“Ein moralischer Anarchist”

Am 18. Mai 2009 starb der weltbekannte Schweizer Psychoanalytiker und Schriftsteller Paul Parin. Anlässlich seines Todestages erinnern wir mit einem Nachruf an das Leben und das Werk eines kritischen Weltbürgers.

Von Roland Kaufhold, zuerst veröffentlicht bei haGalil.com

»Ich hab’ mich schon seit 1934 auf die Chirurgie ge­stürzt, weil ich wusste, es kommt ein Weltkrieg.« Eine für Paul Parin in ihrer Präzision und Nüchternheit typische Bemerkung bzgl. der Motive seiner ersten Berufswahl: Medizin. Gegen die Nationalsozialisten. Er machte sie 1992 bei einer Lesung in Köln. Am 18.05.2009 ist der streitbare, liebenswerte Schweizer Schriftsteller und Psychoanalytiker Paul Parin 92-jährig in seiner Heimatstadt Zürich verstorben. Er war für mich ein Vorbild. Kein Autor hat mich mit seinen tiefgründigen, erzählenden Büchern und Essays so tief bewegt, so angeregt, begleitet wie Paul Parin.

Erstmals gelesen habe ich ihn 1981 im Philosophieunterricht eines Gymnasiums, bei meinem Philosophielehrer Dieter Ferfers, kurz vor meinem Abitur. Der Name des Autors hat sich mir eingeprägt. Es war die Zeit der »Züricher Jugendunruhen«. »Befreit Grönland vom Packeis« stand an Züricher Häusern. Der seinerzeit 65-jährige, aus einem großbürgerlichen, privilegierten jüdischen Familienhaus stammende Paul Parin bemühte sich, die aufbegehrende Jugend solidarisch zu unterstützen – mit seinen Mitteln: Er nahm – wie im bewegenden Filmportrait der Schweizer Filmemacherin Marianne Pletscher (1996) dokumentiert –, an Demonstrationen für den Erhalt eines autonomen Züricher Jugendzentrums teil und publizierte psychoanalytische Studien, in denen er die legitimen Motive der aufbegehrenden Jugendlichen darlegte: »Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen«, »Der Knopf an der Uniform des Genossen«, »Zunehmende Intoleranz in der Bundesrepublik«: typische Essayüberschriften für sein seinerzeitiges publizistisches Engagement (Reichmayr 2006).

Foto: © Roland Kaufhold / Psychosozial Verlag
Foto: © Roland Kaufhold / Psychosozial Verlag

Kindheit und Jugend in Slowenien: ein Glückspilz auf der Suche nach Abenteuern

Paul Parin wuchs in Slowenien als Sohn eines Großgrundbesitzers auf. Sein Elternhaus war »multikulturell«, assimiliert jüdisch, anregungsreich – aber auch einsam. Paul hatte einen gut zwei Jahre jüngeren Bruder Toto und eine drei Jahre ältere Schwester Emma. Der junge Paul fand auf dem elterlichen Anwesen kaum gleichaltrige Freunde. Seine Erinnerungen an seine begüterte Jugend auf dem Landgut Novikloster, wie er sie vor allem in »Jahre in Slowenien« (1980) erinnert hat, sind von einer eindrücklichen Lebendigkeit und emotionalen Nähe. Im multikulturellen, ländlichen Novikloster wurde sein Interesse für seelische und soziale Beobachtungen bereits früh geweckt. Parin führt aus:

»Ein Psychoanalytiker könnte als Kind keinen besseren Anschauungsunterricht haben als die starr durch Machtverhältnisse und Arbeitsteilung gegliederte, gegen außen, von der profanen Welt der Bauern und der Städte durch Wiesen und Forste getrennte Welt eines Großgrundbesitzes, einer vielköpfigen Großfamilie, die untergründig von Liebe und Haß durchströmt und bewegt wird. Die Rätsel des Lebens müssen erst hier gelöst werden, bevor man hinausblickt in die unheimliche und verführerisch lockende Fremde« (Parin 1980, S. 26).

Paul Parin musste früh schwere Belastungen überstehen. Wegen einer angeborenen schweren Missbildung seines Hüftgelenkes war er als Kind für mehrere Monate von Kopf bis Fuß eingegipst – und hatte doch zugleich eine liebevolle, einfühlsame Mutter; für diese war ihr behinderter Sohn – den sie nicht als behindert betrachtete – einfach ein »Glückspilz« (Parin 1993, S. 16). Auch erinnert er sich mehrerer slowenischer Frauen, die sich einfühlsam um ihn kümmerten. Seine Beobachtungsgabe wurde so früh geweckt. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Erich-Fried-Literaturpreises führte Parin hierzu aus:

»Ich bin mit einer Missbildung der Hüftgelenke zur Welt gekommen und habe zeitlebens gehinkt. Immerhin konnte ich mein Gebrechen kompensieren, war also körperlich besser dran als er. Sprache und Rede waren auch für mich wichtiger als für gesunde Kinder, und haben mir während eines ganz anderen Berufslebens so viel bedeutet, dass ich mich im Alter dem Schreiben zuwenden konnte und heute hier vor Ihnen stehe« (Parin 1993, S. 128).

Paul besuchte bis zu seinem 17. Lebensjahr keine Schule, er erhielt Hausunterricht, den er als lehrreich und anschaulich in Erinnerung hat. Diese Form des selbstständigen Lernens erscheint ihm in der Rückschau als ein außerordentlicher Glücksfall. Er las viel, sehr viel, baute eine eigene Bücherei auf, einschließlich pornografischer Bücher, machte aber auch Ausflüge in die Natur. In einigen seiner autobiografisch getönten literarischen Werke, so in Jahre in Slowenien (1981), Karakul (1993), Eine Sonnenuhr für beide Hemisphären (1995) und Der Traum von Segou (2001) hat er hiervon in sehr persönlicher Weise erzählt.

In seinen Gesprächen mit Ursula Rütten beschreibt er seine an die Tradition der Wandervögel erinnernde jugendliche Sehnsucht nach Abenteuern, nach Ausbrüchen farbenprächtig:

»Ohne dass ich besonders gelitten hätte unter der Enge der Familie oder der Landschaft oder der Gegend, hat sich daraus eine Tendenz ergeben (…), dass ich ungefähr vom Alter von zwölf, dreizehn Jahren an das unternahm, was spätere Generationen mit Autostop gemacht haben. Ich nahm mir mein Fahrrad und machte oft schon ziemlich weite Ausflüge. Nicht etwa, dass ich besonders gerne fahrradgefahren bin, aber so hatte ich die Möglichkeit, nach Lust und Laune nach Slowenien hinein, manchmal bis nach Kroatien und nach Österreich zu fahren. Ich war damals wirklich schon viel unterwegs, mit dem Rucksack, schlief irgendwo beim Bauern in der Scheune. (…) Mit sechzehn kam ich dann erstmals nach Dalmatien, wo ich nach der Hauptsaison, also am Ende des Sommers, meinen Onkel besuchte. Ich erinnere mich nur zu genau, ich hatte damals das Gefühl, noch nie ein richtiges Abenteuer erlebt zu haben. Das trieb mich an wie ein Motor. Das Gefühl habe ich gelegentlich heute noch. Die Neugier zu forschen hat mich seit früher Jugend nie verlassen und mein Leben mitbestimmt« (Rütten 1996, S. 84f., Hervorheb. d. Verf.).

Mit 17 Jahren besuchte er in Graz erstmals ein Gymnasium, um einen offiziellen Schulabschluss zu erlangen. Für den Juden Paul Parin war dies ein herausforderndes, seinen Widerstandsgeist weckendes Erlebnis: Es war eine »Nazischule«, der größte Teil seiner Mitschüler wie auch seiner Lehrer sympathisierten mit den Nationalsozialisten. Paul Parin wusste, was dies für ihn bedeutete. Er vermochte sich zu wehren, seine Gegner sprachlich bloßzustellen. Und doch interessierte er sich bereits als Jugendlicher für die Psychoanalyse, las die Schriften Freuds: »Freud war einer der bahnbrechenden Kritiker unserer Zivilisation. In unserer Jugend, der Zeit der faschistischen Bewegung und neu entfesselter schrecklicher und grausamer Kriege, schien es uns nötig und dringlich, die Zivilisationskritik Freuds weiterzutreiben«, erinnerte er sich (Parin 2006, S. 177).

Der Vater – ein Großgrundbesitzer

© Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info
© Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info

Paul Parin hat verschiedentlich über seine ambivalente Beziehung zu seinem Vater – dessen Namen er in seinen Schriften niemals erwähnt (!) – geschrieben. Es stellt sich beim Lesen eine von Sympathie getragene Ambivalenz ein, zwischen Ablehnung und Respekt vor dessen ungebrochener Autorität als Gutsherr. Seine Auseinandersetzung mit seinem Vater – er lehnte sich gegen ihn auf, ohne mit ihm streiten zu müssen –, führte ihn hin zu seinen revolutionär-anarchistischen getönten politischen Überzeugungen. Parins Vater wurde 1876 in Triest als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren und heiratete 1912 seine aus Budapest gebürtige Frau Renée Baumgarten. Im Frühjahr 1941, die Nationalsozialisten überfielen Jugoslawien und bombardierten am 6. April Belgrad, musste dieser als Jude zusammen mit seiner Familie aus Novikloster fliehen und ging nach Lugano. Über die Art seines Vaters, diesen Verlust in einer verleugnenden Form zu bearbeiten, führt Paul Parin aus: »Den Verlust seines Besitzes betrauerte er nicht einen Tag« (Parin 1993, S. 9). Um wenig später deutend hinzuzufügen: »Nach der Flucht in die Schweiz und nach dem Verlust seines Vermögens hatte sich für ihn nicht viel geändert. […] die Maxime: es hat keinen Sinn, sich mit etwas zu beschäftigen, das man nicht ändern kann – ersparte ihm Trauer und jedwede Einsicht« (Parin 1993, S. 13).

Für mich klingt eine, wie es der zeitliche Abstand wohl ermöglicht hat, liebevoll getönte Identifikation mit der Charakterstärke seines Vaters durch, wenn Paul Parin erinnernd ausführt:

»Wer meinen Vater kennengelernt hat, fand ihn charmant und war beeindruckt von seiner Energie und Intelligenz. […] Auch Goldy, die Schwiegertochter, fand ihn charmant und liebenswürdig« (Parin 1993, S. 11). Um wenig später zu ergänzen: »Meine Freunde, denen ich von meinem Vater erzählt habe, und andere, die noch in Novikloster zu Gast waren, haben mich gefragt: Es muss doch schrecklich gewesen sein, einen solchen Tyrannen zum Vater zu haben? Nein, sage ich, er war kein Tyrann; er war ein absoluter Herrscher« (Parin 1993, S. 13).

Nach dem Verlust seines Vermögens suchte sich Paul Parins Vater eine landwirtschaftliche Tätigkeit, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Diese Entschlossenheit und lebenspraktische Fähigkeit beeindruckten seinen Sohn sehr. In seiner Erzählung »Ergänzung einer Grabrede« (in: Parin 1993) spricht Paul Parin nun erstmals in persönlicher, anrührender Weise über das jüdische Schicksal seines Vaters:

»Das alles ist imponierend und hat mich sehr beeindruckt. Dem Sohn, der seinen Vater liebt und ihn kritisch betrachtet, entgehen feinere Zeichen der Erschütterung nicht. Es war ihm nie möglich, sich selber als jüdischen Flüchtling, als geretteten oder geschädigten Juden zu sehen. Er half vielen Emigranten mit Ratschlägen in Vermögensangelegenheiten, so weit er konnte mit Geld. Seinen Banken gegenüber und gar bei den Behörden hat er es vermieden, je auf seine damals hilflose Lage als Jude Bezug zu nehmen. […] Nach Jugoslawien reiste er nie mehr, nach Deutschland auch nicht. Sogar auf die Briefe der Berliner Diskontbank, die den Rest seines dortigen Vermögens nach der Markabwertung gewissenhaft verwaltete, hat er nie geantwortet. Da er ein unabhängiger Gentleman bleiben wollte, durfte er kein rechtloser, verfolgter, geschädigter Jude sein« (Parin 1993, S. 29).

Und er fügt in seiner Grabrede hinzu:

»Der Charakter meines Vaters war geprägt davon, dass er der geliebte Sohn seiner Mutter geblieben ist. Als eine mythische Figur ragt er aus dem 19. Jahrhundert in unsere Zeit. Er war dem Leben zugewandt und hatte die seltene Gabe, sich von Schicksalsschlägen nicht verletzen zu lassen. So konnte er  mit Recht von sich sagen, dass Gott ihn immer bevorzugt habe. Es war ihm immer selbstverständlich, auf Seiten der Unterdrückten und Verfolgten zu stehen. Als das Volk der Juden zum Gegenstand schrecklicher Verfolgungen wurde, gab es für ihn, den aufgeklärten Sohn der Jahrhundertwende, der sich bis dahin kaum um seine Herkunft gekümmert hatte, keinen Moment des Zögerns, sich selber als Jude zu bekennen. In den letzten Jahren, als das Schicksal des jüdischen Volkes eine bessere Wendung zu nehmen begann, wandte er sich mit tätigem Mitgefühl anderen Leidenden zu. Die Unbeugsamkeit seines Charakters hat uns Kindern oft zu schaffen gemacht. Seine bedingungslose Aufrichtigkeit und sein Mut, mit dem Leben fertig zu werden, haben uns ein Vorbild gegeben« (Parin 1993, ebda.).

Studium der Medizin, als Partisan in Titos Untergrundarmee – und wieder zurück

Paul Parin studierte von 1934–1938 in Graz, Zagreb und Zürich Medizin, wo er auch promovierte. Er las viel, hierunter auch die Schriften Karl Marx’ sowie weiterer marxistischer Klassiker, deren undogmatische Richtungen ihn prägten. Zugleich betätigte er sich antifaschistisch, machte Ausflüge an die slowenisch-österreichische Grenze, um Flüchtlingen, die sich hinüberretten wollten, beim Grenzübertritt zu helfen (Parin 1980, S. 92ff.). Er schloss sich, zusätzlich ermutigt durch seine erste Jugendliebe zu einem Mädchen namens Ljuba, einer politischen Gruppe gleichaltriger Jugendlicher an, dem »Ausschuss zum Schutz der Nordgrenze« (Parin 1980, S. 59). Sie überfallen eine Gruppe junger, nationalistisch auftretender Deutscher:

»Unsere erste Aktion […] wurde, zuerst, ein voller Erfolg. Wir alle waren in Siegesstimmung und tranken Sliwowitz, der uns nicht schmeckte. Wir hatten einige junge Deutsche überfallen, ihnen die weißen Strümpfe ausgezogen, so dass sie barfuß, die Schuhe in der Hand, heimlaufen mussten, während wir, die Schuhe in der Hand, heimlaufen mussten, während wir die Strümpfe der Landesverräter als Trophäen an Stangen durch das Städtchen trugen« (Parin 1980, S. 59). Seine eigene existenzielle Gefährdung als Jude wurde ihm zunehmend bewusster. In Jahre in Slowenien (Parin 1980) führt er hierzu aus:

»Meine Art vom Wissen um den Faschismus ging erst ›durch den Kopf‹, setzte sich fest als Ergebnis einer Analyse von Zeiterscheinungen, zusammengetragen aus Zeitungslektüre, den Geschichtskenntnissen eines Gymnasiasten, den Reden Mussolinis und Hitlers am Radio. Die zweite Art Wissen um den Faschismus stellte sich erst durch die sinnliche Erfahrung her, als ich in Graz Zeuge war, wie die Hakenkreuzler (das war die österreichisch-gemütliche Bezeichnung für die damals illegalen Nationalsozialisten) an unserer Schule in meinem Matura-Jahr 1934 nacheinander drei jüdische Mitschüler totschlugen (während ich, der letzte Nichtarier an dieser Schule, überlebte) und die österreichische Polizei keinen Anlass fand, diese Unfälle aufzuklären« (Parin 1980, S. 48).

Im Herbst 1937 wechselte Parin seinen Studienort: Er ging von Graz nach Zagreb, »um hier abzuwarten, ob die ›braune Flut‹ nicht noch einmal zurückebben würde, bevor sie Österreich überschwemmte« (Parin 1980, S. 88). Im November 1938 setzte Parin sein Studium im »sicheren« Zürich fort. Dort fand er rasch einen sozialen, einen kulturellen Ort, wo sich die Unangepassten, die Emigranten, die Illusionslosen, die Pazifisten trafen: das Café Select. In seiner mit »Requiem für ein Café« (in: Parin 2001, S. 107–119) betitelten Erzählung erinnert sich der 84-Jährige der dort erfahrenen tiefen Prägungen in einer »Bruder- und Schwesterhorde«. Dort, im Café Select, dieser »kleine[n] antifaschistische[n] Gegenwelt« (Parin 2001, S. 106), suchte man nach wirksamen Möglichkeiten des antifaschistischen Engagements. Viele seiner jüdischen Verwandten – sein Vater hatte bereits einige Jahrzehnte zuvor in weiser Voraussicht einen Schweizer Pass erworben – emigrierten, Paul Parin jedoch nicht. Er muss von einer außerordentlichen Angstfreiheit gewesen sein: »Ich war neugierig, wie sich das entwickeln würde, und ich dachte: Ich komme immer durch«, erinnerte er sich in einem seiner späten Interviews mit der Schweizer Weltwoche (2006).

Im Oktober 1944 verließ der 27-Jährige aus Protest gegen die offi­zielle, tolerierende Haltung der Schweizer Regierung gegenüber den Natio­nalsozialisten – seine Regierung stempelte ein »J« in die Pässe der verzweifelten, Zuflucht suchenden jüdischen Flüchtlinge – Zürich und brach gemeinsam mit sechs Schweizer Kollegen der Ärzte- und Sanitätshilfe Centrale Sanitaire – hierunter auch seine spätere Ehefrau Goldy Parin-Matthèy –, gegen den ausdrücklichen Willen der Schweizer Regierung, unter abenteuerlichen Umständen zu den jugosla­wischen Partisanen auf. Sein Vater, der sich im Ersten Weltkrieg freiwillig als Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes bei einem Hilfszug an der mazedonischen Kriegsfront engagiert hatte, missbilligte das antifaschistische Engagement seines Sohnes anfangs:

»Als ich mich aber nach Jugoslawien zu den Partisanen meldete, war er ganz dagegen. Er konnte aber nicht viel ausrichten, weil das meine Entscheidung war und meine nicht verhohlene Überzeugung, für die Revolution, für den Befreiungskampf, ja – eventuell für die Weltrevolution einzustehen. Erst ein Jahrzehnt später, als wir mit den Afrikareisen anfingen, ’54, ’55, erlebte ich meinen Vater zum ersten Mal voll mit meinen Vorhaben übereinstimmend« (Rütten 1996, S. 84f.).

Frei von trügerischen Illusionen beteiligten sich die Parins als anarchistisch-sozialistische »Brüdergemeinde« mit ihrer chirurgischen Mission im antifaschi­stischen Kampf: »Wir waren diszipliniert, wenn wir selber es für richtig hielten; jeder Befehl verletzte unsere Würde. Wir fühlten uns als Weltbürger, solidarisch mit allen, die unterdrückt und ausgebeutet werden. Deshalb war für uns jede Heimat zu eng und die Verpflichtung auf eine Linie eine Fes­sel« (Parin 1991) erinnerte sich Paul Parin in Es ist Krieg und wir gehen hin an seine damaligen Motive – sein literarisches Erinnerungsbuch an seine Zeit bei den jugosla­wischen Partisanen fand Anfang der 1990er Jahre, zu Zeiten, als der fürchterliche Krieg in Jugoslawien begann, eine breite Resonanz. Paul Parin setzte diesem lesenswerten Erinnerungsband an diese revolutionäre Episode die für ihn kennzeichnende Bemerkung voran: »Wir beide, Goldy und ich, mussten dieses Buch schreiben; da sie nicht gerne schreibt, habe ich es für sie geschrieben.«

Gleich nach dem Sieg von Titos Partisanenarmee erkannten die anarchistisch inspirierten Parins, dass sie ihre Aufgabe erfüllt hatten. In der zunehmend bürokratischer und autoritärer werdenden einstmaligen Partisanenarmee war kein Platz mehr für sie: »Nach dem Sieg waren wir überflüssig« (Parin 2006, S. 15), erinnert er sich. Und: »Das Subversive musste in den Untergrund« (Parin 2006, S. 48). Es gelang ihm, die von Trauer begleitete Trennung vom Ideal, die »Wut aus Enttäuschung über die jugoslawischen Genossen« (Parin 2006, S . 24) in einer Gegenbewegung kreativ umzuformen. In einer abenteuerlichen Reise quer durch Südeuropa kehrte Paul Parin wieder nach Zürich zurück. Dies war zugleich eine bewegende seelische Reise, vorwärts, zurück und wieder vorwärts – und hin zu seiner psychoanalytischen Ausbildung. Jahrzehnte später erinnerte sich Paul Parin an diese existenzielle Erfahrung:

»Die Reise, von der ich berichte, liegt beinahe vierzig Jahre zurück. Ich fuhr von Prijedor in Nordbosnien nach Belgrad. […] In Triest, das damals von alliierten Truppen besetzt war, gab es einen kurzen Aufenthalt. Dann ging es weiter über Mailand nach Zürich; dort wollte ich meine psychoanalytische Ausbildung beginnen. Der Weg war von Erlebnissen und heftigen Gefühlen begleitet, von denen ich heute die Motive ableite, die mich zur Psychoanalyse gedrängt haben. Stationen der Reise lassen sich als Orte einer Entwicklung beschreiben, die zur Psychoanalyse führt« (Parin 2006, S. 13).

Lehranalyse und Aufbruch nach Afrika

Gleich nach seiner Rückkehr nach Zürich begann Paul Parin seine psychoanalytische Ausbildung. Von 1946 bis 1952 absolvierte er in Zürich eine Ausbildung in Neurologie und Psychoanalyse und war 1958 Mitbegründer des Psychoanalytischen Seminars Zürich, welches er gemeinsam mit seinem Freund und Praxiskollegen Fritz Morgenthaler in den nächsten Jahrzehnten prägte. In Zürich »allein« hielten sie es jedoch nicht lange aus. Die Parins suchten immer wieder Freiräume, neue Erfahrungen, waren von einem unstillbaren Wissensdurst inspiriert. Erneut trieb sie ihr anarchistisch-utopisches Freiheitsbedürfnis vorwärts, zurück und noch weiter vorwärts: Hinaus aus dem, was ihnen keine Heimat zu bieten vermochte – Zürich. Von 1954 bis 1971 unternahmen sie, größtenteils gemeinsam mit Fritz Morgenthaler, sechs selbst finanzierte Forschungs­reisen nach Westafrika, um mithilfe der psychoanalytischen Gesprächs­technik das Seelenleben westafrikanischer Völker zu unter­suchen.

In seinem Essay »Requiem für ein Café« erinnert er sich seiner seinerzeitigen Motive: »Als wir zur ersten Reise nach Afrika aufbrachen, hatten wir keine andere Absicht, als endlich dem grau werdenden Alltag in Zürich zu entkommen. (…) Endlich konnten wir unserer Neugier folgen, euphorisch reisen, in unser Zwischenstromland. Die Reise war ein voller Erfolg« (Parin 2001, S. 118).

Durch ihre aus ihren zahlreichen ethnopsychoanalytischen Forschungen erwachsenen Studien über die Dogon – Die Weißen denken zuviel (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963) und Fürchte Deinen Nächsten wie Dich selbst (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1971) – wurde er zum Mitbegründer der Ethnopsychoanalyse. Diese wissenschaftlichen Forschungsstudien fanden eine überraschende Verbreitung: Die aufbegehrende 68er-Protestbewegung griff die markanten Buchtitel als Motto auf. Der Andere Buchladen in Köln – der Paul Parin 1991 sowie 1996 zu Lesungen seiner neuen Bücher einladen sollte (dnen ich beiwohnte – unauslöschliche Erinnerungen) – »schrieb ihn mit Riesenlettern auf das Glas der Auslage, um einen verbilligten Verkauf anzukündigen« (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963, S. III). Bereits in diesen frühen Werken war der für Parins Gesamtwerk zutiefst prägende Übergang zwischen wissenschaftlicher Analyse und literarischer Erzählung deutlich erkennbar. Natürlich war Paul Parin sehr bewusst, dass seine wissenschaftliche Grenzübertretung auch heftigen Widerspruch unter Kollegen auslösen würde. In seinem 1993 verfassten Vorwort zur 4. Auflage von Die Weißen denken zuviel erinnert sich Parin:

»Die Voraussetzung für die Verbreitung des Buches war, dass wir unseren wissenschaftlichen Bericht so schreiben wollten, dass ihn Leser ohne psychoanalytische Kenntnisse verstehen könnten. Denn wir sahen voraus, dass unsere Fachkollegen nicht eben gerne lesen würden, wie wir ihren – und unseren – bequemen Lehnstuhl hinter der Couch verlassen und gegen einen flachen Stein im Schatten eines Brotfruchtbaumes oder in einer Felshöhle eingetaucht haben« (Parin/ Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963/2006, S. I).

In dem zehn Jahre zuvor verfassten Vorwort zur 3. Auflage dieser ethnopsychoanalytischen Studie zeichnet Paul Parin ihre gelegentlich auftretende Skepsis nach, ob ihre wohlwollenden Erinnerungen an Afrika als einem Ort authentischer Brüderlichkeit und Freundschaft wirklich zutreffend waren. Handelte es sich nicht doch um trügerische Idealisierungen, Selbsttäuschungen?:

»Während  wir versuchen, unser Buch nach langer Zeit so zu lesen, als ob es uns neu wäre, beschleicht uns das Gefühl, dass es gar nicht so gewesen sein könne, wie wir da schreiben: die Dogon nicht derart liebe Menschen, ihre Dörfer in Wirklichkeit nicht jene idyllischen idealen Gemeinwesen, wie wir behaupten. Auch manche Leser mögen den Eindruck haben, die Autoren hätten in ihrer Liebe und Begeisterung für ›ihre‹ Dogon beschönigt und geflunkert. […] Das Hauptergebnis dieses Buches ist, dass wir nichts fanden, was dem  widersprochen hätte, was in diesem Buch zu lesen ist. Unsere Skepsis hatte sich als unbegründet erwiesen. Alle, die seinerzeit die ›psychoanalytischen‹ Gespräche mit uns geführt hatten, wollten wieder täglich mit uns sprechen, womöglich am gleichen Ort und zur selben Tageszeit. Keiner unterließ es, an gemeinsame Erfahrungen anzuknüpfen« (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963, S. 9f.).

Die Parins haben nicht nur wissenschaftlich, sondern auch persönlich viel aus ihren Afrikaforschungen gewonnen:

»Als Psychoanalytiker sind wir wegen der lebendigen Erfahrung mit Afrikanern freier und mutiger  geworden, besser im Stande, auf die sozialen Beziehungen unserer Analysanden in Europa einzugehen, und weniger geneigt, ein Verhalten, das von unserem eigenen abweicht, als krankhaft anzusehen. Das hat auch auf unsere theoretischen Anschauungen zurückgewirkt« (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963, S. 18).

1985 folgt mit seiner Er­zählsammlung Zu viele Teufel im Land Paul Parins langer, schmerzhafter Abschied von Afrika. Diese faszinierende, erregende Essaysammlung ist von einem Gestus der Unerschrockenheit, der Neugierde, der emotionalen Offenheit geprägt, dem sich der aufgeschlossene Leser nicht zu entziehen vermag.

Zurück nach Zürich: Kultur- und Gesellschaftskritik und Erzählungen

In den 1970er und 80er Jahren publizierte Paul Parin, zum Teil gemeinsam mit Goldy Parin-Matthèy, zahl­reiche psy­choana­lytisch-kulturkritischen Studien, versammelt in den Sammelbänden Der Widerspruch im Subjekt (Parin 1978) und Subjekt im Widerspruch (Parin/Parin-Matthèy 1986). Wo immer möglich und nötig mischte er sich fortan in den öffentlichen Diskurs ein, belebte diesen durch sei­nen unbestechlichen, analytisch geschärften Blick auf gesellschaft­liche Gewaltverhältnisse, sowie mittels seiner beeindrucken­den Sprachkraft. »Das Politische ist immer auch per­sönlich«, was gleichermaßen auch umge­kehrt gilt, verdeutlichte Parin immer wieder (Parin 1993a, S. 130) – sehr zum Unwillen vieler seiner konservativen Berufskol­legen, die nach der schwie­rigen gesellschaftlichen Etablie­rung der Psychoanalyse gar zu gerne das kulturkritische Erbe Freuds loszuwerden versuchten. Ganz im Sinne der aufklärerischen und kultur­revolutionären Tradition der Freud’schen Psychoanalyse insistierte Paul Parin: »Die Vergan­genheit ver­sinkt, und Geschichtslosig­keit droht sich einzu­stel­len, wo immer es Herrschaft und Beherrschte gibt. Ohne eine Kul­tur, die ihre Kri­tik gegen die Machtverhältnisse richtet, ist kein Fort­schritt möglich« (Parin 1990, S. 153). Seine Position als kritischer Sozialist und »moralischer Anarchist« (Wolf 1993) brachte er mit den Worten André Bretons zum Aus­druck: »Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung. Wir gehören ihr nur in dem Maße an, als wir uns gegen sie auflehnen« (Parin 1993a, S. 131).

1980 schloss Paul Parin aus Altersgründen seine psychoanalytische Praxis. Im gleichen Jahr erschien mit Untrügliche Zeichen von Verände­rung: Jahre in Slowenien seine literarisches Erstlingswerk, angefüllt mit  Erinnerungen an seine Kindheit in dem von ihm geliebten Slowenien sowie an seine aufrührende Zeit bei den jugoslawischen Partisanen. 1990 folgte der kulturkritische Band Noch ein Leben, 1991 sein Jugoslawienbuch Es ist Krieg und wir gehen hin. 1993 und 1995 erschienen seine Erzählsamm­lungen Karakul und Eine Sonnenuhr für beide Hemisphären.

Paul Parin mit Anna Freud auf dem 27. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Wien vom 24.-30. Juli 1971
Paul Parin mit Anna Freud auf dem 27. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Wien vom 24.-30. Juli 1971

Tod von Goldy Parin-Matthèy – das Leben als Epilog

Nach dem Tode seiner Ehefrau Goldy im Jahr 1997 (Rothschild 1997; Rambert 1997) schien Paul Parin kurzzeitig zu resignieren. Die Trauer schien übermächtig. Seine Zuneigung zu Freunden gab ihm wieder Lebensmut. Der Versuchung zum Freitod gab er aus Liebe zu Freunden nicht nach. Der Blick von seiner Wohnung auf den Zürichsee weckte in ihm vertraute, lebensbejahende Gefühle an die Seen Sloweniens. In einer Schublade bewahrte er 50 Jahre lang die Pistole auf, die er während seiner Zeit bei Titos Partisanen getragen hatte. Seine Motive für das Aufbewahren dieser Waffe deutet Paul Parin so: »Als Erinnerungsstück brauche ich sie nicht. Von Zeit zu Zeit prüfe ich die Patronen. Es war richtig, sie nicht unter den Zug zu werfen. Als Analytiker soll man neurotische Ängste überwinden und die Wirklichkeit nicht aus dem Blick lassen.«

Paul Parin veröffentlichte weitere literarische Erzählungen, die er als einen Epilog zu ihrem langen gemeinsamen Leben verstand. Er vermochte wieder zu schreiben, zu erzählen. 2001 erschien mit Der Traum von Segou eine Sammlung von Erzählungen, die von afrikanischen Episoden handeln, aber auch faszinierende Erinnerungen an seinen jüdischen Großvater Heinrich Baumgarten (Ein Europäer aus Miskolc) enthalten. In seinem den Erzählband einleitenden »Prolog zum Epilog« beschreibt er seine durch seine tiefe Trauer ausgelöste existenzielle Grenzsituation in lakonisch-rührender Weise. Der »alte«, sich selbst treue Erzählkünstler lässt uns an ihrem gemeinsamen Leben teilnehmen – und er hat seine Sprache wiedergefunden, so scheint mir:

»Als Goldy am 25. April 1997 gestorben war, entschloss ich mich weiterzuleben. Schon seit einigen Jahren hatten wir uns aus dem tätigen Leben zurückgezogen und lebten – glücklich wie früher – mit Lesen und Schreiben beschäftigt in der Welt der Literatur. Was folgt, ist ein Epilog.

Als die Gäste, die zum Abschied gekommen waren, fortgingen, las ich die übrigen drei Erzählungen im Buch ›Traum am frühen Morgen‹ von Hans Christoph Buch; die drei ersten Erzählungen hatte ich noch Goldy vorgelesen. Dann war sie zu schwach, um zuzuhören. Ich fand, dass ich die drei besten Erzählungen vorgelesen hatte, die drei weiteren gefielen mir nicht so gut. Das hat für kurze Zeit meinen Schmerz gelindert« (Parin 2001, S. 7).

Paul Parin vermochte seine literarische Produktivität wiederzufinden. Auch in der Phase seiner tiefsten Trauer verfasste er Rezensionen und politische Aufrufe für  Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in der Schweiz Zuflucht gefunden hatten. In dem Aufruf »Warnung vor Seelenmord an Kindern. Bosnische Flüchtlinge vor der Rückschaffung« (1998) appelliert der seinerzeit 81-Jährige nachdrücklich, unter Berufung auf seine Biografie, für ein Bleiberecht dieser Kriegsflüchtlinge:

»Ich schreibe über ›alleinerziehende Mütter‹ aus Bosnien-Herzegowina und über andere Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien, deren Kinder alle der gleichen Gefahr ausgesetzt sind, wenn sie zurückgeschickt werden. Ich schreibe, um zu warnen und zu bitten. Meine Warnung richtet sich an die Öffentlichkeit und an unsere Behörden. […] Ich möchte nicht noch einmal stummer Zeuge einer unmenschlichen Politik sein, für die sich kommende Generationen entschuldigen und deren wir uns schämen müssen« (Reichmayr 2006).

2003 erschien der verstörende Band Die Leidenschaft des Jägers, 2005 Das Katzenkonzil und 2006 – Paul Parin war zu diesem Zeitpunkt nahezu erblindet – seine Aufsatzsammlung Lesereise 1955–2005.

Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy, © Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info
Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy, © Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info

Nun, am Ende seines Lebens, wurde Paul Parin geradezu überhäuft mit wissenschaftlichen und literarischen Preisen: 1991 erhielt er den Literaturpreis des Kantons und 1991 den der Stadt Zürich, 1992 folgte der Preis der Internationalen Erich-Fried-Gesellschaft für Sprache und Literatur in Wien, 1999 der Sigmund-Freud-Preis und 2001 eine Ehrengabe des Kantons Zürich. Die slowenische Akademie für Wissenschaft und Kunst ernannte ihn 2005 zum Ehrenmitglied. Paul Parin fand für diesen vielleicht erstaunlich anmutenden Umstand in einem mit »Illusionen entkräften« überschriebenen Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (2004) die ironisch-lakonische Formulierung: »Mir brachte das Alter ein besonderes Problem: Literaturpreise und Ehrungen.«

Vor zwei Jahren feierte das Psychoanalytische Seminar Zürich anlässlich Paul Parins 90. Geburtstages noch einmal in einer großen wissenschaftlichen Tagung das inspirierende Lebenswerk ihres intellektuellen Mentors und menschlichen Vorbildes; Emilio Modena publizierte diese interdisziplinären Vorträge in dem Band Leidenschaften. Paul Parin zum 90. Geburtstag.

Als Grundmotiv für sein außergewöhnlich produktives wissenschaftlich-literarisches Engagement hat Paul Parin sei­nen Forschungsdrang, seine Sehnsucht nach Aben­teuern und seinen unge­broche­nen Humor und Optimismus benannt. In seiner Dankes­rede zur Verlei­hung des Erich-Fried-Preises bemerkt er 1992:

»Wenn mir die Ereignisse auf den Leib rücken, kann ich keine Geschichten mehr erzählen. Seit in den südslawischen Ländern ein schrecklicher und schrecklich sinnloser Krieg herrscht, fällt mir kaum etwas anderes ein als Leserbriefe, Aufrufe an Soldaten, sie sollen desertieren, Zeitungsartikel, damit man hinschaut, hilft, und versteht, wie wenigstens dieses menschengemachte Unheil entstanden ist. Die Versuchung, mich ganz in die Lesewelt zurück­zuziehen, ist da. Warum schweige ich nicht endlich und verzichte darauf zu schreiben? Weil ich gerne schreibe und weil ich Christa Wolf zu­stimme, die geschrieben hat: ›Wer zu verzich­ten ange­fangen hat, ist auf Ungerechtig­keit festge­legt‹« (Parin 1993, S. 131).

Paul Parin war mir stets ein ferner und doch naher Freund. Ich habe für ihn ein Gefühl einer sehr tiefen Zuneigung empfunden. Ich vermisse diesen skeptischen Menschenfreund und großartigen Erzähler sehr. Er ist ein Teil von mir. Eine anlässlich seiner Kölner Lesung selbst gemachte Fotocollage hängt in meiner Küche. „Ist dies Dein Vater“, werde ich verschiedentlich gefragt. Dies vermag ich mit Nachdruck zu verneinen.

Nun haben sich Fuchs und Katze wieder.

Von Roland Kaufhold für haGalil gekürzte Version seines Nachrufes »Ein moralischer Anarchist«. Erinnerung an den Psychoanalytiker, Schriftsteller und skeptischen Weltbürger Paul Parin (20.09.1916–18.05.2009), psychosozial Nr. 117 (3/2009), S. 117-126. Wir danken dem Herausgeber, Prof. Hans-Jürgen Wirth und dem Psychosozial Verlag für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

Die vollständige, als Sonderdruck erhältliche Version dieses Nachrufes ist hier beim Psychosozial-Verlag, Gießen erhältlich.

Wir erinnern mit diesem unmittelbar nach Paul Parins Tod verfassten Nachruf an diesen außergewöhnlichen Menschen, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Zusätzlich veröffentlichen wir Paul Parins am 16.11.1994 beim 5. Symposion der Internationalen Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache in Wien gehaltenen Festvortrag „Heimat, eine Plombe. Wieviel Heimat braucht der Mensch und wieviel Fremde verträgt er“.

5 thoughts on ““Ein moralischer Anarchist”

  1. Danke für den interessanten Beitrag. Ein technisches Rätsel bleibt aufzuklären: Wo ist der link zu dem Tondokument, das – kurz nach dem Öffnen des Beitrags -zu hören ist?

  2. Werter Herr Hütt,
    hier gibt es das ZDF-Interview mit Paul Parin, es wurde vom großen Filmemacher Georg Stefan Troller geführt:
    http://www.youtube.com/watch?v=Mo5a1pWu_QI

    Und hier gibt es das schöne Schweizer Portrait über Goldy Parin-Matthéy und Paul Parin, es wurde 1996 von der Filmemacherin Marianne Pletscher verfasst (anlässlich Paul Parins 80. Geburtstages):
    Paul Parin: Mit Fuchs und Katz auf Reisen:

    http://www.srf.ch/player/tv/sternstunde-philosophie/video/zum-tode-des-psychoanalytikers-paul-parin?id=ccf006b5-273c-47b3-815e-976566d2df3a

    Und, dies sei ergänzend hinzu gefügt: Hier gibt es einen neuen, sehr berührenden Beitrag Georg Stefan Trollers über seinen nahezu gleich alten Freund, Kollegen und langjährigen Weggefährten Ralph Giordano, anlässlich dessen 90. Geburtstages verfasst (der hier auf Publikative.org kürzlich entsprechend gewürdigt worden ist: http://www.publikative.org/2013/03/20/du-bist-davongekommen-du-bist-davongekommen-ralph-giordano-wird-90/):

    http://www.exilpen.net/mitglieder/mitgliederliste/troller.html

    G. S. Trollers Hommage ist veröffentlicht in dem soeben erschienenen Band: Peter Finkelgruen (Hg.) (2013): Jubeljung begeisterungsfähig: Zum 90. Geburtstag von Ralph Giordano, Books on Demand Norderstedt, März 2013 (ISBN: 9-783732-232147).

  3. Lieber Herr Hütt,
    schönen Dank für Ihr Interesse.
    Einige Ergänzungen: Es existieren noch mindestens zwei weitere Filme über Paul Parin (die ich leider beide nie habe sehen können):
    Mischka Popp Thomas Bergmann: Der Rauch der Träume – ein Fragment
    http://www.pilotfilm-gmbh.de/filme.swf
    Weiterhin ein Film des Filmemachers und Psychotherapeuten Dieter M. Adler: Paul Parin: „Wir waren zu jung, um den Rest unseres Lebens hinter der Couch zu verbringen“ (2005)
    Auf haGalil haben wir soeben noch den schönen, anspruchsvollen Parin-Beitrag
    „Der Knopf an der Uniform des Genossen“ publiziert:
    http://www.hagalil.com/archiv/2013/05/16/veraenderbarkeit/

    Am Ende der haGalil-Version meines Nachrufes auf Paul Parin finden Sie links zu zahlreichen weiteren Studien und Erzählungen Paul parins, die wir auf haGalil veröffentlicht haben:

    http://www.hagalil.com/archiv/2012/05/17/parin-3/
    Und hier finden Sie sehr viel „Material“, welches die taz über diesen außergewöhnlichen Menschen, Schriftsteller und Wissenschaftler zusammen gestellt hat:
    http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2009/05/22/paul_parin/
    Viel Spaß beim Lesen!

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