Auf der Suche nach dem guten Kapitalismus

Kaum jemand durchblickt noch, was hinter der Wirtschaftskrise steckt. In Österreich hat sich Robert Misik mit anderen auf die Suche nach Antworten und Alternativen begeben – ganz nach dem Vorbild des einstigen „roten Wien“. Viele kamen und diskutierten mit.

von Robert Misik*, aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Indes

Es war ursprünglich eigentlich nur so eine Idee, fast eine Flause im Kopf, die vielleicht sogar in erster Linie nur mit meiner Sentimentalität gegenüber dem »Roten Wien« der zwanziger Jahre zu tun hat, also gegenüber jener sozialre­formerischen Politik, die die österreichische Sozialdemokratie in den zwan­ziger Jahren entfaltete. Zur Erinnerung: Damals kontrollierte die Linke die Bundeshauptstadt, aber Österreich als Ganzes war konservativ. Die Haupt­stadt war eine progressive Insel. Also wollte die Sozialdemokratie Wien zu einer Modellstadt mit exemplarischem Charakter entwickeln. Das Ergebnis waren ambitionierte Reformprojekte: Sozialer Wohnbau, die berühmten Ge­meindebauten, teils von den avanciertesten Architekten der Zeit errichtet (sie fehlen heute in keinem Reiseführer), massive Vermögenssteuern, ein weitver­zweigtes Vereinswesen, das so etwas wie ein »neues Leben« etablieren wollte, der Ausbau eines großartigen Gesundheitswesens, Bildungspolitik, die auch weit in das ambivalente Feld der »Volkserziehung« hineinreichte, mit Arbei­terbibliotheken, Arbeiterhochschulen, Volkshochschulen.

Eine der bedeutendsten Institutionen dieser Zeit war die Volkshochschule Ottakring. In der seinerzeitig »Volksheim Ottakring« genannten Institution haben führende progressive Wissenschaftler ihrer Zeit die normalen, einfa­chen Leute unterrichtet, jenseits der privilegierten Bildungszirkel der Univer­sität – Max Adler etwa, der große Sozialphilosoph, und viele andere.

Dieser Geist lebt in gewisser Weise fort, aber er spiegelt sich nicht immer in den Programmen der Volkshochschulen wider – heute besucht man meist Kurse, die praktisch verwertbares Wissen vermitteln, von Sprachkursen bis EDV-Ausbildung oder Fertigkeiten, die man für Hobbys braucht, von Töpfern bis Fotografie. Die Betreiber der Volkshochschulen in Wien sind zwar fast allesamt Leute, die noch im Bann dieser gesellschaftskritisch-volksbildneri­schen Idee stehen, aber das heutige Publikum ist eben oft ein ganz anderes.

Meine Idee war nun zu versuchen, ob man nicht ein wenig von dieser gro­ßen Tradition in neuer Form wiederbeleben könnte. Deshalb entwickelte ich mit dem Volkshochschulmanagement die Idee einer Vortragsreihe. »Erklär mir die Finanzkrise«, war der Titel, und an fünf Abenden sollten wichtige Aspekte dieser brennenden Frage debattiert werden.[1] Absichtlich haben wir uns als Ort den historischen Weinberger-Saal in der VHS-Ottakring aus­gewählt, in dem schon vor hundert Jahren die großen progressiven Denker ihre Vorlesungen hielten und dessen holzgetäfelte Patina diese große Tradi­tion auch widerspiegelt.

Es kamen an jedem der fünf Abende rund 250 Besucherinnen und Besucher, und noch viel mehr schauten sich die Vorträge auf Youtube an[2] – das Eröff­nungsreferat wurde mittlerweile von knapp 4.000 Leuten auf Video nachge­sehen (was aber auch daran liegt, dass er mittlerweile Unterrichtsmaterial für Wirtschaftsstudenten an Hochschulen ist). Und das, obwohl ich die Konzen­trationsfähigkeit der Zuhörer heftig auf die Probe stellte: Kaum einer der Vor­träge dauerte kürzer als hundert Minuten; zählt man die intensiven Diskussio­nen im Anschluss hinzu, bestand jede Einheit aus sehr dichten zwei Stunden.

Die Sache stieß also auf schönes Interesse und die soziale Zusammenset­zung der Zuhörerschaft war so, wie man es sich an einer VHS erwartet: sehr gemischt. Junge Linke von der Universität waren hier genauso wie die Hip­ster aus der Umgebung, die eine Mischung aus traditioneller proletarischer (und heute: migrantischer) Vorstadt plus deutlich merkbarer Gentrifizierung ist, dazu kamen normale Bürger und Bürgerinnen und alte Sozialdemokra­ten, die teilweise weite Wege zurücklegten, um aus ihren Bezirken nach Ot­takring zu kommen. Und hin und wieder kamen auch sozialdemokratische Parlamentarier und grüne Landtagsabgeordnete vorbei, um sich das Ganze anzusehen. Alles in allem eine sehr fruchtbare Mischung.

Die Thematiken der fünf Abende lauteten:

  • Ein Crash mit Anlauf. Wie eine falsche Wirtschaftsideologie die Markt­wirtschaft ins Desaster stürzte.
  • Brennt unser Haus ab? Wie die Eurozone zum Brandherd der Finanzkrise wurde.
  • »Der Kapitalismus und die Geldwirtschaft, das kann ja einfach nicht funk­tionieren« – Linke Mythen über die Krise.
  • »Mehr Markt wird’s richten« – Rechte Mythen über die Krise.
  • Ein guter Kapitalismus, kann es den geben? Wie wir soziale Gerechtigkeit und eine florierende Wirtschaft unter einen Hut bekommen.

Es ist natürlich klar, welche Gemütsmixtur das Interesse des Publikums er­klärt: Die ökonomische Krise verunsichert viele Menschen. Viele haben Er­klärungsbruchstücke parat: Dass die Banken gierig sind und Millionen Bür­ger übervorteilten; dass es sich um einen großangelegten Beutezug handelte; dass es nicht mehr gerecht zugeht, und dass das ökonomische Auswirkungen hat. Aber doch spüren die allermeisten, dass das noch nicht alles erklärt; dass da etwas vorgeht, dass sie nicht wirklich verstehen; dass das eine verdammt komplizierte Sache ist. Und dass die sogenannten Experten, die man tagtäg­lich im Fernsehen in den Talkshows sieht, ihre Sprüche klopfen, in hermeti­schen Phrasen oder gar der Geheimsprache der Fachleute, und dass auch die anderen Medien kaum jene wichtige Übersetzungsleistung erbringen, ohne die Demokratie nicht leben kann: nämlich lebenswichtige, aber komplexe The­men so zu erklären, dass sie für normale Bürger verständlich sind, und doch ohne sie ungehörig zu versimpeln. Oder anders gesagt: Die Bürger fragen sich, was geht hier vor? Und warum findet darüber keine ernsthafte Debatte statt?

Genau das versuchte ich in den fünf Einheiten: zu erklären, wie denn eine kapitalistische Marktwirtschaft funktioniert. Wie »Märkte« funktionieren. Wa­rum es »die Märkte« möglicherweise gar nicht gibt, sondern sehr unterschied­liche Märkte. Warum »Marktkräfte« auf Gütermärkten möglicherweise posi­tive Effekte zeitigen, aber auf anderen »Märkten« gar nicht, weil die eigentlich auch nicht wie »Märkte« funktionieren können – dazu gehören der Arbeits­markt, das Gesundheitswesen, die Volkswirtschaft als Ganzes (also als »Ag­gregat«, wie das die Experten nennen), und nicht zuletzt die Kapitalmärkte, deren innere Dynamik nicht, wie die von Gütermärkten, zu einem »Gleich­gewicht« tendiert, sondern, im Gegenteil, zu innerer Instabilität. Oder: Was genau hat dazu beigetragen, die Eurozone in Brand zu setzen? Warum zahlen die USA für ihre Staatsschulden historische Niedrigzinsen, Italien aber Hor­rorzinsen, obwohl die Staatsverschuldung beider Länder ziemlich exakt die gleiche ist (also, um genau zu sein, der Schuldenstand im Verhältnis zur Wirt­schaftsleistung, also des BIP). Und ich habe mir simple und weniger simple Erklärungsmodelle angesehen, die auch unter Linken zunehmend populär sind oder werden: dass der Kapitalismus doch eigentlich nicht funktionieren kann, dass mehr soziale Gerechtigkeit unter den Bedingungen einer kapitalis­tischen Marktwirtschaft einfach nicht realisiert werden kann. Oder dass das Geldsystem mit seinem Zins- und Zinseszins notwendigerweise zum Wachs­tum von Vermögen auf der einen und Verschuldung auf der anderen Seite führen muss und damit im Endeffekt zu einem finalen Crash. Wir haben sehr intensiv und detailreich diskutiert, warum das keineswegs notwendigerweise der Fall ist, wie die Geldschöpfung von Banken funktioniert und so weiter.

Kulminiert ist all das in der fünften Einheit, die die Frage aufwarf, ob es so etwas wie einen »guten Kapitalismus« überhaupt geben kann, einen, der stabil ist, der so etwas wie dauerhafte Prosperität herstellt, und der statt wachsender Ungleichheit zunehmende materielle Gleichheit schafft; und ob das unter unseren zeitgenössischen Bedingungen überhaupt möglich ist. Die historische Erfahrung zeigt, dass es möglich ist. Vielleicht beginnend mit der ersten revisionistischen Wende der Sozialdemokratie, die mit Namen wie Eduard Bernstein verbunden ist, war es ja das, was alle erfolgreichen so­zialreformerischen Bewegungen gemacht haben: demokratische und soziale Reformen innerhalb des Kapitalismus. Die Sozialdemokraten des Roten Wien, die schwedischen Sozialdemokraten ab den dreißiger Jahren, die amerikani­schen Demokraten unter Präsident Franklin D. Roosevelt und nach 1945 dann kontinentaleuropäische Sozialdemokraten und gemäßigte Christdemokraten. Und auch heute ist eine solche Politik, wo sie verfolgt wird, erstaunlich erfolg­reich, man denke nur an den Aufstieg Brasiliens, der eine direkte Folge der Sozialreformen unter dem Präsidenten »Lula« da Silva war.

Sie alle haben soziale Reformen durchgeführt, die die Marktkräfte zähmten:

  • Sie haben ein dichtes soziales Netz geknüpft, das Menschen im Notfall aufgefangen hat.
  • Dieses Netz trug auch im »Normalbetrieb« dazu bei, immer mehr Bürgern immer mehr Chancen zu bieten, sodass sich die Lebenschancen zuneh­mend anglichen.
  • Es wurde ambitionierte Bildungspolitik betrieben.
  • Sozialer Wohnbau war ein weiteres wichtiges Element dieser Politik.
  • Es wurde eine Steuerpolitik betrieben, die Ungleichheit reduziert hat.
  • Starke Gewerkschaften trugen dazu bei, dass die Löhne und Gehälter einfacher Beschäftigter stiegen.
  • Man hat die Tarifpolitik reguliert, aber auch viele andere Gesetze einge­führt, die das Arbeitsleben regelten: Betriebsverfassungsgesetze, Arbeits­rechte, Arbeitszeitregelungen.

All das hat die Marktwirtschaften gerechter gemacht, aber dem Kapitalismus gleichzeitig auch genützt, denn man hatte:

  • besser ausgebildete Arbeitkräfte,
  • einen immensen Produktivitätszuwachs,
  • stabiles Wirtschaftswachstum.
  • Der Massenkonsum, der der entscheidende Motor einer modernen Markt­wirtschaft ist, erklomm ein immer höheres Niveau.

DIE DREI GROSSEN PROBLEME, DIE DREI GROSSEN FRAGEZEICHEN

Die Frage ist nun aber zunächst, ob so etwas heute überhaupt noch möglich ist. Und wir müssen diese Frage mit drei Fragezeichen versehen.

Fragezeichen eins: Es könnte ja sein, dass aufgrund der kapitalistischen Entwicklung (der Sättigung von Märkten, dem Erreichen eines schon sehr hohen Produktivitätsniveaus) die Profite, die aus produktiven Investitionen erzielt werden können, irgendwann notwendigerweise sinken – und dass dies die eigentliche Ursache für die Aufblähung des Finanzsektors war, die uns jetzt so große Probleme bereitet.

Fragezeichen zwei: Der hohe Verschuldungsgrad verschiedener ökono­mischer Akteure – der Finanzinstitutionen, der privaten Haushalte (etwa in Spanien und den USA), der öffentlichen Haushalte – macht Kreditkontraktion notwendig. Aber Kreditkontraktion, also das Absenken des Kreditvolumens, führt notwendigerweise zu einer Reduktion von Wachstum, und Wachs­tumsreduktion macht Schuldenreduktion gleichzeitig extrem schwierig. Es könnte sein, dass es hier einen schwer zu überwindenden Zielkonflikt gibt.

Fragezeichen drei: Ausreichendes Wachstum könnte aus den oben ge­nannten Gründen schwierig werden, ist aber heute auch nicht mehr erstre­benswert. Nun gibt es, wenn über Wachstum geredet wird, oft sehr große Ungenauigkeiten. Wird vom Wachstum des Ressourcenverbrauchs geredet? Oder vom BIP-Wachstum, also dem Wachstum des Outputs in Marktprei­sen, und damit, simpel gesprochen, vom Wachstum des Geldeinkommens aller aggregierten Wirtschaftsakteure? Tatsächlich ist Kapitalismus ohne ein solches Wachstum im letzteren Sinne schwer vorstellbar, da Unternehmen ihre Investitionen auf Kredit finanzieren, was aber heißt: Das, was sie mit ihren Einkommen von heute nicht finanzieren können, müssen sie durch gewachsene Einkommen von morgen bezahlen, das heißt, Kapitalismus ist eine Wette auf die Zukunft, die ohne Wachstum nicht aufgehen kann. Ist aber ein solches Wachstum an Einkommen ohne stoffliches Wachstum vor­stellbar? Theoretisch gewiss. Angenommen, eine Volkswirtschaft produziert heute eine bestimmte Gütermenge und um Recycling hat sie sich bisher noch nicht gekümmert. Dann sind die Einkommen in dieser Volkswirt­schaft die Einkommen der Produzenten dieser Gütermenge – oder die Ein­kommen aus dem Verkauf dieser Gütermenge. Stellen wir uns vor, dieselbe Volkswirtschaft produziert dann morgen etwas weniger von dieser Güter­menge, kümmert sich aber um Recycling, so dass die niedrigeren Einkom­men aus der Produktion und die hinzukommenden Einkommen aus dem Recycling exakt die Höhe des früheren Einkommens ausmachen, dann ist diese Volkswirtschaft nicht geschrumpft, auch nicht gewachsen, aber ihr Ressourcenverbrauch ist gesunken. Dann ist es aber auch theoretisch mög­lich, dass eine Volkswirtschaft ein wenig wächst, und der Ressourcenver­brauch ein wenig schrumpft. Praktisch, so zeigt jedenfalls die Erfahrung, ist das äußerst unwahrscheinlich. Das sind die drei großen Probleme, die drei großen Fragezeichen.

Jenseits dieser drei Fragezeichen ist aber sonnenklar, dass ein ökonomi­sches Arrangement erreicht werden kann, das gerechter und stabiler ist als unser gegenwärtiges. Unsere Krise hat vielfältige Ursachen und wird kaum mit Einzelmaßnahmen in den Griff zu bekommen sein. Es wäre blauäugig zu glauben, mit Finanzmarktregulierung alleine sei es getan. Aber sie ist ein wichtiger Punkt – und muss im Auge haben, wie übergroße Risikokumula­tion unterbunden werden kann:

  • durch höhere Eigenkapitalquoten, höhere Mindestreservesätze,
  • durch Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken, und indem die Investmentbanken nicht auch noch bevorzugt werden,
  • durch ordentlichen Konsumentenschutz für Käufer von Finanzmarkt­produkten,
  • durch Verbot von Finanzmarktprodukten, die nur wenig positive und sehr viele negative Effekte haben.
  • Gesetzliche Anreize zu reinen Finanzmarktaktivitäten müssen abgeschafft werden.
  • Transaktionen in Steueroasen könnte man auch einfach verbieten, weiters spekulative Investitionen auf Rohstoff- und Lebensmittelmärkten, Leer­verkäufe und Ähnliches.
  • Vollständige Verbriefung von Krediten muss untersagt sein. Kreditvergabe und Kreditrisiko müssen verbunden bleiben.

All das sind natürlich nur Stichworte. Man muss die Spielregeln für die Finanz­industrie einfach neu schreiben. Mindestens so wichtig ist aber eine Lohnpoli­tik, die dafür sorgt, dass die Lohnsumme mit der gleichen Rate wächst wie das BIP; dafür sind gesetzlich geregelte Mindestlöhne wichtig und auch eine generöse Mindestsicherung ohne großen Arbeitszwang, um die Etablierung von Niedriglohnsektoren zu verhindern; dafür braucht es auch starke Gewerk­schaften, die sich der Unterstützung durch die Regierung sicher sein müssen.

Ganz entscheidend in einem solchen Paket wären Vermögenssteuern, um die Vermögensungleichheit zu reduzieren: also Erbschaftssteuern, eine Ver­mögensabgabe oder eine Vermögenssubstanzsteuer, wobei Erbschaftssteuern und eine einmalige Vermögensabgabe wohl leichter zu kassieren wären als eine jährliche Substanzsteuer. Hierfür kann man sich durchaus auch raffi­nierte Modelle ausdenken, um alle Vermögensarten gleich und gerecht zu besteuern. So könnte der Staat bei Unternehmenserbschaften stiller Teilhaber werden, wenn die Erben die Erbschaftssteuer nicht aufbringen können. Da­durch hätten sie Zeit, den stillen Teilhaber Staat »auszuzahlen«, und Erben, die das Unternehmen weiter führen, könnten im Vergleich mit Erben, die ihr Unternehmen verkaufen, besser gestellt werden. Im Gegenzug sollten Steuern auf Löhne und Gehälter gesenkt werden – eine Ausweitung der Staatsquote ist also keinesfalls unumgänglich.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil in einem solchen Paket wären Investi­tionen in gute öffentliche Güter – diese Investitionen würden nämlich unser aller Leben verbessern, die wirtschaftliche Aktivität erhöhen und zudem Arbeitsplätze schaffen. Man denke dabei etwa an öffentliche Dienstleistun­gen, eine moderne Verkehrsinfrastruktur, neue Strom- und Energiesysteme, an Kindergärten, Schulen, Hochschulen. Das Kapital einer Gesellschaft sind ihre Bürgerinnen und Bürger und echte Bildungsgerechtigkeit würde dazu führen, dass jede und jeder ihre bzw. seine Talente entwickeln kann. Kein Kind darf verloren gehen. Das gilt gerade angesichts der demographischen Entwicklung: Wir brauchen Jede! Wir brauchen Jeden! Denn man sagt uns ja, dass aufgrund der demographischen Entwicklung unsere Rentensysteme nicht nachhaltig seien. Erstens ist schon fraglich, ob das so ist. Aber es ist ja auch egal. Man kann ja der Meinung sein, dass es wichtigere Dinge gibt, als Leute zu finanzieren, die von ihrem 59. bis zum 86. Lebensjahr als Rentner leben, dass es also wichtigere Dinge gibt, in die knappe finanzielle Ressour­cen investiert werden sollen. Aber die eigentliche entscheidende Größe ist ja nicht das Verhältnis der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter gegenüber den Rentnern, sondern das der Beschäftigten zu den Nicht-Beschäftigten.

Wenn mehr Leute eine gute Beschäftigung haben, dann entspannen sich auch die Finanzierungsengpässe. Wenn ich aber von jeder Generation sieben, acht oder neun Prozent ohne gute Ausbildung auf den Arbeitsmarkt werfe, dann reduziere ich den Wert auf der Beschäftigtenseite. Und gute Jobs, die man als erfüllende, sinnvolle Tätigkeit erlebt, sind auch die Voraussetzung dafür, dass sich das Rentenantrittsalter erhöht.

Krisen führen immer zu einer Reduktion des Rentenantrittsalters: Weil weniger Jobs da sind. Weil Leute aus der Arbeitslosigkeit in die Rente wech­seln. Weil das Arbeitsklima schlechter wird und die Leute sagen: Jetzt habe ich genug. Wir müssen uns aber auch überlegen, ob der Staat nicht wieder mehr Arbeitsplätze selbst anbieten soll. Der Staat übernimmt ja zwei Aktivi­täten am Arbeitsmarkt: Zum einen bietet er Jobs in der staatlichen Verwal­tung, für Lehrer, Beamte usw. Und zum zweiten bezahlt er Arbeitslosengeld, Mindestsicherung, betreibt Jobvermittlung und Qualifizierung über die be­rühmten Kurse der Arbeitsagenturen. Ich will hier die Frage aufwerfen, ob der Staat nicht direkt wieder Jobs für Arbeitslose schaffen soll, also wirklich aktive Arbeitsmarktpolitik betreiben soll; einfach deshalb, weil es immer sinn­voller ist, Aktivität zu finanzieren als Inaktivität zu alimentieren.

All das und noch mehr kann getan werden – und muss getan werden, wenn wir die gegenwärtige Abwärtsspirale durchbrechen wollen. Gerade innerhalb der Europäischen Union braucht es intelligente neue Wege, um die soziale Katastrophe zu beenden, in die einige Mitgliedsstaaten in Folge der Finanz­krise geraten sind, aber auch um der stetigen Rezessionsgefahr zu begeg­nen, von der heute wieder die gesamte Eurozone befallen ist, und nicht nur die sogenannten Krisenländer. Intelligente neue Wege, das heißt Formen zu finden, wie brachliegendes Kapitel, das heute kopflos und panisch einiger­maßen sichere Anlagen sucht (und nicht findet), in produktive Investitionen gelenkt werden kann, die sowohl eine einigermaßen ordentliche Verzinsung der Spareinlagen garantieren (das heißt, eine Verzinsung wenigstens irgendwo im Bereich der Inflationsrate), und die gleichzeitig produktiv in mehrerlei Hinsicht sind: insofern, als sie zum ökologischen und sozialen Umbau unse­rer Wirtschaft beitragen, Güter und Dienstleistungen bereitstellen, die uns allen nützen, und indem sie neue Arbeitsplätze schaffen. Eine der Institutio­nen, die dazu beitragen könnte, auf diese Weise Spareinlagen in produktive Investitionen zu lenken, wäre etwa die Europäische Investitionsbank, eine andere Idee ist die Gründung eines »Europäischen Zukunftsfonds«, wie ihn der Deutsche Gewerkschaftsbund vorgeschlagen hat, um einen »Marshall­plan für Europa« zu finanzieren. Ohne allzu sehr ins Detail gehen zu wollen, wären das Wege, sinnvolle öffentliche Investitionen vorzunehmen, die die Wirtschaft wieder in Schwung bringen – aber mithilfe von privatem Kapital und somit ohne dass die staatlichen Defizite wachsen müssten.

Misik*Robert Misik, geb. 1966, ist taz-Autor, Falter-Journalist, Blogger (www.misik.at) und Videoblogger auf derStandard.at. Er ist Mitarbeiter des Bruno-Kreisky-Forums in Wien. Neu erschienen ist von ihm das Buch »Erklär mir die Finanzkrise – Wie wir da reingerieten und wie wir da wieder rauskommen« im Wiener Picus-Verlag.

 


[1] Die Vortragsreihe erscheint auch als Buch: Robert Misik, Erklär mir die Finanzkrise. Wie wir da reingerieten und wie wir wieder rauskommen, Wien 2013.

[2] Die Reihe ist u. a. auf dem Youtube-Kanal der Wiener Volks-hochschule online einsehbar unter http://www.youtube.com/ playlist?list=PLVWopcTxOz_ 6sMGM6n85IfXoI0EcZJrMW [eingesehen am 30. 01. 2013].

5 thoughts on “Auf der Suche nach dem guten Kapitalismus

  1. Keynesianismus reloaded. Der ist seit den 70ern zu Recht diskreditiert. Es gibt eben doch keinen gerechten Kapitalismus, das unbedingte Verlangen, sozialdemokratisch, als im Sinne der Gemeinschaft die kapitalistische Standortkonkurrenz zu internalisieren, wird von der Bahamas zu Recht als „deutsche Ideologie“ gebrandmarkt. Das publikative.org hier Rettern des Kapitalismus ein Forum bietet ist enttäuschend.

  2. „Kulminiert ist all das in der fünften Einheit, die die Frage aufwarf, ob es so etwas wie einen »guten Kapitalismus« überhaupt geben kann, einen, der stabil ist, der so etwas wie dauerhafte Prosperität herstellt, und der statt wachsender Ungleichheit zunehmende materielle Gleichheit schafft; (…)die historische Erfahrung zeigt, dass es möglich ist.“

    Na wenn das die historische Erfahrung zeigt ist ja alles geritzt. Mal schnell ab in die SPD. Die brauchen solche Leute.

    Jetzt mal ernsthaft:
    Es wird kein Zurück in die 70er Jahre mehr geben. Der Kapitalismus produziert Krisen, weil die auf Verwertungszwang gegründete Wirtschaftsweise dies nunmal tut. Wer die sozialen Kosten dafürt trägt, das wird in Kämpfen entschieden, aber eine besonders erfreuliche Veranstaltung ist so eine Krise nie.

    Davon abgesehen hatte Robert Kurz sehr Recht als er sagte, dass der Kapitalismus ein „Zumutungsverhältnis“ sei, das es unabhängig vom Auftreten von Krisen zu kritisieren gelte.

  3. Chapeau! Bravo! Hipphipp Hurrah! The Left at it’s Best! Die klug durchdachte, historisch-analytisch wasserdicht belegte, fast wissenschaftlich daherkommende … gefühlt 143566. Analyse des Kapitalismus‘!
    Langsam kotzt es mich nur noch an, Leute! Die Linke theoretisiert, erklärt, analysiert, kritisiert – während die Bürgerlichen frisch, frei, fröhlich unsere Gesellschaft noch und nöcher verändern! Auf der linken, kritischen Seite stapeln sich die Bücher, Artikel, Papers, die VideoClips, und nix, nix passiert in der Realität (und wenn, dann nur das, was genuin den Bürgerlichen nützt). Wir sind einsame Meister im Theoretischen. Die ach so kritischen Theaterkritiker, die zum Theater gehören und schmunzelnd geduldet werden. Die Enuchen, die stolz ihre Liedchen abträllern können.
    Und das Allerschlimmste ist: Gerade die allerkritischsten Geister sind bekanntlich (fast) immer staatlich alimentierte Hochschulprofessoren! Also, perverser gehts ja gar nicht mehr. Lasst mich bloß in Ruhe mit Kreaturen, die alles besser wissen – auf dem Papier, versteht sich. So, und nun ins Kaffeehaus und einen Schlagober bestellt!

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