Deutsche Karrieren: Martin Sandberger

Martin Sandberger ist keiner der großen Namen des Nationalsozialismus und doch steht er beispielhaft dafür, wie sich die jungen bürgerlichen Eliten zum Rückgrat des NS-Staates und seiner Mordpolitik entwickelten. Als Teil einer jungen und aufstrebenden Generation machte er im NS-Karriere und führt nach kurzer Haft als verurteilter Kriegsverbrecher eine bürgerliche Existenz in der Bundesrepublik.

Von Andreas Strippel

Martin Sandberger stammt aus bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater kam aus dem Württembergischen und machte als leitender Angestellter bei der IG Farben in Berlin Karriere. Dort wurde Sandberg am 17. August 1911 geboren, er wuchs in der Hauptstadt  und in Tübingen auf. Sandberger studiert an den Universitäten München, Köln, Freiburg und Tübingen Jura. Das Studium schloss er 1933 mit einer Doktorarbeit ab. Er wurde mit dem Thema „Die Sozialversicherung im nationalsozialistischen Staat: Grundsätzliches zur Streitfrage: Versicherung oder Versorgung?“ und der in Jura seltenen Note „sehr gut“ promoviert. Bereits zwei Jahre zuvor trat er im Alter von 20 Jahren der NSDAP bei.

Karriere vor dem Zweiten Weltkrieg

Martin Sandberger im Jahr 1948 (Quelle: US-Army)
Martin Sandberger im Jahr 1948 (Quelle: US-Army)

Sandberger machte schnell Karriere im Nationalsozialismus. Bereits vor 1933 war Sandberger in der SA und an der Hochschule aktiv. Im August 1933 begann seine Tätigkeit für die Reichsleitung der Deutschen Studentenschaft und für den Nationalsozialistischen Deutschen Studenten Bund, von 1934 an arbeitete er für das Hochschulreferat der SA. In dieser Zeit lernt der die SS-Offiziere Gustav Adolf Scheel und Reinhard Höhn kennen, die Sandberger zunächst zu einer ehrenamtlichen Mitarbeit im Sicherheitsdienst (SD) der SS bewegen konnten. Scheel war dafür bekannt, dass er viele junge Akademiker protegierte, darunter so bekannte Namen wie Hanns Martin Schleyer.

1935 übernahm Scheel die Leitung des SD Abschnitts Südwest, förderte ihn weiter mit Referenzen. Gleichzeitig vollendete Sandberger sein Referendariat unter anderem bei Carlo Schmid, was ihm nach dem Krieg nutzen sollte. Am 1. Januar 1936 begann Sandberger als hauptamtlicher Mitarbeiter beim SD, verfolgte jedoch immer noch halbtags die Beamtenlaufbahn. Sandberger bekam exzellente Bewertungen von seinen Vorgesetzten. Schell beurteilte ihn so: „scharfe Logik und zu allem zu gebrauchen“.

Bewusste Entscheidung für das rassistische Weltbild

Sandberger war Angehöriger einer jungen akademisch gebildeten Gruppe, die das Führungskorps des SD und später des Reichsicherheitshauptamts (RSHA) bildeten. Viele von ihnen kamen aus bürgerlichen Familien, aber sie ließen die klassische Bürgerlichkeit auch hinter sich. Menschen wie Sandberger ging es bei ihrem Engagement für den Nationalsozialismus nicht nur um einen schnöden Machtwechsel. Sie waren diejenigen, die vor Ort den Umgestaltungswillen aufbrachten, um neue Verhältnisse zu schaffen.

Michael Wildt, der Autor der Standardwerkes zum RSHA fasste es in einem Vortrag so zusammen: „Nicht Bürger wollten diese jungen akademischen Aktivisten sein, sondern Führer, nicht Gewählte, sondern Erwählte, natürliche Elite.“ Deswegen waren Mensch wie Sandberger auch so sehr gut dafür geeignet nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an der „Neuordnung Europas“ mitzuarbeiten. Sandberger war eben keine verkrachte Existenz, der nur innerhalb der SS etwas werden konnte, sondern er entschied sich bewusst für eine Karriere in der politischen Verwaltung, für die Politik, für das rassistische Weltbild.

Von der ethnischen Neuordnung zum Massenmord

Mit dem Krieg änderten sich auch die Betätigungsfelder des SD. Neben der Gegnerbekämpfung trat die so genannte Volkstumspolitik in den Vordergrund, also das, was Hitler als die ethnische Neuordnung Europas bezeichnete. Im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes kam es zu Umsiedlungen von Deutschen aus dem sowjetisch kontrollierten Osteuropa in das deutsch kontrollierte Westpolen. Dies fand unter der Kontrolle von Heinrich Himmlers SS statt – und Sandberger wurde Chef der neu geschaffenen Einwanderzentralstelle in Lodz, eine Behörde, in der SS und staatliche Dienststelle anhand der Kategorien Rasse, Volk und Arbeit sowohl die Einbürgerung feststellten als auch festlegten, ob die neuen Deutschen „rassisch wertvoll“ genug waren, um die annektierten Ostgebiete zu besiedeln. Darüber hinaus war Sandberger mit seiner Behörde auch an der Zwangsgermanisierung von Slowenen beteiligt, die dann ins Deutsche Reich verschleppt wurden und faktisch Zwangsarbeit leisteten.

Organisationsstruktur der Schutzstaffel und der Polizei im Deutschen Reich 1941
Organisationsstruktur der Schutzstaffel und der Polizei im Deutschen Reich 1941

Kurz vor dem Krieg gegen die Sowjetunion wurde Sandberger als Leiter des Sonderkommandos 1a zur Einsatzgruppe A versetzt, hielt aber zunächst den Kontakt zu seiner alten Dienststelle. Hatte sich Sandberger in seiner vorherigen Position bisher nur vehement für die Deportation von Juden eingesetzt, um so genannte Volksdeutsche anzusiedeln, so war er nun direkt für die Ermordung der baltischen – genauer der estnischen – Juden verantwortlich. In dieser Funktion blieb er auch bis 1943 in Estland als Kommandeur der Sicherheitspolizei, danach wechselte er wieder ins RSHA nach Berlin.

Massenmord – zur Neugestaltung Europas

Sandberger war verantwortlich für die Ermordung der Juden in Estland und die Verfolgung der Kommunisten, die auch oftmals in Mord mündete. Ebenso trieb er die mörderische Verfolgung von „Zigeunern“ und „Asozialen“ energisch voran. Für Sandberger war dies gar nicht so verscheiden von seiner Tätigkeit bei der Umsiedlung, denn beides bedeutet die radikale ethnographische Um- und Neugestaltung. Er warb von seiner alten Dienststelle Personal ab und machte diesen den Dienst damit schmackhaft, dass man auch eine volkstumspolitische wichtige Aufgabe habe und das Selektions-Know-how auch im Baltikum gebraucht würde.

Zwangsdeportationen, Umsiedlung und Mord waren für Sandberger nur Instrumente, die er für das große Ziel, die Neugestaltung Europas, benutze. Bei Sandberger zeigt sich auch auf dieser Ebene wie stark er sich mit dem völkisch-rassistischen Programm des Nationalsozialismus identifizierte.

Aus Todesstrafe werden einige Jahre Haft…

Sandberger wurde als Befehlshaber einer Mordeinheit 1947 vor Gericht gestellt. Er war einer der 24 Angeklagten im so genannten Einsatzgruppenprozess, in dem kommandierende Offiziere der Einsatzgruppen des Mordes angeklagt wurden. Das Verfahren endete ohne Freisprüche, gegen Sandberger erging eines der insgesamt 14 Todesurteile des Prozesses. Er wurde wegen des Mordes an über 5000 estnischen Juden zum Tode verurteilt. Im Januar 1951 änderte Hochkommissar der USA für Deutschland, John McCloy, die Strafe in lebenslänglich um. Sandberger verbüßte seine Haft mit den anderen Verurteilten in der Festung Landsberg.

Die Kampagne zur Freilassung der Kriegsverbrecher hatte in den fünfziger Jahren Erfolg. Der Kalte Krieg hatte die Prioritäten der West-Alliierten verschoben und ein loyaler westdeutscher Staat gehörte dazu. Die Freilassungen der Kriegsverbrecher war auch eine Art Appeasement-Politik gegenüber dem neuen Verbündeten, die in den USA von der antikommunisten Lobby aggressiv voran getrieben wurde. Diese sorgte dafür, dass Präsident Truman der Fall vorgelegt wurde. Sandberger wurde von seinen US-Unterstützern als normaler Armee-Offizier dargestellt.

Prominente Fürsprecher

Auch in Deutschland bemühte man sich um sein Freilassung. Sandbergers Familie verfügte über ausgezeichnete Kontakte. Sanderbergers Vater wandte sich an den Bundespräsidenten Theodor Heuss. Die Familien waren sich bekannt und auch Heuss stand einer vorzeitigen Haftentlassung nicht entgegen. Wichtig für Sandberger war, das sich Carlo Schmid für ihn verwendete. Der SPD-Politiker und Vizepräsident des Deutschen Bundestages kümmerte sich bereits seit 1949 um Sandberger. Schmid führte an, Sandberger sei kein Fanatiker gewesen und wäre ohne die Machtübernahme der Nazis ein ordentlicher Beamter geworden. Außerdem behauptet Schmid, Sandberger habe sich für ihn bei der Gestapo eingesetzt.

Schmid verkannte vollkommen die Rolle, die Sandberger im Nationalsozialismus gespielt hatte. Für Menschen wie Schmid waren die Nazis niederträchtige und prügelnde SA-Schergen. Die Vorstellung, dass einer aus gutem Hause mit Intellekt und Manieren einer von denen war, war Schmid fremd. Dennoch wurden die Anträge auf Entlassung des Massenmörders Sandberger zunächst abgelehnt. Im Mai 1958 wurde Sandberger jedoch entlassen.

Lebensabend in Stuttgart

Sandberger arbeitete danach als Justiziar einer Unternehmensgruppe im Württembergischen. Seien Vergangenheit holte ihn jedoch regelmäßig ein. Bis in die siebziger Jahre lud die Staatsanwaltschaft ihn mehrfach zur Vernehmung vor. In einigen Prozessen sagte er als Zeuge aus. Sandbergers Verurteilung in Nürnberg schütze ihn jetzt vor neuer Strafverfolgung, da keine neue Dokumente seiner Tätigkeit in Estland auftauchten.

Für seine Verbrechen in der Zwangsgermanisierung und der Umsiedlungspolitik als Leiter der Einwandererzentralstelle wurde Sandberger, wie das gesamte Personal dieser Dienststelle, niemals angeklagt. Sandberger verstarb im März 2010 in Stuttgart.

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4 thoughts on “Deutsche Karrieren: Martin Sandberger

  1. Der gute Mann wird seine Haftzeit und die folgenden Vernehmungen als Zumutung haben, schließlich war er nur ein kleiner Landser…äh…Verwaltungsbeamter, der nur Befehle ausgeführt hat.

    Dem guten Mann muss Gerechtigkeit geschehen. Am besten durch eine fiktionale Schönfärbung im ÖR-Rundfunk. Finanziert mit der Zwangsabgabe.

  2. vielen dank für den gelungenen artikel. leider ist die schrift in der übersicht zur organisationsstruktur bei mir nicht lesbar. stelle ich mich zu blöd an, oder ist sie eifach unscharf?

    Anm.d.Red.:
    Sie haben Recht. Wir haben das Bild nochmal in höherer Auflösung hochgeladen. Wenn Sie jetzt durch Klicken die volle Größe öffnen, ist es lesber.
    MhG
    Redaktion Publikative.org

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