Atomfracht und Feuer: Hamburg schrammt an Katastrophe vorbei

In Hamburg hat am 1. Mai unmittelbar vor einem Brand neben radioaktiven Material in der HafenCity der Eröffnungsgottesdienst des Evangelischen Kirchentags mit rund 35.000 Teilnehmern stattgefunden. Kurz danach brach 500 Meter weiter auf einem Frachter das Feuer aus. Eine Anfrage der Grünen deckt jetzt auf: An Bord waren neben Munition auch mehr als 20 Tonnen Atomfracht. Hätte die Feuerwehr diese nicht rechtzeitig von Bord schaffen können, wäre in Norddeutschland kein geeignetes Löschmittel vorhanden gewesen.

Von Roland Sieber

Die Grünen wollten wissen, warum die Bevölkerung nicht bereits während der Gefahrensituation am 1. Mai von den Behörden gewarnt wurde und warum der Senat die entscheidenden Fakten bisher verschweigt. Erst auf eine kleine Anfrage des Abgeordneten Anjes Tjarks hin, teilte dieser mit, dass sich an Bord des im Hamburger Hafen ausgebrannten Frachters „Atlantic Cartier“ über 20 Tonnen radioaktives Material befanden, davon 8,9 Tonnen hochgefährliches Uranhexafluorid. Zudem befanden sich 3,8 Tonnen explosive Munition an Bord.

Der Hafenpolitische Sprecher der Grünen Bürgerschaftsfraktion verlangt vom SPD-Innensenator Michael Neumann Aufklärung und erklärt hierzu:

„Es ist eine Ungeheuerlichkeit, dass der Senat die Öffentlichkeit nicht von sich aus über die brisante Ladung informiert hat. Hier muss man schon fast von einem Vertuschungsversuch sprechen.“

Wie die Grünen gestern mitteilten, wird Uranhexafluorid verwendet, um Uran235 von Uran238 zu trennen. Aus Uran235 werden Brennelemente für Atomkraftwerke oder Nuklearmaterial für Atombomben hergestellt. Uranhexafluorid ist ein Gammastrahler und hochgiftig. Aufgrund der Uran-Halbwertzeit von 4,5 Milliarden Jahren bleibt ein einmal verstrahltes Gebiet dauerhaft kontaminiert, so Tjarks. Bei Kontakt mit Wasser bildet Uranhexafluorid Flusssäure, ein farbloses Gas mit einem stechenden Geruch, dass noch ätzender als Salzsäure ist und beim Einatmen hoch giftig und tödlich sein kann, erklärte der Chemiker und Bioanorganiker, Dieter Rehder, von der Universität Hamburg dem NDR.

Bereits vor einer Woche verlangten die Münsterländer Anti-Atomkraft-Initiativen, die Hamburger Systemoppositionelle Atomkraft Nein Danke Gruppe (SAND) und der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) Auskunft von der Reederei „Atlantic Container Line“ und den Behörden, ob auch diesmal radioaktive Fracht an Bord war. Nach dem Brand war in den Medien nur von „mit Gefahrstoffen beladenen Containern“ die Rede.

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Schiffssicherungslehrgang © Seebeer, CC BY-SA 3.0

Die Feuerwehr habe rechtzeitig von den Containern mit radioaktivem Material an Deck erfahren und konnte diese so von Bord holen, teilte ein Feuerwehrsprecher auf Anfrage von Publikative.org mit. Die Hitze des Brands sei aber gefährlicher gewesen als die radioaktiven Stoffe. „Durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehr bestand keine Gefahr für den Hafen und die Menschen in der Umgebung“, so der Sprecher der Innenbehörde, Frank Reschreiter, zum NDR. Die Grünen und einige Anti-Atom-Gruppen haben daran weiterhin erheblichen Zweifel.

Hunderte Atomtransporte jährlich

Insgesamt 117 genehmigungspflichtige Atomtransporte haben im Jahr 2012 durch die Hansestadt Hamburg stattgefunden, teilte die Umweltorganisation Robin Wood mit. Dies gehe aus den Antworten des Hamburger Senats auf Anfragen von Abgeordneten der Linken hervor. Ob darunter nur LKW-Transporte und Schiffsumschläge im Hafen oder auch anlegende und durchfahrende Schiffe fallen, geht nicht hervor. Bremen hat derartige Atomtransporte über seine Häfen bereits im Frühjahr 2012 per Gesetz gestoppt.

3 thoughts on “Atomfracht und Feuer: Hamburg schrammt an Katastrophe vorbei

  1. Die Gefahr war gebannt, weil Hamburg eine sehr gute Feuerwehr hat. Soll man dann trotz beseitigter Gefahr mit Radiodurchsagen für Panik sorgen?
    Es macht keinen Sinn. Folgerung muss aber sein, dass die Politik sehr genau überlegt, was in der Zukunft alles noch noch weltweit transportiert werden soll? Und, die Politik sollte jetzt sofort damit aufhören, auch die Hamburger Feuerwehr kaputt zu sparen. Das Spezialistentum, dass jetzt 1,802 Millionen Einwohner und die Besucher des Kirchentages vor der Gefahr der Radioaktivität gerettet hat, kostet halt Geld. Letztlich aber wesentlich weniger Geld als die HSH-Nordbank und die Elb-Philharmonie!

  2. „Uranhexafluorid ist ein Gammastrahler“

    Wohl ganz sicher nicht! Alle nicht syntetischen Uranisotope ( U234, U235, U236, U238) sind Alpha-Strahler.

    Und jedes Isotop hat seine eigene Halbwertszeit.

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