„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90

Der Publizist Ralph Giordano wird heute 90 Jahre alt. Der Shoa-Überlebende, Autor von 23 Büchern und Dokumentarfilmer hat ein bewegtes Leben hinter sich – so manche Kontroverse säumte seinen Lebensweg. Wir gratulieren und werfen einen Blick zurück auf 90 Jahre Ralph Giordano.

von Roland Kaufhold, mit freundlicher Genehmigung der Jüdischen Allgemeinen

„Es dauerte geraume Zeit, bis Roman Bertini das Loch in der Mauer passiert hatte. Er entzündete eine Kerze und stellte sie an das obere Ende seines Lagers. Dann nahm er die Waffe aus der rechten Hosentasche, legte die Pistole neben die Menora, rückte das Buch Schau heimwärts, Engel von den Manuskripten, holte unter dem Umschlagdeckel sein silbergraues Notizbuch mit dem Goldschnitt hervor und schrieb da hinein: `Wir sind befreit.`“ Ralph Giordano war zweiundzwanzig Jahre alt, als er am 4. Mai 1945, dem Tode näher als dem Leben, nach einem mehrjährigen Überlebenskampf aus seinem Versteck, einem dunklen Loch einer Ruine, in Hamburg kroch. Dass er noch lebte, gemeinsam mit seiner verehrten jiddischen Mutter Lea, vermochte er selbst kaum zu glauben. Zweiundfünfzig Jahre später formuliert er in seinen „Erinnerungen eines Davongekommenen“: „Ich ging nicht, ich schwebte; ich atmete nicht, ich trank die Luft wie Nektar. (…) Freiheit, Freiheit! Und das vor allem Freiheit von Angst. Wenn ich heute, im neunten Lebensjahrzehnt, morgens die Augen aufschlage, frage ich mich immer noch verwundert und ungläubig: `Bist du wirklich da? Hast du das wirklich überstanden?´“ (2007, S. 247)

1985, beim Erscheinen der Bertinis, war Ralph Giordano, der am 20. März 1923 in Hamburg geborene jüdische Publizist und Filmemacher, eine öffentliche Person. Er symbolisierte mit seiner Vita als Überlebender, als einer der ganz wenigen jüdischen Publizisten, die „dennoch“ in Deutschland geblieben waren, die existentielle Notwendigkeit des Erinnerns. 1942, in der Phase der Verfolgung, hatte er das Buch bereits geplant, sich versprochen. Und doch hatte er vierzig Jahre gebraucht, um seine literarische Familiensaga Die Bertinis ­– die Dokumentation des Wunders seines Überlebens – zu verfassen. Die Bertinis wird sein bedeutsamstes Werk bleiben, neben seinen Erinnerungen eines Davongekommenen (2007). Heinrich Böll bezeichnete es als „ein Buch der Empfindsamkeit“: „es ist voller Weh, hat keinen Platz für Wehwehchen“. Diese Beschreibung sagte Giordano zu; in seinen Erinnerungen eines Davongekommenen (2007, S. 410) zitierte er sie zustimmend. 1988 wurde das knapp achthundertseitige Werk als fünfteilige Fernsehserie ausgestrahlt. Ein Kreis hatte sich für Ralph Giordano geschlossen – und zugleich begann mit diesem Werk „die Ära der Lesereisen“ (ebda.): Nun trat Giordano, der Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland ist, auch als Schriftsteller öffentlich auf. Er hatte lange gebraucht, sich dies zuzugestehen.

Publizistische Anfänge

Ralph Giordano, als Sohn eines Pianisten und einer jüdischen Klavierlehrerin in Hamburg aufgewachsen, überlebte die Jahre der Verfolgung. Er hatte unglaubliches Glück. Bereits als 20-jähriger übernahm er eine lebensrettende Verantwortung für seine Familie. Kurz nach dem Krieg wurde er Journalist, publizierte von Anfang an und bis heute für die Jüdische Allgemeine, für die TRIBÜNE bald auch für den NDR und den WDR.

Einem Millionenpublikum bekannt wurde er durch seine über dreißig Bücher, vor allem jedoch durch seine Fernsehdokumentationen: 1961 erhielt der 38-jährige einen Anruf, er solle sich in einem NDR-Fernsehstudio einfinden. Es gäbe ein Projekt, bei dem er mitwirken könne. Seinen ungläubigen Hinweis, dass er mit diesem Medium keinerlei Erfahrungen habe, wischte der Redakteur lapidar hinweg: So sei es ihnen allen ergangen. Siebenundzwanzig Jahre lang, bis 1988, produzierte Giordano für den NDR und, ab 1964, für den WDR hundert dramatische, aufklärend konstruierte Fernsehdokumentation aus zwölf europäischen und fünfundzwanzig asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern, dokumentiert in dem Band An den Brandherden der Welt (1984). Ein treuer Kollege war ihm hierbei der Kameramann Jossi Kaufmann. Für die ältere Generation eine Erinnerungsreise. Einige Titel: Heia Safari Die Legende von der deutschen Kolonialidylle in Afrika (1966), Hunger Herausforderung auf Leben und Tod (1968), Der perfekte Mord Wie die Nazirichter freigesprochen wurden (1988) prägten zwei Generationen. Sein 45minütiger Dokumentarfilm Die armenische Frage existiert nicht mehr Tragödie eines Volkes (1986), in dem er an den Völkermord an den Armeniern erinnert, löste Hunderte von erschütterten Leserbriefen aus, brachte ihm jedoch auch zahlreiche Morddrohungen ein. Selbst die Schnittarbeiten im Studio hatten nur unter Polizeischutz stattfinden können. Ralph Giordano, dessen Adresse und Telefonnummer stets im öffentlichen Telefonbuch zu finden war, musste erneut um sein Leben fürchten. Sehr konkret. Von Kollegen erhielt er nachhaltige Unterstützung. Der zuständige Abteilungsleiter Gerd Ruge beließ es bei der Auftragserteilung bei dem lapidar-knochigen, nuscheligen Kommentar „`Ja, mach das doch!´ – einer der souveränsten Kommentare, mit denen ich je auf Drehreise geschickt worden bin.“ (1984, S. 208).

 Bücher, Bücher

Anmerkungen über einige seiner Bücher, die in ihrer Summe ein Millionenpublikum erreichten: Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein (1987) ist seine bekannteste Auseinandersetzung über das Fortleben des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik. Keine der Unzahl von Publikationen zu diesem Thema der letzten 25 Jahre vermag ohne auf einen Verweis auf Giordanos Werk auszukommen. Er schreibt über die „zweite Schuld“, die aus der Unfähigkeit und Unwilligkeit breiter Bevölkerungsteile erwachsen ist, die nationalsozialistischen Verbrechen aufrichtig anzuerkennen. Die Unwilligkeit, den Opfern Gerechtigkeit, Entschädigung zukommen zu lassen. 1989 folgte Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. 1991 legte er mit Israel, um Himmels willen, Israel eine berührende, vorzüglich geschriebene Rundreise durch Israels Geschichte und Bevölkerung vor. Zugleich ist es eine sehr persönliche, leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Ort seiner Liebe, seiner brennenden Sorge: Israel. Es gehört in den Bücherschrank jedes an Israel Interessierten.

Im Dezember 1967 hatte Ralph Giordano Israel erstmals besucht. 2007 fällt es ihm in seinen Erinnerungen  immer noch schwer, seine seinerzeitigen komplexen Empfindungen in Worte zu fassen: „Ich betrete den Boden des Judenstaates mit Gefühlen, die ich nur schwer beschreiben kann. (…) Es hatte in diesen neunzehn Jahren (seid der Staatsgründung, RK) keinen Tag gegeben, an dem ich nicht daran gedacht, an dem ich nicht um Israel gebangt, mich nicht mit ihm gefreut oder getrauert hätte. Israel – das schwamm mir im Blut mit, war ständige Gegenwart, es öffnete mich.“ (2007, S. 353)

1990 reiste er endlich für sechs Monate nach Israel. Aufgrund seiner Klaustrophobie – eine Spätfolge seines Überlebenskampfes im Hamburger Versteck – vermochte Giordano seit einigen Jahren nicht mehr zu fliegen. So fuhr er von Köln aus mit seinem alten Ford los, nach Bari, dann mit dem Schiff über Patras bis nach Haifa. Sechs Monate lang dokumentierte er die landschaftliche Schönheit, die politische Konfliktlage, führte einen leidenschaftlichen Kampf für die Unteilbarkeit der Humanitas. Und: Er fand, durch Zufall, ein Adoptivkind – ein zwölfjähriges palästinensisches Mädchen. Der familiäre Kontakt ist geblieben, bis heute.

Israel blieb der Ort seiner leidenschaftlichen Liebe. So verwundert es nicht, dass er in der Aprilausgabe 2007 der Jüdischen Allgemeinen auf die Frage: „Wenn Sie Deutschland den Rücken gekehrt hätten, wo wären Sie hingegangen?“, spontan entgegnete: „ Nach Israel! Deutschland ist zwar mein kulturelles Vaterland, aber der jüdische Staat mein Mutterland. Israel ist meine Liebe, meine Sehnsucht, meine Sorge und meine Kritik, aber diese Kritik ist in meine Liebe zu und Sorge um Israel eingehüllt. Im Nahostkonflikt gibt es keine einseitigen Schuldzuweisungen! Und: Israel ist in diesem Konflikt der weitaus bedrohteste Teil. Ich gestehe: Mein Herz bebt und zittert oft genug um dieses Mutterland.“

Israel, seinen Bürgern gegenüber, fühlte er sich verbunden, verpflichtet – zeitlebens. Im Januar 2007 erinnert Giordano in einem Nachruf an Teddy Kollek, Jerusalems legendären Bürgermeister von 1965-1993. Kollek, in Wien aufgewachsen, hatte ihm eine komfortable Unterkunft im Gästehaus Jerusalems angeboten, für seine Recherchen. Vor allem jedoch hatte er ihm die Türen zu prominenten Gesprächspartnern geöffnet. Giordano fühlt sich mit Teddy Kollek tief verbunden: „So oft wir uns auch gesprochen und geschrieben haben, ich habe diese Stunden, in denen ich Dich ganz allein hatte, nie vergessen. Und erst recht nicht Deinen Satz beim Abschied, der wohl bis zuletzt galt: „Immer, wenn ich Kinder sehe, muss ich an die umgekommenen jüdischen Kinder denken. (…) Es ist auch mein Reflex, Teddy – so lang ich leben werde“ (Jüdische Allgemeine 1/2007).

Weitere Bücher dieses kreativen, streitbaren Publizisten: Die Reden- und Aufsatzsammlung „Ich bin angenagelt an dieses Land“ (1992) umfasst eine Sammlung von Essays aus den Jahren 1988-1992. Zugleich ist sie eine Dokumentation seiner ungebremsten, lebenslang anhaltenden außergewöhnlichen Schaffenskraft. Es finden sich hierin Würdigungen des von ihm höchst geschätzten Carl Ossietzky, des ehemaligen Kommunisten Alfred Kantorowicz und des zwangsweise nach Köln übergesiedelten Lew Kopelew. Dieser hat es ihm angetan mit seinem ungebrochenen Engagement, trotz seiner Ausweisung aus der Sowjetunion. Vor allem aber berührt ihn Kopelews Schrift Aufbewahren für alle Zeit.  Hierin findet sich die Szene, als sich Kopelew, entgegen der Anordnung seiner Vorgesetzten weigerte, sich an Gräueltaten gegenüber seinen Feinden zu beteiligen. Wegen „Mitleids mit dem Feind“ wurde er zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Giordano hebt hervor: „Ich habe diese Seiten wieder und wieder gelesen. Zwölf Jahre unter Hitler rasseverfolgt, kannte ich das Problem der Selbstjustiz an den Peinigern von gestern nur zu genau, nach der Befreiung. Immer wieder habe ich mich beim Lesen jener Passagen aus Aufbewahren für alle Zeit gefragt, was ich damals gemacht hätte.“ Ihm imponiert die „dichte Menschlichkeit“, die er zwischen Raissa und Lew Kopelew erlebt, in deren Kölner Wohnung.

Es findet sich hierin auch sein stolzes Bekenntnis „Ich bin und bleibe Hamburger“, welches er an seinem 65. Geburtstag eben dort verkündete: Seine Kinder- und Jugendzeit im Hamburger Versteck bleibt prägend für ihn, trotz seines heute knapp fünfzigjährigen Wirkens in Köln. Der WDR hatte ihm unvergleichliche Arbeitsmöglichkeiten als Fernsehdokumentarist ermöglicht. Dennoch: „Herzklopfen immer wieder, bei jeder neuen Ankunft hier, bei jedem abermaligen Anblick Hamburgs (…) Herzklopfen bis zum Halse!“ (S. 121)

Und doch ist diesem emsigen, produktiven Publizisten irgendwann, inmitten von Filmaufnahmen, einmal die Sprache ausgegangen, im wörtlichen Sinne – als er den Bereich „jenseits der Sprache“ betrat: Mitte der 1990er Jahre, bei einem Besuch des über Siebzigjährigen in Auschwitz. Diese Konfrontation mit dem Ort der modernen Hölle ließ ihn verstummen:

„Auf der Rückreise nach Deutschland bin ich (…) quer durch Polen nach Auschwitz gefahren, mit kurzem Aufenthalt in Krakau. Ich habe das Stammlager aufgesucht und das Vernichtungslager. Habe die Schienen angefasst, die gesprengten Krematorien und Gaskammern und habe meine Gedanken und meine Gefühle auf Band gesprochen. (…) Als ich nach Hause kam, den Text abgeschrieben hatte und beginnen wollte, darüber zu berichten, konnte ich es nicht. Und so ist es bis heute geblieben und wird es bleiben. Ich habe von meinem Gang über die Erde von Auschwitz nichts schreiben können, kein Wort, keine Silbe. Ähnliches ist mir nie passiert, weder vorher noch nachher. Auschwitz hatte mich stumm gemacht“ (2007, S. 477).

 Auszeichnungen

© CC BY-SA 3.0, MMH
Ralph Giordano im März 2008, © CC BY-SA 3.0, MMH

Es findet sich auch viel Dankbarkeit in diesem Werk, Dankbarkeit für das eigene Überleben, aber auch für die nicht wenigen Auszeichnungen und Ehrungen, die er empfangen hat. „Aber du hast doch gar kein Abitur!“ ist seine Dankesrede für die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Gesamthochschule Kassel im Jahr 1990 überschrieben – jene Gesamthochschule, die auch Hans Keilson und Ernst Federn in vergleichbarer Weise auszeichnete. Der Sechsundsiebzigjährige erinnert sich an „Freunde, Helfer, Lebensretter“ – und spürt doch immer wieder die Fragilität seines seelischen Abwehrsystems: „Die Erinnerungen daran werden durch keine Zeit geheilt, im Gegenteil. Je weiter sich jene zwölf Jahre entfernen, desto greller werden die Bilder von damals, desto peinigender“ (S. 196). Er bleibt ein Überlebender, mit der damit verbundenen Last, aber auch einem Gefühl der Verpflichtung. Und er wiederholt auch bei dieser Feierstunde sein immer wieder formuliertes Credo: „Ich bin geblieben, weil die Täter geblieben sind und weiter gewirkt haben, auch darum bin ich geblieben – ich wäre mir wie ein Deserteur vorgekommen, wenn ich gegangen wäre.“ (S. 198).

Wenig verändert hat sich in den letzten zwanzig Jahren. 1991 schreibt Giordano in der TRIBÜNE eine umfangreiche Abhandlung über die „Nahost-Pathologie der Felicia Langer“, betitelt mit „Ihr Feind heißt – Israel“. Als wäre es im Jahre 2012 geschrieben formuliert er: Die selbsternannte ‚Patriotin‘ hat ihren Feind längst ausgemacht und sich, offenbar unlösbar, an ihm festgebissen Israel (…..) Von allen Unerträglichkeiten dieser Biographie ist die Selbstgerechtigkeit die unerträglichste“ (S. 228).

Und noch ein Feld heftigster Auseinandersetzungen, die Ralph Giordano immer wieder ausgetragen hat, findet sich in diesem bunten Sammelband: Wieder Deutschlands trauerunfähige Linke!, publiziert 1992 im Spiegel. Nach der Befreiung, von 1946 bis 1957, also bis zu seinem vierunddreißigsten Lebensjahr gehörte Giordano der KPD an. Elf Jahre lang glaubte er an die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus, vertraute er dem antifaschistischen Credo. Mit ungläubigem Staunen hatte er erleben müssen, wie sich ehemalige Verfolgte, ehemalige Opfer, in einfühlungslose stalinistische Täter verwandelten. 1955 war er sogar für neun Monate in die DDR übergesiedelt, kehrte danach jedoch desillusioniert nach Hamburg zurück. Erst nach dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahr 1956 hatte er jegliche Hoffnung aufgegeben, dass sich diese vom Stalinismus lösen werde.1961 publizierte er seine Abrechnung mit dem Stalinismus in Die Partei hat immer recht. Energisch wendet er sich gegen jegliche Versuche, die totalitäre Vergangenheit der DDR „nostalgisch zu verklären und zu rechtfertigen“ (S. 317). Unterstützung fand er hierbei vor allem in seinem Freund Wolfgang Leonhard.

Der verbaler Heißsporn Giordano wählt angesichts der von der deutschen Regierung offensichtlich geduldeten Giftgaslieferungen an Saddam Hussein deutliche Worte: „Helmut Kohl selbst, der Dreisteste der Dreisten“ (S.237) Wenig später, im Januar 1992, formuliert er einen offenen Brief an Helmut Kohl, überschrieben mit „Und Auschwitz, Herr Bundeskanzler – Ausschwitz?“ (S. 271ff.) Dieses Thema vertiefte Giordano in seinem mit heißer Feder verfassten Werk  Wird Deutschland wieder gefährlich? Mein Brief an Kanzler KohlUrsachen und Folgen (1993). Die Streitschrift löste heftigste Kontroversen aus. Nach den Mordanschlägen von Hoyerswerda, Solingen und Mölln, nachdem ihn brieflich die 221. Morddrohung erreicht hatte, rief er öffentlich zur Gegenwehr auf. Sein fulminantes Werk wurde viel rezipiert, eine öffentlichkeitswirksame Intervention, die eine breite gesellschaftliche Diskussion auslöste. Zurückgenommen, bedauert hat er seine deutlichen Worte niemals. Sie blieben für ihn lebensnotwendig.

 Vehemente Kritik am Kölner Moscheebau

Im Jahr 2007 eröffnete sich für den Schoah-Überlebenden Giordano – vielleicht im Rückblick betrachtet zu seiner eigenen Überraschung – ein neues Streitfeld, in welchem er in kürzester Zeit zu einer Symbolfigur avancierte: Der Kölner Moscheebau. Über Jahrzehnte hinweg hatten sich moslemische Gläubige in Köln in diversen „Hinterhofmoscheen“ getroffen, nahezu unbemerkt von der deutschsprechenden Mehrheitsgesellschaft. Im Jahr 2007 hatten sich alle im Kölner Stadtrat vertretenen Parteien – mit Ausnahme der mit fünf Sitzen im Kölner Stadtrat vertretenen Rechtsradikalen – für den Bau einer großen Moschee im „Arbeiterstadtteil“ Ehrenfeld ausgesprochen. Insbesondere der ehemalige Oberbürgermeister Fritz Schramma positionierte sich, zur Überraschung Vieler, in volkstümlich-kölschem Dialekt anfangs als ein überzeugter Anhänger eines Moscheebaus. Betreiber der geplanten Moschee ist die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.), diese ist dem türkischen „Präsidium für Religionsangelegenheiten“ kurz DIYANET, zu- bzw. untergeordnet. Aufgabe der DITIB ist es, sich um die Religionsangelegenheiten der Türken im Ausland zu kümmern. Sie ist, dies sollte nicht unerwähnt bleiben (s.u.), politisch-religiös immer so wie die jeweilige Regierung in der Türkei ausgerichtet. Politisch ist sie sehr konservativ und unbeweglich (wie die katholische Kirche auch). Viele progressiv-demokratisch ausgerichtete Kölner Kurden und Türken betrachten deren Wirken äußerst skeptisch, sehen deren konkretes Handeln als kaum vereinbar mit demokratisch-liberalen Werten und Grundüberzeugungen – insbesondere, was die Rechte von Frauen betrifft.

Giordano hatte sich bereits in seinem Werk Erinnerungen eines Davongekommenen (2007) sehr kritisch mit diesem Bauvorhaben auseinander gesetzt.  Unterstützung erfuhr er hierbei u.a. von einigen bekannten Publizistinnen wie Necla Kelek, Alice Schwarzer und Seyran Ates. Sein Kölner Kollege Günter Wallraff  entfaltete zeitgleich eine eigene Initiative, um die Dialogbereitschaft der Ditib bzw. deren Ankündigung, sie wolle die Moschee auch für kulturelle Veranstaltungen öffnen, zu überprüfen. Er kündigte an, in der Kölner Moschee aus den „Satanischen Versen“ seines Freundes Salman Rushdie zu lesen. Diesem hatte Wallraff  seinerzeit Unterschlupf geboten. Die Ditib lehnte sein Vorhaben ab. Daraufhin formulierte Wallraff eine sehr scharfe, persönliche Kritik am Ditib-Vorsitzenden, die sich von Giordanos Diktion kaum unterschied. Wenig später wurde Wallraff unter Polizeischutz gestellt, da er von der Organisation „Islam News Center“ im Internet als „Islamfeind Nummer eins“ bezeichnet und mit dem Tode bedroht wurde. Ralph Giordano ließ sich durch kritische Repliken in seiner Vehemenz nicht irritieren. In rechtspopulistischen und rechtsradikalen Internetmagazinen avancierte er durch seine Äußerungen ungefragt zum „jüdischen Kronzeugen“ gegen „die islamische Gefahr“. Als auch die im Kölner Stadtrat vertretenen Rechtsradikalen den Versuch unternahmen, Giordano verbal zu vereinnahmen, reagierte er in gewohnter Deutlichkeit: „Pro Köln“ sei „die lokale Variante des zeitgenössischen Nationalsozialismus, Leute, die mich, wenn sie könnten, wie sie wollten, in die Gaskammer stecken würden.“ Trotz des expliziten „Gaskammer-Vorwurfes“ trauten sich die Kölner Rechtsradikalen nicht, Giordano zu verklagen. Die Vereinnahmungsversuche durch Rechtsradikale machte Ralph Giordano  offenkundig vorsichtiger: Im Dezember 2010 wollte er anfangs auf einem internationalen „Anti-Islam-Kongress“ in Paris auftreten. Sein Name stand bereits auf den Plakaten. Kölner Freunde informierten ihn, dass dort auch zahlreiche Shoah-Leugner als Referenten auftreten. Am 7.12. sagte er seine Teilnahme in einer eilig verfassten Pressemitteilung ab: Ich wurde auf eine falsche Fährte gelockt, betont er hierin. In Giordanos Tagebuch Mein Leben ist so sündhaft lang, 2010 erschienen, ist seine seelische Erschütterung über dieses Thema, aber auch über die soeben beschriebenen Angriffe gegen seine Person überdeutlich. Sein scheinbar gehärtetes Selbstbewusstsein – auch heute noch steht seine Telefonnummer im Kölner Telefonbuch –  erscheint als zutiefst erschüttert, er sehnt sich nach „Normalität“, nach einem stabilen Deutschland.

 Freundschaften

Das Alter bringt für Ralph Giordano eine traurige Pflicht mit sich: Er muss an das Wirken verstorbener Freunde, Weggefährten erinnern. Giordano hat dies in der Jüdischen Allgemeinen (JA) in den letzten Jahren immer wieder getan. Der Tod Paul Spiegels im Jahr 2006 war für ihn ein Schock. In der Jüdischen Allgemeinen (5/2006) erinnert er voller Wehmut an die Lebensstationen des fünfzehn Jahre Jüngeren: „Es gibt Freundschaften, die keiner Vorverständigung bedürfen, diese war so eine. Sie sollte 48 Jahre dauern, bis zu seinem Tod am 30. April. (…) Wo fände man einen zweiten Menschen, mit dem man fast ein halbes Jahrhundert kommunizierte, ohne dass es je auch nur zu einem Anflug von Streit, Spannung oder gar einer Verletzung gekommen wäre?“ Vor zehn Monaten, im Mai 2012, erschien sein mit Chronist des Widerstands betitelter Nachruf auf Arno Lustiger – diesen autodidaktischen jüdischen Überlebenden und Zeitzeugen, der den absurd-törichten Mythos von der „jüdischen Wehrlosigkeit“ eindrucksvoll widerlegt hat. Es ist der „Tod eines Aufrechten“ – ihm, dem Gleichaltrigen, fühlt er sich besonders verbunden. Gemeinsam mit seinem Freund nahm er die Last auf sich, das Todeslager Bergen-Belsen zu besuchen – immer bedroht von der Sorge, von den eigenen mörderischen Erinnerungen überwältigt zu werden. Im Nachruf erinnert sich Giordano:

 „Eine Szene wie gestochen, obwohl sie so lange zurückliegt, Mitte der 90er-Jahre. Arno Lustiger und ich auf dem Territorium des ehemaligen Konzentrations- und Todeslagers Bergen-Belsen, mitten im Gelände und an diesem Morgen als die einzigen Besucher. Da beginnt es zu regnen, aber nirgends eine Unterkunft. Wir werden nass und gehen weiter. Diesen Gang hatten wir uns lange versprochen. Nun war es endlich so weit. Da griff der um ein Jahr Jüngere nach meiner Hand und sagte vier Wörter: »Die Kinder, die Kinder …« Ich könnte alt werden wie Methusalem, diese Szene wird immer wie eingebrannt in meinem Kopf sein.“ (JA, 5/2012)

Abschiede haben Giordanos letzte Lebensjahre geprägt. Der Tod seiner zwei Ehefrauen an Krebs setzte ihm schwer zu. Und doch hat er seine bemerkenswerte publizistische Produktivität nie abbrechen lassen. Sie ist seiner Verbundenheit mit den Ermordeten geschuldet. Aufgegeben hat Ralph Giordano nie. 2010 legte er ein Tagebuch Mein Leben ist so sündhaft lang vor, 2012 folgte Von der Leistung kein Zyniker geworden zu seinungebrochene publizistische Kontinuitäten eines Unermüdlichen. Ralph Giordano ist sich gleich geblieben. Unvergessen seine Titulierung eines Oberstaatsanwaltes als „emotionslosen Ochsenfrosch“, in einer Rezension von Peter Finkelgruens Buch Haus Deutschland. Der engagierte Publizist ist keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen, wenn er sich für Freunde, gegen erkennbare Ungerechtigkeiten zu engagieren vermochte. In den letzten Jahren folgten weitere Werke und vereinzelte Auszeichnungen, Teilnahmen an unzähligen Fernsehdiskussionen über den Nationalsozialismus und den Rechtsradikalismus. Seine geharnischte Kritik an dem Kölner Moscheebau irritierte auch einige Freunde. 2007 legte er mit Erinnerungen eines Davongekommenen noch einmal eine grandios geschriebene autobiografische Schrift vor. Sie hat viele Leser gefunden. „Ich bin ein Glückskind und weiß das auch“, bemerkt er hierin ganz nebenbei. „Also, maseltov, lieber Peter, Massel tov – und ein langes Leben noch!“ schrieb Ralph Giordano vor wenigen Monaten anlässlich des 70. Geburtstages seines Kölner Freundes Peter Finkelgruen. Dies gilt für den streitbaren Publizisten Ralph Giordano allemal. Wenigstens bis 120.

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Jubeljung begeisterungsfähig – Zum 90. Geburtstag von Ralph Giordano: Mit Beiträgen von Georg Stefan Troller, Günter Kunert, Reinhard Klimmt, Ruth Weiss, Gertrud Seehaus, Marko Martin, Roland Kaufhold, Peter Finkelgruen und einem Vorwort von Guy Stern, Books on Demand (Norderstedt), 1. Auflage: März 2013, ISBN: 9-783732-232147.

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