Polen empört über „Unsere Mütter, unsere Väter“

Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left - the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Während in Deutschland die Zufriedenheit über den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) dominiert, ist der Film in Polen massiv kritisiert worden.  Das Werk sei antipolnisch, die Darstellung des Widerstands als Räuber und wahre Antisemiten falsch.

Von Patrick Gensing

Der Journalist und ehemalige Berlin-Korrespondent Bartosz T. Wieliński schreibt für die größte polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Auf seinem Blog widmet er sich vor allem der deutschen Politik, Gesellschaft und Geschichte. Im Gespräch mit Publikative.org wird deutlich, dass Wieliński an seinem bisherigen Urteil über Deutschland zweifelt.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung - auf Kosten der Polen?
Deutsche Vergangenheitsbewältigung – auf Kosten der Polen?

„Das deutsche Fernsehen hat bisher keinen guten Kriegsfilm gedreht“, betont Wieliński. Er habe fast alle gesehen, sie seien nur seichte Unterhaltung, bei der die Kriegsgeschichte den Hintergrund stellt. Auch UMUV hat sich Wieliński angeschaut – und er ist entsetzt: „Die dargestellte polnische Heimatarmee (AK) wurde wegen des Antisemitismus und Bereitschaft, die Juden zu ermorden, mit der SS gleichgestellt. Das ist völlig falsch!“ Es habe zwar Zwischenfälle gegeben, doch diese seien nicht die Regel gewesen, betont Wieliński.

„Deutsche Publizisten schweigen“

Er vermutete, dass dem Autor des Drehbuchs „ein bisschen historisches Wissen“ fehle. Der Journalist bedauerte, dass die Zuschauer in Deutschland das verlogene Bild des polnischen Widerstands so einfach angenommen hätten. „Deutsche Publizisten, die gerne über polnische Überempfindlichkeit gegenüber der Geschichte sprachen, schweigen dazu“, stellte Wieliński fest. Tatsächlich war es Andrej Reisin auf Publikative.org vorbehalten, die verzerrte Darstellung des polnischen Widerstands als fanatische Judenmörder zu thematisieren.

Lange Jahre war es in Deutschland sehr wichtig, die Beziehungen zu Polen sorgsam zu pflegen. Der Film UMUV reißt hier einiges wieder ein. „In Polen wird der Film als ein Beweis betrachtet, dass die Deutschen ihre Geschichte verfälschen wollen“, sagt Wieliński. Viele Polen hätten den Eindruck, die Deutschen wollten die Schuld für den Judenmord von sich schieben. Wieliński hofft, dass dies aber falsch sei, dass es sich nicht um die meisten Deutschen, sondern lediglich um ein paar historisch wenig gebildete Filmleute handele.

„Anti-polnischer Film“

Das Magazin wPolityce  kritisierte am 21. März, dass UMUV erst im Jahr 1941 beginne, also zwei Jahre nach dem Überfall auf Polen. Es werde so getan, als sei bislang nichts passiert.  Der polnische Widerstand werde als Ansammlung von extremen Antisemiten und Räubern dargestellt. Prof. Zdzislaw Krasnodębski, Soziologe an der Uni Bremen, bezeichnet den dritten Teil des Films in einem Interview mit wPolityce als „anti-polnisch“. So sei es beispielsweise auch wenig wahrscheinlich, dass polnische Bauern unter der deutschen Besatzung bewaffnet gewesen seien, so wie es in UMUV dargestellt wurde. Die Deutschen seien durch den Krieg und das System zu Antisemiten geworden, suggeriere der Film, die Polen hingegen die echten Antisemiten – der Hass kommt aus ihnen.

UMUV sei eine Entfremdung von den Nazis, stellt Krasnodębski heraus: Die Deutschen wollten sich als Nachfahren der dargestellten jungen Leute, den fünf Freunden, fühlen, die vom System und dem Krieg radikalisiert worden seien, also selbst Opfer seien, und nicht der Nazis, die immer die anderen seien.

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Die Kritik aus Polen könnte den in Deutschland selbst ausgehandelten Frieden mit den eigenen Müttern und Vätern noch einmal empfindlich stören, da die wahren Opfer der Nazis wenig begeistert darüber sind, nun von Deutschen als eigentliche Antisemiten dargestellt zu werden.

*Bldbeschreibungen zum Bild oben: Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left – the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Siehe auch: “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer

42 thoughts on “Polen empört über „Unsere Mütter, unsere Väter“

  1. Ich finde, Herr Wielinski sollte seiner Vernunft einige Betriebsamkeit gestatten. Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema, hätte er sicherlich die gesellschaftlichen Implikationen, die der deutsche Vorwurf der „polnischen Überempfindlichkeit“ transportiert, in einen anderen Kontext gestellt. Mit Sicherheit dachte er nicht daran, wie leicht wir als Deutsche bereit sind, verlogene Bilder über andere zu akzeptieren.
    Schließlich hat ja schon mal einer irgendwo folgendes festgestellt:
    „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“. Schlechte Lügner müssen sich dann halt mit Export & Autos über Wasser halten.

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