Bücherverbrennung 1933: Konkrete Vernichtungsdrohung

Angezettelt von Studenten deutscher Universitäten brannten vor 80 Jahren überall  in Deutschland Bücher. Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ war eine durchorganisierte Propagandaveranstaltung unter Federführung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Deutsche Studenten hatten bereits lange vorher die Ursuppe des deutschen Chauvinismus angerührt. Jedoch war die Verbrennung nicht nur eine symbolische Machtdemonstration, sondern  auch eine konkrete Drohung.

Von Andreas Strippel

Die Nationalsozialisten gingen von Beginn an mit aller Macht und Gewalt gegen Andersdenkende und Juden vor. Bereits vor den Bücherverbrennungen im Mai 1933 waren Tausende politische Gegner in Gefängnissen, Zuchthäusern und den so genannten „wilden“ Konzentrationslagern inhaftiert worden. Es kam zu reichsweiten antisemitischen Boykottaktionen (1. April 1933: „Deutsche! Kauft nicht beim Juden!“) und Ausschreitungen. Der Vertreter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) stand bereits seit 1931 der Deutschen Studentenschaft vor, dem Zusammenschluss der Allgemeinen Studentenausschüsse aller deutschen Hochschulen sowie der Hochschulen in Danzig und Österreich. Der NSDStB wollte mit der Bücherverbrennung seinen Beitrag zur Machtergreifung leisten.

Beschlagnahmtem Bücher werden auf einem Wagen gesammelt und zur Verbrennung auf den Opernplatz in Berlin gefahren (Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-776 / CC-BY-SA)
Beschlagnahmtem Bücher werden auf einem Wagen gesammelt und zur Verbrennung auf den Opernplatz in Berlin gefahren (Bundesarchiv, Bild 183-B0527-0001-776 / CC-BY-SA)

Vorläufer und Impulsgeber für die durchgeplanten Verbrennungen waren mehrere Aktionen von SS und SA. Im März 1933 hatten die Kampftruppen der Nazi-Bewegung vielerorts Verlagshäuser, die zu SPD, KPD oder Gewerkschaften gehörten, gestürmt. Dabei wurden bereits Bücher von unliebsamen Autoren verbrannt. Bei den Aktionen kam es auch zu gewaltsamen Übergriffen. 

Ursuppe des deutschen Chauvinismus

Die Studenten, die die Verbrennungen organisiert hatten, beriefen sich auch auf historische Vorbilder. Explizit war das Wartburgfest ein Anknüpfungspunkt für den NSDStB. Dorthin lud 1918 die Jenarer Urburschenschaft zu einem Nationalfest ein, indem sich deutscher Nationalismus und Protestantismus durchzogen mit Germanenkult, Franzosen- und Judenfeindschaft zur Ursuppe des deutschen Chauvinismus verband – und in einer Bücherverbrennung entlud, bei der unter anderem das wegweisende Gesetzeswerk Code civil verbrannt wurde. In diese Tradition wollten sich die Studenten 1933 stellen.

Antidemokratischer Geist an deutschen Hochschulen

Die deutschen Universitäten waren bereits vor 1933 eine Hochburg antidemokratischen Denkens. Viele junge studentische Funktionäre machten im NS-Staat Karriere, nicht wenige von ihnen, wie beispielsweise Martin Sandberger, stellten im Zweiten Weltkrieg das Führungscorps der SS. Für diese „Generation des Unbedingten“ (Michael Wildt), war wissenschaftliches Vorgehen und Rationalität mit ideologischer Radikalität vereinbar.

Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde (Original: Staatsarchiv Würzburg, Akten der Deutschen Studentenschaft, I 21 C 14/I)
Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde

Bereits in der Weimarer Republik setzte sich der Antisemitismus als politische Forderung nicht nur im NSDStB, sondern auch in zahlreichen Burschenschaften und anderen Verbindungen durch, die innerhalb ihrer eigenen Strukturen „Arierparagraphen“ einführten. Diese Gruppen organisierten Protestaktionen gegen demokratische und/oder jüdische Hochschullehrer, wie etwa die Störung von Vorlesungen. Ihr Kampf gegen das, was sie als „undeutsch“ bezeichneten, hatte lange vor der Machteroberung der NSDAP begonnen.

Geplantes Vorgehen

Die Planungen zur Bücherverbrennung begannen direkt nach den antisemitischen Boykottaktionen Anfang April 1933.  Die Führung des NSDStB entwarf einen genauen Ablaufplan und informierte in einem Rundschreiben die einzelnen Universitäten. Darin bezog man sich explizit auf die schlechte Presse, die die Boykott-Aktion im Ausland ausgelöst hatte.

„Die Deutsche Studentenschaft plant anläßlich der schamlosen Greuelhetze des Judentums im Ausland eine vierwöchige Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist und für volksbewußtes Denken und Fühlen im deutschen Schrifttum. Die Aktion beginnt am 12. April mit dem öffentlichen Anschlag von 12 Thesen ,Wider den undeutschen Geist’ und endet am 10. Mai mit öffentlichen Kundgebungen an allen deutschen Hochschulorten.“

Neben den Bücherverbrennungen gab es noch begleitende Pressekampagnen sowie ab dem 19. April eine Boykottaktion gegen missliebige Professoren. Zur letzteren gehörte auch der Aufruf zur Denunziation von Hochschullehrern. Insbesondere die noch verbliebenen jüdischen Dozenten und Professoren waren Ziel der öffentlichen Hetze.

Ab dem 26. April 1933 begannen Studenten, anhand einer Schwarzen Liste Universitätsbibliotheken und Buchhandlungen nach den verfemten Büchern zu durchsuchen. Öffentliche Büchereien beteiligten sich selbstständig am Aussortieren.

Unterstützung erhielten die Studenten von ihren Professoren, aber auch vom Buchhandel und seitens der Bibliotheksleitungen. Sowohl das Börsenblatt des deutschen Buchhandels als auch die Zeitschrift des Verbandes Deutscher Volksbibliothekare verbreiteten die Schwarze Liste.

Verbrennung als öffentliche Inszenierung

Am 10. Mai 1933 fanden rund zwei Dutzend öffentliche Bücherverbrennungen statt, in den Wochen und Monaten danach folgten viele weitere. Die Bücherverbrennungen waren öffentliche Propagandaveranstaltungen. Man begnügte sich nicht damit, die Bücher öffentlich zu verbrennen: Es wurden dafür so genannte Feuersprüche entworfen, die rezitiert wurden, wenn die Bücher ins Feuer geworfen wurden. Hinzu kamen – quasi als Rahmenprogramm – Reden. Wie wichtig den Nazis diese Inszenierung war, zeigt die Rede Goebbels‘ bei der zentralen Veranstaltung auf dem Opernplatz in Berlin, welche im Radio übertragen wurde. Davon inspiriert gab es auch Bücherverbrennungen, die nicht von Studenten organisiert waren.

Die öffentliche Verbrennung undeutscher Schriften und Bücher auf dem Opernplatz Unter den Linden in Berlin, durch Studenten der Berliner Universitäten! (Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA)
Bücherverbrennung am 10. Mai in Berlin. (Bundesarchiv, Bild 102-14597 / CC-BY-SA)

Die Feuersprüche waren nicht bloß pompöses Beiwerk, sondern durchaus programmatisch für den Nationalsozialismus. Sie fassten plakativ zusammen, was die Nazis wollten und wer in ihrer Vision von Volksgemeinschaft dieser nicht angehörte. Die Gemeinschaftsfremden waren nicht nur Schriftsteller, die dezidiert kritisch, links oder demokratisch waren, sondern auch Pazifisten und Juden, sowie jeder, der nicht in die Vorstellung von Kultur passte, die die Nazis und ihre Unterstützer hatten. So ging es „gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung“, für „Zucht und Sitte“ und „Hingabe an Volk und Staat“, gegen „volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung“, „dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache“, „Frechheit und Anmaßung“, aber „für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!“ Hier tauch als vage Vision das deutsche Herrenmenschentum auf, das ab 1938 Tod und Vernichtung über Europa bringen sollte.

Mehr als nur eine Bücherverbrennung

Das symbolische Auslöschen von Ideen, die als gefährlich angesehen werden, gab es über unterschiedliche Zeiten und Kulturen hinweg lange vor der nationalsozialistischen Bücherverbrennung. Das Verbrennen von Büchern ist jedoch mehr als ein Akt von Zensur. Den Beteiligten war klar, dass sie Gedanken nicht verbrennen können, daher beinhaltete die Bücherverbrennung auch eine Vernichtungsdrohung gegen die Urheber und Anhänger der abgelehnten Ideen. Daher lässt sich die nationalsozialistische Bücherverbrennung nicht bruchlos in eine Reihe mit anderen öffentlichen Bücherverbrennungen einfügen. Die Nazis griffen nicht einfach nur auf ein bekanntes Schema zurück, sondern untermauerten damit auch die Gewalt- und Vernichtungselemente ihrer Ideologie, die sich bereits in den ersten KZ-Lagern, den Ausbürgerungen von Schriftstellern und den rassistischen Gesetzen und Verordnungen gegen Juden angedeutet hatten.

 

 Siehe auch: Kapitulation 1945: Das Geschenk der FreiheitDeutsche Karrieren: Horst Mahnke, Jüdischer Widerstand: Aufstand im Warschauer Ghetto, Carl Schmitt und die Machtübernahme der Nazis, Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden, “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer, „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90, Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende derGewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seineerbärmliche Existenz zu verlängern

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