Deutsche Karrieren: Konrad Meyer

Konrad Meyer war in den 1950er und 1960er Jahren Professor für Raumplanung an der Universität Hannover. Sein Know-How erwarb er sich in den 1930ern. In diese Zeit fällt auch seine erste Karriere: Als Chefplaner für die Germanisierung Osteuropas entwarf er Siedlungspläne für Heinrich Himmler. Die Planungen des SS-Offiziers Meyer waren keineswegs harmlose akademische Spielereien, denn er setzte rassistische Neuordnungsfantasien wissenschaftlich um und schuf damit die Voraussetzungen des mörderischen Handelns.

Von Andreas Strippel

Der Generalplan Ost – ein Konglomerat von Plänen für die deutsche Besiedlung und Beherrschung Osteuropas – ist eng mit dem Namen Konrad Meyer verbunden. Meyer erstellte im Sommer 1942 eine erste Fassung dieses Plans. Er sah eine Neubesiedlung Osteuropas auf Grundlage der Rassenfantasien der SS vor. Beteiligt daran waren keine akademischen Außenseiter und skurrilen Ideologen, sondern junge, akademisch geschulte Experten, die eben auch stramme Nationalsozialisten waren. Für diese Männer waren akademische Rationalität und nationalsozialistische Weltanschauung keine Gegensätze. Ihr Einsatz war eine wesentliche Grundlage dafür, dass aus vagen und teilweise obskuren Rasseideen operationalisierbare Politik wurde. Die Siedlungsplanung unter den Vorzeichen einer „völkischen Neuordnung Europas“ bildete die Folie, auf der die deutschen Besatzer ihre Vertreibungs- und Mordpolitik entwickelten und durchführten.

Multifunktionär im NS-Staat

Konrad Meyer zählte zu jener Gruppe junger Männer, die im „Dritten Reich“ dank ihrer akademischen Bildung und ideologischen Linientreue schnell Karriere machten, sehr häufig  innerhalb der SS. Meyer, Jahrgang 1901, war studierter Agrarwissenschaftler und

Konrad Meyer-Hetling, in allierter Haft (Ohne Datum)
Konrad Meyer-Hetling  (Foto für den achten Nürnberger Nachfolgeprozess. Ohne Datum, APO 696-A, US Army. Public Relations Photo Section Office Chief Counsel for War Crimes)

Raumplaner. Seine wissenschaftliche und politische Prägung war typisch für die studentischen Milieus der 1920er-Jahre. Die Universitäten dieser Zeit waren von Antisemitismus und rechten antidemokratischen Gruppierungen wie Burschenschaften oder studentischen Verbindungen geprägt.  Meyer gehörte dazu. Er wurde im Februar 1932 Mitglied der NSDAP  und trat sogleich als Parteiredner auf, vor allem an der Universität Göttingen, wo er seit 1930 als Privatdozent tätig war. 1933 wurde er Mitglied der SS.

1933 kam die Karriere von Konrad Meyer ins Rollen. Parallel zu seiner universitären Karriere wurde er nach der Machtübernahme der Nazis ins Preußische Kulturministerium berufen, kurz darauf ins Reichserziehungsministerium. Als Referatsleiter war er u.a. für die Politisierung der Agrarwissenschaften verantwortlich. Politisierung heißt hier: völkische und rassistische „Blut und Boden“-Ideologie zur Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens zu machen. 1934 wurde er auf eine Professur an der Universität Jena berufen, im selben Jahr wechselt er ohne reguläres Berufungsverfahren auf eine Professur nach Berlin. 1935 werden auf seine Anregung hin alle landwirtschaftswissenschaftlichen Einrichtungen zusammengelegt. Meyer wurde Obmann dieses Forschungsdienstes. Ein Jahr später wurde er zum Vizepräsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) berufen. Die Förderungspraxis der DFG in der Raumplanung und Agrarwissenschaft verlief danach auch im Sinne Meyers. Zusätzlich leitete er von 1936 bis 1939 die „Arbeitsgemeinschaft für Raumforschung“. Damit war Meyer einer der neuen Multifunktionäre des NS-Staates, bei dem fachliches Know-how und politische Ausrichtung Hand in Hand gingen und die enorme Gestaltungsmacht und Geltungsdrang entfalteten.

Chefplaner von Heinrich Himmler

Mit Beginn des Kriegs machte Meyer schnell Karriere in der SS. Heinrich Himmler war mit der ethnischen Neuordnung Europas beauftragt worden, also mit der Ansiedlung von Deutschen und „Entfernung“ von so genannten Fremdvölkischen. Als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums baute Himmler ein SS-Imperium auf, das die Ansiedlung von sogenannten Volksdeutschen, Zwangsdeportationen und Mordpolitik ausführte. Meyer wurde von Himmler ins Stabshauptamt „Reichskommissar zur Festigung deutschen Volkstums“ – kurz RKF – berufen, dort leitete er die Hauptabteilung „Planung und Boden“. Bereits 1940 erstellte er in Kooperation mit dem Reichssicherheitshauptamt Pläne zur Besiedlung der annektierten polnischen Gebiete.

Mit dem Krieg systematisierte sich nicht nur die Politik zur Ermordung der europäischen Juden, auch die Siedlungsexperten verplanten die Räume, die erobert werden sollten. Das Schicksal der dort lebenden Menschen sah Meyer so:

„Wir müssen uns darüber im klaren sein, dass der Osten erst in dem Augenblick wirklich für alle Zeiten deutsch bleiben wird, in dem aus dem geschlossenen deutschen Siedlungsraum alles fremde Blut, das die einheitliche Geschlossenheit des grenzdeutschen Volkstums irgendwie gefährden könnte, restlos entfernt wird“

Im November 1941 fantasierte eine Denkschrift aus dem Stabshauptamt des RKF: „Der Kampf der Waffen um Eurasien ist entschieden; der Kampf des Blutes beginnt“. Was das bedeutete, wusste Meyer genau. In seinen Planungen tauchten Juden als Bevölkerungsgruppe gar nicht mehr auf. Ihre Ermordung war bereits mitgedacht.

Auch mit seinen Kollegen im RSHA hielt Meyer regen Kontakt. Dem Volkstumsplaner und Leiter der Abteilung Volkstum beim  Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, Dr. med. Hans Ehlich, ließ Meyer über Mitarbeiter mitteilen, dass er, Meyer, derjenige sei, der das Stabshauptamt auf „volkstumspolitischer“ Linie halte, also rassistische Elemente gegenüber wirtschaftlichen in den Vordergrund stelle. Die gigantomanische Planungen wurde zwar nie ganz umgesetzt, jedoch gab es Pilotprojekte wie im ostpolnischen Zamosc oder im ukrainischen Shitomir. Meyer besuchte die Orte auch selbst, wusste also, was seine Planungen für die nichtdeutsche Bevölkerung zu bedeuten hatten.

Ausstellung "Planung und Aufbau im Osten". Konrad Meyer mit NS-Größen (20.3.41)
Meyer (r.) führt NS-Größen durch die Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten. von links nach rechts: Rudolf Hess, Heinrich Himmler, Philipp Bouhler, Dr. Fritz Todt, Reinhard Heydrich am 20. März 1941 (Bundesarchiv, Bild 183-B01718 / CC-BY-SA)

Meyers Planungen zum Generalplan Ost, die ein zentraler Baustein der Gesamtsiedlungsplanung der SS waren, basierten dabei auf einer rassistischen Vorstellung von der Eindeutschung Osteuropas durch eine Förderung des deutschen Bauerntums, einer sogenannten Aufartung der Deutschen und „Entfernung“ der „Fremdvölkischen“.

Nach dem Krieg ist vor der zweiten Karriere

Nach dem Krieg wurde Meyer interniert und 1948 im achten Nürnberger Nachfolgeprozess, dem sogenannten Rasse- und Siedlungshauptamtsprozess, angeklagt. In diesem Prozess standen, bis auf die RSHA-Angehörigen, zentrale Akteure aus Himmlers RKF-Apparat vor Gericht. Meyer gelang es – auch mithilfe von Leumundszeugen – das Gericht zu überzeugen, er sei nur ein harmloser wissenschaftlicher Planer ohne Einfluss gewesen. Wozu laut der Historikerin Isabel Heinemann auch die „aseptische Nüchternheit“ von Konrad Meyers wissenschaftlicher Sprache beitrug. Er rechnete einfach die vertriebenen oder gar ermordeten Menschen aus den Planungen heraus, ohne sie weiter zu erwähnen. Dies erlaubte ihm „später, die von ihm verfassten oder in Auftrag gegebenen Planungen als rein theoretische Friedens- und Wiederaufbaupläne darzustellen, ohne jede Verbindung zur NS-Vernichtungspolitik“, wie Heinemann schreibt. Meyer wurde in den Anklagepunkten „Verbrechen gegen die Menschheit“ und „Kriegsverbrechen“ freigesprochen. Wegen „Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation“ verurteilte ihn das Gericht zu zwei Jahren und 10 Monaten Haft, die durch die Internierung abgegolten war. Meyer verließ den Gerichtssaal als freier Mann.

Nach der Haft nahm die zweite akademische Karriere des Konrad Meyer einen stotternden Start. Zunächst übernahm er die Leitung eines Saatzuchtbetriebes im niedersächsischen Einbeck. In den frühen 1950er-Jahren begann er bereits wieder, wissenschaftlich zu veröffentlichen. Ein Kollege, der Meyer aus seiner DFG-Tätigkeit in den Jahren vor 1945 verbunden war, ermöglichte ihm den Wiedereinstieg in die Universität. Heinrich Wiepking-Jürgensmann hatte in Hannover die Fakultät für „Gartenbau und Landeskultur“ aufgebaut und holte Meyer 1954 als Dozent an die Universität Hannover. 1956 erhielt er die neugeschaffene Professur für „Landbau und Landesplanung“.

In Hannover versammelten sich seit den 1950ern alte wissenschaftliche Seilschaften aus der Zeit des Nationalsozialismus, sodass Meyer im Kreise alter Kollegen unbehelligt von unschönen Fragen seine wissenschaftliche Laufbahn vorantreiben konnte. Inhaltlich transformierte er seine Planungstätigkeit ohne größere Probleme in die Regionalentwicklungsplanung und auch zu Fragen des Umweltschutzes. Seine Leidenschaft zur Großplanung erhielt durch die Schritte zur europäischen Einigung ein neues Betätigungsfeld. Darüber hinaus trat Meyer in Forschungsorganisationen auf und wurde wieder in der Politikberatung tätig. Die niedersächsische Landesregierung engagierte ihn 1966 als Landentwicklungsexperte.

Meyer emeritierte 1968. Individuelle Bedürfnisse der Menschen fanden in seinem Spätwerk durchaus Beachtung, während noch in den 1950ern das Volk als Bezugsgröße diente. In den 1960er-Jahren ist er wohl von den radikalen völkischen Vorstellungen abgerückt, die noch in den Nachkriegsjahren in seinem Werk zu finden sind. Jedoch kämpfte Meyer auf wissenschaftlicher Ebene weiter gegen „Verstädterung“ und „Vermassung“ an. Konrad Meyer verstarb 1973. Zu seiner Rolle als Chefplaner für die SS und Heinrich Himmler hat er sich nach dem Prozess 1948 nie wieder öffentlich geäußert.

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