Deutsche Karrieren: Horst Mahnke

Vom Sicherheitsdienst der SS zum Journalisten bei Spiegel und Springer-Verlag. Die Karriere von Dr. Horst Mahnke lief problemlos. Das Know-how und die Beziehungen aus der Zeit als Geheimdienstmann des Nazis-Regimes nützten sehr, seine Belastung als NS-Täter schadete nicht.

Von Andreas Strippel

Geheimdienstmann im Dritten Reich, Journalist und Medienmanager in der Bundesrepublik, das sind die beruflichen Stationen des Dr. Horst Mahnke. 1913 geboren gehörte er zu den jungen akademischen Eliten des Nationalsozialismus. Er studiert in Königsberg Zeitungswissenschaften sowie Philosophie und Germanistik. Sein akademischer Mentor, Franz Alfred Six, war auch der Förderer seiner Karriere im Reichssicherheitshauptamt. Six selbst machte dort Karriere, zunächst als Chef des Amtes II („Gegnererforschung“), ab 1941 als Chef des Amtes VII („Weltanschauliche Forschung“). Seit 1936, also bereits während seines Studiums, war Mahnke hauptamtlich für den Sicherheitsdienst der SS (SD) tätig. Von 1937 an war er auch an führender Stelle im NS-Studentenbund tätig. 1939 wurde er Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), zuständig für die die Bekämpfung des Marxismus. 1940 wurde er obendrein Assistent für Auslandswissenschaften in Berlin. Damit war er einer der typischen Multifunktionäre des NS-Staates.

SD-Einsatz im Krieg

Mahnke zeigte sehr schnell, dass er willens und fähig war, den Anforderungen des SD als „Weltanschauungs-Elite“ zu genügen. 1941 promovierte ihn die Universität Königsberg mit dem Thema „freimaurerische Presse in Deutschland“. Im selben Jahr ging er als rechte Hand von Six in das sogenannte „Vorkommando Moskau“ der Einsatzgruppe B. Die Aufgaben waren die Bekämpfung von Partisanen, Saboteuren, kommunistischer

Franz Six, Amtschef im RSHA, war Förderer von Mahnke (Foto: 1948 beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg)
Franz Six, Amtschef im RSHA, war Förderer von Mahnke (Foto: 1948 beim Einsatzgruppenprozess in Nürnberg)

Funktionäre. Dabei kam es auch zu Erschießungen, beispielsweise bei Smolensk, wo auch Mahnke im Einsatz war. Ob er an den Erschießungen persönlich teilgenommen hat, ist unklar.

1942 beförderte man Mahnke zum Hauptsturmführer der SS und Six machte ihn zu seinem Adjutanten. Mahnke stieg zum wichtigsten Mitarbeiter von Six auf, der ihn 1943 als seinen persönlichen Assistenten mit zu seiner neuen Stelle im Auswärtigen Amt mitnahm. Dort leitete Mahnke die Propaganda des Außenministeriums des Nazi-Regimes. Seine Position im RSHA behielt er während dieser Zeit bei. Darüber hinaus war er als Dozent für Auslandswissenschaften tätig.

Internierung und Neustart

Direkt nach Kriegsende entging der SS-Offizier Mahnke einer Inhaftierung, wurde jedoch im Januar 1946 von der britischen Besatzungsmacht verhaftet. Er kam in das Internierungslager Bad Nenndorf. Das Lager betrieb der britische Geheimdienst, der dort vor allem SS-Offiziere aus Gestapo und Geheimdienst einsperrte. Die Angst der Briten vor Nazi-Untergrund-Aktionen schlug in Gewalt gegen die Gefangen um. 1948 wurde das Lager von den britischen Behörden aufgelöst und dem Personal der Prozess gemacht. Damit gelangte auch Mahnke wieder in Freiheit. Der Umstand, dass er in diesem Lager einsaß, gereichte im letztlich zum Vorteil. Das Spruchgericht in Benefeld-Bomlitz verurteilte Mahnke unter ausdrücklichen Verweis auf seine Haft in Bad Nenndorf nur zu einer Geldstrafe von 400 Mark. Er bekam jedoch unter Hinweis auf seine Tätigkeit als Propagandist des Dritten Reiches und Förderer des Nationalsozialismus die Auflage nicht als „Lehrer, Jugendpfleger, Journalist, Redakteur“ zu arbeiten. Bereits 1950 wurde diese Einschränkung aufgehoben.

Nachrichtenmagazin statt Nachrichtendienst

Nun stand einer neuen Karriere nichts mehr im Wege. Jedoch stand den ehemaligen SD-Angehörigen im Gegensatz zu ihren RSHA-Kollegen, die auch Polizeibeamte waren, eine Übernahme in den Staatsdienst der Bundesrepublik nicht offen. Als Zeitungswissenschaftler und Nachrichtenoffizier im SD sowie als Propagandist verfügte Mahnke bereits über publizistische Kenntnisse. Er heuerte beim Spiegel an. Dort arbeiten in 50er Jahren mehrere ehemalige Angehörige des RSHA. Nach Forschungen des Kommunikationswissenschaftlers Lutz Hachtmeister waren dies mehrere SD-Offiziere aus dem Umfeld von Six, die enge Kontakte zwischen dem Spiegel und der Organisation Gehlen herstellten. So war es sicherlich kein Zufall, dass 1954 eine große Titelgeschichte über Gehlen im Spiegel erschien, die den Geheimdienst-Chef in ein sehr gutes Licht rückte. Später wurde Mahnke auch informeller Mitarbeiter beim Bundesnachrichtendienst. Obendrein verfügten die SD-Leute über Know-how, das man für das Konzept des investigativen Journalismus gut gebrauchen konnte. Aus Sicht des Spiegels waren dies lange nur bloße Zufälligkeiten und Einzelfälle.

Die erste große Geschichte von Mahnke erschien 1950. Gemeinsam mit Georg Wolff, einem Weggefährten von Mahnke aus dem RSHA, der später zum Ressortleiter „Internationales“ und stellvertretenden Chefredakteur des Spiegels Aufstieg, veröffentlichte er eine Serie über Kaffee Schmuggel in Hamburg. In den Artikeln

Spiegel Titelgeschichte von Horst Mahnke über Kaffeeschmuggel (Screenshot)
Spiegel Titelgeschichte von Horst Mahnke über Kaffeeschmuggel (Screenshot)

verunglimpften Wolff und Mahnke jüdische Displaced Persons als Diebe und suspekte Gestalten. Dabei griffen sie auf das antisemitische Repertoire ihrer SD-Zeit zurück. Mit Wolf veröffentlichte Mahnke 1954 ein Buch über außenpolitische Aspekte, das im Leske-Verlag erschien. Dort war ihr alter Mentor Six als Geschäftsführer tätig. In Leske-Verlag war schon zuvor ein Buch von Augstein veröffentlicht worden. Die SD-Kameraden von einst waren zwar nicht mehr direkt politisch aktiv, bildeten aber ein gut funktionierendes publizistisches Netzwerk, das sie zu nutzen wussten.

Beim Spiegel stieß man sich nicht daran. Im Gegenteil: 1952 beförderte man Mahnke zum Ressortleiter Ausland. Dort war er unter anderem verantwortlich für Serien über den ehemaligen Pressechef des Außenministeriums im Zweiten Weltkrieg, Paul (Karl) Schmidt, der unter dem Namen Paul Carell in den 60er Jahren Bestseller über die Wehrmacht veröffentlichte. Wie so oft kamen die ehemaligen Nazi-Funktionäre dabei deutlich besser weg als die jüdischen Displaced Persons.

1960 wechselte Mahnke als Chefredakteur zu Springers Zeitschrift Kristall, die er bis zu deren Einstellung 1966 leitete. Dort veröffentlichte er unter Mitarbeit alter Kammeraden glorifizierende Geschichten über die Wehrmacht, die später in Buchform zu Bestsellern wurden. Mahnke wirkte damit an der Legende der sauberen Wehrmacht mit. In den 60er Jahren beförderte Springer ihn zum Vorsitzenden des redaktionellen Beirats beim Springer-Verlag, ehe Mahnke 1969 als Hauptgeschäftsführer zum Verband deutscher Zeitungsverleger wechselt. In dieser Funktion war er bis 1980 tätig. Wegen seiner Rolle im RSHA und im Vorkommando Moskau wurde Mahnke nie vor Gericht gestellt. Er verstarb respektiert und angesehen 1985.

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5 thoughts on “Deutsche Karrieren: Horst Mahnke

  1. Sehr interessant und zeigt auch, dass nie wirklich aufgeräumt wurde. Allerdings sind da doch die ein oder anderen Vertipper. Sollte vielleicht korrigiert werden 😀

  2. Tobi meint wohl das 1848 im Text.

    Anm. d. Red.: Danke für dem Hinweis und soeben ausgebessert!

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