Hawkings Israel-Boykott: „Schwerwiegende Heuchelei“

Der weltberühmte Physiker Stephen Hawking wollte im Juni an einer wichtigen Konferenz in Israel teilnehmen. Nun sagte er ab. Ein Sprecher der Uni Cambridge erklärte zunächst, die Absage erfolge aus Protest gegen die israelische Besatzung der Palästinensergebiete. Später zog die Hochschule diese Erklärung zurück und gab gesundheitliche Gründe an. Dem britischen „Guardian“ liegt allerdings Hawkings Absage vor, aus der mehr als deutlich wird, dass es sich um eine politische Entscheidung handelt. Carlo Strenger, israelischer Philosoph und eine wichtige linksliberale Stimme bezeichnet den Boykott als „schwerwiegende Heuchelei“.

​Von Carlo Strenger, zuerst erschienen in der Haaretz, 08.05.13

Lieber Professor Hawking,
Stephen Hawking during the press conference at the National Library of France to inaugurate the Laboratory of Astronomy and Particles in Paris and the French release of his work God created the integers.
Stephen Hawking im Jahr 2006.

es gibt viele Gründe dafür, dass Sie als einer der weltweit führenden Wissenschaftler gelten. Wie Sie selbst wissen, ist einer der Gründe für Ihre Erfolge die Fähigkeit, einen unabhängigen Geist zu behalten und sich zu weigern, dem Druck des Mainstreams nachzugeben. Innovation ist nur möglich, wenn man einem solchen Druck gegenüber immun ist.

Angesichts meines Respekts für Ihre Erfolge bin ich überrascht und traurig über Ihre Entscheidung, über die der Guardian heute berichtet, dass Sie Ihre Teilnahme an der diesjährigen Presidential Conference in Jerusalem abgesagt haben, und dass Sie sich nun jenen angeschlossen haben, die zum akademischen Boykott Israels aufrufen. Ich hätte erwartet, dass ein Mann in Ihrer Position und Ihrer Errungenschaften sich von dem Druck nicht beeindrucken lässt, der dem Bericht zufolge Ihrer Absage vorausging.
Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete seit vielen Jahren ablehne, und meiner Ablehnung mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln Ausdruck verliehen habe. Ich denke, dass die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland moralisch unhaltbar, politisch dumm und strategisch unklug ist, und ich werde sie so lange kritisieren, wie ich kann.
Nachdem dies gesagt ist, muss ich aber auch betonen, dass ich es schon immer als moralisch verwerflich und intellektuell unhaltbar empfinde, dass viele britische Intellektuelle zu einem akademischen Boykott Israels aufrufen. Dieser Aufruf basiert auf einem doppelten Standard, den ich von einer Gruppe nicht erwarten würde, deren Mission es ist, intellektuelle Integrität zu bewahren.
Ja, ich denke, dass Israel im Westjordanland Menschenrechtsverletzungen begeht. Doch diese Vorfälle sind zu vernachlässigen im Vergleich zu denen, die andere Staaten begehen, vom Iran über Russland bis nach China, um nur wenige Beispiele zu nennen. Der Iran henkt jedes Jahr mehre Hundert Homosexuelle; China hält seit Jahrzehnten Tibet besetzt, und Sie wissen um die schrecklichen Zerstörungen, die Russland in Tschetschenien angerichtet hat. Ich habe weder von Ihnen, noch von Ihren Kollegen, die einen akademischen Boykott Israels unterstützten, jemals gehört, dass Sie eines dieser Länder boykottieren.
Doch lassen Sie mich noch einen Schritt weiter gehen: Israel wird beschuldigt, Palästinenser jahrelang ohne Prozess festzuhalten. Gleiches tun die USA, die, wie Ihnen bekannt ist, bis heute Guantanamo nicht geschlossen haben. Israel wird beschuldigt, Palästinenser gezielt zu töten, die verdächtigt werden oder von denen bekannt ist, dass sie in Terroranschläge verwickelt sind. Wie auf der ganzen Welt berichtet wird, praktizieren die Vereinigten Staaten in vielen Ländern seit Jahren gezielte Tötungen von Terrorverdächtigen. Die Frage, ob diese Arreste und gezielten Tötungen gerechtfertigt werden können, wiegt schwer, und es gibt darauf keine einfachen Antworten. Ich persönlich denke, dass auch im Krieg gegen den Terror Demokratien jede Anstrengung unternehmen müssen, um den Rechtsstaat zu wahren und Menschenrechtsverletzungen zu vermeiden.
Doch lassen Sie uns nicht vergessen, dass sowohl Israel als auch die USA sich in schwierigen Situationen befinden. Israel war einem Friedensabkommen mit den Palästinensern zum Greifen nahe, als die Zweite Intifada ausbrach. Israelis wurden täglich bei Selbstmordanschlägen in Stücke gerissen, und es ist sehr schwer für israelische Politiker, die Israelis davon zu überzeugen, für den Frieden Risiken in Kauf zu nehmen. Die USA sind immer noch benommen vom Trauma  des 11. September. Seit einem Jahrzehnt halten sie nun zwei Länder besetzt, Afghanistan und den Irak. Ich persönlich glaube, dass es falsch war, den Irak anzugreifen, genauso, wie ich die israelische Siedlungspolitik für falsch halte.
Professor Hawking: Wie können Sie und Ihre Kollegen, die sich für einen akademischen Boykott Israels aussprechen, Ihren doppelten Standard rechtfertigen, indem Sie sich nur Israel herauspicken? Sie leugnen ganz einfach, dass Israel den größten Teil seiner Geschichte unter existentieller Bedrohung stand und steht. Bis heute ruft die Hamas, eine der beiden großen Parteien in Palästina, zur Vernichtung Israels auf, und ihre Charta bedient sich abscheulichster antisemitischer Sprache. Bis heute vergeht kaum eine Woche, während der der Iran und sein Vasale, die Hisbollah, nicht drohen, Israel zu vernichten, obwohl sie keinen konkreten Konflikt mit Israel haben.
Sich Israel für einen akademischen Boykott herauszupicken, ist, glaube ich, ein Fall von schwerwiegender Heuchelei. Es bedeutet, ein wenig Dampf über die Ungerechtigkeiten in der Welt abzulassen, wo es nicht allzu viel kostet. Ich warte immer noch auf den britischen Intellektuellen, der sagt, er würde nicht mit US-amerikanischen Institutionen kooperieren, solange Guantanamo besteht, so lange die USA ihre Politik der gezielten Tötungen fortsetzen. Abgesehen davon, dass es scheinheilig ist, ist es auch pragmatisch unklug, Israel herauszupicken – um es milde auszudrücken. Die israelische intellektuelle Elite ist weitgehend links-liberal, und viele der hiesigen Intellektuellen stehen der israelischen Siedlungspolitik seit Jahrzehnten kritisch gegenüber. Doch einmal mehr suchen sich britische Intellektuelle das einfachste Ziel aus und machen ihrem Ärger auf eine Art Luft, die zur palästinensischen Sache, die sie unterstützen, keinen konstruktiven Beitrag leistet.
Israel kann, wie jedes andere Land auch, kritisiert werden. Doch solche Kritik sollte nicht auf schrillem Moralismus und simplifizierendem schwarz-weiß-Denken beruhen – etwas, das ich von Wissenschaftlern nicht erwarte. Die reale Welt ist, leider, ein chaotischer, schwieriger Ort. Der Autor Ian McEwan wird im Guardian mit den Worten zitiert: „Wenn ich nur Länder bereisen würde, mit deren Politik ich übereinstimme, würde ich mein Bett wahrscheinlich nie verlassen. [..] Es ist nicht gut, wenn alle aufhören, miteinander zu sprechen.“ Dies sagte er, als er dafür kritisiert wurde, dass er 2011 nach Israel gereist war, um den Jerusalem-Preis für Literatur entgegenzunehmen. Da ist ganz sicher etwas dran. In einer unvollkommenen Welt nach den Standards der Menschenrechte und den Idealen einer Demokratie zu leben, ist schwierig. Wichtige Denker wie Philip Bobbitt und Michael Ignatieff haben der Frage, wie man die Menschenrechte in einer von Terrorismus bedrohten Welt wahren kann, viele Gedanken gewidmet.
Professor Hawking, von einem Menschen Ihres intellektuellen Formats würde ich erwarten, die schwierige Aufgabe anzunehmen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Es sich einfach zu machen und sich Israel herauszupicken, um es akademisch zu boykottieren, steht Ihnen intellektuell und moralisch nicht an. Wenn Ihre Absage tatsächlich auf Druck zurückzuführen ist und keine gesundheitlichen Gründe hat, wie es Ihre Universität nach dem Bericht des Guardian erklärt hat, würde ich es respektieren, wenn Sie Ihre Entscheidung noch einmal überdächten und doch zur Presidential Conference kämen.
Mit freundlichen Grüßen
Carlo Strenger
Carlo Strenger, in der Schweiz geboren und aufgewachsen, ist Professor der Psychologie an der Universität Tel Aviv. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und schreibt regelmäßig für die liberale israelische Tageszeitung Haaretz, für den Guardian und The Times. Politisch steht er dem israelischen Friedenslager nahe. Seine journalistischen und psychologischen Analysen und Kommentare veröffentlicht er u.a. in seinem Blog „Strenger than fiction“ auf haaretz.com. Ein Interview mit Carlo Strenger ist auf tagesschau.de,  im Video-Blog „Zwischen Mittelmeer und Jordan“ zu sehen. Auf deutsch erhältlich ist u.a.: Carlo Strenger (2011): Israel. Einführung in ein schwieriges Land (suhrkamp)

17 thoughts on “Hawkings Israel-Boykott: „Schwerwiegende Heuchelei“

  1. @ max: Sie haben Recht: Ich habe Ihre „vage“ Formulierung etwas verkürzt. Was soll man aber von iÍhrem Satz „Die Behauptung, Israel sei ständig existentiell bedroht…“ halten? Ist Israel nicht sehr, sehr konkret gefährdet? Sind nicht vor der letzten halb-kriegerischen Auseinandersetzung innerhalb weniger Wochen Hunderte von Raketen gegen Israel, gegen israelische Zivilisten, geschossen worden? Hat ein demokratischer Staat nicht die Pflicht, seine Bevölkerung – zum Teil Überlebende der Shoah – vor mörderischen Attacken zu schützen? Wo ist das Bemühen der extremistischen Gruppierungen innerhalb der palästinensischen Gruppierungen (Hamas, Hisbollah etc.; Gruppierungen, die vom Iran ausgerüstet und finanziert werden) zu erkennen, ein eigenes demokratisches Staatsgebiet aufzubauen?
    Und Ihre bezeichnenden Titulierungen wie „Rechtfertigung der Besatzung“ und „Landraub“ sind billigstes Vokabular der zahlreichen „Palästina-Gruppierungen“ (Links lasse ich jetzt mal bewusst weg).
    Auf Facebook hat es Publikative bereits gepostet, ein kurzes Ausschnitt:cht.

    „…: Wieso kann woanders (zum Beispiel direkt nebenan in Syrien) in weitaus größerem Maße gefoltert,gemordet, unterdrückt und bestialisch Bürgerkrieg geführt werden, ohne dass die angeblich nur um das Menschenrecht Besorgten deshalb zu einem Staatsboykott aufrufen würden?

    Im Human Development der UN (die nicht als übermäßig israelfreundliche Organisation gelten dürften) steht Israel auf Platz 16, die palästinensischen Gebiete dagegen zwar nur auf Platz 110, damit aber immer noch – und allen Gaza-Kampagnen zum Trotz – vor Ägypten, Usbekistan, Syrien (und zwar vor(!) dem Bürgerkrieg), Indonesien, Südafrika, Vietnam, Nicaragua, Marokko, Irak, oder gar Indien. (siehe: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_Human_Development_Index#Complete_list_of_countries)
    Ich weiß, was ich von Varianten der Formel „Kauft nicht bei Juden“ zu halten habe.
    Wenn Sie Ihren selbst angelegten Standard ernst nehmen müssten Sie wohl 80 Prozent aller Staaten boykottieren. Seltsam, seltsam: Angesichts von wohl 70.000 Toten in Syrien fällt der ganzen „Palästine-Sympathisanten-Szene nichts ein, gleichfalls nichts angesichts der massenhaften Hinrichtungen von Schwulen und politischen Oppositionellen im Iran an Baukränen, öffentlich… Aber wenn es um den Staat der Shoah-Überlebenden geht sind die selbstgerechten Rufe immer so seltsam schrill und erregt.
    Der nachdenkliche, aufrichtige Brief von Carlo Strenger wäre ein Diskussionsangebot gewesen…

  2. @uri
    Abgesehen davon, dass die Besatzung un der Landraub Tatsachen sind, die auch so bezeichnet werden dürfen, kann ich auch den Rest Ihrer Ausführungen nicht nachvollziehen.

    Ja, Israel ist ein hochentwickeltes Land und zwar in der von Ihnen angegebenen Liste unter all den anderen hochentwickelten Demokratien der Welt, denen man ein Besatzungsregime ebenfalls nicht zugestehen würde, gerade wegen des Anspruchs an sich selbst, den eine Demokratie haben sollte und oft auch hat.
    Was den Lebenstandard in den Palästinensergebieten angeht: Was für eine Aussage wollen Sie treffen? Die Aussage „unter der Besatzung geht es denen immer noch besser, als wenn wir sie sich selbst überlassen“ ist/war eine klassische paternalistische Ausrede von Kolonialstaaten für ihr Kolonialregime („Ohne uns fallen die doch in Barbarei und vorzivilisatorische Zustände zurück“).

    Im Übrigen muss mir nicht zu allem einfallen, was ich nicht kritisiere, wenn das was ich kritisiere von dieser Kritik zu Recht getroffen wird. Diese Abwehrreaktion ist von der falschen Annahme geleitet, es gebe eine allgemeingültige Liste der Völker- und Menschenrechtsverstöße, die jeder enrnsthafte Menschenrechtler von oben abarbeiten müsste.
    Im Übrigen gibt es meines Wissens nach keine Demokratie auf der Welt, die ein Besatzungsregime führt und schon gar keine, die das seit über 40 Jahren macht. Wenn dagegen mit allen zivilen Mitteln zu protestieren nicht in Ordnung sein soll, dann ist hier der „double standards“-Vorwurf angebracht, nicht aber gegenüber den Kritikern.

    Wer die Kritik am Besatzungsregime und den Siedlungen nicht hören will, der verteidigt das Besatzungsregime und die Siedlungen.

  3. Ach, diese pro-Palä-Diktion… Diese Deutschen, die sich so dolle mit den bösen Juden auskennen und die alte Losung „Kauft nicht bei Juden“ im neuen Gewandt „aktualisieren.
    Schauen wir uns doch mal ein feines friedliches-wehrhaftes Filmchen an:

  4. Hier endet dann meine Bereitschaft, an der Absenkung des Diskussionsniveaus mitzuwirken. Schönes Wochenende!

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