NSU: Keine Macht den Verschwörungstheorien!

Verschwörungstheorien sind ein echtes Ärgernis: Sie vereinfachen komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge, geben einfache Antworten auf schwierige Frage und spielen den Falschen in die Hände. Dies alles gilt auch und gerade für den NSU-Komplex.

Von Patrick Gensing*

Screenshot aus dem NSU-Vdeo
Screenshot aus dem NSU-Vdeo

Die Vorfälle der vergangenen Monate und Jahre bieten reichlich Stoff für Legenden: Geheimdienste, die mit Nazis kooperieren und braune Netzwerke mitfinanzieren, Akten, die plötzlich dringend vernichtet werden mussten – und zahlreiche offene Fragen zum NSU und dessen Bekanntwerden.

Die Fragen, wie dieses Netzwerk so lange arbeiten konnte und welche Rolle die „V-Leute“ der Geheimdienste spielten, sind zentral für den NSU-Komplex. Aber handelt es sich deswegen um eine große Verschwörung?

Unfähig, aber genial?

Den Geheimdiensten und Ermittlungsbehörden wird vorgeworfen, sie hätten die Gefahr durch den rassistischen Terror über Jahre skandalös verharmlost. Dieser Vorwurf ist zutreffend und praktisch unumstritten. Doch wie viel Sinn ergibt es, selbst eine Terrorgruppe aufzubauen, wenn man gleichzeitig die Existenz solcher Zellen leugnet und somit die Voraussetzung schafft, nach dem  Bekanntwerden des Nazi-Terrors als Versager dazustehen?

Und wenn die Geheimdienste und andere staatlichen Stellen so ahnungslos und unfähig waren, wie es nun landläufig heißt: Wie sollten sie gleichzeitig eine Gruppe initiiert haben, die in der Nazi-Szene nicht als VS-Gurkentruppe aufgefallen sein soll? Der Vorsitzende des NSU-Ausschusses, Sebastian Edathy, sagte jüngst, es sei nicht ausgeschlossen, dass der Ku-Klux-Klan in Süddeutschland möglicherweise von einem Geheimdienst aufgezogen worden sei. Das erscheint durchaus denkbar, die bekannt gewordenen „V-Leute“ weisen beispielsweise darauf hin.

B&H = KKK – Fundamentalismus

So wie den KKK könnten sich Geheimdienstler tatsächlich die Nazi-Szene vorgestellt haben: Kasperköppe in komischen Gewändern, die nachts Kreuze anzünden und wie eine Sekte auftreten. Doch der KKK in Deutschland hatte genau deswegen zu keinem Zeitpunkt eine überregionale organisatorische Basis sowie eine dauerhafte Anbindung an die Szene. Die Kostüm-Rassisten waren vom Style und Auftreten gar nicht in der Lage, auf die sich modernisierende Bewegung entscheidend einzuwirken.

Der KKK gegen Neuheidentum
Der KKK gegen Neuheidentum

Zwar bezogen sich Blood & Honour-Strategen immer wieder auf den Klan, doch wurde dabei der religiöse Fundamentalismus offenbar weitestgehend entsorgt. B&H ist sozusagen der KKK minus christlicher Fundamentalismus. Der Klan wurde religiös-fundamentalistisch geprägt, was für die deutsche Neonazi-Szene mit ihrer Vorliebe für braune Esoterik und Neuheidentum vollkommen untypisch ist. In westdeutschen rechtsextremen Kreisen sind solche Überschneidungen zwischen radikalen Abtreibungsgegnern und NS-Freaks durchaus zu beobachten gewesen. Doch während der KKK noch gegen „New Paganism“ (Neuheidentum) wetterte, war die krude Mischung aus nordischer Mythologie und braunen Neuheidentum in der deutschen NS-Szene längst dominierend.

Viele Informationen, kaum Erkenntnisse

Wer also meint, Geheimdienstler hätten moderne Nazi-Netzwerke initiiert und angeleitet, unterstellt diesen Stellen ein ungeheures Fachwissen, Kenntnisse über die Dynamik von Bewegungen, ein sehr feines Gespür für die kulturelle Ausstattung von Szenen und einen fantastischen Weitblick. Doch über genau diese Fähigkeiten scheinen sie eben nicht verfügt zu haben. Geheimdienste waren zwar keinesfalls ahnungslos, was die Neonazis anging, sondern sie häuften Informationen über die Szene an; sie konnten mit diesen Details aber offenkundig wenig anfangen, bzw. analytisch Sinnvolles daraus ableiten.

Der Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz war von seiner ideologischen Ausrichtung auch gar nicht dafür vorgesehen, Neonazi-Netzwerke zu erkennen und zu analysieren. Der Umgang mit Rechtsextremen zeigt, dass deren Entschlossenheit vollkommen unterschätzt wurde. Offenbar glaubten Verfassungsschützer, sie könnten die Szene einfach durchleuchten und unter Kontrolle halten, indem man ordentlich Geld an diverse Kader zahlt. Der NSU bewies auf grausame Art, wie falsch diese selbstherrliche Annahme war. Der Geheimdienst sah die braune Bewegung durch eine Zerrbrille, nämlich durch die Darstellungen der Neonazis (V-Leute) selbst.

Auch bei dem Kompetenzgerangel zwischen den Behörden sowie dem Chaos bei der Führung der „V-Leute“ (ein Landesamt wusste nicht, welche „V-Leute“ die lieben Kollegen hatten), erscheint es wenig plausibel, dass gleichzeitig irgendwo ein Masterplan erstellt wurde, um eine rassistische Terrorgruppe aufzubauen.

Resultat gesellschaftlicher Entwicklungen

Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben mit seiner Anwältin Nicole Schneiders (Quelle: Screenshot N24 Livestream)
Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben mit seiner Anwältin Nicole Schneiders (Quelle: Screenshot N24 Livestream)

Der Nazi-Terror war kein künstliches Produkt von dunklen Geheimdiensten, sondern vielmehr ein geradezu „natürliches“ Resultat der gesellschaftlichen Atmosphäre in den 1990er Jahren. Die Legende, der NSU sei von finsteren Agenten erfunden worden, lenkt den Blick von den gesellschaftlichen Ursachen des Terrors ab, vom Versagen der Politik, der Medien, von unser eigenen Ignoranz – und spielt zusätzlich den Nazis in die Hände. Denn deren öffentliche Strategie in Sachen NSU sieht zumeist so aus, sich von den Morden zu distanzieren und den rechten Terror als eine Erfindung des „BRD-Systems“ abzutun.

Die Wohlleben-Anwältin Nicole Schneiders, früher selbst bei der NPD, sprach am Mittwoch beim NSU-Prozess laut taz von „geheimdienstlichen Verwicklungen. Auch auf das nationalistisch-verschwörungstheoretische Heft „Compact“ nahm Schneiders demnach Bezug. In einer Spezial-Ausgabe der Querfront-Postille wird sogar von einer heißen Spur auf ein „US-geführtes Terrornetzwerk mit Ausläufern bis zu den 9/11-Anschlägen“ gefaselt.

Das Hantieren mit unbelegten Behauptungen über VS-Verstrickungen fördert solche Legenden. Und deshalb sind Verschwörungstheorien kontraproduktiv und ärgerlich – auch und gerade im NSU-Komplex.

*Patrick Gensing ist Autor des Buch „Terror von rechts – die Nazi-Morde und das Versagen der Politik„.

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