Der Sohn von Uli Hoeneß

Es war der Medien-Scoop der vergangenen Woche: Die Zeit hat ein Exklusivinterview mit Uli Hoeneß geführt und dem wegen Steuerhinterziehung in die Kritik geratenen Bayern-Präsidenten die gleiche Plattform gegeben, seine Sicht der Dinge darzulegen wie einst Karl-Theodor zu Guttenberg nach dessen Plagiatsaffäre. Anders als der Freiherr musste Hoeneß bisher allerdings keine Konsequenzen für seine öffentliche Position fürchten. Damit das so bleibt, brachte er sogar seinen Sohn mit zum Interview. Eine Rezension.

Von Klaus Katzenbach

Das gesamte Interview ist nur in der Print-Ausgabe der aktuellen Zeit erschienen, wir können deshalb nicht darauf verlinken. In der Onlineversion hat das Blatt selbst ein paar Zitate aus dem Gespräch zusammengestellt. Zusammenfassend kann man sagen, dass Hoeneß in dem Gespräch sehr viel über seine sogenannte „Zockerei“ spricht. Er habe vom früheren Adidas-Chef Robert-Louis Dreyfus, einem seiner „besten Freunde“, 20 Millionen D-Mark auf ein vor dem deutschen Finanzamt geheimgehaltenes Konto in Zürich überwiesen bekommen, damit er damit spekulieren könne: „Das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes.“

Ohne konkrete Summen zu nennen, berichtet Hoeneß von „extremen Beträgen“, mit denen er „Tag und Nacht gehandelt“ habe. Diese immense Aktivität sei seiner persönlichen Veranlagung entsprungen, weder er noch Dreyfus wollten nach Hoeneß‘ Darstellung irgendeinen finanziellen Gewinn aus den Transaktionen ziehen. Hoeneß selbst habe gar nicht gewusst, wie der Kontostand aussah: „Dieses Geld war für mich virtuelles Geld, wie wenn ich Monopoly spiele“.

Ist doch nur Spielgeld …
Foto: Horst Frank Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0

Familienangelegenheiten

Eine der interessantesten Fragen des Falls betrifft eine mögliche Verbindung der Überweisung von Dreyfus 2001 mit einem kurze Zeit später abgeschlossenen Deal zwischen Adidas und dem FC Bayern, bei dem der Club möglicherweise auf viel Geld verzichtete, indem er ein besseres Angebot von Nike ausschlug. Die Rahmendaten lassen zumindest viel Raum für Spekulationen offen, aber Hoeneß bestreitet jeden Zusammenhang. Da es einstweilen keine klaren Indizien dafür gibt, dass der FC Bayern in die Geschäfte involviert war, ob als Akteur oder als Opfer von Korruption, muss man diese Aussagen von Hoeneß so stehen lassen.

Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, dass Hoeneß seinen Sohn Florian, sonst nicht unbedingt ein Dauergast in der Öffentlichkeit, zum Interview mit der Zeit mitgebracht hat. Florian Hoeneß meldet sich viermal während des vier Zeitungsseiten umfassenden Gesprächs zu Wort: Er schildert aus seiner Sicht den Tag der zwischenzeitlichen Verhaftung seines Vaters am 20. März. Er merkt mehrmals an, wie kritisch die „Familie“ die Spielleidenschaft des Vaters sehe und distanziert sich einmal deutlich von dessen Selbsteinschätzung als „kuriert“. Und er fordert, die Verdienste seines Vaters als Mensch zu würdigen und diese von seiner Steuersünde zu trennen.

Diese vier Wortmeldungen von Florian Hoeneß lassen sich als Hinweis auf die eigentliche Strategie des Interviews aus Sicht seines Vaters und mutmaßlich dessen Medienberatern deuten. Die sehr naheliegende Frage, warum denn auf einmal der Sohn das Interview mit führt, wird von der Zeit selbst in einem Texteinschub so interpretiert: „Es wirkt fast so, als suche der angeschlagene Vater Schutz bei seinem Sohn“. Tatsächlich dient Florian Hoeneß‘ Anwesenheit dazu, das ganze Thema auf eine familiäre Ebene zu verschieben. „Ich denke Tag und Nacht daran, was ich meiner Familie angetan habe“, ist Hoeneß‘ vorletzter Satz des Interviews.

Foto: Senfacy/Wikimedia Commons/CC-BY-SA-3.0
Foto: Senfacy/Wikimedia Commons/CC-BY-SA-3.0

Keine Opfer, kein Täter

Neben seiner Familie scheint es keine Opfer seines Fehlverhaltens gegeben zu haben, außer ihm selbst: „Da begann die Hölle für mich“, „es ist die schlimmste Zeit meines Lebens“. Selbst der FC Bayern hat keinen Schaden erlitten, denn zurücktreten würde Hoeneß erst, wenn er „das Gefühl hätte, dass meine Person dem Verein schadet“. Das aber ist nicht der Fall, ein solcher Schritt also unnötig. Die Gesellschaft als ganze aber hat von Hoeneß unterm Strich profitiert: „Ich habe weit mehr gespendet als den Betrag, den ich hinterzogen habe“; „[…] ich habe verdammt viel Steuern gezahlt. 50 Millionen Euro Steuern mindestens“.

Damit gelingt es, die Spielsucht – ein persönliches, privates Problem – zum Hauptthema des Interviews zu machen, und das eigentliche – die Öffentlichkeit zu Recht interessierende – Thema einer Steuerhinterziehung in Millionenhöhe als Nebeneffekt der Spielsucht darzustellen. Für eine Verbindung dieser beiden Themen gibt es indes wenig Anlass. Nur, weil ich spielsüchtig bin, muss ich noch lange nicht die dabei erwirtschafteten Gewinne der Steuer vorenthalten. Vor allem aber sind Geschichten von Spielsucht meist auch tragisch, insofern sie mit schweren, existenziellen Verlusten für die Beteiligten und ihr Umfeld einhergehen. Diese deutet auch Hoeneß stets an, dabei besteht das Problem nicht in Verlusten durch seine Spielsucht, sondern in seiner Steuerhinterziehung, den Einnahmen und dem Profit, den er daraus geschlagen hat, sie nicht anzugeben.

Dieses Paradoxon (es geht nicht um Hoeneß‘ Verluste, sondern um seine Gewinne) ist nicht das einzige des Interviews. Florian Hoeneß bittet darum, den Menschen Uli Hoeneß von dessen Tat zu trennen. Das wäre ein nachvollziehbarer Wunsch, ginge es darum, nur über die Verfehlung, nicht über den Charakter zu richten. Die Straftat, die der ganzen Affäre zugrundeliegt, kommt im Interview aber kaum vor. Auf die Frage der Zeit, was als Erklärung für die Steuerhinterziehung tauge, steht als Antwort: „(schweigt lange). Das ist eine gute Frage. Ich weiß es nicht.“

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Ein Angebot für die Öffentlichkeit

Das Interview ist kein Versuch, den Menschen Uli Hoeneß aus der Kritik an seiner Tat auszunehmen, es ist ein umfassendes Porträt des Menschen Uli Hoeneß, das als Authentifizierungsstrategie eine Art Geständnis in bestem foucaultschen Sinne benutzt. Indem er sich „ganz offenbart“ und vermeintliche Schwächen in der Öffentlichkeit bloßstellt, macht er sich nicht angreifbarer, sondern eben gezielt menschlicher. Im Fokus stehen dabei nur private Aspekten, die die Öffentlichkeit eigentlich gar nichts angingen. Damit bietet er scheinbar mehr, als man von ihm erwarten könnte, tatsächlich jedoch setzt er seine privaten Dramen gleichsam als Schutzschild vor seine tatsächliche Straftat, an der es sehr wohl ein öffentliches Interesse geben könnte.

Florian Hoeneß ist gewissermaßen der Schlüssel für die Wirkungsweise dieser Strategie seines Vaters, beglaubigt er doch als eine Art unmittelbarer Zeuge, dass die Geständnisse seines Vaters „stimmen“, sogar auch, dass die Familie noch kritischer mit ihrem Patriarchen umgehe als die Medien (Uli Hoeneß: „Meine Familie war da in der Analyse besser als ich“).

Dass Uli Hoeneß in diesem Stadium von Ermittlungen, die durchaus in eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung münden könnten, nichts sagt, was ihn vor Gericht belasten könnte, ist übrigens vollauf verständlich. Dass er, statt einfach ganz zu der Sache zu schweigen, versucht, sein öffentliches Image zu pflegen, ist ebenfalls sein gutes Recht. Dass er eine große Wochenzeitung gefunden hat, der es wichtiger war, die mit diesem Scoop verbundene Auflage zu erzielen, als kritischen und unabhängigen Journalismus zu betreiben, ist schon ärgerlicher. Aber nach dem Fall Guttenberg wusste Hoeneß wohl, an wen er sich wenden musste.

Alle Artikel aus der Rubrik Fußball.

7 thoughts on “Der Sohn von Uli Hoeneß

  1. Ich finde, als erstes sollte man mal darüber nachdenken, was eigentlich bei den Bambis los ist. Ein Typ von der Mafia kriegt einen für Integration und ein Steuerbetrüger einen für Wirtschaft? Alles klar!

  2. Das ist übrigens derselbe Sohn, der während der Daum-Affäre zur Veranschaulichung der psychischen Belastung hergehalten hat (leider nur noch in diversen Zitate-Sammlungen im Internet zu finden: „Er bekam zum ersten Mal seit fünf Jahren Pickel“).

  3. Wenn Hr. Hoeneß, sonst angeblich ein Freund der Strafverfolgung, in einem Interview davon spricht wie er mit einem eigens eingerichteten Konto Millionen Euro an der Börse verzockt, dabei ganz vergisst mit einem Teil seines astronomischen Vermögens Steuern zu zahlen und nun eine Polizeiermittlung gegen seine Person als „die Hölle“ empfindet muss ich unweigerlich an dieses GIF denken: http://i.imgur.com/O6z2o5v.gif

  4. Die Bambi-Verleihung ist spätestens seit Scientology-Tom eine einzige Peinlichkeit. Dem Chef-Gleichen Mitglied einer Terror-Gruppe, die sich hinter kirchlicher Heuchelei verbirgt, den Bambi für Zivilcourage zu verleihen, weil der eine Rolle spielt, die ihn selbst besser dastehen lässt, ist ja wohl das Groteskeste, was uns die Regenbogenpresse und leider auch ernst zunehmende Journalisten geboten haben. In diesem Land scheinen Werte und Rechte auf den Kopf gestellt zu werden. Zum Thema Steuerbetrug kann ich nur die Reaktion meines Steuerberaters weiter geben- ich bestand darauf, meine Steuern zu 100% ehrlich zu erklären, da meinte er, ich hätte einen Wahrheitswahn. Ich gehe davon aus, dass auch er sich jetzt über Uli Hoeneß empört. Was für eine Heuchelei. Stasi-Spitzel können sich erfolgreich auf ihre Persönlichkeitsrechte berufen. Uli Hoeneß (ich bin weder Fußball- noch Hoeneß-Fan) wird wegen einem großen Fehltritt total abgekanzelt. Eine große schlechte Tat macht noch keinen schlechten Charakter, aber der über Jahre fortgesetzte Verrat und Betrug von nahestehenden Menschen sehr wohl. Aber da werden alle auf einmal „ganz vorsichtig“. Dieses Land ist nicht auf dem rechten Auge blind, dieses Land kann „Recht und Unrecht“ überhaupt nicht mehr unterscheiden. Und das gilt für die sogenannten „Großen“ und leider auch für viele „Kleine“.

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