Das Akademische Karussell: Verschwörerische Phantasiewelten

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um Verschwörungsmythen, die auch nach dem Boston-Marathon mal wieder verbreitet werden.

Von Samuel Salzborn

Die "Infokrieger-News" von Jens Blecker fragen: Cui bono?
Die „Infokrieger-News“ von Jens Blecker fragen: Cui bono?

Die Berichterstattung über die zwei Explosionen am Zieleinlauf des Boston-Marathons in amerikanischen und dann internationalen Medien war gerade erst wenige Minuten alt, da waren schon die ersten verschwörerischen Mythen in der Welt, wer hinter den Bomben stecken könnte – manipulierte Fotografien folgten postwendend. Sie zu zitieren oder zu verlinken, würde nicht nur den antiamerikanischen Verschwörungsphantasten unsinnigerweise eine Referenz erweisen, nein: auch kann jede/r mit Hilfe einer Suchmaschine diese Verschwörungsphantasien allein aufgrund ihrer (mit zunehmender Dauer in den nächsten Tagen gewiss weiter zunehmenden) Quantität leicht finden.

Es gehört quasi zur Normalität politischer Ereignisse, dass die Verschwörungsmythen fast so schnell produziert werden, wie die Ereignisse stattfinden – was mit der Logik der Verschwörung zu tun hat: Sie bedarf keiner Fakten, keiner Realität, keiner Wirklichkeit außer ihrer selbst, um zu funktionieren. Es bedarf stets nur eines Anlasses, nicht einer Ursache, damit Verschwörungsphantasien formuliert werden – denn ihre jeweils eigene hermetische Wahnwelt funktioniert in ihrer Struktur ganz unabhängig von der Wirklichkeit, da sie in keiner Weise an empirische oder historische Fakten gebunden ist, sondern lediglich mit einem Phantasieweltbild korrespondiert, das jederzeit reformulierbar, jederzeit reproduzierbar und damit auch jederzeit in Variationen abrufbar ist. Die Verschwörungsphantasie ist damit nicht nur eine mythische Konstruktion, sondern in ihrer Verdinglichung auch Ausdruck der Ambivalenz moderner Vergesellschaftung.

Kaum ein politisches Ereignis von internationaler Bedeutung bleibt frei von entsprechenden Verschwörungsmythen – mögen es so offensichtlich verrückte Ideen wie der Einfluss von außerirdischen Lebensformen auf die Weltpolitik sein oder auch die zahlreichen, bis ins minutiöse Detail ausphantasierten Wahnvorstellungen über die amerikanische Politik, insbesondere im Kontext mit dem internationalen Terrorismus. Kein Wahn scheint verrückt genug, um nicht Teil einer Verschwörungsphantasie werden zu können. Nun sind Verschwörungsphantasien als individuelle Phänomene, die sie immer auch sind, in ihrem Kern nur klinisch zu dechiffrieren (was freilich selten geschieht, weil im Unterschied zu einem Neurotiker, der im Alltag unter seinen Neurosen leidet, der Anhänger von Verschwörungsmythen seinen Wahnsinn zumeist gar nicht als Problem, sondern vielmehr als Lösung sieht und insofern den sinnvollerweise gebotenen Gang in eine psychotherapeutische Praxis im Regelfall nicht antreten wird), als soziales Phänomen aber sehr wohl kontextualisierbar, denn sie folgen alle derselben Logik: Verschwörungsmythen werden geglaubt, nicht obwohl, sondern weil sie erfunden sind und weil sie im Widerspruch zu allen Erkenntnissen stehen, die mit der Realität korrespondieren. Deshalb wird es auch nicht möglich sein, dem Anhänger einer Verschwörungsphantasie diese individuell zu widerlegen: er glaubt sie, weil sie irrational ist – und jeder Beleg dieser Irrationalität wird wieder in das Wahnweltbild des großen Verschwörungsglaubens integriert. Insofern sind Verschwörungsphantasien auch keine Theorien, weil sie Wirklichkeit nicht erklären oder verstehen wollen, sondern jene lediglich an ihre psychische Devianz anpassen möchten. Ihr Anspruch ist nicht theoretisch, sondern praktisch. Der Markt aber, der sich daraus für Verschwörungsliteratur und andere Merchandising-Produkte ergibt, ist gigantisch.

Nazi Dieter Riefling verdächtige, wie originell, den Mossad.
Nazi Dieter Riefling verdächtige, wie originell, den Mossad.

Es ist ein Markt des Wahnsinns, auf dem weltanschaulich alles feilgeboten wird, was nur die Bedingung erfüllt, keiner Realitätsprüfung standzuhalten. Es sind die Phantasien von einer regredierten Welt, der Traum von einem harmonischen und widerspruchsfreien Selbst, in dem alles nur einer Logik gehorcht, nämlich der eigenen – keine Widersprüche, keine Ambivalenzen, nur Identität. Sigmund Freud hat das begrifflich in der Unterscheidung von „materieller Realität“ und „psychischer Realität“ gefasst – die Verschwörungsphantasien als psychische Realität sind dabei nahezu hermetisch von der materiellen Realität abgekoppelt: als Wahnvorstellungen, die einer identitären und widerspruchsfreien Logik folgen, die nur in der Hermetik der Psyche funktioniert. Alles kreist um das narzisstische Selbst, das sich dem omnipotenten Größenwahn hemmungslos hingibt, aus sich selbst heraus die Welt zu deuten.

Nur, und das macht den aggressiven Zorn vieler Verschwörungsphantasien aus, dass die Welt sich fortwährend nicht so verhält, wie es der Verschwörungsanhänger gern hätte, dass ihm niemand glaubt, wo doch er – und nur er – es besser weiß, als alle anderen. Mir ist einmal bei einem Vortrag das zweifelhafte Vergnügen zuteil geworden, dass im Publikum zwei Personen saßen, die beide den Wahnsinn des Glaubens an die Fortexistenz des Deutschen Reiches bis in die Gegenwart miteinander teilten und beide der Auffassung waren, jeweils Reichsbürger des Deutschen Reiches zu sein – nur beide eines jeweils anderen. Wie selig sich beide nach der Veranstaltung in endlosen Redeschwallen austauschten in dem Glück, nun endlich jemanden gefunden zu haben, der demselben Wahn frönte, auch wenn er von einer anderen Sekte kam, lässt sich kaum in Worte fassen. Beiden war gemein, jeweils im anderen jemanden gefunden zu haben, der dieselbe Gabe hatte, den Gang der Welt vollständig erfasst zu haben; oder, von außen und jenseits des hermetisch geschlossenen Verschwörungsdenksystems formuliert: der genauso wahnsinnig war, wie der andere.

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Verschwörungsmythen sind dabei, das sollte nicht vergessen werden, ihrer Struktur nach Phantasien, infantile, regressive Phantasien, die – politisch gewendet und damit alles andere als ungefährlich – vor allem etwas über die Person sagen, die sie vertritt. Dass, was den Kern von Verschwörungsmythen ausmacht, sind die zumeist unbewussten und verdrängten, bisweilen aber auch bewussten Wünsche und Sehnsüchte, die man freilich nicht in einem individualpsychologischen Sinn konkretisieren könnte (dafür bedürfte es der Couch), die aber sozialpsychologisch Ausdruck eigener Wünsche nach Teilhaben und Teilwerden mit einer omnipotent phantasierten Macht sind. Die antisemitische Phantasie einer jüdischen Weltverschwörung ist vielleicht der deutlichste Ausdruck eines solchen Wahnweltbildes, von dem der Nationalsozialismus in barbarischer Weise gezeigt hat, dass es dem völkischen Ideal der Weltbeherrschung durch Vernichtung entsprang. Dass, was den Anderen im Verschwörungsmythos vorgeworfen und vorgehalten wird, ist das Eigene – die verdrängten und verleugneten Anteile des Selbst, die eigenen Wünsche, die zugleich als so monströs erfasst (aber eben dabei nicht begriffen) werden, dass sie – zunächst – nur in ihrer projektiven Form formuliert werden.

In den unzähligen Verschwörungsmythen können also die Wünsche und Phantasien derer gelesen werden, die an sie glauben – was sie noch bedrohlicher macht, als die alleinige Feststellung, dass diejenigen, die an sie glauben, offensichtlich verrückt sind. Denn es ist ein sozialer, kein individueller Wahn – ein soziales Wahnweltbild der Verschwörung, das auf den Wunsch der Allmacht und Omnipotenz verweist. Denn als verrückt gelten Verschwörungsanhänger nur so lange, wie sie in einer Welt leben, die sie als verrückt kenntlich zu machen imstande ist. Wenn der Wahn sich die Realität getreu seines Bildes zur Wirklichkeit entstellt, gilt der Verrückte nicht mehr als solcher, sondern als normal und gut angepasst. Das eine solche Normalitätsvorstellung ohne jede Frage eine ist, die sich auf barbarischen Vernichtungsphantasien und ihre praktische Umsetzung gründet, ist evident.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen.

Alle Beiträge von Samuel Salzborn.

7 thoughts on “Das Akademische Karussell: Verschwörerische Phantasiewelten

  1. „Es ist ein Markt des Wahnsinns, auf dem weltanschaulich alles feilgeboten wird, was nur die Bedingung erfüllt, keiner Realitätsprüfung standzuhalten.“
    Genau: ein Markt! Und wenn Autoren wie Mathias Bröckers bei zweitausendeins mit ihrem Buch über die 9/11-Ereignisse x Auflagen erleben und jahrelang (!) meistverkaufter Autor waren, dann sagt das vor allem auch aus, dass auch die sogenannten Intellektuellen (ode rgerade die?) fast schon verzweifelt nach Theorien suchen, mittels deren sie sich abgrenzen können. Nicht umsonst sind die allermeisten Verschwörungstheorien ja „anti-„Theorien.
    Man sollte man mal eine Verschwörungstheorie in die Welt setzen, die besagt, dass sich ganz lichte Gestalten verschworen haben, der Menschheit eine bessere, humanere, menschlichere Zukunft vorzubreiten! 😉

  2. Was wir aus diesen Artikel lernen:

    Verschwörungen gibt es nicht, hat es nie gegeben und der Glaube an sie ist prinzipiell unvernünftig und pathologisch.

    Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie die betont konsequente Ablehnung von etwas tendenziell verrückten selbst in den Wahn führen kann.

    Verschwörungen existieren aber tatsächlich und werden auch immer wieder ans Licht gebracht und zweifellos aufgeklärt. Gerade der Kalten Krieg war voll davon: Gladio, der BdJ, Propaganda Due, die Watergate-Affäre, etc. Das ist wahrscheinlich auch für den großen Erfolg der Verschwörungserzählungen in der Gegenwart mitverantwortlich.

    Wer versucht, sich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen, ohne sich mit Verschwörungen zu befassen, kann nur fehllaufen. Zwar dienen die meisten von ihnen zweifellos der Ideologie und nicht der Wahrheit. Aber ihr Erfolg kann nicht verstanden werden, wenn auf Differenzierung vollkommen verzeichtet wird.

    Den wahren Kern von etwas leugnen, um es dann als wahnsinnig abzulehen, ist keine intellektuelle Leistung.

  3. Noch nie was von Gladio und der Strategie der Spannung gehoert??

    Als ob es keine Verschwoerungen von Geheimdiensten und Teilen der Regierung gab und gibt.

    Man darf aus juristischer Sicht nicht vergessen das bei Staatsterror Indizien reichen muessen das ein Staat die Macht hat bei Polizei, Justiz usw eingreifen und Beweise vernichten wird. Logisch oder?

    Harte Beweise fuer solche Aktionen gibt es in den wenigsten Faellen.

    Auch in Italien beim Gladioskandal wurde nur ein Suendenbock verurteilt. Die Drahtzieher sind aber nachgewiesen die Nato und somit tragen die USA hier auch die Hauptverantwortung.

    Zur Info: Damals haben in Italien faschistische Gruppen in Zusammenarbeit mit Nato und Geheimdiensten Anschlaege ausgefuehrt um sie der radikalen Linken, den rotem Brigaden, anzuhaengen. Bei einem solchen Anschlag wurden in Bologna ueber 70 Menschen ermordet ’nur‘ um eine Linke Regierung zu verhindern.

  4. Vielen Dank für den Artikel. Sehr interessant. Ich finde allerdings die Idee Verschwörungstheorien zum sozialen Wahn zu erklären nicht besonders weitreichend. Verstellt man sich damit nicht den Blick auf die (diskursiven) Praktiken, die solche Weltvorstellungen begünstigen. Der Boden, auf dem solche Vorstellungen entstehen, wird fleißig beackert. Das von Menschen die man nicht unmittelbar in die pathologische Ecke stellen würde.
    Außerdem schürt man mit dieser Verbindung Ressentiments gegenüber psychischen Außnahmeerscheinungen. Das haben ‚echte‘ Kranke nicht verdient.
    Ich würde hier für eine eher konstruktivistische Sichtweise plädieren. Pathologisierung hat noch in den wenigsten Fällen geholfen.

  5. Nichts Neues: Es gab und gibt Menschen mit Verfolgungswahn. Es gab und gibt aber auch echte Verschwörungen – das muss dem Artikel ergänzend hingefügt werden.

    Das Wesen einer Verschwörung besteht darin, dass sie meist lange nicht (manchmal nie) als solche erkennbar ist. Die Verschwörung, die Caesar das Leben kostete, war da eine große Ausnahme: Nach gelungenem Mord sahen die Verschwörer keinen Grund mehr zur Geheimhaltung, denn sie fühlten sich im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit zu ihrem Anschlag berechtigt, sogar verpflichtet – vergleichbar den Attentätern des 20. Juli 1944, deren Verschwörung zum Tyrannenmord bekanntlich scheiterte und ebenfalls am Tattag aufgedeckt wurde, allerdings von der Gegenseite.

    Die meisten Verschwörungen scheuen jedoch das Licht der Öffentlichkeit und das Allgemeinwohl dürfte weder Ziel noch Nebenprodukt sein. Der alltägliche Lobbyismus von Konzernen und Interessenverbänden mag als Beispiel dienen, auch wenn seine Existenz eigentlich nicht Geheimes ist und er in Grenzen akzeptiert und nicht als Verschwörung im klassischen Sinne verstanden wird. Die konkrete Einflussnahme der Lobbyisten am konkreten Gesetz erfolgt dann aber umso diskreter, je mehr das Allgemeinwohl unter den Tisch fällt.

    Im Wettstreit um die besseren Argumente darf man vielleicht den Gegner mit der ungewöhnlicheren Wahrheits-Version durchaus mal als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnen, um die Unterschiede zu ihm herauszustreichen.
    Bevor man jedoch alle „Verschwörungstheoretiker“ generell als krank abstempelt, sollte man sich vor Augen halten, dass manchmal sogar ein vermutlich tatsächlich Kranker, psychisch Angeschlagener etc., echtes Wissen über eine echte Verschwörung haben kann. Aktuell ist der Fall Mollath in Bayern ein warnendes Beispiel eines voreiligen Für-Verrückt-Erklärens und Wegsperrens.

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