Daten-Sammelwut: Polizei forscht Fußball-Fans aus

Der Aufwand, den die Polizei betreibt, um Fußballfans zu überwachen, nimmt mittlerweile Ausmaße wie in einem Überwachungsstaat an. Zu jedem Spiel der 1., 2. und 3. Liga werden die Anfahrtswege der Auswärtsfans ausgeforscht und diese Daten gesammelt. Zehntausende Fans der Kategorie A stehen somit jede Woche im Fokus, wie ein internes Dokument belegt.

Von Redaktion Publikative.org

Zu jedem Spieltag erstellt die „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“ der Polizeibehörden, die in Nordrhein-Westfalen angesiedelt ist, sogenannte „Vorauslage“-Berichte für die bundesweite Planung polizeilicher Einsatzkonzepte bei Fußballspielen. Die ZIS koordiniert sich dabei mit den Polizeibehörden am Spielort, den in jedem Bundesland etablierten Landesinformationsstellen Sporteinsätze (LIS), der Informationsstelle Sporteinsätze beim Bundespolizeipräsidium Potsdam (BPolP-IS), sowie  internationalen Partnerdienststellen.

Die uns vorliegenden Berichte offenbaren eine erstaunliche Sammel- und Erfassungswut der Behörden im Hinblick auf die Anreisewege von Fußballfans zu den Spielorten. Vor allem aber werden mehrheitlich Fans in den Lageberichten erfasst, die selbst nach Einschätzung der Polizei zur „Kategorie A“ gehören – also noch nicht mal „anlassbezogen“ als gewalttätig einzustufen sind.

Vor Platzstürmen „bedingt fußballinteressierter“ Personen wird gewarnt

Logo der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze - ZIS
Logo der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze – ZIS

So rechnet die Polizei für das äußerst brisante Drittliga-Spiel des bereits aufgestiegenen Karlsruher Sportclubs (KSC) beim SV Wehen Wiesbaden mit „4.500 bis 5.000 „KSC“-Fans, darunter ca. 180 Personen der Kategorie B und ca. zehn bis 20 der Kategorie C, womit die Problemfanszene des Gastvereins stark mobilisiert sein wird.“ Nach einer Aufzählung diverser vermutlich anreisender Karlsruher Ultragruppierungen folgt der sachdienliche Hinweis, dass die „C-Fans aus Karlsruhe sich nur bedingt fußballinteressiert zeigen“. Das Verhältnis der Problemfangruppen beider Vereine werde von den zuständigen Polizeibehörden aber „übereinstimmend als neutral eingestuft, so dass gruppendynamische Auseinandersetzungen grundsätzlich nicht zu erwarten sind.“

Mit Ende dieses Spiels könne allerdings das Erreichen der 3. Liga-Meisterschaft durch die Gästemannschaft verbunden sein. Weiter heißt es: „Da die KSC-Fans am vergangenen Wochenende auf einen Platzsturm im heimischen Stadion verzichtet hatten, werden sie diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Wiesbaden nachholen. Dementsprechend müssen durch Gästefans initiierte anlassbezogene Sicherheitsstörungen – insbesondere nach Spielende – einkalkuliert werden.“ Denn eine Aufstiegsfeier auf dem Platz ist aus polizeilicher Sicht natürlich auch dann ein Risiko, wenn lediglich Meisterschaft und Aufstieg gefeiert werden sollen. Schließlich sollen ja 20 Personen der Kategorie C („gewaltsuchend“) nach Wiesbaden reisen, die sich zwar laut Polizei nur „bedingt fußballinteressiert zeigen“, aber vielleicht reicht ihr Interesse ja dennoch für das Anzetteln einer Schlägerei bei der Meisterschaftsfeier auf dem Rasen.

Im weiteren Verlauf präsentieren die Behörden dann detaillierte Informationen zu den vermutlichen Anreisewegen der unterschiedlichen Fans. Wie die bis zu 20 gewaltsuchenden Personen nach Wiesbaden reisen werden, weiß die Polizei anscheinend noch nicht, dafür präsentiert sie eine Liste mit den Anreisewegen der nach polizeilicher Einschätzung vollkommen friedlichen Fans der Kategorie A. Und das liest sich dann so (Anm.d.Red.: Abkürzung durch die Redaktion, im Original volle Namensnennung) : „Fanclub A: Firma M. 72 A-Fans / Fanclub B.: Firma H. (ein Bus mit Aufschrift „…“) 100 A-Fans / 2 Busse der Fa. D., 50 A-Fans und 20 AFans / Fa. R., 50 A-Fans…“

Nicht alle haben Grund zur Dankbarkeit
Nicht alle haben Grund zur Dankbarkeit

Umfassende Ausforschung von Bahn-, Bus- und Reiseunternehmen

Mit anderen Worten: Detailliert, unter Nennung der Busunternehmen und teilweise auch der amtlichen Kennzeichen oder anderer Erkennungsmerkmale der eingesetzten Busse werden anreisende Fans polizeilichen Überwachungsmaßnahmen unterzogen. Und zwar auch solche Fans, von denen selbst die Polizei nichts anderes erwartet, als dass sie sich friedlich ein Fußballspiel anschauen wollen. Im Falle der anreisenden Karlsruher Fans betrifft dies mehr als 400 als friedlich eingestufte Anhänger des Vereins, deren genaue Reisebus-Informationen offenbar bereits im Vorfeld von den Polizeibehörden bei den Unternehmen abgefragt werden – und die unter voller Namensnennung des anmietenden Fanclubs in polizeilichen Lageberichten erfasst werden.

Wenn man sich vorstellt, dass die Publikative.org vorliegenden Vorauslage-Berichte zu allen Fußballspielen der drei höchsten deutschen Spielklassen erstellt werden, bedeutet dies jedes Wochenende eine Erfassung der geplanten Reisebewegungen hunderttausender Menschen. Vor allem aber geben Busunternehmen republikweit offenbar systematisch die Daten ihrer Kunden präventiv an die Polizei weiter – oder sie werden systematisch dazu genötigt. Eine durchaus fragwürdige Praktik in einem Land, in dem Reisefreiheit zu denjenigen Grundrechten gehört, für das ein Teil der Bevölkerung vor nicht allzu langer Zeit noch zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen ist.

Beginn der Demo von Hansa-Fans in Hamburg. Vom Bahnhof Altona bis rund um das Millerntor ist alles voll mit Polizei: Mannschaftswagen, Wasserwerfer, an jeder Ecke Streifen, selbst in Wohngebieten. In Altona haben sich hsver, St. Paulianer, Hunderte Rostocker und undefinierbare Jungs mit ACAB-Trainingshosen eingefunden. Ein wahrhaft beeindruckendes Sicherheitskonzept. #fail
Fans von Hansa Rostock demonstrieren in Hamburg gegen ein Verbot des Kartenverkaufs an Auswärtsfans. (Foto: publikative.org)

Woher stammen einige der Informationen?

Aber auch andere pikante Details finden sich in den Lage-Einschätzungen der Polizei. So heißt es zu einem anderen Spiel: „Darüber hinaus wird eine weitere, 70-köpfige Gruppe Gastfans, darunter fünf bis zehn Personen der Kategorie B (überwiegend Althools), mit Schnellzügen (ICE) fahren. Folgende Verbindungen werden in Anspruch genommen …“ Auch scheint es nicht um Personen zu gehen, die sich zu einer Straftat verabredet haben, sondern um insgesamt 70 Menschen, von denen laut Polizei maximal 5-10 „anlassbezogen“ gewalttätig werden könnten – und die darüber hinaus offenbar auch schon im fortgeschrittenen Alter („Althools“) sind. Man darf sich daher fragen, wozu diese Information erhoben worden ist und Eingang in den Lagebericht gefunden hat.

Außerdem stellt sich natürlich die Frage, wie die Polizei an diese Information gelangt ist. Dafür gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten:
1. Man erhebt bei der Bahn systematisch Informationen über Gruppenreisen und die jeweiligen Reisenden  und gibt diese an die Polizei weiter, sofern diese zu Fußballspielen passen könnten. Die sogenannten „Szenekundigen Beamten“ (SKBs) könnten dann anhand der Namen in etwa auswerten, um welche Gruppierung es sich handeln könnte.

2. Die SKBs durchforsten selbst systematisch Foren und andere Informationskanäle und prüfen dann ihrerseits entsprechende Bahnbuchungen.

3. Es handelt sich um Informationen, die von V-Leuten stammen.

Insbesondere letzterer Punkt wäre besonders heikel. Schließlich haben die Innenbehörden verschiedener Bundesländer bislang zwar eingestanden vereinzelt V-Leute in Fußball-Fanszenen einzusetzen, es hieß jedoch stets, man beschränke sich dabei auf bekannte, besonders gewalttätige Gruppen, die in der Vergangenheit bereits schwere Straftaten verübt hätten. Im o.a. Beispiel geht es aber wie gesagt um eine größere Gruppe, von denen laut Polizei niemand der Kategorie C und maximal 5-10 Personen der Kategorie B angehören. Insgesamt also ganz sicher kein Zusammenhang, der den Einsatz von V-Leuten rechtfertigen würde. Doch auch eine systematische Auswertung von Bahnbuchungen scheint datenschutzrechtlich alles andere als unbedenklich.

Systematische Erfassung vor allem friedlicher Fans

Insgesamt strotzen die Publikative.org vorliegenden Lageberichte nur so von fragwürdigen polizeilichen Aufklärungsmaßnahmen im Vorfeld von Fußballspielen, die zum weit überwiegenden Teil völlig friedlich verlaufen (werden). Ausführlich werden Bahnverbindungen, und -buchungen, Reisebusbuchungen, Autokennzeichen, Fanclubs und  Ultra-Gruppen genannt, deren Anreisewege ausgeforscht und im Vorfeld überwacht. Verbunden damit sind Zuschreibungen an bestimmte Personengruppen bezüglich ihres vermeintlich zu erwartenden Verhaltens. Auffallend ist dabei, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der von der Polizei sorgfältig beobachteten Fans selbst in diesen Lageberichten als friedlich eingestuft werden – was sie aber dennoch keineswegs vor einer systematischen Erfassung schützt.

Im Hinblick auf die Reisewege der Fans der Kategorien A und B scheint die polizeiliche Lageaufklärung auch wesentlich besser zu funktionieren als im Hinblick auf diejenigen der Kategorie C. Zu letzteren schweigen auffallend viele der jeweils spielbezogenen Berichte. Dies kann auch nicht verwundern, da die Angehörigen dieser polizeiliche Kategorie das mit Abstand größte Interesse an einer konspirativen Anreise haben. Das Ergebnis aber wird verstörend und paradox zu gleich: Diejenige Gruppe, die polizeilich das größte Problem darstellt, erfreut sich offenbar der schlechtesten polizeilichen Aufklärung. Stattdessen aber werden haufenweise harmlose Kategorie A Fans systematisch erfasst und ausgeforscht. Zu bedenken ist: Diese Menschen haben sich verabredet, um gemeinsam zu einem Fußballspiel anzureisen – und nicht, um Banken zu überfallen, Bomben zu legen oder Migranten zu erschießen.

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