Neulich in Kreuzberg

Berliner gegen Schwaben, Öko-Turnschuhe statt Tante-Emma-Laden, kleine Zwei-Zimmer-Wohnungen für 750 Euro kalt – die Entwicklung in den deutschen Großstädten sorgt seit Jahren für Debatten. Die zentrale Frage: Was tun gegen die ungewollten Begleiterscheinungen der Gentrifizierung? Oder muss man gar nichts tun? Alan Posener meint, Nostalgie sei ein schlechter Berater – und eine Begrenzung der Mietpreise, wie aktuell vom Städtetag gefordert, helfe vor allem der Mittelschicht, die sich in einem multikulturellen Umfeld eingerichtet hat.

Wie die meisten Großstadtbewohner kenne ich meine Stadt nicht wirklich. Mein alltägliches Leben spielt sich ab zwischen meinem Wohnquartier im gutbürgerlichen Südwesten der Stadt, meinem Arbeitsplatz an der Grenze Kreuzberg und Mitte, der Wohnung meiner Tochter in der Nähe des Kottbusser Tors in Kreuzberg, und den diversen Kinos, Museen, Galerien, Cafés und Restaurants, hauptsächlich in Charlottenburg, Mitte und Kreuzberg, in denen ich einen Teil meiner Freizeit verbringe. (Und natürlich dem Gartencenter um die Ecke.)

Selten verirre ich mich in Neubau-Bezirke wie Marzahn oder Hellersdorf im Osten; in die Gropiusstadt oder das Märkische Viertel im Westen. Andere Bezirke, wie etwa Spandau und Reinickendorf, kenne ich von früher, weil ich dort zur Schule ging oder als Lehrer in die Schule; aber ich bin nur noch selten dort. Und dann gibt’s den Prenzlauer Berg und Friedrichshain, wo ich mich wie ein Tourist in einer fremden Stadt – nein in einer fremden Welt – bewege.

Straßenszene
Attraktives Wohnumfeld, multikulturell geprägt (Foto: Genial23; CC BY-NC-ND)

Erhalt der Privilegien derjenigen, die vom problematischen Ruf und vom subproletarischen Charakter eins Bezirks profitieren

Erhalt der Privilegien derjenigen, die vom problematischen Ruf und vom subproletarischen Charakter eins Bezirks profitieren

Neulich überkam mich allerdings dieses Gefühl der Fremdheit mitten in Kreuzberg, einem Bezirk, das ich seit Jahrzehnten kenne und liebe.

Hier – im Studio Naunynstraße – habe ich als Schüler anno 1968 einen Möchtegern-Avantgardefilm gedreht. Hier – in überfüllten und verrauchten Hinterhofkinos – habe ich die Filme von Andy Warhol gesehen. Hier – in der Katzbachstraße – habe ich als Student anno 1970 mit Freunden eine Wohngemeinschaft gegründet. Hier habe ich als Kommunist Kampagnen geführt – 1975 etwa für eine Kinderklinik im stillgelegten Bethanien-Krankenhaus, zu dessen Besetzung wir aufriefen, und das heute ein Künstlerhaus ist. Bei einer dieser Demonstrationen bekam ich – in der Adalbertstraße – einen Polizeiknüppel über den Kopf, die Wunde wurde hier – im Urbankrankenhaus – genäht, ohne Betäubung, weil der Arzt Sympathisant der SEW war und uns „Anuller“ für Konterrevolutionäre hielt. Hier wurden Anfang der 1980er Jahre die ersten Häuser besetzt.

Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“

Das Anliegen der Besetzer – Stopp der Entmietung und des Abrisses – habe ich als Lehrer finanziell unterstützt; mit Hart-Walter Hämer und seinem Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“ wurde es nach einiger Zeit, vielen Räumungen und einem Todesopfer zur offiziellen Politik des Bezirks und der Stadt. Mit Hämer und meinem Vater habe ich die damals neuen Vorzeigehäuser des Ehepaars Hinrich und Inken Baller am Urban-Hafen besucht. Auf dem Kreuzberg haben Maria und ich noch jedes Jahr Silvester gefeiert, als wir längst in Zehlendorf wohnten, und das Volksfest auf dem Kreuzberg besuche ich noch heute gern.  Hier – in der Köpenicker Straße – hatte Mitte der 1980er Jahren die „Berlin Blues Band“, deren Sänger ich war, ihren Übungsraum, zusammen mit einer NDW-Gruppe namens „Ideal“. Hier – im „Golgatha“, im Haus am Böcklerpark, in der „Villa Kreuzberg“ und auf Kiezfesten in der Graefestraße – bin ich mit der Blues Band und anderen Formationen aufgetreten. Hierher bin ich seit Jahrzehnten immer wieder gekommen, um englischsprachige Filme im „Babylon“-Kino zu gucken, die „Gorillas“ im Ratibor-Theater oder das Kabarett „Zwei Drittel“ im Mehringhof zu sehen, wo auch „Pillepalle und die Ötterpötter“ spielten, mit meinem Ex-Genossen und Freund Jochen Staadt am  Schlagzeug; oder um an lauen Sommerabenden Fußball in den Kneipengärten am Schlesischen Tor zu gucken.

Dort trauerte ich anno 2006 mit dem ganzen Bezirk, als Zinedine Zidane im Endspiel gegen Italien nach seinem Kopfstoß gegen den nichtswürdigen Matterazzi vom Platz gewiesen wurde. In Kreuzberg haben Freunde von mir als Lehrer gearbeitet und gegen alle Widrigkeiten das Konzept multikultureller und toleranter  Erziehung verteidigt. Hier ging ich mit dem  Grünen-Politiker Özcan Mutlu auf den Spuren des angeblich aus dem Bezirk verjagten Thilo Sarrazin spazieren und traf nur freundliche Menschen, vom türkischen Gemüsehändler bis zum Gemeindevorsteher der Alewiten. Hier hat sich der Sohn israelischer Freunde eine Wohnung gekauft, die er an Touristen vermietet, hier gibt es ein Café, wo sich Israelis gern treffen und wohl fühlen. Hier wohnen alte Freunde, hier wohnt, wie gesagt, meine Tochter mit Mann und Kind.

Kreuzberg ist eigentlich mein Berlin. Mein Ideal von Berlin.

Und doch geschah es gerade im Bergmann-Kiez, wo meine Tochter vor zwei Jahren ihre erste Fotoausstellung hatte, dass mich plötzlich ein Gefühl der Fremdheit ankam, wie ich es sonst nur vom Prenzlauer Berg oder von Friedrichshain kenne, und aus den gleichen Gründen. Ich war unterwegs, um ein paar Filme aus dem „Videodrom“ zu holen, wo die Videos nach Genre (nicht bloß „Krimi“, sondern z.B. „Good Cop – Bad Cop“; nicht bloß „Historiendrama“, sondern „italienische Sandalenfilme“ usw.) und dann wieder nach Regisseur sortiert sind, und wo man sicher sein kann, nicht nur einen seltenen und von der Kritik verrissenen Film wie – sagen wir – „Villain“ mit Richard Burton zu bekommen, sondern dazu den Kommentar des sachkundigen Personals: „Burtons Frisur ist echt zum Schreien. Und dazu der Cockney-Akzent: Großartig. Na denn, viel Spaß.“

Draußen auf der Straße fiel mir auf, dass ich nirgends ein türkisches oder arabisches Gesicht sehen konnte. Die Läden waren alle – wie das „Videodrom“ – für Leute wie mich gemacht: exklusive Schuhe, individuell gebaute Möbel, Öko-Eis und Fairtrade-Kaffee, ein Edelgrieche, spanische Weine, Schaukelpferde, Kochkurse, Kriminalromane. Blonde Kinder hatten den Bürgersteig in Beschlag genommen, und man sprach auf der Straße größtenteils Englisch. Aus dem Kiez war unversehens Prenzlauer Berg geworden, wo es so blond und kinderfreundlich zugeht wie bei Astrid Lindgren in ihren schlechteren Büchern.

Für kurze Zeit habe ich mich gefragt, ob die Gegner der Gentrifzierung nicht Recht haben. Ob man das Kippen eines Bezirks vom Abenteuerspielplatz ins Puppenhäusliche nicht gesetzlich aufhalten sollte.

Man kann einen Zustand nicht einfrieren

Yuppies raus aus St. Pauli (Foto: txmx 2)
Gentrifizierungs“kritik“ auf St. Pauli (Foto: txmx 2)

Und doch weiß ich, dass man eine Stadt, einen Stadtteil, einen Kiez, einen Zustand nicht einfrieren kann.  Schon der Bezirk, der uns als Schüler und Studenten in den 1960er Jahren anzog, war nicht der Bezirk, den ein kommunistischer Schriftsteller wie Walter Schönstedt in seinem Roman „Kämpfende Jugend“ eher glorifizierte denn beschrieb, und in dem mein Nazi-Schwiegervater als Sozialbeamter arbeitete. Krieg und Mauerbau, der Wegzug der Arbeiter in die neuen Siedlungen am Stadtrand, die planmäßige Entmietung im Hinblick auf den vom Senat anvisierten Abriss und die Planierung für den Autobahnbau, der Zuzug von „Gastarbeitern“ und Studenten hatten aus dem ehedem proletarischen Bezirk einen Deklassierten-Stadtteil gemacht und zugleich die Grundlage gelegt für die spätere Gentrifizierung. Gerade die antibürgerlichen Besetzer haben mit dem Erhalt der alten Häuser und der Verhinderung der autogerechten Stadtplanung dafür gesorgt, dass der Bezirk heute so anziehend wirkt auf Bildungs- und andere Bürger aus aller Welt.

Ich verspüre auch keine Sentimentalität nach den Braunkohleöfen mit ihrem Schwefelgeruch, den kalten Klos auf halber Treppe, den bröckelnden grauen Fassaden und undichten Dächern der Zeit, als ich in Kreuzberg wohnte; nach dem aggressiven Gegröle der verbliebenen und verbitterten Proleten von ihren Balkonen herunter, wenn wir dort demonstrierten; nach der rückwärtsgewandten Revolutionsromantik der Zeit, als eine Band mit einem Namen wie „Lokomotive Kreuzberg“ reüssieren konnte; und auch nicht nach dem verkommenen Charme der besetzten Häuser mit ihren aggressiven Funktionären und ihrer ach so bürgerlichen, zur Schau getragenen antibürgerlichen Attitüde; für die Hoch-Zeit des Punk im SO 36 war ich schon zu alt; und was die Romantik des Aussteigens angeht, so geht es mir wie meinem alten Freund K., der schon immer in Kreuzberg wohnt, als pensionierter Lehrer in einer Buchhandlung aushilft und sich über die Gentrifizierung freut, nicht nur, weil das von ihm und einigen Freunden vor 30 Jahren gekaufte Haus  nun ungefähr zehnmal so viel wert ist wie damals: „Erstens kaufen die Leute Bücher, und zweitens ist es ganz angenehm, wenn man morgens Brötchen holen geht, nicht über Junkie-Leichen steigen zu müssen.“

Und schließlich: Es ist ja nicht so, dass ganz Kreuzberg so geworden wäre wie die Touristenmeile rund um den Bergmannkiez. Wer die berühmte „Kreuzberger Mischung“ genießen will, das Türkisch-Deutsche, Proletarisch-Bürgerliche Punkig-Sentimentale, der findet es ja noch auf der Oranienstraße und im Kiez rund um den Kotti. Und diese Mischung dehnt sich ja aus in dem Maße, wie Nordneukölln („Kreuzkölln“) und der Wedding entdeckt werden von Leuten, die sich die Mieten im hippen Kreuzberg nicht leisten können oder wollen.

Nostalgie ist kein Grund

Deshalb, und obwohl es mir ein wenig weh ums Herz ist: Nostalgie ist kein Grund, die Gentrifizierung aufzuhalten. Für die Kinder, die auf der Fidicinstraße unbeschwert spielen, wo Untergangspropheten noch vor zehn Jahren wegen der Herrschaft arabischer Jugendgangs und des Wegzugs der Weißen nach Prenzelberg das Abkippen des Stadtteils an die Wand malten, wird Kreuzberg der Stadtteil sonniger Erinnerungen bleiben. Wer wirklich die soziale Durchmischung der Stadt will, wer die Entstehung von Ghettos verhindern möchte, der kann nicht versuchen, den Status Quo einzufrieren, wie es die SPD und die Grünen versuchen.

Die SPD, indem sie zum Beispiel bei Neuvermietungen eine Mietsteigerungsgrenze von zehn Prozent gesetzlich festlegen und die Verwendung von Wohnraum als Ferienwohnungen verbieten will; die Grünen, indem sie „Luxussanierungen“ genehmigungspflichtig machen (und das heißt in der Regel: verbieten) will. Man sagt, solche Maßnahmen sollen die Verdrängung der alteingesessenen und ärmeren Bewohner aufhalten. Aber in Wirklichkeit geht es vor allem darum, den Neuzuzug anderer und wohlhabender Bürger zu verhindern. Es geht um den Klassenkampf nach oben, und zwar zum Erhalt der Privilegien derjenigen, die vom problematischen Ruf und vom subproletarischen Charakter eins Bezirks profitieren: Mittelschichtleute, die billige Mieten und ein multikulturelles Wohnumfeld genießen, während sie ihre Kinder in Privatschulen außerhalb des Bezirks schicken; Sozialarbeiter, die sich im Elend gut eingerichtet haben und die heimlichen Hauptnutznießer der Sozialeinrichtungen und Sonderhilfsmittel sind. Und um die Parteien, die diesem Elend und diesem Klientel ihre Macht verdanken.

Ein Heinz Buschkowksky macht eine Medien-Karriere aus seinem „Problembezirk“ Neukölln, der angeblich „überall“ sei, und seine Parteifreunde wollen verhindern, dass Studenten, Künstler, Bohemiens, Kneipiers usw., gefolgt von Investoren, Bildungsbürgern und Touristen, aus dem Problem- ein Vorzeigebezirk machen, in dem ein Buschkowsky seinen Ruf als mutigen Wahr-Sager verlieren würde.

Berlin sei dazu verdammt, ewig zu werden und niemals zu sein, schrieb Karl Scheffler 1910.  Das ist heute so wahr wie damals. Und das ist – trotz Bergmannkiez und Prenzelberg – gut so.

Alan Posener (Foto: privat)
Alan Posener (Foto: privat)

Dieser Beitrag ist zuerst in dem Blog Starke-Meinungen erschienen. Dort schreibt der Journalist Alan Posener regelmäßig. Er ist zudem Kolumnist für die Welt. Dort hat er unter anderem über die Gentrifizierung in Wedding geschrieben. Posener thematisiert kontinuierlich die Rolle der Religion in der Gesellschaft: In seinem 2009 erschienenen Buch mit dem Titel Benedikts Kreuzzug hält er Papst Benedikt XVI. einen „Kreuzzug gegen die Aufklärung“ vor. Unter dem Titel Der gefährliche Papst erschien dieses Buch 2011 in einer erweiterten und aktualisierten Taschenbuchausgabe. Posener kritisiert nicht nur das Pontifikat von Benedikt XVI., sondern ist generell der Auffassung: „Religion ist schlecht für den Menschen“. Seit Dezember 2009 führt Posener ein wöchentliches Streitgespräch mit dem Chefredakteur des Online-Magazins The European, Alexander Görlach, zu religiösen und ethischen Fragen.

Siehe auch: Friedrichs Kies und Papas GalaoAuf der Suche nach dem guten KapitalismusBerliner Eastside Gallery: Wutbürger, Hipster und die CDUYuppies raus…?!Feeling blue: Fuck U!Rechtsextremismus als soziale Bewegung: Feindbild StadtJetzt sind die Nazis da. Wieder da. In Neukölln.

15 thoughts on “Neulich in Kreuzberg

  1. Lieber LaHaine,

    in solchen absoluten Kategorien zu diskutieren, ist schwer möglich. Was sind linke Freiräume? Kieze, in denen man unter sich bleiben kann? Mein Viertel, in dem ich in meine Kneipen und meine Läden gehe? Ist eine kommerzielle Kneipe, in der gute Musik läuft und angenehme Menschen trinken, ein linker Freiraum? Ist ein nettes Restaurant mit zivilen Preisen, ein linker Freiraum?

    Wir reden hier nicht von einzelnen – absolut unterstützenswerten – Wohnprojekten oder unabhängigen, unkommerziellen Kulturzentren, sondern von ganzen Stadtteilen, die sich rasant verändern. Und Stadtteile bestehen eben aus mehr als „linken Freiräumen“.

    Die Entwicklung ist in Metropolen seit Jahrzehnten, dass in Stadtteilen, wo noch Platz ist, neue alternative Projekte/Kneipen/Läden hochgezogen werden – und diese Stadtteile dadurch an Attraktivität wiederum gewinnen – und möglicherweise ein neuer Aufwertungsprozess beginnt. Der Widerspruch, auf den ich hinwies: Erst kommen die Punks, dann steigen die Mieten osä.

    Außerdem steht in dem Kommentar klipp und klar, dass reaktionäre Verhaltensmuster nicht pauschal unterstellt werden können, aber wenn ich mir das Gerede über „die Yuppies“ oder über „die Schwaben“ so anhöre, wird mir etwas flau im Magen. Denn wer damit konkret gemeint ist, das kann niemand so genau sagen. Müssen alle Leute, die mehr als 3000 Euro brutto verdienen, aus einem linken Viertel wegziehen? Sind alle Leute mit Kindern Yuppies? Dürfen coole Schwaben bleiben?

    Sinnlose Fragen, ich weiß. Genauso sinnlos, wie die Suche nach Sündenböcken für Prozesse, die in einem System wie dem Kapitalismus in etwa so neu sind wie die Lohnarbeit. Man muss es überhaupt nicht gut finden, aber zur Kenntnis nehmen sollte man es schon, dass man auch als Kämpfer für linke Freiräume in gewisser Hinsicht die Aufwertung von Stadtteilen fördert – wenn auch ungewollt.

    Gruß
    Patrick Gensing

  2. Sehr interessanter Beitrag, habe mich als Alt-Berlinerin und Kreuzbergerin wiedergefunden – aber nur bis zu dem Absatz, wo der Autor sagt „Entwicklung wäre nicht aufhaltbar…“, „Mittelschicht würde sich gut einrichten…“, „Erhalt der Privelegien“. Daher stimme ich zu 100% dem Kommentar von a zu – dem ist nichts hinzuzufügen.
    Zum Kommentar von Herrn Gensing möchte ich anmerken: Eine Diskussion ist gut, aber es müssen auch mal Fakten geschaffen werden. Schließlich gibt es echte Menschen, die von Zwangs-Umzug etc. betroffen sind – denen nützt eine Beschäftigung mit dem Thema und eine Diskussion herzlich wenig. Warum ist die Mietpreisbindung aufgehoben worden? Warum gibt es keine Mietobergrenzen? Es müssen konkrete Dinge beschlossen werden. Es kann nicht sein, dass Leute verdrängt werden, nur weil das der „Zahn der Zeit“ ist. Da ähnelt Zwangsumsiedlungen in krotesken Konstellationen, z.B. Diktaturen.
    Ich verdiene mittelmäßig und möchte nicht umziehen. Warum ziehen die Leute, die es sich leisten können nicht gleich in ruhige, aufgehübschte Bezirke anstatt den Umweg über Kreuzberg und Co zu nehmen?

  3. Die Kritik an der Gentrifizierungskritik ist ein eigenes Genre, verkennt aber ihr Objekt zumindest partiell. Gentrifizierung als Begriff wurde groß mit Andrej Holms Verhaftung und der gleichzeitig stattfindenden Debatte in Berlin und Hamburg über die Veränderung der Kieze. Dabei war in Berlin zumindest ausschlaggebend, dass der Kreis geschlossen ist (von Mitte-Prenzlauer Berg über Kreuzberg-Friedrichshain nach Neukölln) und kein naheliegendes Viertel übrig ist, in dass linke/alternative Menschen ziehen können. In Berlin war dabei auch die Debatte über Mediaspree und die Folgen von Geschäftsneubauten wichtig.
    Allerdings hat sich die Debatte bei den stadtpolitischen Aktivist*innen schon seit Jahren von diesem Themenkreis wegbewegt bzw. weiterentwickelt. In dem absoluten Großteil der Veröffentlichungen und Texte von stadtpolitischen Aktivist*innen ist bewusst nicht von Gentrifizierung, sondern von steigenden Mieten und Verdrängung die Rede. Damit soll die soziale Dimension des Geschehens betont werden und darauf hingewiesen werden, dass es hier nicht um ein Problem von zwei oder drei angesagten Straßen geht. Die Mieten steigen auch in den Außenbezirken stark an. Die Mietsteigerungen sind auch ein Resultat der Gentrifizierungstendenzen, aber auch ein Ausdruck dessen, dass Immobilien in deutschen Großstädten in Zeiten unsicherer Finanzmärkte ein rentables Renditeobjekt sind. Und es liegt nicht zuletzt an veränderten politischen Rahmenbedingungen. Die Verwertung der Stadt als Standort ist deutlich wichtiger geworden, der Staat agiert fast ausschließlich ökonomisch und verpflichtet die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften auf steigende Rendite bzw. privatisiert sie.
    In der bürgerlichen Presse wird bei stadtpolitischen Aktivist*innen trotzdem gerne von Gentrifizierungsgegner geschrieben. Das liegt an der etwas langsamen Übertragung des Diskurses. Es ist allerdings nicht einsichtig, warum die stadtpolitische Szene aus linker bzw. linksradikaler Ecke mit einer Kritik der Gentrifizierungskritik konfrontiert wird, die an den laufenden Debatten vorbeigeht. Auch die bestehende linksradikale Stadtpolitik weist weiterhin viele Verkürzungen auf (Kiezidentität, Personalisierungen,…), aber sie ist den ökonomischen und politischen Grundstrukturen in ihrer Analyse deutlich weniger verschlossen als die ganzen Kritiken ala „Sanierung ist doch nichts schlimmes“. Die Gentrifizierungskritik ist im übrigen deutlich stärker im Umfeld von altlinken Mittelschichtler vertreten als bei Menschen mit geringen Einkommen. Bei denen geht es ganz banal darum, dass die Miete für sie zu hoch ist und sie nicht verdrängt werden wollen.
    Und ich stimme definitiv nicht der Aussage zu, dass steigende Mieten und der Wohnungsmarkt alternativlos sind. Es ist natürlich richtig, dass z.B. die Perspektive einer Vergesellschaftung von Wohnraum zur Zeit stark minoritär ist. Und natürlich kann jede*r gerne die Prognose abgegeben, dass dies so bleiben wird. Aber wie beim Kampf gegen Rassismus ist es keine politische Perspektive die Situation einfach festzustellen und zu sagen: Das ist aber schlimm, sondern vielmehr die tätige Veränderung dieser Situation anzustreben.
    Der ausgesuchte Text setzt sich ja aber gar nicht mit dem Kern der Gentrifizierungskritik auseinander, sondern gefällt sich darin seine zustimmende Haltung zu Verdrängung und sozialer Ausgrenzung unter sentimentalen Anekdoten zu verpacken. Da weiß ich nicht, was einem das sagen soll. Da kann publikative auch Artikel über die segensreichen Wirkungen von HartzIV, die tollen wirtschaftspolitischen Vorschläge der Alternative für Deutschland oder über die lobenswerte Reaktion der Polizei beim Schweinskecup veröffentlichen.
    Das würde aber nicht geschehen. Und meine These vom ersten Kommentar war ja, weil die Redaktion von diesen Themen wahrscheinlich mehr versteht, als von Stadtpolitik. Daraus folgte meine Empfehlung sich tiefergehender damit zu beschäftigen und nicht dabei stehenzubleiben, dass einem ein Text gefällt. Warum wurden bei der Partei der Vernuft oder der Wahlalternative marktradikale Positionen angeprangert und bei diesem Artikel nicht erkannt, dass er eine kulturalistische Verpackung ähnlicher Einstellungen im Bezug auf Stadtpolitik ist ?

    http://www.publikative.org/2009/10/13/analyse-marktradikalismus-und-moderner-rechtsextremismus/

    Video über ein Beispiel radikaler Stadtpolitik: http://www.youtube.com/watch?v=dyEslndd4UY

  4. Das verrückte an der Gentrifizierungsdebatte ist, dass ein Teil der „Linken“ (ich bitte die Anführungsstriche dahingehend zu verstehen, dass ich mir nicht immer sicher bin, was irgendwelche Hipster-Antifas oder andere Hedonistische Spaßfraktionen noch mit einer Linken im Sinne einer an der sozialen Frage orientierten politischen Bewegung zu tun haben) sich zuerst berufen zu fühlen scheint, gegen die „Gentrifizierungsgegner“ und etwaigen verkürzte Kritiken zu Felde zu ziehen, bevor man sich um das Problem an sich kümmert (sofern man überhaupt ein Problem sieht).
    Ich finde solche Aktivitäten wie die Kampagne gegen Zwangsräumungen tausendmal wichtiger, als Diskussionen darüber, welche Art von Gentrifizierungskritik jetzt die beste/richtigste ist.

  5. Ich lese Publikative.org echt gerne, aber es gibt hier bestimmte Themen die, wie soll ich sagen, einen bestimmten „ideologiekritischen“ Zeitgeist bedienen und dazu gehoeren auch Themen wie „Gentrifikation“ (schliesslich ist das hier nicht der einzige Artikel der zum Thema, genau in die gleiche Kerbe haut). Auch die Auswahl der Artikel, sowie eigene geschriebene Artikel einiger Author/innen, sagen mehr ueber die politische Sozialisation und Positionierung mancher Publikative.org-Macher aus, so dass gewisse Befuerchtungen meinerseits bestaetigt werden. Es sind aber die Kommentare, wie ein Vorposter schon schrieb, die solche schwachen Artikel lesenswert machen.

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