht gesprochen werden, schließlich sahen die Neonazis nur ein menschenleeres Gewerbegebiet. Doch die Szene rückt zusammen und nutzt vor allem die Binnenwirkung des Aufmarsches. Unter dem Dach der „Freien Nationalisten“ zeigen Kameradschaften, NPD und die Partei „Die Rechte“ den Schulterschluss. Da ist es nur naheliegend, dass Dieter Riefling ins Megaphon bellt, „am TddZ kenne ich nur Deutsche und keine Parteien“. Trotz wiederholter Distanzierungsversuche von Teilen der Szene zeigt sich hier besonders, dass sie einen gemeinsamen Nährboden besitzt: die Ungleichwertigkeit der Menschen und den daraus erwachsenden dumpfen Rassismus. Der wird sich auch im kommenden Jahr erneut Bahn brechen, denn der nächste TddZ soll am 7. Juni 2014 in Dresden stattfinden.

6 thoughts on “Rückwärtsgewandter „Tag der deutschen Zukunft“

  1. Das ist doch alles nur noch Ritual! Die Neonazis strecken den Linken die Zunge – und die ach so rationalen Linken (besser gesagt: linksliberalen Bürger*innen mit ihrer Dauerbetroffenheitsattitüde) springen wie das sprichwörtliche Springteufelchen aus der Box und inszenieren sich als Schützer*innen der Freiheit.
    Wir sollten endlich mal erkennen: es gibt einen Bodensatz, und es wird ihn immer geben. enttäuschte, Verblendete, Provokateure, Pubertierende die sich gegen Gutmenschmama und Gutmenschpapa abgrenzen wollen (bzw. müssen!) etc. Nicht der harte unbelehrbare Kern der Rechtsradikalen/-extremen sollte unsere Aufmerksamkeit haben, sondern die … naja … Sympathisanten, die stillen Beigucker, die „den deutschen Männern und Mädels“ die Daumen drücken … denjenigen, die klatschen, wenn ein Asylbewerberwohnheim „abgefackelt“ wird. Bei solchen grollenden Klein/Spießbürger*innen ist noch was zu retten.
    Also: Weg von der Folklore, weg vom Ritual, hin zur KleinKleinPolitik.

  2. @henning:

    Das ist das vernünftigste was ich hier in den letzten Monaten lesen durfte. Thumps up!!.

  3. das is ja alles schön und gut, dass die teilnehmerzahl zurückgeht und der tddz inhaltlich ja eh ne lachnummer ist.
    trotzdem : wie letztes jahr in hamburg -die nazis konnten/durften laufen und das knappe 90 min!ganz egal, ob durch menschenleere industrieviertel oder durch eine volle innenstadt.das sind immer noch 90 min zuviel.und sorry, dass sich das durchsetzen liess, is ein ziemliches armutszeugnis für sowohl die linksliberale öffentlichkeit, als auch die antifaschistischen gegendemonstrant_innen.

  4. Haben die NS-Fans auch erklärt, wie diese „deutsche Zukunft“ aussehen soll?

  5. Mag sein das die Veranstaltungen der rechten Spinner sowie der Gegendemonstranten „nur“ Rituale sind, dennoch ist es Wichtig sich ihnen in den Weg zu stellen, damit weiterhin ein Zeichen gesetzt wird, dass sie nicht, wie sie und andere Idioten gerne behaupten, die schweigende Mehrheit, die „Tabu-brecher“, oder was auch immer seien…

    Natürlich ist es mindestens so wichtig, eher wichtiger (da stimme ich dir zu),
    die Personen zu erreichen, aufzuklären und zu bilden, die noch einen Rest von Menschenverstand, Nächstenliebe (was auch immer) besitzen.
    Dennoch darf man die Arbeit gegen die gefestigten Neo- und Altnazis nicht vernachlässigen und muss ihnen jede möglich keit nehmen ihren Dreck zu verbreiten.
    Kein Fuß breit den Faschisten! 😉

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