Akademisches Karussell: Gerichtssäle als Propagandabühne

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um die medialen Strategien im NSU-Prozess.

Von Samuel Salzborn

Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)
Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)

Die älteren Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionsstuben erinnern sich möglicherweise noch aus eigenem Erleben an den geschichtsmächtigen Satz, den Rudi Dutschke 1974 am Grab von Holger Meins sprach, nachdem dieser nach mehreren Wochen Hungerstreik verstorben war. Es war ein Fanal der Studierendenbewegung, Dutschke fasste damit das Gefühl weiter Teile der linken Szene zusammen und legte zugleich den Grundstein für einen Mythos um den RAF-Terroristen Meins, der vieles vergessen ließ. Denn wer erinnert sich noch – neben der Parole „Holger, der Kampf geht weiter!“ – an die Kontexte des Hungerstreiks, den Meins – nach allem, was wir wissen – auf Entscheidung der RAF-Führungsriege stellvertretend durchführen sollte, in dem offenen Bewusstsein, seinen Tod aus propagandistischen Erwägungen billigend in Kauf zu nehmen, um dadurch genau das mobilisierende Fanal zu schaffen, für das Dutschke die Parole und das Sinnbild hinzufügte? Und wer erinnert sich noch daran, dass Meins zu allererst einmal eines war: ein Terrorist?

Die RAF hat, das wissen wir inzwischen aus einer Reihe von Studien, eine teils bewusst geplante, teils unbewusst generierte Medienstrategie verfolgt, um sich selbst zu ikonisieren, selbst Märtyrerrollen zu generieren, die Öffentlichkeit und die linke Szene zu Solidarisierungen zu mobilisieren und um den bundesdeutschen Staat zu diskreditieren. Zu letzterem hat dieser im Umgang mit den Terroristen in unterschiedlicher Weise auch immer wieder selbst beigetragen und der medialen Strategie der RAF damit fortlaufend in die Hände gespielt, so dass geschichtspolitisch wirksame Mythologisierungen generiert wurden, die die historischen Kontextualisierungen überwölben. Während man Dutschkes Satz bis heute kennt, sind viele Kontexte vergessen.

Dies ist insofern bemerkenswert, als gerade die Medien auf dem besten Weg sind, den Medienstrategien der vom dem Münchner Oberlandesgericht stehenden Nazi-Terroristen in gleicher Weise wieder auf den Leim zu gehen. Man hat sich oft genug gefragt, warum der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) seine Taten nicht viel früher öffentlich eingeräumt hat, da ein wesentliches Charakteristikum des modernen Terrorismus, wie ihn unter anderem der Augsburger Soziologe Peter Waldmann beschrieben hat, darin besteht, eine mediale Öffentlichkeit für die eigenen Positionen zu schaffen, die auf andere Weise nicht zu generieren wäre: Terrorismus ist auch eine mediale Strategie.

Nazi-Braut
Über die „Nazi-Braut“ ist zu lesen, mit wem sie zusammen war, wie sie emotional das „Terror-Trio“ zusammenhielt und dass sie in der Zelle gefriert habe – und was sie beim Prozess trägt. (Foto: Iron Sky, nicht Zschäpe)

Man kennt die Strategien doch von der RAF schon zur Genüge: offensichtlich schwachsinnige Anträge zu stellen, die dann medial bis ins Detail reproduziert werden; Bilder von sich selbst zu schaffen, die die Erinnerung überwölben – im Fall der RAF waren das oft Ikonisierungen mit geballter Faust oder mit entzündeter Zigarre im Gerichtssaal, beim NSU ist es – bisher – das Bild einer Beate Zschäpe, die sich, offensichtlich mit viel Aufwand, als adrett und harmlos inszeniert hat. Statt diese Bilder bewusst nicht in Print- und Onlinemedien zu übernehmen und damit eben gerade nicht der offensichtlichen Intention von Zschäpe zu folgen, werden sie munter gedruckt, bei der „tageszeitung“ sogar in schon fast perfektionierter Ikonisierung in Dutzendfach „Klonen“ auf der Titelseite.

Das ist nicht witzig, das ist dämlich. Denn so generiert sich medial ein Bild, das die Nazi-Terroristen schaffen wollen: eines der netten Dame von nebenan, eines, in dem Verwirrung über Aufklärung siegt, eines, in dem die bundesdeutsche Justiz als hilflos erscheinen soll, eines, in dem vor allem sichergestellt ist, dass die vor Gericht stehenden Nazi-Terroristen den Kampf um das wahrgenommene Bild und damit die Öffentlichkeit gewinnen.

Was wäre denn verloren, würde man einmal darauf verzichtete, der bildlichen Inszenierung der Terroristen auf den Leim zu gehen? Soll die Erinnerung an den NSU-Terror wirklich durch das Bild einer sich harmlos gebenden Frau dominiert werden – und nicht durch die Erinnerung an die Barbarei und Brutalität ihrer Taten? Und an die Opfer? Will man ernsthaft über jeden verschwörerischen Unsinn im Detail berichten, den Wohlleben und Zschäpe verkünden lassen? Die politische Aufklärung findet in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen statt, in München geht es um die juristische. Und dass Terroristen Gerichtssäle als Propagandabühne zu nutzen versuchen, ist hinlänglich bekannt. Es gibt aber kein Gesetz, dass Medien dazu zwingen würde, die Nazi-Strategien auch zu reproduzieren, da neben der medialen Informationsfunktion auch die Selektionsfunktion von Nachrichten steht.

Die Medienstrategie der Nazis, die man während ihrer Morde nur szeneintern wahrnehmen konnte, begann mit dem aufwändig produzierten Bekennervideo – und bekommt erst jetzt im Münchner Gerichtssaal ihre große Bühne. Es wäre einen Versuch wert, den Nazis diese Inszenierungsbühne einfach nicht zu bieten und sich auch medial auf das zu konzentrieren, worum es geht: den Nachweis ihrer Verbrechen und die Frage, wie groß – im juristischen Sinn – der NSU tatsächlich war und wer insofern überdies – strafrechtlich – neben den derzeit Angeklagten noch belangt werden kann und muss.

Warum nicht stattdessen einmal die Zeit nehmen und lesen, was die soziologische Terrorismusforschung über mediale Strategien zu sagen hat, was die Geschichtswissenschaft über die mediale Praxis der RAF herausgefunden hat, was die kulturwissenschaftliche Bildforschung an Background bietet, um zu verstehen, dass ein Bild nicht einfach nur eine Information, sondern eine Inszenierung ist, was die Psychologie zum Verhältnis von Machtphantasien und Öffentlichkeit zu sagen hat? Das würde zu viel Zeit kosten, im Presse-Alltag? Stimmt – ein paar Stunden würde man darauf gewiss verwenden müssen. Aber sie wären vielleicht nicht schlecht investiert, um sich nicht vor den Karren der Nazi-Strategen aus dem Münchner Gerichtsaal spannen zu lassen.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen.

Siehe auch: Publikative-Ratgeber: Wohlleben, das Fashion-VictimNSU: Terror-Trio mit vier Köpfen?“NSU-Prozess ist kein Untersuchungsausschuss”Zschäpe-Show statt NSU-Komplex?

5 thoughts on “Akademisches Karussell: Gerichtssäle als Propagandabühne

  1. In echt ist Wolle der Stratege.
    Er hat die Geheimarmee des Stahlgewitters angewiesen
    seine Zschäpe fein einzukleiden,
    nur um davon abzulenken das er selbst sein Deo vergessen hat !
    Bei der Zschäpe ist das nur Taktik.

  2. Ausgezeichneter Artikel! Aber vielleicht ist es ja auch so, dass die zu dem Verfahren entsendeten Journalisten einfach nur das können, was wir jeden Tag lesen?

  3. viel wichtiges gesagt, doch, wie ich finde, liegt dem text ein idealisiertes verständnis der „medien“ in einer bürgerlich parlamentarischen demokratie als „vierte gewalt“ zugrunde, getrennt von kapitalistischen zwängen.

  4. „Die politische Aufklärung findet in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen statt, in München geht es um die juristische.“

    Ja, auf diese Aussage habe ich in den Medien schon lange gesucht.
    Vor allem weil der Gerichtsprozeß wie bei der RAF wohl wenig aufklären kann.

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