Deutschland beim ESC: Viele Nachbarn, kaum Punkte

Dänemark auf Platz eins beim ESC, Aserbaidschan auf Platz zwei, Deutschland auf Platz 21 – folgt man dem Live-Kommentar im Ersten eine höchst ungerechte Sache. Und „ausgerechnet“ aus Israel erhielt Cascada einige Gnadenpunkte.

Von Robert von Seeve

Erhielten osteuropäische Staaten aus anderen ehemaligen Ländern des Ostbocks Punkte, war mal wieder schnell von Nachbarschaftshilfe die Rede, so als sei dies äußerst verwerflich. „Einen Schnaps für jedes Mal, wenn Peter Urban „Nachbar“ sagt. Kopfweh“, twitterte „fröken von Horst“ passenderweise. Verwerflich ist so was vielleicht auch nur, weil Deutschland bei seinen zahlreichen Nachbarn nicht punkten konnte. Lediglich aus der Schweiz erhielt Cascada einen Punkt sowie sechs aus Österreich.

Apropos Österreich: Der Beitrag aus Aserbaidschan erhielt stolze zwölf Punkte aus Wien – wie kann das sein? Urbans Erklärung sinngemäß: Die wenigsten Österreicher würden mangels eigener Teilnahme zuschauen, daher würden andere anrufen. Andere? Die Exil-Aserbaidschaner? Osteuropäer?

Aber was hat Aserbaidschan genau mit Österreich oder Litauen zu tun, woher ebenfalls 12 Punkte kamen? Einfach nur Sympathie für das autoritär regierte Land am fernen Kaspischen Meer an der Grenze zum Iran? „Der Urban sollte mal nachgucken, wieviele Nachbarn Aserbaidschan hat, um nicht ständig darauf rumzureiten“, empfahl zonkinoff bei Twitter.

Die Punkte für Aserbaidschan
Die Punkte für Aserbaidschan

Yamas!

Möglicherweise haben die Entscheidungen einfach etwas mit der Originalität und Qualität der dargebotenen Show-Acts zu tun: Es ist eben nicht sonderlich beeindruckend, mit einem Lied aufzutreten, das doch stark an den Vorjahressieger „Euphoria“ erinnert. Deutlich moderner beispielsweise Norwegen, sympathischer Dänemark, lustiger die trinkfreudigen Griechen.

Aber ganz abseits von der eigentlich sinnlosen Diskussion über die Qualität der Musik beim ESC: Der offenkundig beleidigte deutsche Kommentator zeigt, wie schnell ein solch lustig gemeinter „Wettstreit der Nationen“ kippt. Dabei war es vor allem die deutschen Repräsentantin Lena, die sich blamierte, als sie Dänemark und Norwegen verwechselte.

„Dänischer Flötenschlumpf“

Urban machte sich derweil über die Beiträge und mehrere Interpreten lustig. Über Bonnie Tyler sagte er: „Oh, dieser Weichzeichner! Bonnie klingt gar nicht mehr so rauh wie bei ihren früheren Hits. Aber da wurde nicht nur die Stimme geglättet.“ Alena Lanskaja aus Weißrussland wurde so beurteilt: „Selten wurden Latino-Beats verkrampfter und steifer getanzt. Ich glaube, da muss unbedingt nochmal Jorge Gonzalez ran.“ Über Andrius Pojavis für Litauen: „Haben Sie es gehört, er singt da tatsächlich: ‚Ich trage heute zwei Schuhe, der eine heißt Liebe, der andere Schmerz.‘ Das tut weh!“ Und zum Siegersong, der vom Nachbarn Deutschland zehn Punkte bekam, meinte Urban: „Flötenschlumpf, Trommeln, keltische Melodien und barfüßig. Wieder mal ein Erfolgsrezept?“

Deutschland auf Platz 21 von 26. "Ungerecht", fand Peter Urban.
Deutschland auf Platz 21 von 26. „Ungerecht“, fand Peter Urban.

Solche Kommentare kann man natürlich bringen, wenn man ehrlicherweise den deutschen Beitrag denn auch als „einfallslosen Bums-Techno für Ü30-Partys“ klassifizieren würde. Die Anmerkungen Urbans dazu waren aber weniger kritisch: „War das super. Ein Riesenjubel in der Halle. Ein klasse Auftritt: Auf den Punkt, mit Feuer und Spaß. Und wie Natalie mit dem Publikum gespielt hat, toll!“ Sassan Gholiagha meinte dazu bei Twitter: „ach #Urban hör doch endlich auf rumzunörgeln. der dt. Song war scheiße und wir hätten la brass banda schicken sollen“. Verständlich ist die Verärgerung aber, saß Urban doch in der Jury, die die entscheidenden Stimmen für Cascada und gegen die bayerischen Jungs vergeben hatte.

Punkte aus Israel: „Schleimer“

Und so reichte es nur für Platz 21 – und dies lediglich, weil Deutschland aus Israel vier Punkte bekam. Ob das die Antisemiten, die 2010 gewettert hatten, dass Lena „ausgerechnet“ aus Israel keine Punkte bekommen hatte, beruhigte? Wohl kaum. Thomas K. verkündete auf Twitter: „Israel hat uns fünf Punkte gegeben. Schleimer… #esc2013 #LasstUnsPolitischUnkorrektSein.“ In Schweden hatten linke Israel-Hasser gleich direkt zu Protesten gegen die Teilnahme des jüdischen Staates am ESC angekündigt. Die Aktivisten seien gefangen in einem Sturm des Israel-Hasses, der für ihn nach Antisemitismus klinge, schrieb Tobias Petersson vom „Schwedisch-Jüdischen Dialog“ dazu.

Auch ein ganz harmloser „Wettstreit unter den Nationen“ ist eben ohne Hass nicht zu haben.

Und das war mein Favorit:

Siehe auch: Null Punkte: “Und wir bauen den Juden ein Denkmal”