Die Mehrheit als Opfer

Der Kampf gegen die politische Korrektheit, gegen „Zwangsgebühren“ und linke Meinungskartelle, gegen angebliche Denk- und Kritikverbote, gegen Frauenquote, Rechte für Schwule, nicht-diskriminierende Sprache und „Deutschenfeindlichkeit“ basiert auf einem gemeinsamen Hirngespinst: der Idee, die Mehrheit sei das Opfer von Minderheiten und „Gutmenschen“. 

Von Patrick Gensing

Von Kristina Schröder bis zur NPD ist immer wieder von der „Deutschenfeindlichkeit“ zu hören. Wissenschaftlich belegen lässt sich dieses angeblich flächendeckende Phänomen nicht – Schröders Berufung auf Experten wurde von diesen selbst als missbräuchliche Interpretation bezeichnet.

NPD und Konsorten agieren ähnlich, wenn sie Gewaltdelikte als „deutschenfeindlich“ verkaufen wollen. Dieses Vorgehen eröffnet mehrere Optionen: Es lässt sich von der rassistischen Gewalt gegen Minderheiten ablenken, man kann sich als Anwalt der schweigenden Mehrheit aufspielen – und versucht, politische Gegner zu diskreditieren, weil sie über das angebliche Phänomen nicht sprechen wollten.

Naive Deutsche, die geblendet werden …

Aktuell wird versucht, aus dem Tod des 25-jährigen Daniel S. politisches Kapital zu schlagen. S. war brutal zusammengetreten worden und starb an den Folgen des Gewaltverbrechens. In großen Zeitungen wurde darüber ausführlich berichtet, das jedoch wird einfach ausgeblendet  – ob unbewusst oder bewusst ist übrigens eine spannende Frage.  In der tagesschau beispielsweise wurde die Gewalttat aber nicht abgebildet, was PI-News und andere rassistische Seiten wiederum thematisierten. Ein Leser der Hetzseite schrieb die tagesschau an und erhielt die vollkommen nachvollziehbare Antwort:

So schrecklich die tödliche Prügelattacke auf den 25-jährigen Mann in Kirchweyhe auch war, die Tat hatte keinen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Der mutmaßliche Täter soll zwar türkische Wurzeln haben; nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat die Nationalität der Beteiligten aber keine Rolle gespielt.

Bei mehr als 1.500 vollendeten Tötungsdelikten pro Jahr müsste die tagesschau wohl rund um die Uhr senden, um diese alle zu berücksichtigen. Dennoch brachte die Antwort des zweiten Chefredakteurs von ard-aktuell den Online-Mob in Wallung – die „naiven Deutschen“, so hieß es, würden „weiterhin geblendet und getäuscht“. Kurzum: Man sei mal wieder das Opfer – dazu auch noch der tagesschau, die durch „Zwangsgebühren“ (man beachte den Unterschied zu freiwilligen Gebühren) „gemästet“ werde – und ohnehin zu den Lieblingsfeinden gehört.

Völkermord an Deutschen?

Auf der Achse des Guten veröffentlichte Bestsellerautor Akif Pirinçci einen Artikel, in dem er behauptet, es gebe „immer mehr“ „Bestialitäten“ von Jugendgruppen, zumeist Männer moslemischen Glaubens, an deutschen Männern. Diese angeblichen Killerkommandos schlügen in „immer kürzeren“ Abständen zu und führten sich wie Tiere auf:

Das Muster ist immer gleich. Eine Gruppe oder die herbeitelefonierte Kumpelschar umstellt das Opfer nach der Jagdstrategie von Wölfen, wobei die Delta- und Betatiere stets außen herum laufen und für das einschüchternde Jagdgeheul sorgen und das Alphatier nach und nach von der Beute Stücke abzubeißen beginnt, bis am Ende alle über sie herfallen und hinrichten.

Wurde Pirinçci nun von den Horden der politischen Korrektheit öffentlich gegrillt? Nein, kaum jemand kritisierte diesen Text, auf rechtsradikalen rassistischen Seiten wurde dieser hingegen gefeiert.

"Tabuthema" Integration: Der Spiegel im Jahr 1973: "Die Türken kommen - rette sich, wer kann."
„Tabuthema“ seit 40 Jahren: Der Spiegel titelte im Jahr 1973 „Die Türken kommen – rette sich, wer kann.“

Im Funkhaus Europa thematisierte als einer der wenigen Journalisten Jochen Grabler den AdG-Artikel und bilanzierte:

Es gibt einen neuen rassistischen Hassprediger unter den deutschen Intellektuellen. Einen Volksverhetzer, beseelt von Goebbelsscher Perfidie. Der nicht davor scheut, die Ausrottung der Deutschen zu beschwören, ganze Bevölkerungsgruppen zu potentiellen Völkermördern zu erklären, ihnen ihr Menschsein abzusprechen, die Demokratie nur noch der Verachtung preiszugeben und als letzte Lösung die Lynchjustiz vorzuschlagen.

Obwohl solche rassistischen Texte also kaum auf nennenswerten Widerspruch stoßen, inszenieren sich die Autoren gerne als mutige Tabubrecher. Auch Thilo Sarrazin und seine Anhänger sind Großmeister dieses Fachs, obgleich die wenig substantiellen Thesen des SPD-Politikers von Genen und Gemüsehändlern über die größten Zeitungen des Landes verbreitet und später in Tausenden Artikeln und Beiträgen wiedergekäut wurden. Auch Günter Grass, der zu den nordkoreanischen Atomdrohungen nichts zu sagen hat, spielte sich mit seinem antiisraelischen Gedicht als Tabubrecher auf.

 Das Straßenverkehrsordnung

Die großen Themen der Konservativen: Straßenverkehrsordnung und Selbstmitleid.
Die großen Themen der Konservativen: Straßenverkehrsordnung und Selbstmitleid.

Dieser Kniff ist weit verbreitet. Zuletzt packte ein Vorkämpfer gegen die   politische Korrektheit todesmutig das  ganz heiße Eisen neue Verkehrsschilder an. Jan Fleischhauer wehrte sich in seiner jüngsten Spiegel-Kolumne gegen den Verlust des Wortes „Fußgängerzone“ in der Straßenverkehrsordnung. Nun ist unbekannt, wie oft Fleischhauer und Konsorten die Verkehrsordnung zum Schmökern in die Hand nehmen, um sich am unverdorbenem Bürokratendeutsch zu erfreuen, doch eigentlich könnte man den Vorgang mit einem Schulterzucken quittieren. Nicht so Fleischhauer, sein Argument gegen geschlechtsneutrale Sprache lautet: „Der Käse hat genauso wenig Männliches wie die Wurst Weibliches.“

Nun ist die Straßenverkehrsordnung nicht für Lebensmittel aufgesetzt worden, sondern für Menschen, die Autos, Mofas oder Fahhräder fahren, aber was kümmert es Fleischhauer, der seine Kindheit „Unter Linken“ verbringen musste? Er stellt erschüttert fest, dass „der Feminismus“ nun Unterstützung von Verkehrsminister Ramsauer erhalte – ausgerechnet von einem Politiker, so Fleischhauer, der bislang „eher als Freund der Fernstraße und des Streusalzes“ galt – und dies seien „alles Dinge, die man in den aufgeklärten Kreisen eher skeptisch sieht“. Nun wurde auch der CSU-Politiker Opfer der politischen Korrektheit, des linken Zeitgeistes, noch einer weniger im Kampf der aufrechten Konservativen für …

Ja, wofür eigentlich? Für Streusalz und Fernstraßen? Für männlichen Käse und weibliche Wurst? Für die alte Version der Straßenverkehrsordnung? Für Nachrichten, in denen jedes Tötungsdelikt verlesen wird? Genau hier klafft die große Leerstelle. Worin besteht der Konservatismus solcher Leute wie Fleischhauer eigentlich?

„Haben wir schon immer so gemacht“

Opfer von "Zwangsgebühren": Deutsche.
Opfer von „Zwangsgebühren“: Deutsche.

Offenbar verbirgt sich hinter dem ständigen Lamentieren über den linken PC-Meinungsterror eine große Angst, sich zu eigenen Positionen zu bekennen. Die Chiffre konservativ bedeutet in diesem Kontext nur noch, an allem festzuhalten, egal, wie sinnlos es auch sein mag. „Haben wir schon immer so gemacht, muss also richtig sein“, so die Denkweise. Bei Frei.wild hat sich ein ganzer Kosmos darum gebildet: Um sich der eigenen Identität sicher zu sein, trotz der immensen inhaltlichen Leere, muss man sich abgrenzen – und zwar von allem, was irgendwie links ist. Das geschieht mal eher hilflos, wie bei Fleischhauers Käse; oft schrill, mal offen aggressiv wie bei vielen Anhängern von Frei.Wild oder auch der „Alternative für Deutschland“. Frei.wild hat es dabei geschafft, die Figur des tragischen Helden zum popkulturellen Rebellen weiterzuentwickeln.

Gegen Frauenquote, für Gesinnungsprüfung

Noch einmal zurück zu Kristina Schröder: Während die Ministerin vehement eine Frauenquote für große Unternehmen ablehnte, weil dies ein staatlicher Eingriff sei und Männer dann benachteiligt werden könnten, hat dieselbe Ministerin kein Problem damit, die Gesinnung von Bürgern, die sich für Demokratie und gegen Rechtsextremismus einsetzen, schriftlich überprüfen zu lassen.

So lange staatliche Eingriffe und Überprüfungen also im Interesse der guten Mehrheit eingesetzt werden, um sich gegen Minderheiten zu schützen, hier beispielsweise Gruppen, die man als linksradikal verdächtigt, werden diese als sinnvoll erachtet. Sobald es aber darum geht, Privilegien abzugeben, wie beispielsweise bei einer Frauenquote in Unternehmen, wird dies als unzulässig bezeichnet. Denn, merke, die Mehrheit ist das eigentliche Opfer. Belege? Fehlanzeige.

Siehe auch: Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele JudenWelche Chancen hat die Alternative für Deutschland?“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen OpferCSU-Hete klagt über trommelnde Schwulen-LobbyAufmarsch der Kämpfer gegen die GEZ-”Zwangsgebühren”

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