Radikale Salafiten: Diffamierung, Hass und Gewalt

Angeblich hat die Polizei einen Mordanschlag von radikalen Islamisten auf den Chef der rassistischen Partei Pro NRW, Beisicht, verhindert. Bereits im Mai 2012 hatten Salafiten bei einer Aktion gegen Pro NRW ihr Gewaltpotential dokumentiert. Dieses ergibt sich aus der islamistischen Ideologie, die – ähnlich dem Rechtsextremismus – ein Verteidigungsszenario entwirft.

Von Claudia Dantschke, Leiterin der Arbeitsstelle Islamismus und Ultranationalismus am Zentrum Demokratische Kultur Berlin

Salafismus (abgeleitet von Salafiyya) beschreibt eine fundamentalistische Auslegung des Islam, die sehr stark durch den saudi-arabischen Wahhabismus geprägt ist. Kennzeichnend ist eine sehr dichotome Weltsicht, alles wird eingeteilt in “richtig” und “falsch”, “gut” und “böse”, “schwarz” und “weiß” – ohne Grautöne dazwischen. Nur wer diesem religiösen Weg folgt, habe überhaupt die Chance, ins Paradies einzuziehen, allen anderen drohe die Hölle. Das Leben im Diesseits sei streng nach dem “Willen Allahs” auszurichten, so wie ihn salafitische Gelehrte interpretieren.

Das Grundprinzip salafitischen Denkens ist das Konzept von al-Wala` wa`l-Bara. Wörtlich übersetzt heißt dieses „Loyalität und Lossagung für Allah“ und bedeutet, dass Loyalität nur gegenüber Allah und seinen Gesetzen erlaubt sei. Von allem was nicht in Übereinstimmung mit Allahs Geboten stehe (wie Salafiten sie verstehen), müssten gläubige Muslime sich lossagen. In den radikalen Strömungen wird dieses Prinzip nicht nur als Ablehnung und Abgrenzung interpretiert, sondern zum Hass auf alles „nicht-islamische“ zugespitzt.

Gegen Kolonialismus und “Überfremdung”

Ursprünglich war der Salafismus eine Reformbewegung: Gegen Kolonialismus und “Überfremdung” und damit Niedergang und Abhängigkeit hilft nur ein Zurück zu den eigenen Quellen, zum Ur-Islam zu Zeiten des Propheten Mohammad und seiner Gefährten (as-salaf as-salih – die lauteren Vorfahren). Damals habe es noch eine einheitliche und damit starke Gemeinde (Ummah) gegeben, später seien zu viele Neuerungen hinzugekommen, die Gemeinde zerfiel in verschiedene Strömungen und wurde damit schwach und beherrschbar.

Salafismus ist aber keine homogene Bewegung, sondern ein Sammelbegriff für mehrere Strömungen. Es gibt die Puristen, die streng dogmatisch-religiös fundamentalistisch leben, aber weder Gewalt noch Hass predigen. Sie halten sich von politischen Aktionen fern, auch wenn sie privat eine religiöse Ordnung für die bessere halten. Dann gibt es den so genannten Mainstream-Salafismus, der hängt auch die Mehrheit der Salafiten in Deutschland an. Hier geht es um politische Aktionen und vor allem um eine offensive Bekanntmachung mit dem Islam (in salafitischer Lesart) – Dawa genannt. Demokratie als System wird offen abgelehnt, auch propagandistisch als Weg des Unglaubens diffamiert, der direkt in die Hölle führe. Es wird aber keine Gewalt legitimiert oder offene für einen Umsturz geworben. Vielmehr würde sich die Demokratie selbst erübrigen, wenn nur genug Menschen zum “wahren Glauben” finden, weshalb Muslime, die noch nicht dem salafitischen Weg folgen und Nichtmuslime “aufgeklärt” werden müssten.

Teil eines Verses aus der 48. Sure Al-Fath in einer Handschrift aus dem 8. oder 9. Jahrhundert.

Teil eines Verses aus der 48. Sure Al-Fath in einer Handschrift aus dem 8. oder 9. Jahrhundert.

Die dritte und gefährliche Strömung der Salafiten geht einen Schritt weiter als die politisch-missionarischen Mainstream-Salafiten und legitimiert auch Gewalt. Ihre Argumentation setzt nicht nur auf Abgrenzung, sie verknüpfen diese Abgrenzung mit massiven Abwertungen selbst der gemäßigten Salafiten, mit Diffamierungen und Hass. Da die Muslime überall auf der Welt diskriminiert würden und der Islam überall angegriffen werde, sei jeder “wahre Muslim” zur Verteidigung aufgerufen, wobei Gewalt – in Form des bewaffneten Jihad – ein legitimes Mittel sei. Diese Strömung bildet den Übergang zum jihadistischen Salafismus, also zu denen, die nicht mehr “nur” reden, sondern handeln.

Absoluter Gehorsam

Für all diese Strömungen ist die Religion der Bezugspunkt, die Quelle der Legitimation. Mit der Argumentation, nur dem “Willen Allahs” zu folgen, verweist man auf eine höhere Macht, die strenggläubige Menschen nicht hinterfragen. Bedingungsloser Gehorsam, dem alle eigenen Wünsche unterzuordnen sind, wird hier gepredigt, das Gottesbild der Salafiten ist geprägt von einem “strafenden Gott”. Viele Muslime teilen dieses eingeengte Gottesbild nicht, sondern sehen in Allah auch den Gott der Barmherzigkeit. In den Predigten und Vorträgen der Salafiten werden deshalb immer wieder die Höllenqualen in den wüstesten Farben geschildert, denen man nur durch absoluten Gehorsam der “Befehle Allahs” entrinnen kann.

Zu diesen Befehlen gehören neben der strengen Praktizierung “des Islam” im Alltag, einschließlich Kleidung und rigider Ethik- und Moralvorschriften (Geschlechtertrennung), auch der Abbruch der sozialen Kontakte zu allen, die dieser Islaminterpretation nicht folgen. In letzterem liegt auch die Gefahr dieser Strömung, da die Anhänger sich sozial isolieren, von der Gesellschaft völlig abgrenzen und sich nur noch in Gruppen Gleichgesinnter gegenseitig ständig in ihrer Weltsicht bestätigen. Wenn es sich dabei um Gruppen handelt, die der jihad-legitimierenden Strömung angehören, kann eine Radikalisierung erfolgen, die gefährlich ist.

Dieser Artikel ist in ähnlicher Form bereits im April 2012 auf Publikative.org erschienen.

Siehe auch: Neuer Hass durch gefälschtes Video?, Salafisten und Pro NRW erreichen ihr Ziel: Gewalt

2 thoughts on “Radikale Salafiten: Diffamierung, Hass und Gewalt

  1. Zum Problem der Isolierung kommt, dass relativ gut international vernetzt sind. Seit 9/11 ist aber gerade der international agierende Terrorismus ins Blickfeld der Behörden gerückt, und damit eben auch die Salafisten – wobei vor allem der ideologische und der finanzielle Austausch interessant sind. Trotzdem kann es nie schaden, sich vor Augen zu führen, dass auch die Mehrheit der Salafisten zunächst Mal nicht gewalttätig ist – sie sind aber mehrheitlich demokratiefeindlich.

  2. Die geschilderten drei Strömungen kann man mit Sicherheit auch bei anderen Religionen oder ortodoxen Auslegungen festmachen. Ob dies rassistische oder antisemitische Haltungen betrifft, oder christliche oder auch jüdische Fundamentalisten.

    Es gibt die stillen Praktizierer, die öffentlichen Proklamierer und die ganz radikal Vorgehenden. Für diese Erkenntnis braucht man kein Publikative.org. Dass ideologisch Verhärtete sich immer in einer Verteidigungsposition sehen ist auch alles andere als neu. Dieser Artikel entspricht mehr dem Salbadern des Focus oder Stern als einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema.

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