Hatufim: In Freiheit gefangen

Wann immer es um den riesigen Erfolg der US-Serie „Homeland“ geht, wird darauf verwiesen, dass die Produktion um einen nach langer Gefangenschaft zurückgekehrten US-Soldaten, der in den Jahren der Haft umgedreht und zum Schläfer gemacht wurde, auf einem israelischen Original beruht. Davon kann man sich ganz einfach selbst überzeugen: „Hatufim“, Kriegsgefangene, wird nämlich ab heute Abend (21.00 Uhr) auf „arte“ ausgestrahlt.

Von Elke Wittich

HATUFIM - IN DER HAND DES FEINDES (Foto: ARTE France / Yanay Yechiel)
HATUFIM – IN DER HAND DES FEINDES (Foto: ARTE France / Yanay Yechiel)

Tatsächlich hat Hatufim mit der US-Serie um Marine Nicholas Brody, die bipolare CIA-Agentin Carrie Mathison und den Geheimdienstler Saul Berenson einige für die Story durchaus wichtige Basics gemeinsam. Ein Thriller wie Homeland ist Hatufim jedoch nicht. „In Hatufim wollte ich gebrochene Soldaten und gebrochene Männlichkeit zeigen, während Brody in Homeland als Poster Boy zurückkehrt”, sagt Gideon Raff, der Macher der israelischen Serie über die Unterschiede zwischen beiden Produktionen. Raff, der später damit beauftragt wurde, ein US-Pendant zu schaffen, führt auch durchaus finanzielle Gründe an: “Der Pilotfilm für Homeland kostete so viel wie beide Staffeln Hatufim. Wenn ich den Amerikanern erzähle, dass das Budget in Israel 200.000 Dollar betrug, brechen sie lachend zusammen – für uns ist so etwas eine große Produktion, für sie Filmemachen im Guerilla-Style.”

Hatufim beginnt im Jahr 2008. Nach 17 Jahren kehren die Soldaten Nimrod Klein und Uri Zach nach Hause zu ihren Familien zurück. Die ursprünglich drei Männer waren während einer geheimen Mission gefangen genommen worden, von einem, Amiel Ben-Horin, heißt es jedoch, er sei in dieser Zeit durch massive Misshandlungen gestorben. Diese seien so gravierend, dass seine Schwester als einzige noch lebende Familienangehörige ihn nicht noch einmal sehen dürfe.

Misstrauen und Überwachung

Nimrod und Uri haben jedoch nicht lange Zeit, mit ihren Familien und Freunden Wiedersehen zu feiern. Zum militärischen Debriefing werden sie zunächst in einem Gebäude der israelischen Armee einquartiert, wo sie auch auf eventuelle Traumata und körperliche Folgeschäden der Gefangenschaft untersucht werden. Der leitende Psychologe Haim Cohen wird jedoch rasch misstrauisch, denn die Geschichten der beiden Nationalhelden, vor allem über den Tod ihres Kollegen Amiel, wiedersprechen sich in wichtigen Teilen.

Sofort wird angeordnet, die ehemaligen Gefangenen ohne ihr Wissen zu überwachen, und tatsächlich scheinen sie eine Möglichkeit gefunden zu haben, sich untereinander wortlos zu verständigen. Das klingt sehr ähnlich zur Handlung des Remake “Homeland”, wird in Hatufim aber weit langsamer und vor allem weitgehend ohne Action-Elemente erzählt. „Von Anfang an werden Homeland-Fans einige Szenen wiedererkennen”, betont Gideon Raff in Interviews. Die großen Themen sind in beiden Serien gleich, aber viele Details sind sehr unterschiedlich.”

Die Gesellschaft will ein Happy End

Weil in Israel im Unterschied zu den USA alles versucht wird, Gefangene nach Hause zu holen, kehren Nimrod und Uri beispielsweise durch einen Gefangenaustausch zurück, während der US-Marine Nicholas Brody bei einer Militäraktion befreit wird. „Hier in Israel wollen wir unsere Jungs immer zurückholen, wir verlangen das entsprechend von unseren jeweiligen Regierungen und wir sind bereit, für die Rückkehr von Geiseln einen sehr hohen Preis zu zahlen”, so Raff, „aber wir wollen ein Happy End. Wir wollen uns nicht damit beschäftigen, was wirklich in den Tagen nach der Freilassung geschieht, nicht mit den Auswirkungen des posttraumatischen Stress, nicht damit, wie diese Männer wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. Dabei ist die Rückkehr erst der Beginn einer sehr langen Reise – die für manche noch viel härter ist als es die Gefangenschaft war.”

Vor allem die Auswirkungen der Gefangenschaft – nicht nur auf die Soldaten, die psychisch und physisch gefoltert wurden – sind Thema der israelischen Erfolgsserie. Was in Homeland als heimliches Verhältnis der Ehefrau zum besten Freund des Zurückgekehrten ein Nebenaspekt ist, nimmt in Hatufim viel Platz ein. Für die Familien der ehemaligen Gefangenen ist die Rückkehr nämlich keineswegs der Beginn einer wundervollen Zeit voller Liebe, Harmonie und Freude.

Nach der Gefangenschaft ist vor dem familiären Drama

Raff hatte, bevor er das Drehbuch zur israelischen Serie schrieb, viele Gespräche mit ehemaligen Gefangenen, deren Familien, Psychologen und Militärexperten über die Folgen langer Isolation informiert: „Ich entdeckte eine ganze Welt voller noch nie erzählter Dramen”, sagt er. Jedes Mal, wenn eine Folge der Serie ausgestrahlt wurde, hätten sich ehemalige Gefangene bei ihm gemeldet, die die brutalen Folterszenen in der Serie nicht weiter berührt hatten, die aber sehr beeindruckt von den gezeigten alltäglichen Auswirkungen auf das Familienleben gewesen seien.

Vor allem die Frauen werden in Hatufim auch als Gefangene gezeigt. Ein normales Leben ist ihnen nicht möglich, alles, was sie tun, wird in Relation zu ihren Männern gesehen und beurteilt. Talia Klein, Nimrods Frau, hat beispielsweise 17 Jahre lang unermüdlich alles dafür getan, dass die Männer nicht vergessen werden und endlich freikommen. Nun muss sie damit fertig werden, dass sie nicht nur ihren Lebensinhalt von fast zwei Jahrzehnten verloren hat, sondern auch, dass Nimrod ihre Verdienste kaum würdigt.

Er hat zudem ganz andere Vorstellungen davon, wie er sein Leben gestalten möchte als sie und kommt nicht damit zurecht, dass seine Frau in der Familie die alleinige Führungsrolle übernommen hatte – und sie nicht einfach so wieder hergeben will. In mehreren Szenen wird klar, wie allein Talia mit ihren ambivalenten Gefühlen ist. Sie solle doch froh sein, dass ihr Mann wieder da ist, sagt die Frau eines vermissten Soldaten beispielsweise, während ein Psychologe erklärt, dass ehemalige Kriegsgefangene die Familie oft als neue Gefangenschaft begreifen und alles täten, um auszubrechen – die Scheidungsquote sei entsprechend hoch.

Hass auf die „Verräterin“

Noch schlimmer ist die Situation in Uris Familie. Nach einigen Jahren des vergeblichen Wartens hatte sich seine Freundin Nurit in seinen Bruder Yaki verliebt, die beiden heirateten und bekamen einen Sohn. Nicht nur Uris Vater empfindet das als Verrat, sondern Nurit wird, wo immer sie hingeht, routinemäßig von Fremden beleidigt. Sie habe die ganze Nation betrogen, hatte eine Titelschlagzeile gelautet, als das Verhältnis öffentlich wurde. Um Uri langsam an das neue Leben zu gewöhnen wird entschieden, dass er zunächst nichts von der Ehe seines Bruders und seiner Freundin erfahren soll.

In Rückblenden erfährt der Zuschauer allerdings von einem ganz besonders perfide inszenierten Ereignis während der Gefangenschaft. Eines Tages wird Uri ohne irgendeine Erklärung aus der Zelle geholt, er darf sich waschen und saubere Kleidung anziehen und wird in einen Raum gebracht, in dem sich jede Menge Essen befindet. Und die Ausgabe jener Zeitung, die Nurits und Yakis Beziehung als Titelthema hat. Lange geht die Scharade zwischen Uri und seiner (Ex-)Freundin nicht gut, der ehemalige Soldat zieht zu seinem Vater, der verbittert und ungnädig weiter versucht, die Brüder zu entzweien.

Immer wieder erfahren die beiden ehemaligen Gefangenen allerdings auch Ablehnung. Nimrod wird eines Tages mit einem wütenden Mann konfrontiert, der nicht damit fertig wird, dass ein Attentäter, der seine Frau und Kinder umbrachte, im Austausch gegen die Soldaten freigelassen wurde. Auch wenn sich die Gesellschaft weitgehend einig sei, Gefangene unter allen Umständen nach Hause zu holen, sind solche Vorwürfe nicht eben selten. Selbst die Nationalikone Gilad Shalit bekam während einer Fernsehsendung die Empörung von Opfer-Angehörigen zu spüren. Gideon Raff hat in Gesprächen mit ausgetauschten Geiseln überdies erfahren, dass diese sich oft selber viele Gedanken darüber machen, möglicherweise irgendwie schuld zu sein, wenn in Israel ein Anschlag verübt wird, denn „es könnte ja sein, dass jemand, der freigelassen wurde, dahinter steckt.”

„Hatufim“ – arte, ab dem 9. Mai 2013, 21.00 Uhr.

2 thoughts on “Hatufim: In Freiheit gefangen

  1. Hatufim hat viel mehr was von einem Psychogramm, während Homeland (dass ich nicht mehr gucke) Ende der zweiten Staffel zur 0815-großen Erzählung darüber wird, dass das Böse immer an unerwarteter Stelle lauert. Letzteres ist nämlich ziemlich abgegriffen, während ersteres sich zumindest jedes mal neu erfindet, je nach Motiv, das der Drehbuchautor behandelt.

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