NSU: Terror-Trio mit vier Köpfen?

Das NSU-Bekennervideo hat Ende 2011 kurzfristig für Schlagzeilen gesorgt. In dem Film brüsten sich die Rechtsterroristen mit den Verbrechen, die in dem Film von Paulchen Panther begangen wurden. Im Rückblick fällt auf, dass die Neonazis von einem NSU-Netzwerk sprachen – und vier statt drei Köpfe präsentierten. Auch die Rolle einer Figur in dem Video wurde bislang nicht beachtet: Sie tritt als Lehrmeister für Sprengstoff auf.

Von Patrick Gensing

Das NSU-Bekennervideo ist nicht nur grausam in seiner Menschenverachtung, abseits davon lässt es auch interessante Einblicke in das Selbstbild des NSU zu. „Taten statt Worte“ – diese Parole der Rechtsterroristen wird dort verbreitet. Mit diesem Satz erklären die Neonazis kurz und knackig, warum der NSU bis zum Bekanntwerden keine Bekennerschreiben verschickt hatte: Die Tat sollte die Botschaft sein.

„Ein Netzwerk von Kameraden“

Ein "Netzwerk" - vier Köpfe. (Screenshot Publikative.org)
Ein „Netzwerk“ – vier Köpfe. (Screenshot Publikative.org)

Auch dass der NSU aus mehr als drei Personen bestand – und möglicherweise nicht alle Morde auf das Konto von Böhnhardt und Mundlos sowie Zschäpe als mutmaßliche Mittäterin gehen müssen – ist bereits in dem Film zu erkennen. Dort heißt es:  „Der nationalsozialistische Untergrund ist ein Netzwerk von Kameraden.“ Hätte man diese Behauptung anfangs noch mit Größenwahn abtun können, ist mittlerweile klar geworden, dass es zahlreiche weitere Helfer – und möglicherweise auch weitere Täter – gegeben haben muss.

In dem Artikel „NSU: Die offenen Fragen“ habe ich die Hinweise auf ein viertes NSU-Mitglied dargelegt. Auch im Video findet sich ein Indiz für diese Theorie. So werden unter anderem am Ende des Films vier Paulchen-Panther-Köpfe rund um den Schriftzug NSU gruppiert. In internen Ermittlungsakten heißt es dazu:

„An dieser Stelle würden auch weniger Köpfe eine symmetrische Darstellung ermöglichen, so dass die Wahl von vier Köpfen an zwei Stellen des Films auch als Hinweis auf die zahlenmäßige Zusammensetzung des NSU sein könnte.“

Umso erstaunlicher, dass das Oberlandesgericht München den NSU bereits im Januar 2013 kurzerhand für nicht mehr existent erklärte. Es sei naheliegend, dass sich der NSU durch den Tod von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos selbst aufgelöst habe, schrieb der 6. Strafsenat des OLG München laut tagesschau.de – und begründete damit Lockerungen in der Haft für Beate Zschäpe. Naheliegend? Böhnhardt und Mundlos haben vor ihrem Tod keine Angaben mehr dazu gemacht, wie groß das „Netzwerk“ war – und Zschäpe schweigt. Will sie möglicherweise einen Komplizen decken? Bis heute ist unklar, ob es mindestens einen vierten Mann gab; es ist vielmehr naheliegend, dass es einen gab – wie sonst hätte Zschäpe beispielsweise vom Tod Böhnhardt und Mundlos erfahren können?

 Tollkühner Unbekannter

Die NSU-Terroristen sahen sich selbst offenbar als geheimnisvolle Krieger gegen die Aufklärung, wie ein getexteter Hinweis in dem Bekennervideo auf den Roman und Film „Scarlet Pimpernel“ (Das scharlachrote Siegel) zeigt. In dieser Geschichte kämpft ein tollkühner Unbekannter hinter einem scharlachroten Siegel. Es geht um Frauen, Flucht und vermeintlichen Verrat – eine Dame kooperierte erzwungenermaßen mit der Polizei.

bobs_logoPublikative.org ist nominiert – hier täglich abstimmen

In diesem Zusammenhang ist ein weißes Männchen in dem Video interessant: Der NSU-Film, zusammengesetzt aus Paulchen-Panther-Filmsequenzen, zeigt auch ein weißes Männchen, das Paulchen lehrt, wie man Bomben baut und ihm Tipps für die Anschläge gibt. Später taucht das selbe Männchen in der Rolle des Polizisten auf – mit einem Steckbrief nach einem Bombenanschlag. Später erscheint das weiße Männchen als eine Art Bürgermeister; Paulchen Panther wird zusammen mit ihm in einer Limousine durch die Stadt gefahren – unter dem Jubel des Volks. Am Ende schütteln sich Paulchen und das namenlose Männchen die Hände.

Das apabiz hat das Bekennervideo transkribiert. Daraus Sequenzen mit dem weißen Männchen:

Das weiße Männchen unterrichtet Paulchen im Bombenbau. (Screenshot Publikative.org)
Das weiße Männchen unterrichtet Paulchen im Bombenbau. (Screenshot Publikative.org)

In einem Haus erhält Paulchen von dem einem kleinen, weißen Schnurrbartmann einen Vortrag. Plakat „Plan A“ sieht vor, dass er sich eine Rakete auf den Rücken bindet und sich an einen bestimmten Ort katapultieren lässt. Danach ist Paulchen  zu sehen, wie er mit einer Rakete auf dem Rücken einen Anschlagsversucht unternimmt. Seine Rakete trägt die Aufschrift “Bombenstimmung für die Keupstraße“. [In der Kölner Keupstraße wurden am 09.06.2004 bei einem Nagelbombenanschlag 22 Personen verletzt ]. Er zündet die Rakete an. Sie explodiert, das Bild wird rot. Paul ist zerrupft und angesengt.

Das weiße Männchen erklärt ihm nun „Plan B“. Die Tafel 1 rahmt Aufnahmen von einem Behälter mit einer Nagelbombe. Im Rahmen nun eine Zeichentricksequenz: Das weiße Männchen, nun als Polizist, zeigt Paulchen ein Fahndungsplakat: „Bombenanschlag gesucht 20.000 Belohnung“. Paulchen streckt die Zunge raus uns macht Faxen. Er geht zufrieden weg. Außerhalb des Rahmens schüttelt ihm das weiße Männchen die Hand.

Screenshot aus dem NSU-Bekennervideo
Der NSU-Lehrmeister nun als Polizist (Screenshot Publikative.org)
Paulchen und das Männchen, das als Sprengmeister und Polizist auftrat, schütteln sich die Hand.
Paulchen und das Männchen, das als Sprengmeister und Polizist auftrat, schütteln sich am Ende die Hand.
Für die Gemeinde die Straßen gesäubert: Screenshot aus dem NSU-Video (Quelle: Publikative.org)
Für die Gemeinde die Straßen gesäubert: Screenshot aus dem NSU-Video (Quelle: Publikative.org)

Text aus dem Video: „Konfetti gibt es und viel Jubel für Paulchen Panther.“

Paulchen wird im Triumphzug mit Konfetti- und Luftschlangenregen vom weißen Männchen durch die Stadt gefahren; Paulchen (in Frack und Zylinder) wird in einer Limousine durch die Gegend gefahren. Sie kommen an einem Schild „Hoch lebe Paulchen und der NSU“ vorbei.“

Dazu texten die Rechtsterroristen: „Der [Paulchen] genießt den Trubel. Denn schließlich ist es der Gemeinde Dank, dafür dass ihre Straßen blitzeblank.“

Hier wird das Selbstbild transportiert: Die Nazis als Vollstrecker des geheimen Volkswillen. Wollten die Neonazis zudem die Botschaft verbreiten, dass sie von Dritten unterstützt wurden, was die Ausbildung zum Bombenbau angeht?

Jahrelang an dem Video gearbeitet

In den ursprünglichen Paulchen-Comics taucht das Männchen ebenfalls in verschiedenen Rollen auf, ohne dass dies weiter erläutert wird oder einen erkennbaren Sinn ergibt. Die NSU-Terroristen feilten aber über Jahre an dem Video, es gab erste Versionen, die komplett überarbeitet wurden. Da erscheint es zumindest fragwürdig, dass Figuren oder die Anzahl der Köpfe im Zusammenhang mit dem NSU einfach wahllos eingefügt werden. Doch offiziell gibt es den NSU nicht mehr. Problem gelöst.

Siehe auch: NSU: Die offenen Fragen“NSU-Prozess ist kein Untersuchungsausschuss”“Diese rassistischen Ermittlungen fanden nicht im luftleeren Raum statt…”NSU: Das Ende des “Terror-Trios”?Akademisches Karussell: Wer schützt die Demokratie?

26 thoughts on “NSU: Terror-Trio mit vier Köpfen?

  1. Ein Detailaspekt dieser fürchterlich-mörderischen Geschichte, der einen mehr als gruseln lässt – und der uns an Horst Mahlers Wendungen erinnert, die schlussendlich dort endeten, wo sie begannen: Bei der „Faszination“ von dessen Vater für Hitler, an die sich Mahler „mit Rührung“ erinnerte.
    Jürgen Elsässer möchte Mahler offenkundig überholen. Einst schrieb er für die jungle world, vereinzelt auch für die Jüdische Allgemeine – heute ist er ganz im rechtsradikal-verschwörungstheoretischen Lager angekommen und erweist sich als ein besonders überzeugter Antisemit. Im April 2012 organisierte er eine Pilgertour aller vereinigten Rechtsradikalen und durchgeknallten Verschwörungsideologen ausgerechnet zum iranischen Diktator. haGalil titelte vor einem Jahr:
    „Solidarische Reise gegen die zionistische Bedrohung. Unverbrüchliche Solidarität mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad…“:

    http://www.hagalil.com/archiv/2012/04/30/solidarische-reise/

    Nun schreibt Elsässer einen Brief an die wegen Beteiligung an mehrfachen Mordes angeklagte Frau Zschäpke, der so beginnt (den Link lasse ich bewusst weg.):

    „Liebe Beate Zschäpe,
    ich habe Angst, dass Sie das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen werden. Ihre Münchner Zelle könnte Ihre Todeszelle werden, auch wenn die Todesstrafe bei uns abgeschafft ist. Die Gefahr ist am größten, wenn die TV-Kameras, die zu Prozessbeginn auf Sie gerichtet waren, abgeschaltet sind. Wenn keiner mehr hinschaut…“

    Die Wirklichkeit ist häufig schlimmer als die schärfste Satire.

  2. Hallo Uri Degania, soweit ich weiss, kann man nachträglich hier nichts mehr abändern. Oder versuche es mal per PN. Aber danke für den Nachtrag und viele Grüße

    [Anmerkung der Redaktion: Danke für den nochmaligen Hinweis… und gemacht ;)]

Comments are closed.