Deutsche Karrieren: Walter Zirpins

Die Polizei war im Dritten Reich ein zentrales Herrschaftsinstrument. Gestapo, Kripo und Ordnungspolizei produzierten willige und überzeugte Täter im Nationalsozialismus. Walter Zirpins war einer von ihnen. In der Bundesrepublik stieg er zu einem der führenden Kriminalisten auf.

Von Andreas Strippel

Die Polizei des Weimarer Staates stellte sich bereitwillig in den Dienst der Nationalsozialisten. Der autoritäre Staat, ohne die vermeintlichen Hemmungen der Exekutive durch das Recht, die weite Verbreitung kriminalbiologischer Vorstellung, also eugenischer Rassismus, waren bereits vor 1933 zentrale Vorstellungen vieler Polizisten. Der 1901 geborene Walter Zirpins brachte beides mit und machte Karriere.

Nachdem Studium der Rechtswissenschaft und der Promotion im Wirtschaftsrecht durch die Universität Breslau trat Zirpins in den Polizeidienst ein. Von 1929 bis 1932 war er bei der Polizei Elbing-Marienburg (bei Danzig) tätig. Dort wurde er mit nur 28 Jahren Leiter der Politischen Polizei. Im Januar 1933 erfolgte die Versetzung zur Politischen Polizei beim Polizeipräsidenten in Berlin, Übernahme zur neugegründeten Gestapo inklusive. Jedoch endete auf Grund einer internen Intrige seine Gestapo-Laufbahn bereits im Mai 1933. Dies tat seiner Karriere jedoch keinen Abbruch.

Aufstieg zur Führungsfigur der NS-Kripo

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Im Prozess um den Reichstagsbrand trat Zirpins als einer der Sachverständigen auf, weil er zuvor an zentraler Stelle mit den Ermittlungen betraut war. Er vertrat damals die These der Alleinschuld von Marinus van der Lubbe. Wie jedoch die historische Forschung mittlerweile dargelegt hat, fälschte Zirpins die Aussage von van der Lubbe, um diese These überhaupt aufstellen zu können. In der Bundesrepublik sollte er mit dieser Auffasung wieder für Furore sorgen.

organigramm ns polizei

Nach dem Ausscheiden aus der Gestapo begann Zirpins Karriere bei der Kripo. Zirpins wechselte als Lehrer zum Polizeiinstitut in Berlin und wurde im Dezember 1934 zum Kriminalrat befördert. Im April 1937 ernannte man ihn zum Stabsführer der Führerschule Sicherheitspolizei, einer Behörde mit der die Arbeit von Kripo und Gestapo unter der Leitung der SS zentralisiert wurde. 1938 kam der nächste Karriereschritt. Zirpins wurde in das im Jahr zuvor neu eingerichtete Reichkrimalpolizeiamt in Berlin berufen.

Die Bedeutung der Kriminalpolizei für die Etablierung rassistischer Normen war sehr groß. Die Kriminalpolizei war zuständig für die Verfolgung sogenannter Rassenschande, die Kriminalisierung von Homosexualität sowie die Verfolgung von Kriminellen und so genannten Asozialen. Ebenso fiel die Verfolgung der Sinti und Roma in das Aufgabengebiet der Kriminalpolizei.

Die Ziele der Polizeiarbeit im NS-Staat gingen weit über Verbrechensbekämpfung hinaus. So genannte Gemeinschaftsfremde sollten aus dem „Volkskörper“ hinausgedrängt werden. Nicht mehr Schutz von Individuen, sondern Pflege des Volkskörpers war das Ziel. Von 1936 an führte Heinrich Himmler die Polizei. Himmlers Ziel, beide Institutionen als Staatsschutz-Korps gänzlich zu verschmelzen, wurde formal nicht erreicht. Nichtsdestotrotz traten viele führende Polizeibeamte der SS bei. Dies war auch folgerichtig, sahen sich doch sowohl SS als auch Polizei als Hüter der nationalsozialistischen Weltanschauung.

1937 trat Walter Zirpins der SS bei. Gleichzeitig begann er seine publizistische Tätigkeit in Fachzeitschriften. Mit seiner Ausbildungstätigkeit hatte er sich bereits als ideologisch zuverlässig exponiert, ohne jemals der NSDAP beizutreten. Nun gab er sein „Wissen“ an die Fachöffentlichkeit weiter. In der Zeitschrift Der deutsche Polizeibeamte gab er 1937 seine Anschauung zum Besten und machte deutlich, dass man gegen Feinde der Volksgemeinschaft „ohne Rücksicht auf ihre strafrechtliche Verfolgbarkeit“ polizeilich Einschreiten müsse, um „den Gegner zu zerschlagen.

Besatzungspolizist und Räuber für die Volksgemeinschaft

Im Zweiten Weltkrieg hatten Kripobeamte zentrale Positionen im Besatzungsapparat inne. Das mit Beginn des Krieges neu gegründete Reichssicherheitshauptamt – hier wurden die Sicherheitspolizei und der

Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)
Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)

Sicherheitsdienst der SS institutionell zusammengeschlossen – entsandte seine Führungskräfte in das besetzte Europa. Zirpins wurde 1940 als Leiter der Kriminalpolizei nach Łódź versetzt. Łódź war nach der Annektion damals die sechstgrößte Stadt des Reiches. Dort wurde das zweitgrößte jüdische Ghetto im besetzten Polens errichtet.

Zirpins Aufgabe in Łódź war unter anderem die Abriegelung des Ghettos und die Ausplünderung seiner Bewohner zu organisieren. Auf seine Anweisung hin wurde eine Sonderkommission „Ghetto“ gegründet. In wichtigen Fällen schaltet sich Zirpins persönlich in den Raub jüdischer Vermögen ein. Und Raub bedeutet in der Situation des Ghettos nicht nur gewaltsame Entwendung, sondern auch Folter und Mord. Noch vor Beginn der systematischen Ermordung der Ghettobewohner im Vernichtungslager Chełmno ging Zirpins wieder in die Berliner Zentrale des Reichssicherheitshauptamtes und bildete dort Gestapo- und Kripo-Beamte aus. Darüber hinaus soll er an der Judenverfolgung in den Ghettos Lodz und Warschau weiterhin beteiligt gewesen sein. Kurz vor Kriegsende im Februar 1945 wurde er noch zum Chef der Hamburger Kripo befördert und sorgte für das Funktionieren des NS-Polizei-Apparates bis zum einrücken englischer Truppen. Das bedeutete gerade am Kriegsende KZ-Haft und Hinrichtungen für Kleinstvergehen.

Ideologische Festigkeit und rücksichtslose Machtausübung prägten Zirpins Vorgehen. Er selbst hat in einen Aufsatz in der Zeitschrift „Kriminalistik, der im Oktober 1941 erschien, dies dokumentiert. Zunächst bringt er die Juden mit Seuchen in Verbindung, behauptetet dann mit dem Ghetto seien die Seuchen in der restlichen Stadt verschwunden. Er fährt dann fort:

„Es bedarf keines besonderen kriminalistischen Scharfblicks, um auf den ersten Blick zu ahnen, dass eine solche Zusammenpferchung von Kriminellen, Schiebern, Wucherern und Betrügern auch sofort ihre besonderen kriminalpolizeilich bedeutsamen Erscheinungsformen gezeitigt hat. […] Es hat daher eines umfangreichen Studiums der jüdischen Mentalität und Gepflogenheiten […] bedurft, um die Wege zur präventiven und repressiven Bekämpfung durch die Kriminalpolizei herauszufinden.“

Das menschenverachtende Ghetto ist für ihn offensichtlich nur so ein Art Versuchsanordnung, um seine eigenen antisemitischen Fantasien zu bestätigen. Herrenmensch sein ist für Zirpins offensichtlich auch ein Lebensgefühl gewesen.

Die Zweite Karriere

Nach Gefangennahme durch englische Truppen gelang es Zirpins erfolgreich seine Rolle als unideologischer Fachmann zu spielen, der nur aus lästigen formalen Gründen bei der SS war. Eine Erzählung, die nicht nur für Zirpins zur Erfolgsgeschichte wurde. Zwar war er bis 1947 interniert und auf der Liste der Kriegsverbrecher des polnischen Staates, aber dennoch lautete die Einstufung Kategorie 5, unbelastet. Dazu trug nicht nur seine Kooperation mit den Engländern bei, sondern auch, dass er so gar nicht dem Klischeebild eines fanatisierten Mörders entsprach; wie die wenigsten der Nazi-Täter diesen Bild entsprachen.

Zirpins war nach 1945 Teil eines Netzwerkes ehemaliger Nazi-Polizisten, die an der Rehabilitierung der Kriminalpolizei arbeitet. Eine wichtige publizistische Hilfe war dabei das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Dort arbeiten einige ehemalige SS und SD Offiziere, die von ihren alten Kameraden Exklusivwissen für Geschichten erhielten und sich im Gegenzug für die Wiederverwendung der NS-Kripo-Spitze in der Bundesrepublik einsetzten. 1951 verniedlichte ein Spiegel Artikel Zirpins Rolle im Polizei-, Besatzungs- und Unterdrückungsapparat zum „SS-Hauptsturmführer honoris causa“, der eigentlich ein unbescholtener Fachmann sei. Den Artikel verfasste Bernd Wehner, ein alter Kollege aus den Tagen des Reichssicherheitshauptamtes, der selbst von der Kampagne profitierte: 1954 wurde er Leiter der Kripo in Düsseldorf.

Die Legendenbildung von der unpolitische Kripo, die als fachlicher, sachlicher Gegenpol zur Gestapo dargestellt wurde, hatte zum Ziel die Verantwortung für die Einweisung in Konzentrationslager herunterzuspielen. Dazu konstruierte er eine Kripo, die bis auf wenige Ausnahmen im Prinzip noch mit Rechtsbindung arbeitet. Dies hatte jedoch auch einen anderen Effekt, wie der Historiker Patrik Wagner in seiner Studie über „Hitlers Kriminalisten“ schreibt. Die Erschaffung einer „fiktiven rechtsstaatlichen Tradition“ hatte zur Folge, dass sich die Kriminalisten für die Zukunft sich „an die Respektierung rechtsstaatlicher Prinzipien banden – und dies war, wie die kriminalpolitischen Debatten im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik zeigen sollten, weder selbstverständlich noch für die Kriminalisten schmerzlos“.

Für Zirpins ging es günstig weiter. 1951 stellte das Land Niedersachsen ihn als Leiter des Landeskriminalamtes ein. Einer erfolgreichen Karrieren stand danach nichts mehr im Wege, nicht mal, dass Zirpins in Publikationen weiterhin Nazi-Kompatible Sprache benutzte. Wahrscheinlich hat es aber die alten Kameraden, die dies lasen, nicht gestört.

In den 60er Jahren hatte Zirpins nochmal einen großen Auftritt. Der Spiegel lancierte die Geschichte von Fritz Tobias über den Reichstagsbrand. Bis dahin war die gängige Meinung, die Nazis stünden hinter dem Brand. Tobias, mit Zirpins als Kronzeugen, schaffte es im Verein mit Spiegel und einigen Historikern die Alleintäterschaft von van der Lubbe als die „richtige Version“ zu etablieren. Heute muss der Reichstagsbrand als ungeklärt gelten, insbesondere nachdem die Fälschung von van der Lubbes Aussage durch Zirpins bekannt wurde.

Die Karriere von Zirpins lief ungestört weiter. Er selbst war einer der wichtigsten Protagonisten in den 50er Jahren das Märchen von der unpolitischen und sauberen Kripo zu etablieren. Darüber hinaus prägte sein Wirken die Nachkriegspolizei. Noch in den 80er Jahren fanden sich Zirpins Vorstellungen in Polizeilehrbüchern, darunter solche zynischen Passagen über die Kriminalität in der Nachkriegszeit. So sei die „Freilassung des größten Teils der strafgefangenen und sicherungsverwahrten Berufsverbrecher, Asozialen und kriminellen Landfahrer“ dafür verantwortlich. Das ist keine Analyse, sonder eine widerliche Rechtfertigung der eigenen Praxis diese Menschen ohne Urteil ins KZ zu sperren. In der Bundesrepublik wurde nie ein Verfahren gegen Walter Zirpins eröffnet. Nach seiner Pensionierung lebte er unbehelligt noch bis 1976 und war als Autor eines Standardwerkes über Wirtschaftskriminalität hoch angesehen.

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5 thoughts on “Deutsche Karrieren: Walter Zirpins

  1. Liebe Publikative,

    eure Reihe deutscher Karrieren ist wirklich sehr interessant und endlich werden einige der Mittäter bennant und die Behauptung, dass Deutschland ab 1945 entnazifiziert wurde, sehr schön widerlegt. Danke schön für eure Arbeit, macht weiter so.

    Liebe Grüße
    Kazimierz

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