Kickboxen und Fußball – extrem rechter Sportverein in Erfurt unbemerkt aktiv

Immer wieder versuchen Neonazis, Sportvereine zu gründen. Oft mit der Absicht, hier auch Kampfsportrainings für ihre Kader anzubieten. In Erfurt wurde bereits 2011 ein neuer Sportverein von Neonazis aus der Taufe gehoben. Unter anderem für Kickboxtrainings. Dies alles geschah bisher unbemerkt. Der Verein ist sogar Mitglied im „Stadtsportbund Erfurt“ und im Landessportbund Thüringen“.

Von Tomas Grecik

Von der Öffentlichkeit bis heute unbemerkt, gründeten Erfurter Neonazis vor mehr als einem Jahr einen eigenen Sportverein, um Kampfsport zu trainieren. Bereits im September 2011 wurde von bekannten Aktivisten der Neonazi-Szene der „Gemeinschaftssportverein GSV Mach dich Fit e.V.“ gegründet. Neben Fußball können Interessierte hier auch am Kickboxtraining teilnehmen. Dafür haben die Aktiven des GSV inzwischen sogar einen eigenen Trainingsraum renoviert und mit Übungsmatten für den Kampfsport ausgelegt1. Fußball wird im Sommer gespielt – auch auf öffentlichen Hobbyturnieren von nicht-rechten Vereinen. Sowohl die Gründungsmitglieder als auch der Vereinsvorstand bestehen größtenteils aus bekannten Aktivisten der Erfurter Neonazi-Szene und überschneiden sich zudem mit dem Personal des extrem rechten Wahlvereins „Pro Erfurt“.

Wer steckt hinter dem „GSV Mach dich fit“?

"Nationaler Selbstverteidigungskurs" - der Inlandsgeheimdienst sieht vor allem Aktivitäten im Netz...
„Nationaler Selbstverteidigungskurs“ – der Inlandsgeheimdienst sieht vor allem Aktivitäten im Netz…

Zur Gründung des Vereins hatte der Neonazi-Funktionär Enrico Biczysko eingeladen, er übernahm auch die Leitung der Gründungsversammlung. Seit etwa 2008 taucht er regelmäßig bei Veranstaltungen der Erfurter Neonazi-Szene auf und gehörte zum Kreis um die rechte Hooligantruppe „Kategorie Erfurt („KEF“). Bekannt wurde er, als er 2008 an einem Angriff auf alternative Jugendliche an der Erfurter Krämerbrücke beteiligt war. Zahlreiche Menschen wurden damals zum Teil schwer verletzt. Heute ist Biczysko ein führender Kader der Erfurter Neonazi-Szene. Bei Aufmärschen der militanten „Kameradschaften“ übernimmt er organisatorische Funktionen. Seit Längerem gehört er zum engen Umfeld des Neonazis Michael Fischer, der mit Kleinaufmärschen und Kundgebungen seit etwa zwei Jahren vor allem durch die Region Erfurt und Weimar tingelt. Zudem ist er seit 2012 stellvertretender Vorsitzender des neonazistischen Wahlvereins „Pro Erfurt“, der offenbar im kommenden Jahr auch zu den Kommunalwahlen kandidieren will. Im Vorstand des Wahlvereins ist Biczysko für Sport und Jugend zuständig. Dass der Neonazi auch ohne Vorstandsposten eine wichtige Funktion im „GSV Mach dich fit!“ einnimmt, zeigt sich in der Facebookgruppe des Vereins. Ein Großteil der Postings stammt von Biczysko, der dort als „Daniel Erfurt“ auftritt.

Doch auch der Vorstand ist zu großen Teilen mit extrem rechten Aktivisten durchsetzt. Als Gründungsvorsitzender agierte zunächst Marcel Brückmann, der Beisitzer im Vorstand des extrem rechten Vereins „Pro Erfurt“ war. Anfang 2012 übernahm dann die bis dahin unbekannte und politisch nicht in Erscheinung getretene Carina Leifer den Vorsitz des GSV. Sie wurde im Februar 2012 auf einer Mitgliederversammlung zur Vorsitzenden gewählt, da sich der Gründungsvorsitzende Brückmann als nicht geeignet herausstellte. Leifer arbeitet derzeit aktiv an der weiteren Entwicklung des Vereins und sucht nach Fördermöglichkeiten, um ihn weiter auszubauen. Zum stellvertretenden Vorsitzenden des „GSV Mach dich Fit e.V.“ wurde Christoph Hilbig gewählt. Er ist heute Beisitzer im Vorstand von „Pro Erfurt“ und dort als Schriftführer und Beauftragter für Kultur und Vereine zuständig. So tritt er mit seiner privaten Mailadresse auch als Kontaktmann des Sportvereins auf. Auch zum Schatzmeister der braunen Sportgruppe wurde mit Dietmar Möller ein führendes Vorstandsmitglied von „Pro Erfurt“ gewählt. Er nimmt unter anderem an Aufmärschen der militanten Neonazi-Szene teil. Auch weitere Aktive von „Pro Erfurt“ sind als Gründungsmitglieder beim GSV dabei, unter anderem Christoph Pilch. Er wollte 2012 erfolglos für „Pro Erfurt“ zur Oberbürgermeisterwahl kandidieren. Die großen Überschneidungen zwischen GSV und „Pro Erfurt“ zeigen deutlich die tiefe Verwurzelung des Vereins in der extrem rechten Szene Erfurts. Öffentliche Aufmerksamkeit hat dies bisher nicht nach sich gezogen.

Mitglied im „Stadtsportbund Erfurt“ und „Landessportbund Thüringen“

Nachdem im Februar 2012 der Vorsitz ausgetauscht wurde, scheint sich der GSV zu konsolidieren. So wurde der Verein inzwischen Mitglied im „Stadtsportbund Erfurt“ und seit dem 1. Januar 2013 ist er sogar Mitglied im „Landessportbund Thüringen“. Dies ist besonders brisant, da die Mitgliedschaft in den Sportbünden dem „GSV Mach dich fit!“ für Außenstehende das Siegel der Seriosität verleiht. Dass diese Strategie offenbar funktioniert, zeigt die Teilnahme des Vereins mit seinen einschlägig bekannten Spielern an mindestens zwei Hobby-Fußballturnieren nicht-rechter Sportvereine in der Erfurter Umgebung. Zudem kann der extrem rechte Verein nun seine Aktiven über den Sportbund und dessen Bildungswerk weiterbilden. Zu günstigen Preisen gibt es hier Weiterbildungen im Bereich Training, Öffentlichkeitsarbeit, Einwerben von Spenden- und Fördermitteln, Vereinsrecht oder Mitgliedergewinnung. Kenntnisse, die sicherlich nicht allein auf sportlichem Gebiet für die Aktivisten der Erfurter Neonazi-Szene interessant sein dürften. Gerade für eine Kleinstorganisation wie „Pro Erfurt“, die bisher kaum über Infrastruktur und Know-how verfügt, ist dies eine attraktive Schulungsmöglichkeit für ihre Kader.

Dabei sind der „Stadtsportbund Erfurt“ und auch der „Landessportbund Thüringen“ gebrannte Kinder. Schon 2007 versuchten Erfurter Neonazis, eine Bildungsveranstaltung des „Stadtsportbundes“ und des Bildungswerkes des „Landessportbundes“ zu besuchen. Dabei ging es darum, der Infiltration von Sportvereinen durch Neonazis zu begegnen. Zuvor hatten sie mit dem Verein „SV Vorwärts e.V.“ ebenfalls einen eigenen Sportverein gegründet. Offiziell trainierten die Rechtsextremen damals in einer Sporthalle Federball. Wie sich jedoch schnell herausstellte, fanden auch hier Kampfsporttrainings statt. Auch damals stand ein bis dato Unbekannter an der Spitze des Vereins. Einschlägig bekannte Neonazis nahmen an den Trainings teil. Mittlerweile hat die Erfurter Neonazi-Szene offenbar dazugelernt. Die Aufnahme in den Sportbund und die Einrichtung eigener Räumlichkeiten gelang damals noch nicht.

Dabei unterhält der „Landessportbund Thüringen“ sogar eine eigene, hauptamtlich besetzte „Beratungs- und Koordinierungsstelle für Gewaltprävention und gegen Extremismus“ im Sport. „Das Anliegen des Projekts ‚Sport zeigt Gesicht! Gemeinsam couragiert handeln‘ ist es, das soziale und demokratische Fundament des Sports in Thüringen zu stärken, rechtsextremen Gefahren und Erscheinungsformen vorzubeugen oder diesen wirksam begegnen zu können. Die Thüringer Sportstrukturen sollen für antidemokratische Entwicklungen sensibilisiert werden“, so beschreibt das Projekt selbst seine Aufgabe. Wie es dennoch zum Eintritt des extrem rechten Sportvereins kommen konnte, ist fraglich.