Kapitulation 1945: Das Geschenk der Freiheit

Die Bilanz des Zweiten Weltkrieges war entsetzlich: Mehr als 55 Millionen Menschen waren eines gewaltsamen Todes gestorben, darunter etwa 30 Millionen Zivilisten. Die bei weitem größten Verluste hatten Russen und Chinesen erlitten. Dem grausigsten Kriegsziel der Deutschen, der Ausrottung des europäischen Judentums, waren fast sechs Millionen Menschen zum Opfer gefallen, darunter etwa eineinhalb Millionen Kinder.  Heute vor 68 Jahren kapitulierte das Deutsche Reich.

Von Ernst Piper

Begonnen hatte der Zweite Weltkrieg in Europa mit dem Einmarsch in Polen am 1. September 1939. Es folgten die Besetzung von Dänemark und Norwegen, die rasche Niederwerfung Frankreichs und die Luftschlacht um England. Entscheidend aber war die Ausweitung des Kriegsgeschehens durch den Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

Sowjetischer Sieg in Stalingrad
Über dem zentralen Platz in Stalingrad weht die sowjetische Fahne – die Rote Armee hat gesiegt; Ende Januar, Anfang Februar 1943 (Foto: Georgii Zelma; Bundesarchiv, Bild 183-W0506-316, CC-BY-SA)

Nun stand Hitler, genau wie Deutschland im Ersten Weltkrieg, in einem Zweifrontenkrieg. 135 Divisionen hatte er zur Niederringung des „jüdisch-bolschewistischen Weltfeinds“ aufgeboten. Drei Millionen Soldaten, unterstützt von finnischen, rumänischen und ungarischen Verbänden, wurden in Marsch gesetzt. In den ersten Wochen gelangen ihnen gewaltige Raumgewinne und zu Land und in der Luft große militärische Siege. Doch schon im September geriet der deutsche Vormarsch ins Stocken, stellte sich die Frage nach dem Kulminationspunkt des Ostfeldzugs. Man wollte Moskau erobern, um so den Krieg vor dem Einbruch des Winters, für den die deutschen Armeen nicht gerüstet waren, zu einem vorläufigen Ende zu bringen. Doch das gelang nicht.

Damals, im November 1941, ahnte Adolf Hitler erstmals, dass er diesen Krieg nicht gewonnen hatte. Dass er ihn verloren hatte, leugnete er bis zuletzt. Das Menetekel des verlustreichen Winterkriegs 1941/42 ignorierte er ebenso wie das Debakel des folgenden Winters, in dem die Deutschen allein vor Stalingrad eine Viertelmillion Soldaten durch Tod oder Gefangenschaft verloren. Im Jahr 1943 war das Ostheer auch im Sommer nicht mehr zu erfolgreichen Offensiven in der Lage, und 1944 wurde den deutschen Streitkräften endgültig das Gesetz des Handelns aus der Hand genommen. Rückzug an allen Fronten war angesagt. Nordafrika war längst verloren. Im Juli 1943 waren Briten und Amerikaner auf Sizilien gelandet, im September begann die Eroberung des Festlands, am 6. Juni 1944 die Invasion in der Normandie. Am 20. Juli 1944 fand der, neben dem frühen und tragisch gescheiterten Attentat Georg Elsers, ernsthafteste Versuch statt, Hitler zu beseitigen. Wäre er erfolgreich gewesen, hätten noch Millionen von Menschen gerettet werden können.

Auf deutscher Seite sind zwischen August 1944 und Mai 1945 mehr Menschen umgekommen als in den fünf Kriegsjahren zuvor. Doch für den im „Führerbunker“ eingekesselten Hitler gab es nur die Alternative Sieg oder Untergang. Zuletzt ließ er kaum bewaffnete Kinder antreten, um sein Ende wenigstens noch ein paar Tage hinauszuzögern. Kriegsversehrte und alte Männer schoben ausgebrannte Straßenbahnwagen zu Panzersperren „zur Verteidigung der Reichshauptstadt“ zusammen, die von den sowjetischen T 34 mühelos überrollt wurden.

An der Jahreswende 1944/45 hatte es mit der sogenannten Ardennenoffensive eine allerletzte deutsche Angriffsoperation gegeben. Nach einigen Anfangserfolgen waren alle Geländegewinne bis zum 16. Januar 1945 wieder verloren gegangen. Vier Tage zuvor hatte die sowjetische Winteroffensive begonnen. Binnen zweier Wochen überrannten die vielfach überlegenen russischen Truppen die deutschen Ostgebiete und stießen bis zur Oder vor. Die bevorstehende Niederlage war nun ganz offensichtlich nur noch eine Frage der Zeit und noch immer hätte eine deutsche Kapitulation unzählige Menschenleben gerettet.

Zum Beispiel wäre die Zerstörung Dresdens verhindert worden. Dieses einzigartige barocke Juwel galt als eine der schönsten Städte der Welt. Bisher war sie von Luftangriffen verschont geblieben. Da die Deutschen glaubten, dass dies auch so bleiben würde, gab es keine effektive Luftschutzvorkehrungen und kaum Flugabwehrgeschütze. Doch in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 warfen 773 britische Lancaster in zwei Angriffswellen 2.600 Tonnen Spreng- und Stabbrandbomben über der Stadt ab. Es war der schwerste Bombenangriff des ganzen Krieges in Europa, der Höhepunkt der Strategie der Flächenbombardements, die die Briten seit 1942 verfolgten. Doch erst als Hitler am 30. April seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, war es für die deutsche Staatsführung möglich, Kontakt mit den Alliierten aufzunehmen.

Berlin-Karlshorst, Kapitulation, Shukow, Keitel

Am 7. Mai 1945, morgens um 2 Uhr 41, unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die deutsche Gesamtkapitulation. Wenig später wurde diese Zeremonie auf ausdrücklichen Wunsch Stalins im Offizierskasino der ehemaligen Pionierschule in Karlshorst bei Berlin wiederholt. Leiter der deutschen Delegation war diesmal Generalfeldmarschall Keitel. Damit war der Krieg in Europa zu Ende. Insgesamt 53 Staaten hatten sich zuletzt mit dem Deutschen Reich im Kriegszustand befunden. Fast die gesamte zivilisierte Menschheit hatte sich in einer Koalition gegen den Nationalsozialismus zusammengefunden. Aus dieser Anti-Hitler-Koalition gingen nach Kriegsende die Vereinten Nationen hervor.

Die Bilanz des Zweiten Weltkrieges war entsetzlich. Mehr als 55 Millionen Menschen waren eines gewaltsamen Todes gestorben, darunter etwa 30 Millionen Zivilisten. Die bei weitem größten Verluste hatten Russen und Chinesen entrichtet. Dem grausigsten Kriegsziel der Deutschen, der Ausrottung des europäischen Judentums, waren fast sechs Millionen Menschen zum Opfer gefallen, darunter etwa eineinhalb Millionen Kinder. Die deutsche Wehrmacht hatte 4,8 Millionen Soldaten verloren, hinzu kamen eine halbe Million Vermisste und vier Millionen Verwundete. Zwölf Millionen Deutsche verloren ihre Heimat. Fast zwei Millionen von ihnen kamen während der Vertreibung um. Fast zehn Millionen von der nationalsozialistischen Knechtschaft Befreite befanden sich in Lagern für „Displaced Persons“ und hofften, nach ihrer Verschleppung nun in ihre Heimat zurückkehren zu können. Und etwa neun Millionen evakuierte Deutsche strömten in die zerstörten Städte zurück.

All dies vollzog sich unter den denkbar schwierigsten Umständen. Die Infrastruktur war zerstört, Kommunikation funktionierte so wenig wie Transport. Es mangelte an Lebensmitteln und Heizmaterial. Die Kohleproduktion war um 80 % gesunken. Fast vier Millionen Wohnungen, ein Fünftel des gesamten Bestandes, waren zerstört. Gleichzeitig mussten Millionen von Vertriebenen untergebracht werden. Zahllose Familien hatten ihren Ernährer verloren. Ein Drittel aller zwischen 1915 und 1924 geborenen Männer war im Krieg gefallen. Die Alliierten gaben sich alle Mühe, die Menschen in dem eroberten Land ausreichend zu ernähren, aber das gelang nicht immer. Es wurde gehungert und, vor allem zu Beginn in den provisorischen Kriegsgefangenenlagern, auch gestorben.

Deutschland war innerlich und äußerlich eine Trümmerwüste

Am 24. Dezember 1945 stand in der Stuttgarter Zeitung zu lesen: „Das deutsche Volk wird heuer das Weihnachtsfest in einer Freudlosigkeit feiern müssen, wie sie so dunkel und so allgemein noch nie in der Geschichte, die wir übersehen können, über die Lande ihrer Zunge hereingebrochen ist.“ Der Autor des Artikels war keineswegs ein enttäuschter Nationalist oder gar ein verkappter Nazi. Geschrieben hatte diese Zeilen der Sozialdemokrat Carlo Schmid, der führend am Aufbau des Landes Württemberg-Hohenzollern beteiligt war und 1947 dessen stellvertretender Ministerpräsident wurde. (1952 wurde das Land mit Baden zum Bundesland Baden-Württemberg vereinigt.) Aus Carlo Schmids Worten sprach die maßlose Enttäuschung, die unermessliche Leere, die das Drittes Reich hinterlassen hatte. Hitlers totalitäres Regime hatte große Teile Europas verheert. Aber auch Deutschland selbst war innerlich wie äußerlich eine Trümmerwüste, Millionen von Vätern, Männern und Söhnen auf den Schlachtfeldern geblieben, ein großer Teil der in Jahrhunderten gewachsenen Städte zerstört, die künstlerische und die wissenschaftliche Elite marginalisiert, vertrieben oder ermordet, die geistige Mitte des Lebens verloren.

Der 8. Mai - Tag der Befreiung vom deutschen Naziterror in Europa.
Der 8. Mai – Tag der Befreiung vom deutschen Naziterror in Europa.

Geschenk der Freiheit

Die meisten, die über jene Zeit geschrieben haben, erwähnen die erste Friedensweihnacht nicht. Es gab nichts zu feiern und man erinnerte sich nicht gern daran. Eine der Ausnahmen war die Halbjüdin Hildegard Hamm-Brücher, für die das Geschenk der Freiheit alle erlittenen Schrecken aufwog: „Zum ersten Mal empfand ich die Weihnachtsgeschichte als Heilsgeschichte, als lebendige Hoffnung und als Kraftquell. Die Geburt des ‚Heilands‘ war für mich nicht länger nur ein Gedenktag, sondern eine wirkliche Ankunft, die ich in diesem Jahr 1945 erstmals bewusst erleben und erfahren durfte.“

Der Historiker Ernst Piper lehrt an der Universität Potsdam. Von ihm erschien unter anderem eine “Kurze Geschichte des Nationalsozialismus – Von 1919 bis heute” sowie Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe.

Siehe auch: Deutsche Karrieren: Horst MahnkeJüdischer Widerstand: Aufstand im Warschauer Ghetto, Carl Schmitt und die Machtübernahme der Nazis, Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden, “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer, „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90, Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität, Die Nazis und der 1. Mai: Von Niedriglöhnen und dem Ende der Gewerkschaften, Die letzten Tage des “Führers”: Hitler tat alles, um seine erbärmliche Existenz zu verlängern

6 thoughts on “Kapitulation 1945: Das Geschenk der Freiheit

  1. genau! wenn dieser hitler schon eher verreckt wäre(20. juli) dann wäre alles gut gewesen…blablabla! der hitler wars…ja nee is klar! arme deutsche ernährer…blablub! WTF!? ich geh jetzt ne coke trinken, auf den brechreiz der mich gerade überkommt! ekelhafte deutschtümmelei, mehr ist das hier nicht…pfui deibel!

    DEUTSCHLAND DU OPFER, GEH KACKEN!

  2. Ob man bei der Einteilung Europas in zwei den Siegermächten zugeteilten Blöcken von einem „Geschenk der Freiheit“ sprechen kann, ist doch wohl in Zweifel zu ziehen.
    Sicher ist der Untergang des Nazifaschismus eine Befreiung gewesen, aber es war kein Sieg des Antifaschismus, sondern von militärischen Großmächten die in den Nachkriegsjahren (in Griechenland und Polen auch schon vor der Kapitulation Deutschlands) die Antifaschisten teils gewaltsam niedermähen um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Hierfür stützen sie sich auch auf Nazis und Kriegsverbrecher, wie die der SS zugeordneten „Sicherheitsbataillone“ in Griechenland oder Gehlen in Westdeutschland (was bis heute nachwirkt, siehe Verbindungen Verfassungsschutz – NSU).
    Der typische Lebenslauf eines deutschen Antifaschisten der Zeit ist doch in den 40ern in Gestapohaft und in den 50ern in Adenauers Knast.
    Das kann ich nicht ungetrübt feiern und finde die Verklärung der Alliierten als antifaschitische Helden (aller drei) ziemlich ätzend.

    Nebenbei, die Zahl von 2 Mio. toten deutschen Vertriebenen ist historisch nicht haltbar. Diese Zahl ist Kalte-Kriegs-Propaganda, es waren viel weniger.

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