Rapper Haftbefehl: Deutschland im Spiegel

Der Offenbacher Rapper Haftbefehl ist derzeit einer der erfolgreichsten Künstler des Genres. Während er von der Kritik zumeist überschwänglich gefeiert wird, halten sich Lob und offener Hass im Internet die Waage.

Von Boris M. Peltonen

Rap ist Wettkampf. Der Konkurrenzkampf zwischen den Akteuren auf dem Markt für Rapmusik dehnt sich je nach Genre auf alles Erdenkliche aus: Raptechnik, Kreativität im Vergleichen, Penislänge, Potenz, Anzahl der Geschlechtspartner Reichtum usw. Im Bereich Straßenrap geht es zusätzlich um die Behauptung und Anzweiflung der Straßenkredibilität der Künstler. Der Wettstreit ist also nicht nur auf das Lyrische beschränkt. Der Kampf um die Gunst der Hörerschaft, sprich um die Verkaufszahlen, ist real und soll den Weg aus dem Leben im Viertel ebnen.

Im deutschen Straßenrap ist ein Name seit fast drei Jahren nicht mehr wegzudenken: Haftbefehl, bürgerlich Aykut Anhan. Die Meinung unter Rapkennern über Haftbefehl scheint einhellig: Ob andere Künstler wie Jan Delay, Kulturjournalisten oder Produzenten: Haftbefehl wird auf musikalischer und sprachlicher Ebene als Bereicherung für das Rapgeschäft gesehen.

Doch auf Youtube fällt bei seinen Videos neben den hohen Klickzahlen auf, dass der Bewertungsbalken oft einer zweifarbigen Kapsel ähnelt, positive und negative Stimmen halten sich die Waage. Die Reaktion darauf, dass seine Musik sich zunehmend durchsetzt, und er den Sprung aus Offenbach in die Charts geschafft hat, ist gespalten. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass es mittlerweile eine Armada von Haftbefehlhassern gibt, die sich hinter einer Vielzahl von Nutzernamen auf diversen Portalen verstecken. Doch woher weht der Gegenwind, der Haftbefehl im Internet orkanartig entgegen pfeift?

Kritik zwischen Sexismusvorwürfen und offenem Rassismus

Grob lassen sich aus der Masse der Leute, die ihn vehement ablehnen, zwei Gruppen herausdestillieren. Einmal die Moraltrompeter, um sich bei Nietzsche zu bedienen: Haftbefehl sei in seinen Texten sexistisch und gewaltverherrlichend. Weil Haftbefehl das Koksdealen im Frankfurter Bahnhofsviertel gelernt hat und darüber rappt, wird auch behauptet, Haftbefehl verleite mit seinen Geschichten über den Verkauf von Drogen jugendliche Hörer zum Dealen und Kokainkonsum. Über solche Schlussfolgerungen lässt sich streiten, dass Haftbefehls Texte genreüblich Drogenkonsum, Gewalt, Macho-Gangstertum und Sexismus verherrlichen, ist dagegen unbestreitbar.

Die weniger feinfühligen Hasser greifen nicht selten zu rassistischen Diffamierungen, die Haftbefehl auf Basis seiner kurdischen Herkunft angreifen. Haftbefehl solle erst einmal richtig Deutsch lernen, bevor er Musik mache, lautet das Lieblings-„Argument“ der Haft-Hasser . Genau diesen „Vorwurf“ greift der Rapper auf seinem letzten Album ‚Blockplatin’ explizit auf. So heißt es im Track „Money, Money“: „Sie sind neidisch wollen mir keinen Erfolg gönnen“, worauf eine Stimme in akzentfreiem Hochdeutsch eingespielt wird, die sagt, Haftbefehl habe „nicht mal einen Abschluss, der soll erstmal Deutsch lernen“. Haftbefehl antwortet: „Ich bang Euch mit ’ner deutschen P99 Handgun, reicht mein Deutsch denn?“ Und unter demselben Eindruck heißt es in einem weiteren Song: „Hast Du auch schwarze Haare? Welcome to Alemania.“

Ein unter dem Namen ‚Julien’ auftretender Video-Blogger hat sich an die Spitze der eher ressentimentgeladenen Gegnerschaft gestellt und besticht durch plumpe Belustigungsvideos, die nicht lustig sind, aber den Geschmack vieler Witzbolde treffen und dementsprechend Anklang finden. Außerordentlich beliebt sind Videos, in denen Julien Texte von Haftbefehl analysiert und ihre vermeintliche inhaltliche Sinnlosigkeit und den angeblich niedrigen reimtechnischen Standard offen legt. Dabei werden Reimketten und Originalität im Vergleichen denen anderer, ‚technischer’ Rappern wie Kollegah gegenübergestellt, mit dem Ergebnis, Haftbefehl sei Schrott. Das ist so, wie wenn man behauptet, E-Gitarren Virtuosen aus den 80ern wie Eddie van Halen, Joe Satriani oder Yngwie Malmsteem seien insgesamt ‚besser’ als John Lee Hooker oder andere Bluesgrößen.

Die Evolution des deutschen Straßenrap

Haftbefehl ist kein Rapper, der jedes Wort gestochen scharf ausspricht. Seine Texte sind von den Beats, auf die er rappt, nicht abgekoppelt, sondern zur Musik geschrieben. Man merkt das, wenn man auf den Versrhythmus achtet oder einen Remix seiner Lieder hört. Zu anderer Instrumentierung funktionieren die gesetzten Akzente nicht mehr. Um zu verstehen, warum seine Musik trotz allem populär ist, muss man sich in die Zeit zurückversetzen, als man selber Kind war und amerikanischen Rap gehört hat, ohne ihn zu verstehen. Die Stimme von Notorious BIG, Haftbefehls Idol, funktionierte auch als Instrument einfach gut. Die deutsche Sprache hat sich dazu lange nicht richtig geeignet. Verglichen mit englischsprachigem, französischem oder auch türkischen Rap flossen die Strophen auf Deutsch nicht so, wie sie es sollten. Der Klang war ungelenk, es hakte an Ecken und Enden und das tut es oftmals noch weiterhin.

In dieser Hinsicht war Kool Savas um die Jahrtausendwende eine Art poetische Revolution. Zunächst unter dem Einfluss von Harmonien betonendem Westcoast-Rap auf Englisch rappend und das Deutsche im Angesicht des Klangs deutscher Rapmusik seiner Zeit ablehnend, hat er angefangen das Deutsche fließen zu lassen. Sein Kreuzbergerisch mit einer türkisch angehauchten Aussprache hat die Musik unabhängig von seinen absolut versauten bzw. sexistischen Textinhalten stimmig klingen lassen. „Viele Leute mögen meine Flows und hassen meine Texte“, rappte Savas damals auf dem Westberlin-Maskulin-Klassiker „Battlekings“. Heute ist diese Aussprache, die z.B. sperrige ‚ch’-Laute zu weichen ‚sch’-Lauten einschmilzt, nahezu Usus. Auch der deutschstämmige Gymnasiast rappte seitdem zumeist so.

Haftbefehl setzt noch einmal einen drauf. Seine Sprache nennt er ‚Kanakisch’. Er hebt das ‚ch’ wieder hervor. Sein ‚ch’ ist aber ein arabisches ‚ch’, was bei der Aussprache des ‚H’s’ auftritt, beispielsweise jenes mit dem sein Künstlername beginnt. Er ist kein Araber, aber das ist egal. Es ist ihm gleich, ob er Wörter irgendwann auf der Straße aufgeschnappt hat, oder sie seinem alltäglichen Wortschatz entstammen. Es kann Türkisch, Kurdisch, Französisch, Englisch, Serbokroatisch oder gar Romani sein. Schlauköpfe bemerken gerne, dass sich die Texte an manchen Stellen nicht ‚richtig’ reimen und führen das auf die mangelnden Fähigkeiten des Künstlers zurück. Als ob ein Gedicht, das sich nicht reimt, von einem schlechten Poeten geschrieben sein muss.

Doch so einfach ist es nicht. Haftbefehls Zeilen müssen für ihn frisch klingen und in den Vibe des jeweiligen Songs passen, den er gerade schmiedet. Das hat Priorität, nicht die Schnelligkeit, mit der ein Text vorgetragen wird, oder die reimtechnische Versiertheit. Ein beeindruckendes Lied, das es wohl vorher im Deutschrap so noch nicht gegeben hat, ist „Mann im Spiegel“, in dem Haftbefehl den Suizid seines einst schwer depressiven Vaters reflektiert, was auch Auslöser dafür war, dass er als Jugendlicher auf die schiefe Bahn geriet und sich letztlich wegen eines Haftbefehls, daher der Name, im Ausland versteckt hat. Das Lied beginnt: „Viel zu lang glaubtest Du an die Liebe, das war Dein Untergang, Mann im Spiegel, guck Dich an, Du bist alt, krank und müde, wurdest allein gelassen, sogar von Familie (sic!).“ Die letzte Zeile des Liedes bezieht sich wieder auf die erste, die Verbindung wird durch die Wiederaufnahme des Reims, mit dem der Text beginnt, hergestellt: „Ich hab’ sie satt, Eure ganze Spiele und schreie ‚fickt Euch alle’ und baller’ mit mit ’ner Pumpgun in die Rübe.“

Der geneigte Hobbygermanist kann natürlich schmunzeln und behaupten, so etwas ist nun wirklich nichts Besonderes. Der Profilinguist sollte sich jedoch freuen. Für ihn eröffnet sich ein Feld, das ohne Haftbefehls Musik im Reich des Gesprochenen verborgen bleiben würde. Denn neben seiner Fähigkeit, seine Poetik in eine musikalisch und visuell ästhetisch ansprechende Form zu gießen, was weitaus nicht jedem deutschen Rapper gelingt, offenbart er sein eigenes Deutsch mit dem er nichts weniger tut, als gegen Sprache aufzubegehren. Ja, es geht hier um einen aus Offenbach stammenden Künstler mit kurdisch-türkischen Eltern, der keinen Schulabschluss hat und mit der Musik einen Weg gefunden hat, legal für seine Familie, zwei Brüder und seine Mutter, zu sorgen. Ein großmütiges Hinwegsehen über angebliche sprachliche Unzulänglichkeiten sind hier völlig fehl am Platz. Es ist völlig unsinnig, sein eigenes Mittelstufendeutsch als Maßstab zu nehmen. Das ist seine Sprache, sein Deutsch. Womit wir wieder bei der Moral angekommen sind.

Das Video zu dem Lied „Mann im Spiegel“ ist von den Klickzahlen auf Youtube das am wenigste erfolgreiche. Es beweist ein weiteres Mal, das Rap der härteren Gangart in Deutschland weiterhin hauptsächlich über die Entertainmentschiene läuft. Die Musik funktioniert in der breiten Öffentlichkeit über Provokation und kommt in den großen Medien nur dann vor, wenn „Rüpelrapper“ rote Linien überschreiten. Schnell gerät der Künstler in die Mühlen einer systematischen Desklassifizierung. Ohne die Texte zu kennen oder tatsächlich schlimm zu finden, werden sie von Seiten der Medien skandalisiert. Der Künstler ist frauenfeindlich, schwulenfeindlich sowieso. Als Teil einer Generation, die mit guter harter amerikanischer Rapmusik aufgewachsen ist, denkt man, man müsse sich angesichts seiner Freude darüber, dass es jetzt schon seit mehreren Jahren guten Straßenrap gibt, der auf der eigenen Muttersprache geschrieben ist, schämen.

Antisemitismus-Debatten? Ja, bitte!

Aber nicht jede Kritik und Ablehnung an der Musik Haftbefehls ist Teil des Ressentiments gegen erfolgreiche Straßenrapper. Es gibt die reinen Moralisten. Vor etwa einem Jahr habe auch ich dem Musiker und dem bei seinem Label unter Vertrag stehenden Künstlerduo Ćelo&Abdi Antisemitismus mit allen dazugehörenden Klischees in ihren Texten vorgeworfen. Über einen einzigen Kommentar zu dem Artikel hatte ich mich ganz besonders gefreut: „Lese ich zwischen den Zeilen ein hohes Maß an Verständnis für diese so genannten musikalischen Hassorgien?“ Ja, werter Leser, so ist es, denn Hassorgien sind es nicht.

Antisemitismus ist in allen seinen auftretenden Formen verachtenswert, aber es gibt wie bei jedem Ressentiment Abstufungen: Der amerikanisch-israelische Schriftsteller Tuvia Tenebom beschrieb seinen Eindruck eines Treffens mit türkischen Migranten aus Duisburg-Marxloh so: „Sie sagen ‚ihr verdammten Juden’, ich antworte mit ‚ihr verdammten Moslems’ – und dann gehen wir gemeinsam in ein Restaurant und lachen zusammen. Wie wir wissen, geht leider nicht jedes Treffen mit anti-israelisch und antisemitisch indoktrinierten Jugendlichen so aus, aber dennoch zeigt das Beispiel, dass es sich lohnen kann, nicht sofort jeden Dialog abzubrechen, sofern die Gegenseite zu einem solchen bereit ist.

Haftbefehl hat sich laut eigener Aussage in der Zeit, in der die kritisierten Textstellen entstanden sind, viel in arabischen Cafés herumgetrieben, die unter Al-Jazeera- Dauerbeschallung standen, in denen die Besucher wahrscheinlich ganz oft Beiträge über Israel mit „verdammte Juden“ kommentiert haben. Dennoch benutzt er diese Wortwahl nicht, sondern paart zum Teil anti-israelische Ressentiments mit Verschwörungsquatsch. Wenn solche Inhalte in die Musik einfließen, wird es vor allem dann problematisch, wenn niemand darüber stolpert oder es bei einem „so sind die halt“ belässt, anstatt die Debatte zu eröffnen…

Tuvia Tenenbom hat vor allem damit ein Problem, wenn Antisemitismus nicht offen „auf dem Tisch liegt.“ Deshalb: Hat es nicht ein andere Brisanz, wenn etwa ein greiser Professor Baring im ZDF behauptet, Juden seien auch Täter während des Zweiten Weltkriegs gewesen, mit dem offenbar inbrünstigen Wunsch eine Ehrenrettung Deutschlands voranzutreiben, er dann aber in der Öffentlichkeit nahezu ungeschoren davonkommt?

Oder ein Jakob Augstein, der in der wohl berühmtesten Verlegerfamilie der alten BRD aufgewachsen ist, der israelischen Regierung im haarsträubenden Duktus vorwirft „die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs“ zu führen? Wenn dann auf der anderen Seite dann ein Haftbefehl erzählt, dass bei seiner Familie die Polizei unangekündigt einreitet, weil sich auf der Facebook-Seite seines kleinen Bruders Fans antisemitisch äußern und sein Computer deshalb beschlagnahmt wird, dann wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen.

Jeder, der gerne Rapmusik hört, dem aber der Sound von Haftbefehls Musik nicht ausreichend Freude bereitet, als dass er oder sie über die nicht selten auftretenden bis an die Schmerzgrenze des Akzeptablen gehenden Zeilen hinwegschauen kann, sollte ein Lied weiterskippen. Ich mache das auch so. Etwa das Lied „Parallelen“ von Ćelo&Abdi und Haftbefehl, welches sich verschwörungstheoretischem Gebrabbel widmet und mit dümmlichen Anspielungen auf Selbstmordattentate versucht, „politisch“ daherzukommen. Wenn ich so etwas höre, läuten bei mir die Alarmglocken und ich schalte weg, um nicht mit solchem Unsinn zugemüllt zu werden. Das Hören des nächsten Liedes kann sich aber immer lohnen. Es könnte „Mann im Spiegel“ sein.

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9 thoughts on “Rapper Haftbefehl: Deutschland im Spiegel

  1. Sehr guter Text darüber, wie unterschiedlich definiert wird, was „gute“ und „schlechte“ bzw. „politisch korrekte“ oder „unkorrekte“ Musik ist. Wer hat die Definitionsmacht über Kultur inne, und was hat dies mit gesellschaftlichen Machtstrukturen und damit wieder mit Klassismus, Rassismus und Sexismus zu tun?

    Sprache ist ein Werkzeug zur Sicherung von Machtverhältnissen. Oder einfacher gesagt: Wer Antisemitismus bekämpfen will, muss eine Sprache sprechen, die nicht nur von Menschen die in akademischen Kreisen verkehren, verstanden wird (diese Sprachbarriere macht ja die gesellschaftliche Funktion von elitärer Sprache und Sprachbarrieren aus). Klassismus ist auch eine Form der Diskriminierung und Sprache ebenso wie Bildungsschranken ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Machtstrukturen. Der Autor benutzt meiner Ansicht nach in dem Artikeltext eine Sprache, deren Nichtbenutzung der Autor dem Rapper Haftbefehl trotz dessen Antisemitismus zugute hält, aber dessen Antisemitismus ablehnt.

    Dies wird in dem Halbsatz „Antisemitismus ist in allen seinen auftretenden Formen verachtenswert, […]“ auch deutlich geschrieben. Weiter schreibt Boris M. Peltonen: „Etwa das Lied „Parallelen“ von Ćelo&Abdi und Haftbefehl, welches sich verschwörungstheoretischem Gebrabbel widmet und mit dümmlichen Anspielungen auf Selbstmordattentate versucht, „politisch“ daherzukommen. Wenn ich so etwas höre, läuten bei mir die Alarmglocken und ich schalte weg, um nicht mit solchem Unsinn zugemüllt zu werden“, und kritisiert ja damit, dass eben die Verschwörungsideologie und der Antisemitismus in den Songtexten nicht kritisiert, sondern ignoriert werden – auch von ihm – und plädiert im letzten Satz deshalb auch für Selbstkritik bei denjenigen die „wegschalten“, um zu Kritik und Diskussion zu kommen.

  2. Schöne betrachtung von Haftbefehl!

    „Sie sagen ‚ihr verdammten Juden’, ich antworte mit ‚ihr verdammten Moslems’ – und dann gehen wir gemeinsam in ein Restaurant und lachen zusammen“

    Aber geht es bei diesem Zitat nicht eher darum das keiner in diesem Dialog die Definitionsmacht über den anderen hat. Wohingegen Baring und Augstein erhebliche Definitionsmacht haben.

  3. @Staiger: Das Lied ist keine schlechte Idee und ist teilweise gut umgesetzt. Ist schließlich auch auf dem besten deutschen Rap-Album von 2012.

    Inhaltlich ist es aber mitunter völlig daneben und trübt das Gesamtbild. „Al-Fatiha für die toten Brüder [von Al-Qaida]“ ist so eine Zeile, die sich z.B. dem Bekenntnis zu Europa aus dem vorletzten Lied auf dem Album widerspricht. Warum sind Al-Qaida-Kämpfer Brüder? Es gibt wohl keine Organisation, die in den letzten zwei Jahrzehnten so sehr für tote Muslime veranwortlich ist, wie diese.

    Trotzdem muss man fairerweise eingestehen, dass vermeintliche Klassiker der Ideengeschichte, wie Hardt und Negris ‚Empire‘, Al-Qaida wahrscheinlich auch in den Reihen der Multitude verorten würden, die sich gegen das ‚Empire‘ formieren. Das wäre dann wieder die Abstufung die ich mit Augstein und Haftbefehl mache. Wer sagt was, sollte die Frage sein.

    Die Hook lautet: „Ich will Para sehen oder Plan B, mit dem *zensiert*, letztes Gebet.“ Im Video sieht man, dass hier ein Selbstmordanschlag suggeriert wird. Später dann noch: „NWO – Amis auf dem Mond, parallel dazu, gib Aids keine Chance.“ Dann werden wieder Pädophile mit reingemischt und fertig ist der Internet-Verschwörungs-Brei, der mir nicht schmeckt und auf dessen Basis schwer zu diskutieren ist.

  4. Haftbefehl schätzt zumindest israelische Maschinengewehre, wie man an seinem Song „Hauptstadt des Verbrechens“, also wohl kein Israel Boykott von ihm.
    Ich empfinde Haftbefehl als hörbar, er selbst muss bei seinen Liedern sogar über sich ab und zu lachen, wie man zum Beispiel bei dem „Meine Sonnenbrille ‚Halt die Fresse'“ sieht. Man sollte seine Worte also nicht all zu ernst nehmen.

    Und übrigens es gibt auf jeden Fall einen sehr, sehr guten Remix, sogar besser als das Original meiner Meinung nach: „Sommernacht in Offenbach (Brenk Remix)“

  5. Ich würde Hafti nicht so runterspielen.

    Warum, weil die Wirkungen doch enorm sind. Für den Artikelschreiber ist es klar, offener Antisemitismus, nicht so eklig krypto wie Augstein und Genossen. Erfrischend offen, ehrlich, prima zu durschauen (ohne Hirn anzustrenngen usw.).

    Nur ist es so, dieses Modell eines Ausspielens der „erfrischenden“ offenen Variante gegen die kryptoantisemitischen Einstellungen der eingeborenen Täterenkelchen ist grundfalsch. Nein – die offene Variante und die kryptische gehen eine Symbiose ein. Sozusagen wird der offene Antisemitismus auf den sedimentierten kryptischen aufgesetzt. Wie gesamteuropäisch beobachtbar, bildet beides eine Einheit, Augstein und Hafti, Linke/Grüne (u.a) und der offene Vernichtungsantisemitismus des Iran, die evang. Kirche und die Hisbollah (siehe bspw. Kirchentag). Die einen bilden die Basis – die anderen den Stosstrupp.

    Geehrter Artikelschreiber, ich finde dieses aufgemachte Modell – Haft vs. Augstein – ziemlich problematisch. Publikative hatte schon lichtere Momente.

  6. Ein ganz netter Text, allerdings wird in der Analyse der sexistische Inhalt der Texte geflissentlich ignoriert und die gesellschaftliche Wirksamkeit der Texte lediglich im Bezug auf Antisemitismus reflektiert. Ich finde es schade, dass hier nicht weitergedacht wird.

  7. anregender text, danke. teile der kritik in den kommentaren hätten mit ein paar links mehr vielleicht weniger getroffen.

    .~.

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