Ein Toter bei Polizeiübung gegen Fußball-Randale

In Berlin sind bei einer Großübung der Bundespolizei zwei Hubschrauber kollidiert und abgestürzt. Ein Mensch kam ums Leben, mindestens vier wurden schwer verletzt, weitere Personen leicht. Die Polizei wollte einen Einsatz am Olympiastadion gegen Fußballhooligans mit Pyrotechnik proben.

Von Redaktion Publikative.org

Das Berliner Olympiastadion (Foto nach CC-Lizenz: Nikolai Schwerg)
Das Berliner Olympiastadion (Foto nach CC-Lizenz: Nikolai Schwerg)

Im Zuge der Sicherheitsdebatten wurden immer neue Schreckensszenarien entworfen, was die Bedrohung durch gewalttätige Fußballfans angeht. Insbesondere Hardliner wie Rainer Wendt und andere Vertreter der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) warnen in diesem Zusammenhang immer wieder mit großem populistischen Eifer davor, wenn die angebliche „Gewaleskalation“ so weitergehe, werde „es irgendwann Tote geben“.

Nun hat allerdings der Sicherheitswahn tatsächlich ein Menschenleben gekostet: Bei einer Großübung der Bundespolizei in Berlin stürzten zwei Hubschrauber ab. Mehrere Personen wurden verletzt, mindestens vier davon schwer – und ein Pilot kam laut Medienberichten ums Leben. 400 Beamte waren bei der Übung im Einsatz, einige sollten gewaltbereite Fußballfans mimen, auch Pyrotechnkik sollte zum Einsatz kommen. Zu dem Spektakel hatten Landes- und Bundespolizei zahlreiche Pressevertreter geladen.

Die Bilanz des Unglücks fiele natürlich noch viel drastischer aus, wenn bei realen Fußballspielen mit Zehntausenden Besuchern Hubschrauber aufs Stadionvorfeld stürzen würden. Abgesehen davon, dass es ohnehin fragwürdig erscheint, gegen eine angeblich gewalttätige Gruppe von Fußballfans mit mehreren Hubschraubern zu operieren. Genau wie durch den Polizeieinsatz von Pfefferspray bereits Tausende Menschen verletzt wurden, obwohl dieses Mittel vor Gewalt schützen soll, erscheint der Einsatz von Hubschraubern über vollbesuchten Stadien – angesichts der realen Gefahr durch gewalttätige Fußballfans versus der Risiken bei einem Absturz – vollkommen unverhältnismäßig.

Der verunglückte Pilot ist somit das erste Todesopfer im Zusammenhang mit der Sicherheit von Fußballspielen in Deutschland seit mehr als 20 Jahren.  1990 hatten Polizisten den Fan des BFC Dynamo, Mike Polley, in Leipzig unter zum Teil ungeklärten Umständen erschossen. Man darf gespannt sein, ob dieser tragische aktuelle Unglücksfall bei den Verantwortlichen und den professionellen Warnern vor einer Eskalation für ein Umdenken im Hinblick auf die eigene Verhältnismäßigkeit der Mittel sorgt. Zu befürchten ist allerdings, dass dies nicht der Fall sein wird.

Nachtrag:

Auf Geschmacklosigkeiten bitten wir dringend zu verzichten. Ein Mensch ist tot, da gibt es nicht den geringsten Anlass für Applaus.

Having said that: Wir empfinden eine derartige Berichterstattung keinesfalls als geschmacklos. Die Geschmacklosigkeit liegt viel mehr auf Seiten der Herren Wendt & Co., die durch ihre maßlos überzogenen Gefahrenprognosen erst Szenarien schaffen, in denen man eine solche Übung mit 400 Beamten als Medienspekatakel inszeniert, um die vermeintliche Notwendigkeit der eigenen Maßnahmen zu demonstrieren. Nur, damit man am nächsten Tag wieder zahlreiche „So gefährlich sind …“-Bilder und Berichte goutieren kann. Die PR- und Lobby-Abteilungen der Sicherheitsbehörden tragen hier die Verantwortung, genau wie Medien, die das Abbilden dieser PR mit Journalismus verwechseln.

Auch ohne die „genauen Umstände“ zu kennen, ist unser Standpunkt, dass kein Mensch in diesem Land einen deratigen von der Allgemeinheit finanzierten Kokolores braucht. Umso tragischer, dass dieser Wahn nun seinerseits Tote und Verletzte fordert. Wir sehen es in der Tat als journalistische Aufgabe, genau hier den Finger in die Wunde zu legen.

Denn stattdessen würden uns auf Anhieb ein Dutzend wichtigerer polizeilicher Aufgaben einfallen, für die die Millionen, die für solche Inszenierungen rausgeschmissen werden, dringender und besser verwenden werden könnten. An erster Stelle seien hier die Prävention und Strafverfolgung bei sexueller Ausbeutung, Belästigung, Diskriminierung und Gewalt genannt – als ein Beispiel eines gesellschaftlichen „Missstandes“, der Tag für Tag mehr Opfer fordert als alle Fußballspiele der letzten 10 Jahre zusammen.

Siehe auch: Sächsischer Innenminister greift Dynamo-Fans an, Aussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegs, Ganzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollen,Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen Gewalt, DFL-Sicherheitspapier: St. Pauli beantragt Verschiebung, Wenn Fußball zur Nebensache wird: 1860-Fans demonstrieren gegen Polizeigewalt, Großzügiger Einsatz von Pfefferspray, Fangipfel in Berlin: Die Abschlusserklärung

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