„Sind hier etwa Schwuchteln anwesend?“

Abstruse Theorien, homophobe Sprüche und ein Veranstalter, der die Anwesenden filmt und fotografiert. Ein Abend mit Christa Meves in Donaustauf. Sie gilt als Deutschlands führende Homophobe.

Von Mathias Roth, mit freundlicher Genehmigung von regensburg-digital übernommen

Nach einer rassistisch motivierten Unterschriftenliste gegen ein Asylbewerberheim und der geschichtsrevisionistischen Rede von Bürgermeister Jürgen Sommer am Volkstrauertag war dieses Mal das Katholische Pfarramt St. Michael in Donaustauf Kulisse für veraltete Ideologien.

Zusammen mit der „Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Regensburg“ hatte Pfarrer Erich Renner die „Psychagogin“ Christa Meves zum Vortrag geladen: „SOS – Die Familie retten, heißt Europa bewahren“ lautete die Botschaft, die es zu verbreiten galt.

So muss es laut Christa Meves sein- Die Mutter mit ihren Kindern. Foto: Roth

Für die Wahrheit zahlt man gern mal mehr…

Die konservativen Anhänger von Meves sind zahlreich. Und so füllt sich das Pfarrheim bis auf den letzten Platz. Insgesamt kommen über 120 Menschen, um ihr zu lauschen. Doch zuvor signiert die 88-Jährige noch persönlich ihre Bücher: Werke mit Titeln wie „Verführt. Manipuliert. Pervertiert: Die Gesellschaft in der Falle modischer Irrlehre“ und „Mütter heute: entwertet, beraubt, vergessen“ kommen beim geneigten Publikum an. In der Kasse landen mehrere hundert Euro Gewinn. Denn für die „Wahrheit“, sagt eine Frau mit fünf neuen Büchern, zahle man gerne mal mehr …

Einkaufstrubel am Büchertisch. Foto: Roth

Wahrheit – auch Christa Meves spart nicht mit diesem Begriff. Immer wieder betont sie in ihrem knapp einstündigen Vortrag, dass die Wahrheit auf der Seite der „Schere liegt, die für die Familie ist“. Die andere Seite dieser Schere seien jene gegen die Familie: die Ideologen. Diejenigen, die „vom bösen Geist erfasst sind, der nicht will, das die Bevölkerung aufwacht“.

Schwule: „Unnatürliche Konstrukte“

Doch wer ist das eigentlich – dieser „böse Geist“? Es sind, wie während des Vortrags und bei der anschließenden Diskussion zu erfahren ist, beispielsweise „die selbstbewussten Frauen, vor denen die jungen Männer Angst haben sie zu heiraten“. Es ist „das Gefühl von Autonomie bei den verselbstständigten Frauen, das sich negativ auf den ehelichen Zusammenhalt auswirkt und den Scheidungsboom heraufbeschworen hat“, beklagt Meves. „Pro Jahr werden in Deutschland jeweils 150.000 Kinder zu Scheidungswaisen.“

Filmte und fotografierte Anwesende: Thomas Albertin. Foto: Roth

Und Meves weiß genau, woher dieser Trend in Deutschland kommt: Mit der 68er-Generation habe eine Ära begonnen, mit der das „Volk mit relativen gesunden Familien und ohne Rauschgift – denn vor 1969 gab es noch kein Rauschgift in unserem Land“ bewusst von „Ideologen kaputt gemacht wurde“. So stammen aus dieser Zeit die Emanzipation der Frauen, das Gender Mainstreaming, von dem Meves weiß, dass es die „feste geschlechtliche Identität des Menschen abschaffen will“ und die Schwulen als „unnatürliche Konstrukte“, die die „gesunde Familie“ zerstören wollen.

Herr Albertin filmt und fotografiert

Dass nicht alle Zuhörerinnen und Zuhörer unkritisch an dieser „Wahrheit“ interessiert sind, bemerkt der Geschäftsführer der „Katholischen Erwachsenenbildung“ recht früh. Bereits vor der Veranstaltung filmt und fotografiert Thomas Albertin gezielt vermeintliche „Störer“. Beraten lässt er sich dabei von einem Neonazi aus dem Dunstkreis der NPD. Wahrscheinlich nichtsahnend.

Gegen drei junge Erwachsene, die am Anfang des Vortrags ein Transparent mit der Aufschrift „we hate homophobia“ entrollen, wird Albertin handgreiflich und bugsiert sie aus dem Pfarramt. Vorsorglich ruft er die Polizei, die ab diesem Zeitpunkt vor dem Pfarramt patrouilliert.

Tumultartige Szenen: Aktivistinnen entrollen ein Transparent im Pfarrheim. Albertin geht dazwischen. Foto: Roth

Spätestens nach dem zweiten Rauswurf eines jungen Mannes – er verneint Albertins Frage danach, ob ihm der Vortrag gefalle und fliegt daraufhin aus dem Saal – wird klar, dass hier nicht zimperlich mit Kritikern umgegangen wird.

Meves: Lügen und Erinnerungslücken

Auch Pfarrer Renner nutzt seine Moderatorenrolle, um KritikerInnen mundtot zu machen. Einem Journalisten, der Christa Meves auf ihre Lüge, dass sie nie für Leute in der rechten Szene referiert habe, anspricht, entzieht Renner das Wort. Positiven Stimmen für Meves werden mehrere Minuten Monolog eingeräumt. Kritische Beiträge werden mitten im Satz unterbrochen. Die so gestoppten Diskutanten dürfen sich nicht weiter beteiligen.

Würgte kritische Stimmen ab: Pfarrer Renner. Foto: Roth

Dennoch kommt der eine oder andere zu Wort. „Das, was Frau Meves sagt, ist für viele im Saal hart an der Grenze des Erträglichen“, so ein älterer Herr. Ein anderer meint: „Das, was hier gesagt wird, kann man als Demokrat nur schwer ertragen.“

Als ein junger Mann bei Meves nachfragt, weshalb ein homosexuelles Pärchen keine „gesunde Familie“ sein könne, schreit eine Frau aus den vorderen Reihen: „Sind hier etwa Schwuchteln anwesend?“. Meves überhört dies und kann sich plötzlich nicht mehr an ihre These von gleichgeschlechtlichen Lebensformen als „unnatürliche“ Konstrukte erinnern: „Wo habe ich denn etwas über Homosexuelle in dem Vortrag gesagt?“. Thomas Albertin fotografiert unterdessen den Fragesteller. Pfarrer Renner unterbindet weitere Nachfragen.

Von diesem Abend nehmen viele etwas mit …

Nach knapp eineinhalb Stunden spricht der Pfarrer das Abschiedswort. Die Dinge seien „komplex“. Es brauche „Hintergrundinfos“. „Darum ist es schwer, auf alle Fälle einzugehen.“ Dennoch sei es, so Renner, „gelungen, auf alle Fragen und Ansichten einzugehen und etwas mitzunehmen“.

Eine Polizeistreife musste vor dem Pfarramt Wache schieben. Foto: Roth

In der Tat werden viele von diesem Abend im Katholischen Pfarramt Donaustauf etwas mitnehmen: Die Anhängerinnen und Anhänger von Christa Meves viele neue Bücher und die „Wahrheit“. Die Polizisten vor der Tür die Frage, weshalb sie ein katholisches Pfarramt überwachen mussten. Die Kritiker von Meves die Einsicht, dass eben nicht jede Kritik erwünscht ist. Und natürlich Frau Meves selbst. Sie kann sich über einen gefüllten Geldbeutel freuen sowie über ein reines Gewissen, die „Wahrheit“ gegen „die Schere der Ideologen“ und Universitäten, die Medien und wohl allgemein gegen die Grundpfeiler einer humanistischen Moderne verteidigt zu haben.

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Siehe auch:  Schwulenfeindliche Ärzte auf Katholikentag“Made in Papa + Maman”: Frankreichs Kämpfer gegen die Ehe für alle Deutscher, Deutscher Islamhass in Schweizer Zeitungen,  Alle Artikel zu Sexismus und Homophobie

9 thoughts on “„Sind hier etwa Schwuchteln anwesend?“

  1. Wie können Menschen so hasserfüllt sein? Willkommen im neuen Jahrtausend; wo Nazis immer noch ihrer gewaltverherrlichenden Selbstjustiz nachgehen und trotz der „Stasi 2.0“-Regierung ungestört im Lande umherziehen und morden während der Durchschnittbürger in seiner Meinungs- und Informationsfreiheit verblödet und von seinen „Volksvertretern“ regelrecht verarscht und ausgenommen wird.
    Extremismusbekämpfung wo es wenige gibt, die Courage zeigen und wegschauen wo eine immer aggressivere Gruppierung die Gemeindeninfiltriert.
    Ein Land wo die reichsten 10% 90% des Gesamtkapitals verwalten, noch nie in der Geschichte Deutschlands war die Klassengesellschaft deutlicher zuerkennen als heute.
    Die Ungerechtigkeit wird dazu ausgenutzt den Menschen mal wieder einen Sündenbock aufzubinden, dem sie alles in die Schuhe schieben können, nach oben buckeln, nach unten treten. Einfach ekelig. Homosexualität ist meiner Ansicht genauso legitim wie Nationalität und Hautfarbe, wer seine Argumentation auf solche menschlichen Eigenschaften stützt hat einfach nur Komplexe.
    Christina Meves wurde es wohl nicht vergönnt mal eine Beziehung mit dem selben Geschlecht zuführen. Was für ein verbitterter Mensch, naja, lange hat sie hoffentlich nicht mehr um so einen Scheiss von sich zugeben!

  2. „beispielsweise „die selbstbewussten Frauen, vor denen die jungen Männer Angst haben sie zu heiraten“.“

    das mag ja nicht die richtige stelle für sowas sein, aber falls eine_r von euch ultra-kulturkonservativen katholiban hier mitliest: eine andere als eine selbstbewusste frau – wie meine derzeitige freundin – zu heiraten, fiele mir im traum nicht ein. also, wenn mensch schon heiraten muss.

  3. Fällt den Fans der Frau Meves nicht die Ironie auf, dass die Dame die da gegen selbstbewusste Frauen hetzt, selbst eine Frau ist und wenig Demut zeigt? Damit befindet sich Meves in einer hässlichen Tradition erfolgreicher Frauen die das Bild der unterwürfigen Vollzeit-Gebärmaschine am Herd propagierten wie Eva Hermann, Barbara Pease, Jutta Rüdiger, Gertrud Scholtz-Klink, Johanna Haarer oder Magda Trott. Man fühlt sich eben nicht mehr so unterdrückt, wenn man mit den Unterdrückern gemeinsame Sache macht.

  4. Typischer total verkrusteter Erzkonservatismus ! Genau diese ewiggestrigen Moralansichten der Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, sind es nämlich, die für massenhafte Kirchenaustritte sorgen. Es zeigt uns einmal mehr, dass das Christentum nicht mit Kritik umgehen kann. Im Mittelalter endete Kritik an der Kirche nicht selten auf dem Scheiterhaufen. Vergessen wir nicht, dass das dunkelste Kapitel der Kirchengeschichte mit Blut geschrieben wurde, obwohl es im 5.Gebot Gottes heißt : „Du sollst nicht töten“ !!
    Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes ! Auch „Schwule und Lesben“ ! Auch emanzipierte und selbstbewusste Frauen ! Das ist nunmal Teil der menschlichen Evolution. Wir Menschen entwickeln uns weiter. Wer sich unterdrücken lässt ist selbst schuld.

    Beste Grüße

  5. Da Christa Meves von seriösen Wissenschaftlern nicht ernst genommen wird, muß sie sich
    eine Zielgruppe suchen, bei der sie ihre kruden und frauenfeindlichen Parolen anbringen
    kann. Sie scheut sich dabei auch nicht, am äußersten rechten Rand zu fischen.
    Wer sich z.B. bei Wikipedia nähere Auskünfte über diese „Dame“ einholen will, dem
    werden die Haare zu Berge stehen. Da steht u.a. „Durch meine Arbeit für Führer, Volk
    und Vaterland habe ich in pincto Psychologie mehr gelernt, als auf der Universität.
    Mir ist schleierhaft, wie die KEB Regensburg-Land, die ansonsten ein sehr aufgeschlos-
    senes Programm hat, diese Person einladen konnte.

  6. „Junge Männer, die vor selbstbewussten Frauen Angst haben“ sollten sich wahrscheinlich nach Missis Meves Weltbild besser gar nicht fortpflanzen…

  7. Der Pfarrer sieht aus wie eine kleine, ganz, ganz gefährliche „Schwuchtel“!

    Zitat Pfr. Renner: Dennoch sei es, so Renner, „gelungen, auf alle Fragen und Ansichten einzugehen und etwas mitzunehmen.“
    ‚Etwas mitnehmen‘ kann bei einem solchem Abend doch nur heißen: erkennen, dass auch Theologen unchristlich sein können, dass studierte Menschen (Meves) himmelschreiend irrational sein können, dass jeder Extremismus irgendwelche Unterstützer*innen hat – und dass man, als normal denkender, normal fühlender Mensch dieses ganze Pack eben, mehr oder weniger achzelzuckend, hinnehmen muss. Gedanken-,Rede- und Meinungsfreiheit. Aber ausspucken könnte man schon.

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