Randale beim Schweinske-Cup: Einig uneinig

Mehr als ein Jahr nach den Krawallen mit Dutzenden Verletzten beim Hamburger Schweinske-Cup hat eine Arbeitsgruppe ihren Abschlussbericht vorgelegt. Vertreter des FC St. Pauli, des HSV und der Polizei sowie der Innenbehörde verabschiedeten das Papier einstimmig. Dies war aber offenkundig nur möglich, weil der Einsatz der Polizei bei der Bewertung ausgeklammert wurde. 

Von Patrick Gensing

St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei
St. Pauli-Block beim Schweinske-Cup vor dem Angriff der Lübecker und dem Einsatz der Polizei

Welche Versäumnisse führten zur Eskalation beim Hallenturnier in Hamburg im Januar 2012? Was können die Beteiligten in Zukunft besser machen? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe, die die Geschehnisse beim Schweinske-Cup aufarbeiten und beurteilen soll.

Ziel sei es gewesen, sagte der Leiter des Hamburger Landessportamts, Thomas Beyer, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe, also Vertreter der Vereine, der Fanprojekte und der Polizei, sollen auch künftig auf „Augenhöhe“ kommunizieren. Man wolle den Blick nach vorne richten und eine neue Gesprächskultur etablieren. Die Treffen der Arbeitsgruppe seien in positiver und konstruktiver Atmosphäre verlaufen, betonte Beyer, auch wenn es anfangs greifbare Spannungen gegeben habe.

Polizeimaßnahmen ausgeklammert

Diese Spannungen, das lässt sich aus dem Abschlussbericht herauslesen, entzündeten sich offenkundig vor allem an dem Vorgehen der Polizei, das weiterhin viele Fragen aufwirft. So habe es bereits beim Einlass Probleme gegeben, als Lübecker Fans ohne Karten in die Halle eindringen wollten. Polizei und Veranstalter hätten dies als „übliches Problem“ beschrieben, so Beyer. Umso erstaunlicher, dass die Polizei dennoch Pfefferspray einsetzte, wobei Ordner verletzt wurden. Über die Zahl der Betroffenen herrschte Unklarheit, Beyer nannte eine Zahl von bis zu zehn Ordnern, die später in der Halle fehlten.

In dem Bericht wird hervorgehoben, dass man einzelne polizeitaktische Maßnahmen nicht bewerten wolle. Somit wurde ein zentraler Kritikpunkt einfach ausgeklammert, immerhin wurden beim Schweinske-Cup Dutzende Menschen – vor allem vollkommen unbeteiligte Personen, verletzt, als die Polizei in der Halle ein weiteres Mal Pfefferspray einsetzte. Diese Maßnahme verteidigte die Polizei in der Arbeitsgruppe als richtig, weil nicht-beteiligte Zuschauer dadurch geschützt werden sollten. Eine wenig überzeugende Begründung, immerhin wurde das Reizgas in großen Teilen der  Halle verteilt und führte teilweise zu panikartigen Zuständen – und wie erwähnt zu vielen Verletzten, darunter sowohl Kinder als auch Ordner und wohl auch Polizisten.

Aus dem Archiv: Schweinske-Cup: Experte wirft Polizei Versagen vor

Fehlende Transparenz

Nach welchen Kriterien die Polizei wann welche Maßnahmen ergreift, bleibt dabei komplett im Dunkeln, da der polizeiliche Einsatz „grundsätzlich stufig“ erfolge. Die Palette beginnt bei erhöhter Präsenz, wird dann durch „gefahrenabwehrende Maßnahmen“ wie Platzverweise erweitert, es folgen als „intensivste Reaktion“ strafverfolgende Maßnahmen, wie beispielsweise vorübergehende Festnahmen. Die Stufigkeit hängt von der polizeilichen Bewertung ab – und daraus folgen auch die „erforderlichen“ Zwangsmittel, wie beispielsweise der Einsatz von Pfefferspray. Das heißt: Die Polizei schätzt die Situation selbst ein und daraus folgen die angeblich erforderlichen Zwangsmittel. Dass Pfefferspray in einer geschlossenen Halle mit einem veralteten Belüftungssystem möglicherweise nicht das geeignete Mittel sein könnte, wird einfach nicht thematisiert.

Pfefferspray
Pfefferspray-Einsatz aus nächster Nähe in einer engen Wohnstraße in Hamburg St. Pauli am 10. November 2012.

Während die Polizei also behauptet, der Einsatz von Pfefferspray mit zahlreichen Verletzten sei gerechtfertigt – und dies sogar bei „üblichen Problemen“ wie beim Einlass, hielt sie sich an anderer Stelle deutlich zurück. So betonte die Polizei in der Arbeitsgruppe, die sich möglicherweise anbahnenden Ausschreitungen in der Halle, nämlich als Fans des VfB Lübeck, die bereits am Eingang randaliert hatten, sich in Richtung St. Pauli-Fanblock bewegten, hätten kein Eingreifen legitimiert. Auch im Zusammenhang mit einem Bannerklau durch Lübecker-Fans seien polizeiliche Maßnahmen „nicht zulässig“ gewesen. Erst als es anschließend zu Schlägereien kam, habe die Polizei eingreifen können.

Wenn man sich anschaut, mit welchen Begründungen ansonsten Maßnahmen zur Gefahrenabwehr legitimiert werden sollen, erscheinen die Angaben der Polizei zumindest überraschend. Trotz Angriffe auf Ordner, trotz offenen Provokationen und sogar dem Klau einer Fahne, eigentlich eine Straftat, sei ein Eingreifen nicht zulässig gewesen. Schuld an der anschließenden Eskalation sei, heißt es in dem Bericht weiter, die Fehlplanung beim Sicherheitskonzept gewesen. Der schwarze Peter wird hier und in anderen Abschnitten in dem Bericht vor allem dem Veranstalter zugeschoben, der an der Arbeitsgruppe gar nicht beteiligt war.

Unklarheiten über Stadionverbote

Einig waren sich aber alle Teilnehmer, dass die mediale Darstellung der St. Pauli-Fans als pauschal gewalttätig falsch sei. Die Provokationen gingen eindeutig von Fans des VfB Lübeck aus. Zudem führte Landessportsamtleiter Beyer aus, die Arbeitsgruppe habe sich einhellig beim DFB dafür ausgesprochen, die nach dem Turnier gegen mehrere St. Pauli-Fans verhängten Stadionverbote wieder aufzuheben.

Wie aus gut informierten Kreisen zu erfahren war, hatte der FC St. Pauli dem gemeinsamen Abschlussbericht angeblich nur zugestimmt, um die Aufhebung der Stadionverbote zu erreichen. Doch dieses Vorhaben scheiterte schließlich. Zwar waren Polizei und Vereine für die Aufhebung,  doch der DFB lehnte dies aber offenbar ab.

Mittlerweile (04. April 2013) teilte der FC St. Pauli mit: „Mit Zustimmung der Hamburger Polizei konnte mit dem Deutschen Fußball Bund vereinbart werden, dass ein Teil der nach dem Schweinske-Cup verhängten Stadionverbote rechtzeitig vor dem letzten Heimspiel der laufenden Saison vorzeitig (eigentlich hätten sie auch in der kommenden Saison Gültigkeit gehabt) zur Bewährung ausgesetzt werden, da sich die zugrunde gelegten Taten in der Gesamtbetrachtung der Ereignisse anders bewerten ließen, als noch vor einem Jahr.“

Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)
Fans des FC Sankt Pauli (Foto: Papenburger / CC BY-NC 2.0)

Deeskalation als Standortvorteil

In Hamburg wollen die Vereine und Fanprojekte sowie die Polizei derweil neue Wege gehen und  Veranstaltungen auf die Beine stellen, bei denen beispielsweise über Fanszenen, die Fanprojekte, Gewalt sowie dem Sinn des staatlichen Gewaltmonopols diskutiert werden soll. Für den Erfolg solcher Veranstaltungen sowie einer weiteren verbindlichen Kommunikation sei aber, dass alle Beteiligten weiterhin offen miteinander umgehen.

Der Bericht der Arbeitsgruppe soll Ende April im Innenausschuss der Hansestadt thematisiert werden. Dann wird es auch um die Empfehlung gehen, eine weitere Arbeitsgruppe einzurichten, in der die Beteiligten weitere Ideen entwickeln sollen, um Hamburg als Bundesligastandort zu profilieren – und zwar als einen Standort, wo aktiv und gemeinsam an einer Strategie der Deeskalation gearbeitet werde. Ein sinnvolles Ziel.

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